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Die Furcht, die jenseits des Türspalts lauert

Was ist die kleine Angst – was die große? Eine Unterscheidung, die zu treffen durchaus Sinn machen würde und sich auf jeden Fall lohnt. Die meisten von uns vergeuden nämlich viel Zeit und Energie damit, auf leisen Sohlen durchs Leben zu schleichen, um dieses riesige, heimtückische Monstrum nicht zu wecken, das uns gerade in jenen speziellen Momenten unseres Lebens heimzusuchen gedenkt, in denen wir ihm tatsächlich schutzlos ausgeliefert sind. Auch wenn wir nur äußerst selten und ungern darüber sprechen, habe ich mir für den heutigen Bericht vorgenommen, genau dies offen und ehrlich zu tun.

Die erste eigene Wohnung in einer fremden Stadt – das ist zum Beispiel eine der Umgebungen, in denen sich der Urdrache der Furcht besonders wohlfühlt. Die Unsicherheit, die sich darin versteckt, ruft ihn unweigerlich auf den Plan. Allein ihre Witterung erweckt ihn aus seinem Schlummer, er erhebt sich sogleich und macht sich danach auf den vielleicht gar nicht so weiten Weg. Mit nur einem Ziel vor Augen: sich schließlich um unsere Welt zu wickeln und sie langsam zu erdrosseln, bis sie unter dem Druck seines scharfgeschuppten Leibes zerbricht und in maulgerechte Teile zerbröselt, die er so dringend braucht, um am Leben zu bleiben. Denn, ebenso wie alles andere, benötigt auch diese Bestie Nahrung, um fortzubestehen.

So war es auch bei mir der Umzug nach Wien, der diesen schrecklichen Antagonisten, den ich bereits bei anderen einschneidenden Erlebnissen meiner Jugend kennen und zu fürchten gelernt hatte, wieder auf den Plan rief. Als ich demnach im vollgerammelten VW-Polo meines Jugendfreundes meiner neuen Bleibe entgegenzuckelte, da vernahm ich klar und deutlich, wie die ledrigen Flügelschläge des Drachen irgendwo jenseits des Himmels, dessen Blau mir während dieser Fahrt fadenscheiniger denn je erschien, anhoben, um sich auf die Reise zu machen.

Ich weiß noch, wie heiß es in dem Auto war, als ich gedankenverloren die flirrend spiegelnde Straße über die Motorhaube des alten Polos hinweg beobachtete. Ich konzentrierte mich auf die flatternden, gelben Bodenmarkierungen, die unter uns gnädig in hypnotischer Regelmäßigkeit vorbeizogen und bemühte mich, den Kopf nicht zu meinem Freund zu drehen und nachzusehen, ob ich in seinem Gesicht irgendwelche Anzeichen dafür entdecken könnte, dass er die kolossalen schwarzen Flügelschläge ebenfalls hörte.

Ich meine, die erste eigene Wohnung. Das ist doch schon was, das einem Angst machen darf, oder? Also wenn ich das sage, dann verstehe ich darunter natürlich die kleine, nicht diese urtümlich große, die mit ihren Klauen und ihrem Feueratem die ganze Welt in Schutt und Trümmer zu legen vermag. So habe ich mir das damals zumindest in jenem stickigen Auto gedacht, das im vollgestopften Kofferraum und in den Kartons auf der Rückbank, die das gesamte hintere Fenster verstellten, die wichtigsten Besitztümer meines bisherigen Lebens durch die Gegend kutschierte. Im Kassettendeck eierten die Red Hot Chilli Peppers und durch die Latten des kleinen Sofas aus meinem ehemaligen Kinderzimmer, das wir gewissenhaft aufs Dach geschnallt hatten, zog pfeifend der Fahrtwind. Und so unwahrscheinlich sich das heute für mich auch anhören mag: Irgendwann unterwegs schafften es diese leisen, hoffnungsvollen Geräusche tatsächlich die knatternden Schwingen meiner Angst zu übertönen und mich schließlich sicher nach Wien zu bringen. Ich vergaß vorerst, mir weiter Gedanken darüber zu machen.

Diese Zeit, also wenn man kein Kind mehr ist, aber auch noch nicht völlig erwachsen, ist eine besondere Zeit. Wir haben vielleicht bereits gelernt, dass unser Handeln Konsequenzen hat, aber noch nicht verstanden, dass diese uns selbst miteinbeziehen. Wir werden sterblich, in diesen wenigen, süßen Jahren, in denen wir denken, dass sie die Zeit unseres Erwachens sind, die uns aber, wenn wir nicht ganz genau aufpassen was wir tun, tief in das Land ohne Rückkehr schicken. Ein träges Land, das uns umfängt und einlullt und uns so leicht zu Opfern der Dinge macht, an die wir sicherheitshalber zu glauben vergessen haben. Aber während dieses kurzen Abschnitts – ahnungslos eingepfercht zwischen Magie und Vernunft – da kann auch die Furcht zu etwas Neuem, Aufregenden werden, über das man selbst dann noch Witze reißt und lacht, während es einen bereits hart an der Kehle gepackt hat und zu Tode zu schütteln versucht. Die Angst ist dann nämlich nichts Übernatürliches mehr. Sie ist etwas, über das man theoretisch, ganz aus eigener Kraft triumphieren kann. Kein schwaches, abergläubisches Kind mehr sein zu wollen, richtig erwachsen zu werden – ist das Dummheit oder Mut? Das ist die Frage, neben der alle anderen Fragen, zu dieser Zeit im Leben zumindest, zurücktreten sollten. Gleichzeitig ist es aber auch die Letzte, die einem genau dann und dort in den Sinn kommt.

Aber ich sehe schon, es ist unfair, was ich hier betreibe. Niemals sollte man über sich oder andere von vermeintlich erhöhten Standpunkten aus urteilen. Deswegen kehre ich jetzt zu meinem, natürlich niemals wirklich objektiven, Bericht über die Furcht zurück.

Die kleine Wohnung im ruhigen Innenhof, unweit einer großen, belebten Einkaufsstraße war also schon etwas, wegen dem man aufgeregt sein konnte. Einmal dort angekommen, half mir mein Freund, den Wagen zu entladen und meine wenigen Habseligkeiten in meine neue Bleibe zu schaffen. Als das schließlich erledigt war, bauten wir als erstes gemeinsam die Musikanlage auf, rauchten zwei oder drei Joints, philosophierten noch eine ganze Weile über dies und jenes und dann verließ er mich wieder, um zurück nach Hause zu fahren. In seines wohlgemerkt, ich wohnte ja jetzt hier – in der aufregenden Stadt, wie es seit jeher mein Ziel gewesen war. Wenn auch vorerst noch ganz alleine. Denn ich war aus bestimmten Gründen bereits zu Beginn des Sommers nach Wien gezogen, während all meine Freunde erst im Herbst nachkommen würden. Etwas, worüber ich zu diesem Zeitpunkt aber eigentlich noch gar nicht nachdenken wollte. Also machte ich mich daran, die mitgebrachten Kartons auszupacken und meine Sachen in meinem neuen Zuhause zu verstauen. Während aus der Anlage laut Musik durch das Zimmer dröhnte, welches schön langsam Formen annahm, die mir vertrauter zu werden begannen, war ich richtig glücklich. So verbrachte ich dann auch den restlichen Tag. Bis sich irgendwann, erst spät am Abend, der Hunger bemerkbar machte.

Ich hatte gar nicht gemerkt, wie spät es bereits geworden war. Das Licht, das durch die schlierigen Fenster, die sicher schon lange nicht mehr geputzt worden waren, ins Innere des Raums fiel, war bereits diesig und kündete von der nahenden Dämmerung. Ich hoffte, dass irgendwo noch Geschäfte geöffnet haben würden und beeilte mich, in meine Schuhe zu schlüpfen, die Musikanlage auszuschalten und noch schnell in den nächsten Supermarkt zu kommen.

Als ich den kurzen, halbdunklen Flur zur Wohnungstür hinabwanderte, merkte ich erst, wie ruhig es ohne die Beschallung plötzlich in der Wohnung geworden war. Und zu meinem völligen Entsetzen erkannte ich bereits im nächsten Moment, dass die Tür, auf die ich mich zubewegte, einen Spalt breit offen stand und dies auch bereits die ganze Zeit über, die ich ahnungslos in meinem neuen Zuhause herumgefuhrwerkt hatte, getan haben musste. Allein. Schutzlos. Mir wurde kalt. Ich blieb stehen und versuchte mich zu sammeln. Versuchte zu ergründen, woher dieser plötzliche Terror kam, der seine frostigen Klauen hinterrücks in mein Genick geschlagen hatte. War ich nicht eben noch vermeintlich glücklich gewesen? Ich sah, wie die Tür vibrierte, fühlte den warmen Luftzug, der an dem kleinen Abstand zum Rahmen vorbei und mir um die Glieder strich, es aber absurderweise trotzdem nicht schaffte, mir die Eiseskälte auszutreiben, die sich auch weiterhin zitternd an mich geklammert hielt.

Es war der Drachen – ich hatte den Drachen vergessen. Und er hatte es geschafft, sich hinter den lauten, fröhlichen Liedern, mit denen ich meine neue Wohnung bezog, zu verstecken und, so unwahrscheinlich sich dies ob seiner gigantischen Ausmaße auch anhörte, unbemerkt vor meiner Tür auf die Lauer zu legen. Ich war in der Bewegung erfroren. Beobachtete gelähmt, wie die Türe im dämmrigen Flur leicht unter dem Zug seines mächtigen Brodems hin und her schaukelte. Jetzt, da ich wusste, womit ich es zu tun hatte, konnte ich den Weltenbrecher draußen im Schatten des Gangs, den zweifellos er selbst mit seinem mächtigen Schädels warf, unterdrückt prusten und schnaufen hören. Ich glaube, ich habe angstvoll zu wimmern begonnen, kann es aber nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber jetzt einmal ehrlich, wie würdet Ihr Euch verhalten, wenn Fafnir, der Schwarze, plötzlich vor Eurer Wohnung darauf warten würde Euch zu verschlingen? Ich trat einen zaghaften Schritt zurück, als die Finsternis vor der Tür schließlich zum ersten gewaltigen Grollen gerann. Der Drache hatte erkannt, dass ich nun wusste, dass er gekommen war, um sich zu holen, was ihm seiner Meinung nach zustand.

„Wo gehst du hin?“, knurrte der Weltenbrecher so laut, dass die offene Türe erzitterte und ich, ich nahm meine Füße in die Hand. Ich floh, so weit es die Räumlichkeiten zuließen, auf die andere Seite meiner neuen Wohnung und drückte mich angstvoll in den Spalt hinter dem Kleiderschrank. In die Ecke gekauert, machte ich mich gleich darauf so klein, wie nur irgendwie möglich und verfluchte den unheiligen Tag, an dem ich auf die Idee gekommen war, ganz alleine und wehrlos nach Wien zu kommen. Wo die riesigsten aller riesigen Drachen hausten.

Ich weinte, ich betete. Und dort, schlotternd im Spalt hinter dem Kleiderschrank, erhaschte ich dann auch einen Blick durch das Fenster in den Innenhof und sah … nichts. Absolut nichts, außer den üppig wuchernden Ranken des grün belaubten, wilden Weins, der sich über die Mauer emporschlang, und die Flügelspitzen zweier eben aufgeflatterter Tauben am blassblauen Abendhimmelrand. Wo war der Drachenkörper, mit dem ich gerechnet hatte? Von dem ich erwartete hatte, dass er sich mit pechschwarzen Schuppen, glänzend und groß wie regennasse, geteerte Hausdächer über die Kante des Vorderhauses winden würde, um sein scheunentorgroßes Maul direkt vor meinem Wohnungsausgang platzieren zu können? Er war nicht da. Obwohl ich sein dröhnendes Grummeln noch immer klar und deutlich durch den Wohnungsflur rollen hörte, war er einfach nicht da.

In jenem Moment der Erkenntnis wusste ich genau, was zu tun wäre – es gab in Wahrheit auch keinen anderen Weg, wenn ich jemals wieder heil aus dieser Wohnung zu kommen gedachte. Immer noch zitterten mir die Knie, aber ich nahm all meinen Mut zusammen und kroch aus dem Versteck hinter dem Kleiderkasten hervor, um zum Fenster zu hasten, dieses mit fahrigen Handgriffen zu öffnen und über den Innenhof aus dem Zimmer zu türmen. Egal wohin, Hauptsache weit weg von dem Drachen, der, wie ich fürchtete, kurz davor war, eine Meer aus Flammen in meine Wohnung zu atmen, weil er ahnte, dass ihm seine Beute gerade entging.

Was soll ich sagen? Es gibt sicher bessere erste Eindrücke zu hinterlassen, als an seinem ersten Tag von seinen neuen Nachbarn dabei beobachtet zu werden, wie man durch ein Fenster aus seiner Wohnung im Mezzanin flieht und dabei einige Ranken und Stützstreben der, wie ich später erfahren sollte, gewissenhaft gepflegten und alten Pflanze aus der Mauer zu reißen. Jung und dumm – sage ich heute, da ich vermeintlich erwachsen bin. Aber in jenem Augenblick, das zornige Gebrüll der furchteinflößenden, geflügelten Weltenschlange im Rücken, zählte das alles nicht. Es war die Angst, die Angst, die Angst, die mich trieb. Und jeder, der den Drachen in all seinen schrecklichen, wandelbaren Formen schon einmal gehört, gesehen, oder auch nur von weitem gerochen hat, weiß genau, wovon ich spreche, wenn ich sage: an jenem Tag war ich vielleicht kein Held, aber ich habe ihn trotzdem überlistet, den Herrscher über die große Furcht und das war alles, was zählte. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, wie und warum er schließlich in die Flucht geschlagen wurde. Vielleicht waren es ja die vielen Menschen, die wegen des Lärms, den ich bei meinem Ausbruch verursacht hatte, ihre Fenster öffneten, um nach dem Rechten zu sehen – und das vereinte Gezeter, zu dem sie anhoben, welches ihn schließlich vertrieb. Vielleicht war es auch die gesammelte Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, die er schließlich nicht länger tolerieren konnte und vor der er stattdessen lieber floh. Was den wunden Punkt von Fafnir, dem Schwarzen, angeht, kann ich nur raten, dieser scheint sich auch von Mal zu Mal zu verändern. Und das bis zum heutigen Tag.

Auf jeden Fall schob ich mich, erst einmal im Hof angekommen und unter den kritischen Blicken der vielen Menschen, die sich mürrisch aus ihren Fenstern gelehnt hatten, langsam die Hausmauer entlang, um halbwegs gefahrlos von außen einen Blick auf meine Wohnungstür erhaschen zu können. Aber das Stiegenhaus war tatsächlich leer und der Drache war nicht mehr da. Er hatte offenbar aufgegeben und war einfach verschwunden. Alles, was ich am oberen Treppenabsatz erblickte, war die Wohnungstür, die immer noch einen Spalt breit offenstand und mir immer noch fremd vorkam und irgendwie gar nicht so wirken wollte, als ob sie von nun an zu meinem Leben gehörte. Trotzdem – Worte versagen, wenn es darum geht, zu sagen, welche Last von mir fiel, als ich feststellte, dass ich vorerst scheinbar vom Urdrachen erlöst worden war. Vorübergehend, wohlgemerkt, denn die große Furcht gibt sich nicht so leicht geschlagen. Sie kommt immer und immer wieder, bis sie schlussendlich gewinnt oder man sich auf der anderen Seite der Passage zum Erwachsenen wiederfindet, mit dem scharfen Schwert der Verantwortung in der Hand, welches Fafnir schließlich vielleicht zu köpfen vermag. Ein Schwert, auf dessen Klinge eingraviert wurde, dass es sie gar nicht gäbe, die große magische Furcht. Es gäbe nur das, was man sehen, hören, ertasten und riechen kann. Das, was man mit dem reif gewordenen Verstand begreifen kann – also nichts, außer dem Konzept der Furcht selbst, wovor es sich Angst zu haben lohnt.

Aber, lasst Euch eines gesagt sein – diese mündige, realitätsnahe Selbstständigkeit, dieses furchtlose Leben ohne Magie ist lediglich eine weitere Tür, die man zu schließen gedachte. Eine Tür, bei der man sich immer gut davor hüten sollte, dass man sie nicht achtlos links liegen lässt, nur um sie eines Tages doch einen Spalt breit offen zu finden und den gigantischen Drachen, die Hydra der großen Furcht – den Weltenbrecher und Vernichter des Geistes – dahinter grollend atmen zu hören. Nur dann vielleicht, weil man sich zu sehr in Sicherheit wog, völlig schutzlos und ohne Fenster zum eigenen Innenhof, das einem zur Flucht zu verhelfen mag.

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

10 Kommentare zu Die Furcht, die jenseits des Türspalts lauert

  1. Michael Perkampus // 20. Mai 2017 um 13:31 // Antworten

    Das Gefühl mit einem Drachen zu verbinden ist natürlich interessant. Das Grauen vor der Tür. Man kann es nicht ignorieren.

    • Solange einem dann nicht die Panik als einzige Tür bleibt, durch die man gehen kann, ist alles gut. Und wie heißt es so schön: wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich ein Fenster.

  2. Du nimmst Drachen an?! Ich auch:

    Von Drachen

    Jeder Mensch hat, von der Zeugung bis zu seiner Geburt, zwei Drachen, die miteinander kämpfen. Einen schwarzen und einen weißen. Zwei, die sich gegenseitig in den Hals beißen. Manchmal auch mit ihren Stirnen aneinander ruhen weil sie vom Kampf sehr müde sind. Bei manchen Menschen dauert der Kampf dieser Drachen länger, bis über ihre Geburt hinaus. Das sind dann ganz besondere, sich in Stärke gleichende Drachen, die ihre Ausdauer von dir haben. Von dir und deinen Eltern. Manchmal auch von Schwestern und Ärzten, wenn es in ihrem Beruf besonders fähige Menschen sind, die sich um dich kümmern. Denn auch sie, so, wie du jeden Handschlag von ihnen bemerkst, den sie tun, um dir zu helfen, werden von den Drachen bemerkt. Jedes Augenzwinkern und Lächeln nehmen sie wahr. Aber auch die Ratlosigkeit, Müdigkeit und Sorgen. Beide Drachen gleichermaßen. Denn so schwarzweiß ist das mit dem schwarzen und weißen Drachen nicht. Beide tragen Leben und Tod in sich, haben ein Herz, das schlägt. Auch sie hören, wie ich es auch jetzt noch tue, den Wind wie das Meer im Treppenhaus an die blaue Stahltür neben dem Schwesternzimmer branden. Man hört ihn nur nachts, wenn alles leise und dunkel ist. Habe ihn oft gehört. Dann stellte ich mir immer vor wie beide Drachen, wenn du schläfst, ihre Köpfe aus dem Dunkel hernieder senken, ganz nah an dein Gesicht, das sie schnaubküssen, damit du ruhen kannst und auch sie ein wenig ruhen können. Denn das tun sie wirklich. Dann nämlich sind ihre Schwänze ineinander verschlungen, dann betrachten sie den anderen ganz friedlich und seelengleich.

    Gibt viele Drachen da draußen. Jeder hat zwei. Bei den meisten aber kommt der zweite erst wieder am Lebensende hinzu. Dann erinnern sie sich an dich und wie das war. Hören den Wind wie das Meer wieder branden. Sind Drachen der Lüfte. Sind deine. Sind Drachen der Geburt.

    Diesen Text habe ich mal für zwei kleine intensivpflichtige Mädis verfasst, die mich sehr beeindruckt haben.

    • <3 Drachen sind so tief in den überlieferte Mythos auf diesem Planeten eingebrannt, dass es schwer ist, sie zu verleugnen, sie sind auch der Beweis dafür, dass wir als Spezies sehr, sehr jung sind und oft auch noch sehr naiv und nicht immer alleine hier waren (sind/sein werden); auch, wenn meine Drachen meist schwarz oder rot sind; dein Text, vor allem mit diesem Hintergund, ist sehr bewegend; danke fürs Teilen hier, denn jedes Schwarz braucht auch paar Tupfen Weiß, mit dem es sich idealerweise vermischen kann, um zur grauen Realität zu werden;

      • Albera AndersAlbera Anders // 20. Mai 2017 um 23:20 //

        Es gab sie. Es gibt sie. Ich habe sogar mal mit Drachen gelebt. Bartagamen. Phantastische Wesen. Interessant allerdings finde ich, dass es dir ein Hydrischer war / ist: Von einem, der einzog, das Fürchten zu lernen.

        Mit (m)einer Hydra habe ich auch schon Bekanntschaft machen dürfen, oder mit dem, worin ich sie erkannt / gesehen habe:

        Samurai-Ich

        Du willst sie nicht.
        Du teilst sie nicht aus.
        So hoffe ich!
        Sie widerfährt dir dennoch.
        Unablässig. Selbst wenn du zu Stein …,
        um andere nicht …

        Tausend Köpfe, die rollen. Tausend Köpfe, die mir gehören. Noch größer der Schmerz, den ich empfinde. Und immer die gleiche Physiognomie des Gesichts. Nur der Ausdruck ist jeweils ein anderer. Was bleibt, ist der Reflex eines Ichs unter tausenden nachwachsenden Köpfen unmittelbar, sobald es die Augen öffnet, das Schwert zu ziehen, dem jeweiligen Ich, das sie mir abschlägt, den Kopf abzuschlagen. Ein Reflex, der sich verliert im Versuch. Ein Ich, das ebenso den Kopf einbüßt, doch immer wiederkehrt. Perfektes Samurai-Ich. Ein glatter Schnitt. Einmal. Ganz nah. Und es wäre getan.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 21. Mai 2017 um 8:29 //

        ich glaube, ich habe schon früh meine Lebensaufgabe im Abschlagen nachwachsender Köpfe erkannt – meine täglich Routine, die mich am Gehen hält, wenn man so will; meine Stütze und auch mein Zeitvertreib; ich glaube, ein Stück von mir wäre sogar traurig, wenn sie eines Tages nicht mehr nachwachsen würden, die Köpfe, die sich offenbar gern mit mir unterhalten und von so vielen anderen Welten sprechen um zu versuchen, mir damit Furcht zu machen;
        (Was bleibt, ist der Reflex eines Ichs unter tausenden nachwachsenden Köpfen unmittelbar, sobald es die Augen öffnet, das Schwert zu ziehen, dem jeweiligen Ich, das sie mir abschlägt, den Kopf abzuschlagen. Ein Reflex, der sich verliert im Versuch. Ein Ich, das ebenso den Kopf einbüßt, doch immer wiederkehrt. )

  3. Karin ReddemannKarin Reddemann // 21. Mai 2017 um 0:48 // Antworten

    Ich lese heraus…eine große Freude an dem, was Du (meisterhaft) schreibst.

    • Ich habe sogar SEHR große Freude daran dieser Kolumne zu verfassen, die sich für mich als wahrer Born der Ideen herausstellt – nicht nur eine davon wird ausführlich Einzug in meine Geschichten finden;

  4. Die kleine Angst, die Kundschafterin der großen. Danke, Erik.

    • Die große Angst, der kompromisslose Vollstrecker der kleinen, die vielleicht noch zu handeln bereit gewesen wäre;

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