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Die Furcht, die hinter den Bäumen haust

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Wenn an einem lauen, sonnigen Tag der Wind die Blätter des Waldes leise zum Rauschen brachte, dann war man an einem heiligen Ort. Auch, wenn man das als Kind noch nicht so genau benennen konnte. Die ersten Bäume, die ersten Säulen dieser Kathedrale aus Holz und Laub und Träumen, schlossen direkt an den Kartoffelacker an, der hinter dem Hof meiner Großmutter lag. Und in den wirklich schönen Sommerwochen ging es oft genug bereits kurz nach Sonnenaufgang durch das große, überdachte Tor des Hinterhofs hinaus, in dessen Schatten der klobige, alte Traktor stand und so auf mich immer den Eindruck eines schlafenden Dinosauriers machte. Von dort aus liefen wir weiter über das Feld, auf den angrenzenden Trampelpfad, an dem entlang man sich bald schon zwischen den ersten Ausläufern des Dunkelsteinerwaldes verlor.

Der große, geliebte Wald, das war auch ein Stückchen Heimat für mich. Wenn wir über die wurzelbewachsenen Hänge kraxelten, den fliehenden Hasen im Unterholz nachstellten und uns mit Holzschwertern und Pfitschipfeilen, aus selbstgebrochenen, jungen Ästen, gegenseitig den Krieg erklärten, dann waren wir zuhause. Die Spiele waren rau und wir waren, trotz unserer jungen Jahre, uralt in unserem Wissen um die Grundlage der Dinge, die man nirgendwo anders so gut lernen konnte, wie zwischen den blätterbehangenen Pfeilern unserer endlosen Sommerresidenz. Ein Verständnis, das wir aber niemals sehr lange mit uns aus dem Wald hinaus zu nehmen vermochten. Denn meistens floss es, bereits bei der ersten Berührung mit Seife und Wasser, gemeinsam mit dem Schmutz und der Erde in den Abfluss der Dusche, in die wir nach unseren Spielen zwangsläufig von den Erwachsenen gesteckt wurden. Die Erkenntnisse aus dem Wald wurden uns dort vor dem Abendessen gewissenhaft von den Körpern gewaschen und kamen uns, außerhalb der baumbewachsenen Zone, höchstens noch in den Träumen besuchen.

Es waren goldene Zeiten, in denen wir uns ganz alleine und ohne Aufsicht über den lichtgesprenkelten, feuchten Boden des Waldes tummelten. Aber wir verletzten uns auch oft genug und kamen, hin und wieder zumindest, weinend zurück auf den Hof meiner Großmutter gelaufen. Nur, damit ich hier kein verfälschtes, allzu friedliches Bild zeichne. Das läge nämlich nicht in meiner Absicht. Einmal brach ich mir beim Schwertkampf den Finger und wurde ins Krankenhaus in der nächsten Stadt gebracht, wo ich eine Schiene und eine gewaschene Standpauke meiner Mutter kassierte, die nur wegen mir aus der Arbeit kommen, und mich in die Notaufnahme fahren musste. Es brachte aber nicht das gewünschte Ergebnis. Bereits am nächsten Tag kletterte ich schon, mitsamt dem Gips, an den ich eine kurze Latte als Messerattrappe gebunden hatte, über dieselben rutschigen Gefälle, als ob mir dort niemals etwas passieren könnte. Einmal schlug mein Cousin sich, bei einem tiefen Sturz den Abhang hinab, so ein tiefes Cut über der Augenbraue, dass er genäht werden musste. Wir verrieten niemandem, dass seine Schwester ihn gestoßen hatte, weil er ihr den Aussichtsposten auf dem großen Stein nicht freiwillig überlassen wollte. Wir waren uns stillschweigend einig, dass dies ein Verrat an uns selbst und am Wald wäre, der uns daraufhin verschlossen bleiben würde. Somit entschieden wir spätestens da: was hinter den Bäumen passierte, das blieb auch dort.

Wo ist die Furcht, höre ich den aufmerksamen Leser jetzt fragen. Und ich kann darauf nur antworten: ganz einfach – die Furcht in dieser Geschichte versteckt sich, wie sonst auch so oft, in den Dingen, die passieren, wenn die Sonne versinkt. Ihren Anfang aber nimmt sie, trotz alledem, bereits unbemerkt am Tag – wohlweislich angekündigt in den kleinen Details am Rande der Stunden, die vorher noch bis zur unvermeidlichen Ankunft der Nacht verstreichen müssen. In diesem Fall war es jener besondere Tag, an dem wir die kleine Hütte zwischen den Bäumen entdeckten.

Man könnte annehmen, was wir bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich auch taten, dass wir nach all den Sommern, die wir bereits durch den Wald gestreift waren, diesen eigentlich zu kennen dachten, wie unsere eigene Westentasche. Wir waren also aufrichtig erstaunt, als wir das kleine Holzhäuschen fanden. Es schmiegte sich an die Seite eines riesigen, alten Baumes, dessen Wipfel über uns den Großteil des kleinen, abschüssigen Tals überspannte, das sich so unvorhergesehen vor unseren Füßen auftat. Am Grund des schroffen, steinigen Kessels gurgelte fröhlich ein schmales, klares Rinnsal, das nur wenige Meter weiter direkt aus dem zerbrochenen Felsenfundament des Dunkelsteinerwaldes entsprang. Aber dieses Häuschen war nicht etwa alt und verfallen, wie man sich das aus diversen Spukgeschichten erwarten würde. Ganz im Gegenteil –  es war ein gepflegter, fensterloser Verschlag aus hell gebeizten Brettern, mit einem kleinen, geteerten Giebeldach obenauf.

Die erste Überraschung war schnell vergessen und wir beeilten uns, dem Mysterium dieser Hütte auf den Grund zu gehen. Wir stürmten zu ihr hinab und fanden die kleine Eingangstür, durch die man sogar als Kind beinahe kriechen musste, unverschlossen. Zwar hing ein nagelneues Bügelschloß am vorgelegten, metallenen Riegel, dieses stand aber weit offen und musste lediglich aus den Sperrringen gehoben werden, um uns Einlass zu gewähren. Das Innere der Hütte war, zu unserer bitteren Enttäuschung, völlig leer und ziemlich sauber. Noch nicht einmal Spinnweben gab es im niedrigen Deckengebälk. Wir sahen uns einige Momente in dem winzigen Häuschen um und wendeten uns dann aber bald schon, von der Ereignislosigkeit im Inneren der Hütte gelangweilt, der nächsten spannenden Neuentdeckung zu – dem kleinen Bach unten im Fels.

Da wir entdeckten, dass der steil abfallende Granit, in den er sich tief hineingefressen hatte, nicht genug Halt für einen Abstieg bot, sammelten wir uns dann aber doch noch einmal, im Kreis am Boden sitzend, im Inneren der kleinen Hütte und beratschlagten, was zu tun wäre. Es war auch genau dort, wo die ersten, kleineren Kabbeleien zwischen uns begannen. Wir waren uns, wider jede Gewohnheit, völlig uneins an diesem Nachmittag, wie an die Sache heranzugehen wäre. Zwei meiner Cousins wollten Äste sammeln und sie über die schmale Klamm legen, um sich so von oben in den Spalt zu hangeln. Meine Cousine hingegen wollte einfach nur große Steine hinabwerfen, um das Wasser so hoch aufzustauen, bis wir es mit unseren Stecken erreichen könnten. Ich war dafür, uns ein Seil, oder eine Kette für den Abstieg vom Hof zu besorgen. Und nur mein jüngster Cousin, der vor kurzem erst seine Mutter verloren hatte, saß schweigend in der Ecke und sah uns von dort aus mit seinen großen Augen an.

So ging es eine Weile hin und her, bis die ersten, gröberen Beleidigungen fielen und wir uns schon bald gegenseitig nicht mehr die Augen sehen konnten, aus Angst, uns vor lauter Zorn aufeinander zu stürzen. Warum das so war, kann ich, soviele Jahre danach, nicht mehr sagen. Es ist heute auch schwer mich an den genauen Ablauf der folgenden Dinge zu erinnern. Aber ich weiß noch, dass dies alles irgendwie aus dem Nichts kam und völlig neu für uns war. Wir sind doch normalerweise immer diese eingeschworene Bande gewesen, die oft auch stundenlang schweigend zwischen den Bäumen umherstreifen konnte und trotzdem stets das gleiche Ziel verfolgte. Aber irgendetwas in dieser Hütte machte uns offenbar uneinsichtig und gereizt – letztlich auch ohne Aussicht auf Einigung in irgendeiner Form.

Als Erstes verließ die Ast-Fraktion das Häuschen, um sich ans Werk zu machen. Wenig später krabbelte auch meine Cousine, nicht ohne mir vorher noch einen letzten, fragenden Blick zuzuwerfen, aus der Hütte, um sich nach großen Steinen für ihr Vorhaben umzusehen. Und so war ich schließlich mit dem kleinsten Spross meiner Familie ganz alleine in dem seltsamen, winzigen Häuschen im Wald, als er endlich sein Schweigen brach und mich fragte, ob ich es auch hören würde.

„Was?“, fragte ich. Ich hörte nichts.

„Meine Mutter.“, wisperte er, der bereits in jungen Jahren so ein schreckliches Schicksal auf seinen Schultern tragen musste. „Sie lässt dich grüßen und bedankt sich dafür, dass du immer so gut auf mich achtgibst!“

Ich antwortete nicht, sondern beeilte mich daraufhin sofort panisch, mit einem eiskalten, tauben Gefühl im Nacken, aus dem kleinen Verschlag hinaus zu kommen. Ehe ich mich draußen noch aufrichten, und über das Gehörte nachdenken konnte, war mir mein kleiner Cousin auch schon gefolgt. Er lief aber, ohne mir weitere Aufmerksamkeit zu schenken, sofort zu seiner Schwester, die unweit der Bachklamm bereits dabei war, einen riesigen Felsbrocken mithilfe eines dicken, morschen Astes von der Stelle, und hinab ins Wasser zu wuchten. Sie war, so lange ich denken konnte, immer schon die Unnachgiebigere von den Beiden gewesen.

Meine Erinnerungen an die weiteren Ereignisse sind verschwommen, so wie eigentlich alles, was an diesem Tag passiert ist – nur falls ich das noch nicht in dieser Deutlichkeit geschrieben habe. Eigentlich wollte ich hier nur davon erzählen, wie selbst ein so wundervoller Ort, wie dieser große, lichte Wald, der uns immer ein treuer, geliebter Flecken zum Spielen war, doch bei Nacht zu etwas Dunklem, Angsteinflößenden werden konnte. Aber je weiter ich jetzt in diese Geschichte eindringe, desto mehr fällt mir davon wieder ein. Desto mehr steigt auch das Grauen von damals wieder in mir auf. Als wenn ich langsam, Schicht um Schicht, in etwas eintauchen würde, das ich vor langer Zeit schon verdrängt habe und unbedingt vergessen wollte.

Der Tag verging wie beschrieben. Wir schafften es nicht mehr, gemeinsam zu spielen. Wir trieben uns alle irgendwo separat um diese Hütte herum und eiferten, mehr oder weniger erfolgreich, jeweils unseren eigenen Zielen nach. Wobei meines, nachdem ich nicht alleine zum Hof zurückkehren wollte, um eine Kette oder ein Seil zu suchen – vor allem nachdem sich ja sowieso niemand fände, der das andere Ende für mich halten würde – darin bestand, mich an der Stelle, an der das Bächlein aus einem Spalt im Granit schoss, auf den Boden zu legen und mit einem soliden Ast ins Felsinnere zu stieren. Ich wollte so versuchen, ob ich weitere Brocken des Gesteins abhebeln könnte, um den Ursprung der Quelle zu vergrößern. Irgendwie schien mir das plötzlich wichtig, auch wenn ich nicht mehr weiß, warum. Vielleicht versprach ich mir davon, genauer sehen zu können, woher das geheimnisvolle Wasser kam. Aber das zu behaupten, wäre aus heutiger Sicht reine Spekulation.

Schließlich, als die Kirchturmuhr sechsmal schlug, machten wir uns, wie gewohnt, nur dieses Mal grundlos beleidigt und schweigend, auf den Weg zurück zum Hof meiner Großmutter.

An jenem Abend, unter der Dusche, fand ich einen riesigen, vollgesogenen Zeck in meiner Leiste. Zwar war dies wahrlich nicht das erste Mistvieh dieser Art, das mich heimsuchte, aber noch niemals zuvor hatte es einer geschafft, so schnell so dick zu werden. Normalerweise waren die Körper der Insekten, die ich mir nach langen Stunden im Wald oft genug abends aus der Haut zog, maximal so groß wie zwei, oder drei Stecknadelköpfe zusammengenommen. Dieser spezielle Zeck war aber fast halb so groß wie das oberste Glied meines Daumens und pulsierte förmlich ­– synchron zu meinem Pulsschlag – von dem ganzen Blut, das er sich in dieser kurzen Zeit bereits von mir einverleibt hatte. Ich berührte ihn vorsichtig und trotzdem platzte er noch im selben Augenblick wie eine überreife, dunkelrote Beere. Er vergoss dabei seinen gesamten Inhalt über mein Bein. Es war soviel Blut, das da an mir hinabtropfte, dass es beinahe schon absurd schien, wie so ein kleines Tier jemals solche Mengen fassen können sollte. Ich wusch es hysterisch von mir ab, obwohl es sich dabei eigentlich um eine Flüssigkeit handelte, die sich bis vor Kurzem sowieso noch in mir drinnen befunden hatte. Der kleine Kopf des Zecks steckte hingegen so tief unter meiner Haut, dass ich keine Möglichkeit fand, ihn hervorzuholen. Alles was mir übrig blieb, war zu warten, bis er von selbst wieder rauskommen würde.

Ich trug eine dicke, rote Beule in meiner Leiste davon, die mich juckend, über den ganzen Abend hinweg, bis ins Bett begleiten und so, neben den gruseligen Worten meines jüngsten Cousins, noch lange danach verhindern sollte, dass ich in dieser Nacht zur Ruhe kam. Als mich die Müdigkeit aber schließlich doch noch übermannte und mich mit sich über die Schwelle nahm, war sie mir keine Erlösung, sondern nur ein heimtückischer Torweg zurück an den Rand des Dunkelsteinerwaldes.

Ich fand mich jenseits des Kartoffelackers bloßfüßig und im Pyjama wieder. Hinter mir lag der dunkle Eingang zum Hof, in dem die massige Silhouette des alten Traktors plötzlich gar nicht mehr wie ein schlummerndes Reptil aus dem Märchenland, sondern viel eher wie ein geduckter, grimmiger Kettenhund wirken sollte, der das Gebäude, in dem meine Familie schlief, bei Nacht vor den Dingen beschützte, die möglicherweise aus den Wald gekrochen kämen. Irgendetwas hinter den Bäumen sprach nun zu mir. Raunte und bettelte, ich möge doch kommen.

Über mir stand die goldgelbe Sichel des Mondes und jene unzählbare Schar an Sternen, die man nur abseits der Stadt sehen kann. Ich fühlte die warme, feuchte Scholle des beackerten Feldes, die sich unter meinen Füßen anfühlte, als wäre sie lebendig geworden. Der Kopf des Zecks in meiner Leiste hatte plötzlich wieder zu pochen begonnen und sandte Impulse in meine Beine, die sich daraufhin, ohne mein Zutun, bewegten – in Richtung der absoluten Finsternis, die hinter den ersten Baumreihen begann.

Ich fand mich selber schon bald, keuchend und laufend, zwischen den engstehenden Stämmen des Waldes wieder. Ich konnte kaum etwas sehen, aber die wild klopfende, heiße Stelle, an der ich gebissen worden war, ließ mich wissen, dass sie mich, trotz der herrschenden Finsternis, sicher über die Abhänge und Wurzeln an unser gemeinsames Ziel tragen würde. Und wo dieses lag, daran hegte ich da schon keinerlei Zweifel mehr.

Die Sichtverhältnisse wurden etwas besser, je länger ich quer durch den dunklen Wald hetzte und so meinen Augen Zeit gab, sich langsam an die Schwärze darin zu gewöhnen. Aber woran ich mich bei diesem Lauf, bei dem ich die Richtung nicht selbst bestimmen konnte, am besten erinnere, ist der wilde, unbändige Geruch der Natur. Ich roch die fleischähnlichen Ausdünstungen der nachtblühenden Pilze, den süßen Duft von Honig und Baumharz, das Bukett von Verfall, den das Moos absonderte und neben all dem, das stechende, lebendige Aroma meines eigenen Schweißes, der mir, vor lauter Anstrengung und Angst, mittlerweile aus allen Poren quoll.

Schließlich, wie könnte es anders sein, gelangte ich an die kleine Klamm im Felsen, mit dem schmalen, gurgelnden Bächlein in der Kluft, an deren Klippe die Hütte verlassen am Baumstamm lehnte und dort nun auf mich zu warten schien. Irgendwo über mir klaffte eine Lücke im Blattwerk des riesigen Baumes, die einen Strahl des Mondlichts genau so passieren ließ, dass ich schon von Weitem die niedrige Tür der Hütte erkennen konnte, die nun sperrangelweit offen stand. Und so sehr ich auch versuchte, mich selber zu bremsen, meine Füße gaben solange keine Ruhe, bis sie mich, durch diesen Eingang hindurch, in das kleine Häuschen hineingetragen hatten. Dort, in der Ecke liegend, traf ich schließlich die geduldig wartenden Wesen, die mir mit dem Zeckenbiss am Nachmittag ihre Einladung zukommen ließen.

Es war nicht wirklich dunkel im Inneren der Hütte, aber auch nicht so hell, dass ich Einzelheiten hätte ausmachen können. Was ich aber erkannte, war etwas, das aussah wie ein Berg dunkler Lappen, die jemand unordentlich zu einem Haufen an der hinteren Wand zusammengeworfen hatte. Oben auf diesem Haufen lag eine fahle, bläulich fluoreszierende Maske, die keinerlei Gesichtszüge besaß, außer den beiden pechschwarzen Augenlöchern, die mir fragend entgegenstierten.

Es gab ein Gespräch – aber eines ohne Worte. Es war das Knarren der Bretter, das Rascheln des Laubs, die moschusartigen Schwaden, die mir von dem Haufen entgegenwehten, das leichte Flackern des Lichts, das mich schließlich fragte: was willst du von uns? Nicht mehr. Nur diese einzelne Frage, immer und immer wieder. Was willst du von uns? Was willst du von uns? Was willst du von uns?

Ich wusste keine Antwort zu geben. Nicht etwa, weil ich damals ein kleines, verängstigtes Kind gewesen bin, was durchaus eine Entschuldigung wäre. Ich wüsste auch heute, fernab dieser furchteinflößenden Hütte, Jahrzehnte später nicht, was ich darauf sagen sollte. Wo diese Frage überhaupt beginnen könnte. Und ich glaube mittlerweile, das ist die wirkliche Furcht, die jenseits der Bäume wohnt: diese einfachste aller Fragen gestellt zu bekommen, an einem Ort, an dem keine Ablenkung stattfindet, an dem wir zu dem zurückfinden, was wir schon immer gewesen sind. Vielleicht liegt diese Furcht nicht im Wald, sondern überall drumherum und wir haben nur vergessen, wie wohlbehütet wir uns zwischen den engen Bäumen, bewacht von seinen Geistern, einmal gefühlt haben. Vielleicht vermissen sie uns. Vielleicht hassen sie uns aber auch dafür, dass wir sie einsam zurückließen. Vielleicht sehnen sie sich nach unserer Nähe. Wir sind letztlich Wesen, die irgendwann zwischen den schutzbietenden Bäumen hervor und hinaus auf die klar erkennbare, brache Fläche gewandert sind, ohne uns noch einmal nach unseren Wurzeln umzusehen. Und vielleicht sollten es eigentlich die baumlosen Hänge und Täler und Becken sein, die wir bis zum Horizont überblicken können, die uns Angst machen müssen. Nicht der Wald, der uns, bevor wir vor Jahrtausenden selbstständig zu denken lernten, der fürsorgende Mutterschoß war. Den wir, seitdem wir ihn verließen, vielleicht mit den eng aneinandergedrängten Türmen unserer Städte nachzuformen versuchen – weil uns die überschaubare Weite seit jeher Angst bereitet. Vielleicht habe ich aber auch nur die Frage des maskentragenden Haufens in der Dunkelheit nicht richtig verstanden. Vielleicht. Vielleicht habe ich von jener Nacht einfach nur Vieles vergessen.

Vielleicht war das alles ein Fiebertraum. Ich wünschte, ich könnte es sagen. Nein, das ist gelogen. Ich bin froh, jetzt am anderen Ende dieses Berichts angelangt zu sein, der so viele mehr Fragen aufwirft, als es gut für meinen Seelenfrieden wäre. Noch während ich darüber schreibe, spüre ich die Tiefen, die jenseits dieses maskierten Haufens auf mich gewartet hätten. Der mich, wenn ich damals gesprochen und die falsche Antwort gegeben, vielleicht mit sich in den Riss am Sockel des uralten Gebirges genommen hätte, auf dem schon ewig der Dunkelsteinerwald steht. Also lasse ich jetzt lieber los und behaupte, ich könnte mich nicht erinnern, ob ich am nächsten Morgen mit dreckigen Beinen in meinen lehmverschmierten Laken gefunden wurde.

Gewiss ist, dass ich hohes Fieber hatte. Nicht wegen des Zeckenbisses, wie man jetzt denken könnte, der war am nächsten Morgen beinahe abgeheilt und völlig harmlos. Aber eventuell, weil ich zu lange mit der Brust auf dem wassergekühlten Stein gelegen und mit meinem Stecken den Ursprung des Quells zu erkunden versucht hatte. Es war keine Lungenentzündung, die ich davontrug, aber laut dem Arzt in der Notaufnahme des Krankenhauses, hat nicht viel dazu gefehlt. Ich war schließlich erst nach mehreren Wochen wieder völlig auskuriert. Zu spät, um es in diesem Jahr noch einmal zurück in den Wald zu schaffen. Und im Jahr danach war, wer hätte das gedacht, von dieser kleinen Hütte nichts mehr zu finden. Vielleicht ist sie ja auch nur ein temporäres Lager für den zuständigen Förster gewesen. Und die kleine, schmale Klamm war ohne den Wegmarker der Hütte unmöglich in dem unüberschaubaren Wald zu finden. Vielleicht. Sicher ist hingegen, dass ich hier und jetzt schließe und in mir spüre, dass ich froh bin, dieses Thema wieder ruhen zu lassen und mich für eine Weile nicht mehr danach umzusehen. Weil ich denke, es macht mir mehr Angst, als es eigentlich sollte, ohne dass ich genau sagen könnte warum.

Erik R. Andara
Über Erik R. Andara (7 Artikel)
Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“. Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint 2017 bei EVOLVER BOOKS.

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2 Kommentare auf "Die Furcht, die hinter den Bäumen haust"

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Karin Reddemann
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Ganz groß ist, wie Du Deine Furcht in eine Erzählung packst, deren Stärke kleinlaut macht. Mich. So leicht. Etwas. Gut, etwas mehr. Sag ich’s mal so: Wirklich richtig gut.

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