Die Furcht, die im obersten Stockwerk wohnt

Für mich persönlich war der Winter immer die wichtigste aller Saisonen. Ich habe dann regelrecht zu spüren geglaubt, wie durchlässig die Wirklichkeit im diffusen Licht eines kalten Tages werden kann. Die Dinge bekommen ein eigenes, inneres Leuchten, das sie an den Rändern zerfasern lässt, als wären sie nur noch teilweise hier, in der allgemein bekannten Welt. Aber zum gleichen Teil auch bereits woanders. In einem noch unbenannten Raum, der direkt an diesen hier angrenzt und nur darauf wartet, von uns erforscht zu werden. Der Winter macht dadurch denen, die noch dazu daran glauben wollen, das Reisen zwischen den Welten um so vieles leichter. So, als könnten wir jederzeit und wie es uns gefällt die Orte nebenan besuchen, die wir sonst nur aus den Geschichten und unseren Träumen kennen und als vermögen jene aber auch umgekehrt durch diesen offenen Durchgang bei uns hereinzuschneien. Aber so wunderschön das auf den ersten Blick scheinen mag – eine Tür, die unverschlossen auf beide Seiten aufschwingt, birgt natürlich auch große Gefahren.

Aber so weit gingen meine Gedanken als Kind einfach noch nicht. Damals liebte ich es vor allem, schweigend am Frühstückstisch zu sitzen und durch die schmalen Fenster unserer Küche dem späten Morgen beim Anbruch zuzusehen. Oft genug lag dabei ein Buch vor mir, das ich nur kurz zur Seite geschoben hatte, um mich ganz und gar diesen erhebenden Augenblicken zu widmen. Wenn sich das farblose Licht des neuen Wintertages schließlich hinter der Scheibe erhob und seinen Weg in die Küche suchte – vorbei an den welken Zimmerpflanzen und den unzähligen Zierkakteen am Fensterbrett – ließ mich das darauf hoffen, dass sich direkt vor unserer Wohnungstür ebenso magische Abenteuer erleben ließen, wie zwischen den Seiten meiner über alles geliebten Geschichten.

Ein bestimmter Samstagsvormittag im Dezember scheint mir auch am Treffendsten, wenn ich über die kalten Monate meiner Kindheit und sich auftuende Türen darin berichten will. Seltsamerweise wäre es nicht die Furcht, die mir als Erstes dazu einfiele. Aber das hat auch einen ganz bestimmten Grund, auf den ich später noch zu sprechen komme. Zuerst aber einmal zurück zu jenem bezeichnenden Wintertag. Ich besuchte damals noch die Volksschule und wenn meine Mutter Wochenenddienst in der Spitalsküche zugeteilt bekam, hatte ich oftmals die ganzen Tage alleine für meine Bücher und meine Träumereien. Sicherlich, es gab dazwischen vereinzelte Kontrollanrufe meiner Mutter und spätestens zu Mittag ging ich dann zu ihr ins Krankenhaus, um dort zu essen. Aber all die Zeit bis dahin, vor allem die endlosen Wintervormittage, gehörten nur mir und meinen Forschungen in Sachen wahrer Magie. Heute denke ich oft und gerne an diese glücklichen Stunden zurück. Aber an diesem Tag, von dem ich hier schreibe, sollte ich lernen, was gemeint ist, wenn es heißt: je heller das Licht, desto tiefer die Schatten, die man darin wirft.

Ich war natürlich, wenn auch lange, oft und gerne, nicht ausschließlich nur alleine dieser Tage. Ich hatte benachbarte Spielgefährtinnen im Haus, in dem ich aufwuchs. Drei Schwestern, die ein Stockwerk über mir wohnten. Die Mittlere davon war genau so alt wie ich und unsere Mütter waren schon während der gleichzeitigen Niederkunft im Krankenhaus Freunde geworden. Die Schwestern und ich streiften in jenen Jahren oft genug gemeinsam durch die Gänge, den Keller und den Garten des Hauses und stellten uns dabei vor, es wäre unser verzaubertes Schloss und wir die furchtlosen Königinnen und der König darin. Stets auf der Suche nach unaussprechlichen Gefahren und Abenteuern

Als ich demnach im Laufe jenes Vormittags eine Pause beim Lesen einlegte, wollte ich, wie gewohnt, hoch zu ihnen, um zu schauen, was sie so trieben und mich ihnen gegebenenfalls dabei anschließen. Der Weg zu ihrer Wohnung führte durchs Treppenhaus, hinaus ins Freie, wo ein schmaler Laubengang die Hausmauer entlang verlief, auf dem schon das blendende Winterleuchten und beißende Kälte auf mich warteten. Ich hatte mir für die kurze Strecke durchs Haus nicht extra die Mühe gemacht, mir eine Jacke oder richtige Schuhe anzuziehen, weil ich fest damit rechnete, sofort eingelassen zu werden. So beeilte ich mich durch den nagenden Wind hindurch, um schnell wieder ins Warme zu kommen. Aber völlig unerwartet öffnete mir niemand die Tür, als ich klopfte. Ich versuchte es gleich darauf noch einmal. Fehlanzeige. Obwohl ich eigentlich da noch felsenfest davon überzeugt war, dass sie zuhause sein mussten. Sie hätten es mir sicherlich gesagt, wenn es anders gewesen wäre. Oder zumindest hätte ich es mitbekommen, wenn sie überraschend weggemusst hätten. Unsere hellhörige Wohnungstür lag nämlich direkt neben dem Ausgang des Hauses und niemand ging oder kam, ohne dass ich es an so ruhigen Tagen wie diesem nicht mitbekam.

Weil ich bereits ziemlich fror drückte ich schließlich – was ich sonst eigentlich niemals tat – lang und fest auf die Klingel. Das elektrische Summen, das daraufhin erklang, vernahm sich falsch und fremd in meinen Ohren. Es brachte vor allem wieder nichts. Die Wohnung blieb mir verschlossen. Kurz rechnete ich damit, dass es ein Scherz wäre. Dass meine Freundinnen eventuell auf der anderen Seite der Tür lauern würden und mich aus Spaß an der Sache noch ein bisschen in der Kälte zappeln ließen. Also presste ich mein Ohr gegen das kühle Holz um zu lauschen. Fand aber dabei nur meinen eigenen, raunenden Herzschlag und das leise Pfeifen des frostigen Winds, der über die niedrige Balustrade und durch die Wipfel der Bäume nebenan strich, die mit ihren kahlen Ästen schaukelten, als wollten sie mir dadurch ihr Bedauern ausdrücken, dass ich nun umsonst in den ersten Stock gekommen war.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge und mit einem gänzlich ungewohnten Gefühl der Einsamkeit im Bauch, durch das verlassene Stiegenhaus zurückzukehren in meine eigene Wohnung, von der mir plötzlich auffiel, wie still es in ihr war. Noch nichteimal die Züge waren auf den nahen Stellgleisen, jenseits der niedrigen Böschung hinter dem Haus, zu hören. Nur ich und das schummrige Licht des Winters waren daheim.

Dann läutete plötzlich das Telefon. Ein schrilles, unangenehmes Geräusch, das mir durch Mark und Bein fuhr. Ich beeilte mich, so schnell als möglich den Hörer abzuheben, damit es verstummte.

„Hallo?“, fragte ich und war dabei überrascht, wie atemlos ich klang.

„Wo bleibst du? Wir warten auf dich!“, erklang eine Stimme, die sich nicht anhörte wie die meiner Mutter, von der ich eigentlich fix angenommen hätte, dass sie die Anruferin sei.

„Silvia?“ Ich glaubte eine meiner Freundinnen von oben zu erkennen, war mir aber nicht sicher. Die Verbindung war sehr schlecht.

„Wir sind am Dachboden und warten auf dich.“ Die Leitung krachte noch kurz statisch, bevor gleich darauf die Verbindung wieder erlosch. Nur noch das regelmäßige Tuten des beendeten Gesprächs begleitete meine verwirrten Gedanken. Sind sie jetzt am Dachboden? Wie haben sie angerufen, es gab da oben doch kein Telefon? Und wieso überhaupt ausgerechnet da oben – am Dachboden? Irgendwas war mit dem Dachboden, nur wusste ich nicht mehr genau was. Aber noch ehe der Hörer seinen Weg zurück auf die Gabel fand, hatte ich all diese Überlegungen bereits mutig zur Seite geschoben und eine Entscheidung getroffen – ich würde zumindest nachsehen gehen. Natürlich würde ich das. Was für ein Abenteurer wäre ich auch gewesen, wenn ich mich nicht einmal dorthin wagte, wohin die drei Schwestern bereits vor mir gegangen waren?

Ich will nicht lügen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon ein kleines bisschen Angst, auch wenn ich noch nicht genau wusste, wovor. Es war diese unbestimmte Art der Angst, die man mit der Herausforderung und dem Ansporn verwechseln kann, sich – Kopf voran – ins nächste Abenteuer zu stürzen, auch wenn beim bloßen Gedanken daran die Hände zu schwitzen beginnen und einen leichter Schwindel erfasst.

Dieses Mal zog ich mir aber die Schuhe an und schlüpfte in meine Jacke, bevor ich die Wohnung verließ. Zielstrebig nahm ich die Stiegen in Angriff.

Bis zum zweiten Stockwerk ging auch noch alles gut. Bis dorthin kannte ich die Türen und die Namen daran. Dort wohnte auch eine sehr nette, alte Dame, zu der mich meine Mutter immer an Wochenenden und Feiertags schickte, wenn ihr die Milch und der Zucker für den Kaffee ausgingen. Die grauhaarige Dame, die immer darauf bestand, dass ich sie beim Vornamen nannte – der mir aber gerade partout nicht mehr einfallen will – war immer, wenn ich an ihre Tür klopfte, nicht nur ausgesprochen freundlich, sie hatte auch oft genug, neben dem, was ich für meine Mutter erbat, noch Kekse und Schokolade für mich. Aber ihre Wohnung war verschlossen und von der alten Dame war an diesem Tag nichts zu sehen.

Die Stufen, die neben ihrer Eingangstür nach oben strebten, brachten mich dann weiter auf unsicheres Terrain. Das dritte Stockwerk lag ebenso verlassen und stumm im unwirklichen Licht des Winters, das zähflüssig durch die Milchglasscheiben der großflächigen Fenster vor den Laubengängen sickerte, wie der Rest des Hauses. Es schien sogar, als würde es heller und stiller, je weiter ich nach oben kam. Hier waren die Bewohner auch bereits wirklich Fremde für mich. An den Türen standen Namen, die ich höchstens vom Klingel-Paneel am Eingangstor neben unserer Wohnung kannte und die ein mulmiges Gefühl in meinem Magen hinterließen. Hier wohnten lediglich jene Silhouetten, die an Sommertagen, wenn wir im Hof spielten, starr und zumeist schweigend auf ihren Balkonen lehnten und die ausdruckslosen Gesichter, die ich nur von flüchtigen Begegnungen am Gang und im Fahrradkeller kannte. Ich beeilte mich, rasch weiterzukommen.

Als ich den vierten und zugleich letzten Stock vor meinem Ziel erreichte, riss die Wolkendecke auf und die Wintersonne tauchte, von einem Moment auf den nächsten, die ganze Etage mit ihren bleiernen Strahlen in ein wahres Meer aus Licht. Die Wände blendeten mich regelrecht mit ihrem stumpfen Weiß, so dass ich das Gefühl bekam, direkt durch sie hindurchgreifen zu können. Es schien, als wären sie statt aus festem Stein und Verputz nur noch kompakter Rauch, der von einem bleichen Schimmer auf der rückwärtigen Seite durchdrungen wurde.  Es war ein erhebender, aber auch sehr merkwürdiger Moment. Einer, der mir mit seiner substanzlosen Intensität und der Grabesstille, mit der er vonstattenging, die Brust eng werden ließ. Aber noch rief das Abenteuer laut.

Ab diesem Punkt meiner Reise schienen mir nur noch das dunkelbraune Holz der unvertrauten Türen und das grau-schwarz gesprenkelte Granit der Stufenplatten klar erfassbar. Und gottseidank auch das abgegriffene, glatte Geländer, an dem ich mich eilig weiter nach oben hangelte. Es wäre gleich zum Dachboden geschafft, wie ich dachte. Aber ich lag falsch. Nach dem vierten Stock kam nämlich ein fünfter an jenem Tag.

Eine zusätzliche Etage tat sich vor mir auf. Eine, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Sie war fast ident mit jener, die ich eben verlassen hatte. Nur dass ich die Namen an den Türen hier nicht mehr lesen konnte. Es schienen zwar Buchstaben aus dem lateinischen Alphabet zu sein, die auf den verchromten Tafeln unter den Türspionen standen, soviel konnte ich sagen, aber sie waren seltsam verbogen und verdreht, so als hätte jemand versucht, sie in die Tiefe des Metalls zu schreiben und dabei vergessen, dass man lediglich die eingekerbte Oberfläche davon sah. Noch immer war da nur dieses seltsame Gefühl, etwas vergessen zu haben und keine wirkliche Angst.

Zuerst dachte ich, ich hätte mich vertan. Ich lehnte mich also eilig über das Geländer, um dessen Aufwärtswindungen zu zählen. Aber es wollte mir nicht und nicht gelingen. Ständig musste ich damit von vorne beginnen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich dazwischen eine der Etagen übersprungen oder doppelt gezählt hatte. Dann hörte ich plötzlich, wie sich die Tür neben mir mit einem leisen Knarzen öffnete und das Herz blieb mir beinahe stehen.

„Was tust du denn hier?“ Es waren seltsam modulierte Worte, die an mein Ohr drangen. Mehr ein hochfrequentes Summen als eine wirkliche Stimme aus Fleisch und Blut. Mein Herz sprang augenblicklich heiß pumpend wieder an. Da war sie nun letztlich doch, am trommelnden Herzschlag klar und deutlich erkennbar: die Furcht. Ich wollte nicht hinsehen. Es war mir aber noch im selben Moment klar, dass ich unbedingt wissen musste, wie etwas aussah, das auf diese Art und Weise sprach. Die Neugier siegte schließlich über die Angst und ich blickte auf. Vor mir hatte sich, mitten im allgegenwärtigen Winterleuchten, ein dunkler Riss neben einer der Türen aufgetan, aus dem sich nun ein gesichtsloses Wesen zu mir vorbeugte. Etwas an ihm wirkte verkehrt und in die Länge gezogen und es trug enganliegende, farblose Kleidung, von der ich nicht hätte sagen können, ob sie für eine Frau oder einen Mann bestimmt war. Es besaß kein einziges Haar am Kopf und kränklich bleiche Haut spannte sich faltenlos über die Fläche des Schädels, wo sich eigentlich das Gesicht hätte befinden sollen.

„Was tust du denn hier?“, wiederholte das Wesen trillernd ohne dass erkennbar gewesen wäre, womit es genau sprach. Das schiere Entsetzen über diesen Anblick ließ mich überrascht aufjaulen und ich nahm augenblicklich die Beine in die Hand. Ich stürmte kopflos weiter die Stufen hinauf, weil ich sonst keinen anderen Ausweg sah. Denn, um wieder nach unten zu kommen, hätte ich an dem finsteren Riss in der Tür vorbeigemusst, aus dem das Wesen hing. Sechster Stock, siebenter Stock, achter Stock – egal, wie schnell ich nach oben stürzte, das pfeifende Wesen öffnete jedesmal, wenn ich dort ankam dieselbe Tür, starrte mich augenlos an und wiederholte immer wieder dieselbe Frage:

„Was tust du denn hier?“

„Was tust du denn hier?“

„Was tust du denn hier?“

Irgendwann, fünf oder sechs Stockwerke weiter nach oben, schaffte es dann nicht einmal mehr die Panik, mich noch höher zu tragen. Meine Lungen brannten und die Muskeln meiner Beine waren inzwischen hart wie Stein. Mein Herz hämmerte so schmerzhaft in der Brust, dass ich dachte, es könnte mir zerspringen und mir war unsagbar schlecht. Als das Wesen wieder auftauchte, kaum dass ich die Etage betrat, von der ich nicht mehr genau sagen konnte, die wievielte es – zumindest theoretisch – war, sah ich mich nicht mehr in der Lage noch weiter zu fliehen und ergab mich letztendlich meinem Schicksal.

„Was tust du denn hier?“, trällerte es. Ich sank kraftlos auf eine der Stufen nieder und stützte mich japsend auf meinen Knien ab. Ich hatte das Gefühl, mich nun jeden Augenblick vor Anstrengung und Aufregung übergeben zu müssen.

„Was tust du denn hier?“

„Ich suche meine Freundinnen im Dachgeschoß!“, stieß ich schnaufend hervor und hätte dabei am liebsten den Inhalt meines Magens auf die Stiegen gespuckt. Alles drehte sich um mich und mein Herz raste wie verrückt.

„Ein Stockwerk höher.“, sagte das Wesen daraufhin nur und knallte zornig mit der Tür. Dann war es wieder totenstill. Als ich wenig später in der Lage war, aufzublicken, war es tatsächlich verschwunden. Das unirdische Winterleuchten hatte mich nun wieder völlig ungestört für sich.  Ein Stockwerk höher hatte das Wesen gesagt. Entsetzt betrachtete ich die Tür, hinter der es verschwunden war, aber wo es immer noch lauern konnte, und beschloss, dass ich lieber weiter nach oben gehen würde, als irgendetwas zu riskieren, indem ich auf dem Weg nach unten dieser Wohnung zu nahe kam.

Ich warf noch einmal einen Blick über das Geländer abwärts und fand alles so vor, wie ich es gewohnt war, außer, dass ich mich höher im Haus befand als jemals zuvor. Höher, als es mir bis dahin irgendwie möglich schien.

Ich überprüfte kurz den Ausgang zum Laubengang auf der Etage, den ich aber fest verschlossen vorfand. Dann machte ich mich an den weiteren, mühevollen Aufstieg zum Obergeschoss. Und tatsächlich – drei Windungen der Treppe weiter aufwärts fand ich mich endlich vor der metallbeschlagenen Tür der Dachkammer wieder. Ich zögerte kurz und malte mir aus, was wohl dahinter auf mich warten könnte. Dann drückte ich mutig den Sperrriegel hinunter und trat ein.

„Silvia? Anita? Manuela?“

Meine Stimme hallte durch den langgezogenen, dreieckigen Raum, der bis auf mehrere, unbenutzte Wäscheleinen, die quer zwischen den einzelnen Dachträgern verliefen, völlig leer war. Dafür, dass Winter herrschte, war es eigentlich nicht besonders kühl in dem unbeheizten Dachbereich. Es roch nach Staub. Und der Wind, der draußen pfeifend durch die Schindeln blies, erinnerte mich unangenehm an meine Begegnung von vorhin im Stiegenhaus. Verglichen mit der verwirrend wabernden Helligkeit, durch die ich bis eben noch gekommen war, schien mir der Dachstuhl plötzlich unangenehm düster und sein Anblick erinnerte mich nun wieder daran, warum ich eigentlich so ungern hier hochkam. Wir hatten nämlich schon einmal hier oben festgesessen, also die drei Schwestern und ich. Irgendwann, vor zwei oder drei Jahren waren wir auf die glorreiche Idee gekommen, Gipfelpiraten zu spielen und hatten dabei die Zeit übersehen. Mit dem Abend kroch damals auch die Dunkelheit ins offene Gebälk und hatte uns gnadenlos überfallen. Eben noch hatte goldene Stunde geherrscht und plötzlich – bam – war es Nacht gewesen und die Dunkelheit hatte bedrohlich unter den steilen Schrägen über unserem Kopf gehangen. Nirgendwo in der Dachkammer gab es damals elektrisches Licht. Wir waren also verwirrt durch die Dämmerung gestolpert und hatten den Ausgang gesucht, nur um draufzukommen, dass der Riegel davor so verrutscht war, dass wir alleine nicht mehr hier rauskamen. Wir saßen dann also den halben Abend fest und riefen um Hilfe, während die Finsternis unter dem First ständig wuchs und wuchs und uns zu verschlingen drohte. Am Anfang versicherten wir uns noch gegenseitig, dass uns das alles keine Angst machen würde, aber irgendwann, als das Säuseln des Windes begann, überfiel uns das Gefühl, dass wir nicht mehr alleine waren und etwas  direkt aus dem schwarzen Himmel zu uns ins wispernde Gebälk herabgestiegen war. Wir waren heilfroh, als unsere Eltern uns schließlich befreiten. Seit diesem Vorfall gab es auch elektrisches Licht im Dachstuhl und der Riegel kann nun auch von innen betätigt werden. Trotzdem waren wir an diesem Tag zur stillschweigenden Übereinkunft gekommen, dass das Obergeschoß von nun an für uns Sperrzone sei. Außerdem, weil Kinderfreundschaften vor allem auf Mut und nicht der Furcht fußen, sprachen wir auch niemals wieder darüber. Umso seltsamer schien es mir ja auch, dass die Schwestern hier heraufgekommen sein sollten. Aber vielleicht hatte sie ja das durchlässige Winterleuchten kurzfristig vergessen lassen. Ganz genauso wie mich.

„Silvia? Anita? Manuela?“, rief ich erneut.

Das hölzerne Gebälk des Dachstuhls knackte laut, als würde es Antwort geben. Und plötzlich war sie da, die Angst, die im obersten Stockwerk wohnt. Sie hatte meine Passion für das unwirkliche Leuchten und die Verbindung durch das Winterportal genutzt und mich dadurch direkt zu sich auf die andere Seite, in ihr klebriges, verwirrendes Netz gelockt. Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Das Licht des Übergangs verschwand und setzte mich schutzlos im finsteren Dachstuhl aus.

Die Furcht, die im obersten Stockwerk wohnte, das war die fremde Furcht, wie ich im dämmrigen Licht nun erkannte. Jene, die ich absichtlich vergessen hatte. Die ja auch selbst gar nicht wollte, dass man sich erinnert, weil es sie um ihre Beute betrog. Über mir hing ein schwerfällig schlagendes Herz an dünnen, schwarzen Schnüren von den Balken des Dachstuhls herab. Seine Kontraktionen wurden augenblicklich schneller, als ich zu ihm aufsah, so als wäre es ganz aufgeregt, mich wiederzusehen. Während die Kontraktionen der rußfarbenen Muskeln, genauso wie mein eigener Puls, immer heftiger wurden, tauchten plötzlich lange Beinchen auf deren Rückseite auf. Ein Spinnenleib, der neben dem großen, pumpenden Herz zierlich wirkte, stakste gleich darauf kopfüber herum und hängte sich lauernd an der untersten Muskelspitze in Position. Die grausamen Beine, an denen der deformierte Weberknecht hing, waren acht nackte Versionen der geschlechts- und gesichtslosen Gestalt, vor der ich bereits im Treppenhaus panisch geflohen war. Vorne am segmentierten Insektenkörper starrten mich unbewegt die drei Gesichter meiner Freundinnen an.

Mein Herz und das Herz im Dachstuhl schlugen mittlerweile gemeinsam so schnell und so hart, dass ich Angst hatte, die widerlich wippende Erscheinung könnte jeden Moment dadurch abgeworfen werden und direkt vor mir auf dem Boden landen. Aber stattdessen ritt sie beinahe bedächtig auf den schnellen, stoßenden Bewegungen der Muskulatur und fragte nur: „Was tust du denn hier?“, aus allen drei Münder der Schwestern gemeinsam.

Ich wusste es nicht. Die Furcht ließ keinerlei klare Gedanken mehr zu.

Was tat ich denn eigentlich hier? Wo war ich denn hier? Und wie war ich überhaupt hierher gekommen?

Und so, als wolle es an meiner statt eine völlig entsetzte Antwort geben, schrillte gleich darauf ein Telefon.

Ich war durch den furchterregenden Anblick der, nach wie vor geduldig abwartenden, Spinne massiv abgelenkt und so dauerte es ein bisschen, bis ich festmachen konnte, dass es tatsächlich hier oben erklang und nicht irgendwo in der Wohnung darunter. Es war ein trockenes, forderndes Läuten, das tatsächlich von der gegenüberliegenden Seite des Dachstuhls zu kommen schien. Dort, wo auch das Winterleuchten nun wieder hinter dem einzigen Fenster erstrahlte, das es hier oben gab. Absurderweise schloss ich meine Augen und ließ mich nur noch von meinen Ohren leiten und ging dabei, ohne zu überlegen, geradewegs auf das Klingeln des Telefons zu, welches mir Zuflucht vor dem lauernden Wahnsinn im Dachgiebel versprach. Direkt unter der Spinne hindurch. Und dabei sah ich immer und immer wieder die gleichen Bilder in meinem Kopf – wie sie sich, wenn ich erst einmal in Position war, auf mich stürzte und ihre Giftzähne in mich schlug. Dann würde sie mich elegant, mit ihren gesichtslosen Beinchen, in einen Kokon rollen und geduldig so lange warten, bis ich darunter mürbe genug wäre, damit sie mich bei lebendigem Leibe verspeisen könnte. Ich versuchte zu vergessen. Mich voll und ganz auf das Telefon zu konzentrieren. Heute denke ich, dass ich so versuchte, den unentrinnbaren Gang der tausend Tode auf diese Art und Weise wieder zu einer Illusion zu machen, der ich entfliehen könnte, wenn ich das nur dringend genug wollte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich kannte – das Schrillen des Telefons – und darauf, meine Augen erst auf der anderen Seite wieder zu öffnen, um festzustellen, dass ich tatsächlich unversehrt dort angekommen war, wo das Winterleuchten erwartungsvoll glomm.

Ich weiß noch, als Nächstes habe ich mich sehr über das Telefon gewundert, welches dem, das wir selber daheim hatten, gar nicht so unähnlich schien. Ein kleines, hellbeiges Plastikkästchen, mit einer durchsichtigen Wählscheibe obenauf, erwartete mich auf einem niedrigen Holzschemel stehend, direkt neben dem angelaufenen Fenster. Ehe ich mich noch versehen konnte, hatte ich auch schon dessen Hörer am Ohr.

„Hallo?“

„Wo bist du?“

„Ich bin im Dachgeschoß, wo seid denn ihr?“

„Was machst du denn da?“

„Euch suchen natürlich.“

„Aber wir sind zuhause.“

„Nein, seid ihr nicht, ich war doch vorhin bei euch.“

„Ist alles in Ordnung?“

Die Leitung knackte wiederholt. Die Stimme, die ich für jene von Silvia hielt, wurde zusehends unverständlicher.

„Was tust du denn hier?“, fragte die trillernde Stimme des Wesens aus dem Stiegenhaus plötzlich hinter mir. Ich spürte eine Berührung an meiner Schulter und gleich darauf ein unangenehmes Kitzeln am Hals. Als ich den Kopf vorsichtig wendete, sah ich, wie sich eines der Spinnenbeinchen in mein Blickfeld schob.

Mein Herz setzte aus.

„Hilfe.“, hauchte ich ein Telefon, das es eigentlich gar nicht geben konnte.

„Was tust du denn hier?“

Ich hielt den Hörer so fest in meiner Hand, dass es weh tat.

„Ich will nach Hause.“, flüsterte ich.

Eine Wolke schob sich in diesem Augenblick vor die Sonne. Das Leuchten verschwand.

„Ist alles in Ordnung?“, meine Mutter war plötzlich am Telefon. An unserem Telefon, bei uns in der Wohnung, in der ich mich nun widerfand. Es war nur einer ihrer Kontrollanrufe, wie ich beschloss. Nur ein ganz normaler Tag, an dem das Leuchten des Winters etwas zu hell war, als dass ich mich zu weit von zuhause wegwagen sollte. Ein Tag, an dem ich niemals den Dachstuhl betrat. Und ich vergaß sie erneut, so schnell als nur irgend möglich, die Furcht, die im obersten Stockwerk wohnte. Die sehr darauf hoffte, mich einmal alleine zu erwischen. Aber die Furcht vergaß mich hingegen nicht. Bis heute erinnere ich mich schmerzhaft an sie, wenn ich im Winter durch fremde Etagen zu hoch nach oben steige – so wie ich es extra tat, um diese Zeilen der Warnung hier zu schreiben. Ich denke daran, wie sie freudig ihre gesichtslosen Beinchen aneinander reibt und nur darauf wartet, mich zu fragen: „Was tust du denn hier?“

Um ehrlich zu sein, höre ich sie gerade jetzt, in diesem Augenblick, hinter mir fordernd wispern. Wobei ich nach wie vor glaube, dass die richtige Antwort darauf, so es sie denn gibt, in ihren Augen sehr wenig zählt.

Mein warnender Reisebericht endet auch hier, um meiner eigenen Sicherheit willen. Keine Moral dieser Geschichte und auch keine Belehrungen mehr. Nur die ausdrückliche Warnung, dem Winterleuchten, so schön es auch ist, immer mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen. Genug der Worte. Ich betätige jetzt das künstliche Licht, das es hier nun gibt, lege den Dachgeschoß-Riegel wieder vor und steige die Stufen der Erinnerung nach unten.

Ich vergesse gerne und lasse das Fremde im obersten Stockwerk nun vorerst einfach wieder ruhen.

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“. Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.