Die Furcht, die aus dem Himmel wächst

Dieses Mal ist es einfach. Ich muss nur sitzen und warten, während ich den Himmel beobachte. Die Voraussetzungen sind gut, Gott dabei beobachten zu können, wie er die Beine baumeln lässt. Der gesamte Horizont ist bedeckt mit bleiernen Wolken. Der perfekte Theatervorhang, hinter dem er heute hoffentlich wieder hervorzutreten gedenkt.

Es ist noch früh am Morgen. Von meiner Position auf dem kleinen Hügel aus, wo ich unter den Zweigen der ausladenden Esche Schutz gesucht habe, sehe ich kilometerweit ins Land hinein. Es ist grau in grau. Vereinzelt hängen Nebelschwaden in Bodennähe, wie die Reste zerrissener Spinnweben. Zwischen abgeernteten Feldern und lichten Baumlinien schlängelt sich verlassen der schmale Pfad, über den ich vorhin heraufgewandert bin. So wie ich das jedes Jahr zu der gleichen Zeit tue, seitdem ich das erste Mal von zuhause abgehauen bin.

Meine Finger suchen die Kerben auf der Rückseite des niedrigen Holzkreuzes, während ich nachdenklich dem leisen Plitsch-Platsch des Regens lausche. Sie sind noch da. Auch wenn sie sich nicht mehr ganz so tief anfühlen wie an jenem kühlen Herbstmorgen vor über zwanzig Jahren, als ich sie mit meinem Schlüssel ins Holz getrieben habe. Ich weiß nicht mehr genau, was damals mein Ansporn war, dieses X zu ritzen. Ich glaube, ich wollte damit nur einen eindeutigen Beweis hinterlassen, dass ich hier gewesen bin und tatsächlich Gott gesehen habe. Gleichzeitig tat es gut, die Zinken meines Schlüssels über das harte Holz des Kreuzes zu raspeln und dadurch meiner Absicht Ausdruck zu verleihen, sie nie wieder benutzen zu wollen. Nie wieder nach Hause zurückzukehren. Mein Weg führte mich hinaus in die Welt, und nichts und niemand konnte mich davon abhalten. Warum auch immer ich damals gedacht habe, dass jemand das tun wollte.

Ich lasse meine Hand einen Augenblick auf dem Kreuz ruhen und schließe die Augen. Ich versuche mich zu sammeln, um den erhebenden Augenblick, dem ich hoffentlich gleich wieder beiwohnen darf, entsprechend in mich aufnehmen zu können. Das Holz unter meinen Fingern fühlt sich nicht mehr so hart an, wie es einmal war. Die Jahre, in denen es ungeschützt der Witterung ausgesetzt war, haben es aufquellen und morsch werden lassen. Aber über kurz oder lang passiert das ja sogar den besten von uns.

Ich muss nicht sehen können, um zu wissen, was auf dem Kreuz neben mir geschrieben steht: „Für Ferdinand, 1971 – 1987. Fände Liebe einen Weg in den Himmel, und wären Erinnerung Stufen, dann stiegen wir rauf und holten Dich zurück zu uns.“, hat man in verzierten Lettern ins Holz des Querbalkens geschnitzt. Die Schrift war gold lackiert, als ich hier das erste Mal saß. Heute ist von der Farbe kaum noch etwas geblieben. Ich habe nach wie vor keine Ahnung, warum dieses Kreuz ausgerechnet hier aufgestellt wurde. Jetzt hätte ich beinahe „in dieser gottverlassenen Gegend“ gesagt, auch wenn ich genau weiß, dass dies so ziemlich genau das Gegenteil von dem ist, was den Tatsachen entspricht. Ich bezweifle stark, dass Ferdinand zu meinen Füßen begraben liegt. Was ihm hier widerfahren sein mag, bleibt aber ein Geheimnis. Ich könnte einfach in die nahe Ortschaft gehen und nachfragen. In der kleinen Dorfkirche, an der mich meine jährliche Pilgerreise zu diesem Hügel vorbeiführt, würde man mir wahrscheinlich Auskunft darüber geben können. Aber ich will das Mysterium dieses Fleckens nicht zerstören. Wer kann schon sagen, wie zerbrechlich es ist. Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich Gott schließlich aus reiner Neugier von unserem heimlichen Ort der Begegnung vertreibe.

Die Regentropfen fallen jetzt sachter. Es hört sich so an, als würden sie jeden Augenblick völlig versiegen. Ich öffne die Augen. Tatsächlich sehe ich bereits die ersten hellblauen Stellen in der Wolkendecke klaffen. Es ist jetzt gleich soweit. Heuer ist es insgesamt das 23. Mal, dass ich hier auf dem Stein neben der Esche sitze, und auf Gott warte. Er kam nicht jedes Jahr.  Nicht einmal annähernd. Eigentlich ist er sogar ziemlich oft nicht erschienen. Aber dieses Mal, bin ich mir sicher, dass ich ihn sehen werde. Ich habe die Vorboten dafür zu deuten gelernt.

Leiser Wind ist aufgekommen und treibt die letzten Dunstschwaden aus der Landschaft hinaus. Durch die Löcher über den niedrigen Hügelkuppen am Horizont kriecht der himbeerrote Sonnenaufgang. Ich kann mich noch genau daran erinnern, was ich dachte, als ich hier das erste Mal, am Baumstamm lehnend, in die Welt hinausgeblickt habe. Ich hatte eine kaltnasse Nacht hinter mir, in der ich kaum geschlafen habe. Gleich nach dem Aufwachen habe ich entdeckt, dass ich mein Lager direkt neben einer Gedenkstätte für einen Toten aufgeschlagen habe. Noch dazu einem, der nicht viel älter wurde, als ich es damals gewesen bin. Das Abenteuer, in die Welt hinauszumarschieren und dabei immer nur seiner Nase zu folgen, schien plötzlich gar nicht mehr so erstrebenswert, wie noch am Tag zuvor, als ich meiner Mutter einen Abschiedsbrief am Küchentisch hinterließ. Mache Dir keine Sorgen, stand darin. Ich bin jetzt erwachsen, so wie Du dir das immer für mich gewünscht hast. Ich gehe meinen Weg und mache mein Glück. Ich verspreche, mich von unterwegs regelmäßig zu melden, damit Du weißt, dass es mir gut geht. Als ich mich damals in der Gegend umsah, durch die bereits die ersten Vorboten eines verfrühten Winters streiften, dachte ich an Ferdinand, der das alles bereits hinter sich hatte. Was er hier wohl getrieben haben mochte. Ob er wusste, dass es bereits so früh für ihn zu Ende gehen würde? Hätte das irgendetwas ein seinen Entscheidungen geändert?

In diesem Augenblick erschien Gott auf der Bühne. Nahm überraschend auf den eben erst aufgeplatzten Wolkenbänken Platz, und hängte seine knotigen Beine müßig in unsere Welt herein. Unzählige goldgelbe Schnüre aus reinstem Licht, die so lang waren, dass sie über den Boden streiften. Gottes Unterleib ist den leuchtenden Fangarmen einer Qualle sehr ähnlich. Vielleicht ist er so etwas, wie eine riesige Meduse, die durch das Gefüge treibt und das Licht, das die ferne Oberfläche eines galaktischen Meeres durchstößt, in ihrem Körper bündelt und an uns weitergibt.

Das soll Gott sein? So habe ich mir Gott aber nicht vorgestellt! Das sind durchaus berechtigte Einwände. Aber nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und setzen Sie sich mit mir auf diese kleine Anhöhe hier. Sehen sie? Wie ich gesagt habe – gerade fallen die ersten gleißenden Beine Gottes auf die Landschaft herab. Ich habe niemals daran gezweifelt, dass es heute wieder passiert. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie seien ich, vor mehr als zwei Jahrzehnten. Spüren Sie meine Furcht? Können Sie sich vorstellen, was es für einen jungen Burschen heißt, nach einer halb durchwachten Nacht voller Angst und Zweifel plötzlich den strahlenden Extremitäten eines kolossalen Wesens gegenüberzustehen, das völlig aus dem Nichts erschien und klarer fassbar ist als alles, was er von  Religionsunterricht und Kirchengängen und Erwachsenen bis dahin über seinen Schöpfer erklärt bekommen hat?  Denken Sie nicht, dass dies Ihre Zweifel dahinschmelzen ließe, genau so, wie es das Licht, das von den strahlenden Beinen Gottes ausgeht, in diesem Augenblick mit den restlichen Nebelfetzen in der Umgebung macht?

Ich heiße Gott mit einem Lächeln willkommen. Obwohl ich nicht glaube, dass er weiß, dass ich hier bin. Für ihn ist alles hier wahrscheinlich einerlei. Ich vermute, das ist in erster Linie auch der Grund, warum er in dieser einsamen Gegend erscheint. Am tiefen, friedlichen Boden der Realität. Ein Ort, an dem man sich selbst beim Denken zuhören kann. Und dabei wird man nur vom sanften Zerplatzen der Regentropfen und dem unaufdringlichen Rauschen des Winds durch die Blätter der Bäume, sowie die hochstehenden Halme vereinzelt brachliegender Äcker und Wiesen gestört. Ich beobachte die Füße Gottes, wie sie ihre Spitzen neugierig über den Boden der Tatsachen schlängeln. Ich bin in diesem Augenblick wieder dasselbe Kind, das ihm dabei das erste Mal zusah. Bei dem Schauspiel, das sich direkt vor meinen Augen zuträgt, haben mich alle Ängste und alle Unsicherheiten auf einen Schlag verlassen. Ich bin hier fern von zuhause und trotzdem daheim. Zumindest geben mir die fremdartigen Auswüchse der strahlenden Kreatur, von der ich nur den unteren Teil sehen kann, dieses Gefühl. Gemeinsam mit all den anderen Menschen in denselben Tiefen beheimatet, zu denen das himmlische Wesen hinabsank. Ich glaube, dies ist die Empfindung, welche ansonsten heilige Männer und Frauen dazu veranlassen kann, in die Einöde zu gehen, um dort ihrem Gott näher sein zu können.

Haben Sie gemerkt, wie ich zu Gott Kreatur gesagt habe? Passt das für Sie nicht  zusammen? Für mich macht das absolut Sinn. Wer kann schon behaupten, zu wissen, was wir für Gott überhaupt sind? Ich gehe auch nicht so weit, zu behaupten, dass mein Gott der Ihre ist. Im Gegenteil. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, Ihrer existiert auch irgendwo. Falls Sie ihn aber noch nie gesehen haben, wohnt er ja vielleicht weit jenseits unseres Himmels, wo er sich derweilen noch Ihrem Zugriff entzieht. Ich freue mich auf jeden Fall für Sie, wenn Sie sich am Unbekannten festhalten können. Aber ich, für meinen Teil, habe meinen Gott tatsächlich entdeckt. Ich gebe mich mit der wunderschönen, wenn auch unverständlichen Kreatur zufrieden, die ich hier in jungen Jahren, mit mehr Glück als Verstand, aufgestöbert habe. Ich bin da wohl eher pragmatisch veranlagt. Ich bin einfach der Ansicht, das ist besser als nichts.

Die Wolkendecke reißt auf und Gott verblasst. Ich erhebe mich vom klammen Stein und trete unter den Ästen des Baums hervor, um ungehindert den Himmel betrachten zu können. Es scheint ein herrlicher Tag zu werden. Die übriggebliebenen grauen Knäuel driften schnell auseinander und enthüllen dahinter ein azurfarbenes Nichts. Ich genieße ein paar Minuten diesen eintönigen Anblick. Dann hole ich meinen Rucksack unter dem Baum hervor und mache mich, anders als damals, als ich das erste Mal wieder von hier aufbrach, auf den Weg zurück nach Hause. Vorher bleibe ich aber noch einen Augenblick vor Ferdinands Kreuz stehen, und bete für ihn. Ich bitte dafür, dass es ihm gut geht, wo immer er jetzt auch sein mag. Ich bete zu meinem Gott. Ohne Worte. Nur, indem ich die Bilder, die ich eben gesehen habe, Revue passieren lasse und mich noch einmal an ihnen ergötze. Sie sind der klare Beweis dafür, dass es da draußen mehr gibt, als wir uns vorstellen können. Dass wir mehr erwarten dürfen von dieser Welt, als es allgemein den Anschein machen könnte. Ich lege meine Hand ein letztes Mal auf das Kreuz, und verabschiede mich.

Dann marschiere ich den Hügel hinab und begrüße die anschließende Furcht, die mich nach all den Jahren noch immer begleitet. Das ist die wahre Furcht, die für mich aus dem Himmel wächst. Denn wenn mich mein Gott eines gelehrt hat, dann ist es, dass der Boden der Tatsachen immer auf einen warten wird, egal, wie hoch man auch steigt. Irgendwann geht es sogar für einen Gott nach unten. Jede Erscheinung beweist ihre Notwendigkeit durch ihr Dasein. Egal, ob man nun daran glaubt, oder auch nicht. Vielleicht sind wir ja in unserer Welt noch gar nicht am wahren Grund angelangt, und es geht noch ein gutes Stück weiter in die Tiefe hinab. Ins Negative, wenn man so will. Was, wenn mein Gott sich vor meinen Augen dazu entschließt, dort hinabzusinken. Würde ich ihm blind vertrauen und folgen können? Wäre ich mir bereit einzugestehen, dass es, egal, wo man gerade ist, immer noch weiter abwärts gehen kann? Und wäre ich dann bereit, noch immer von der unverständlich weit entfernten Oberfläche zu träumen?

Aber eigentlich weiß ich die Antwort darauf bereits. Und ob ich schon wanderte durch´s finstere Tal. Mit der klaren Kenntnis um meinen lichtspendenden Gott aus der Ferne bin ich immer noch bereit, mich dieser Furcht zu stellen. Genauso wie vor all den Jahren, in denen ich knieschlotternd weiter in die fremde Welt auszog. Ich hielt hartnäckig an meiner Absicht fest, alles zu sehen, was es zu sehen gibt. Heute bin ich froh darüber. Es war nicht immer einfach, das will ich nicht behaupten. Und es gibt noch immer soviel, das ich nicht gesehen habe. Die Angst war dabei oft genug ein zuverlässiger Ratgeber in meinem Leben. Aber der Furcht, die aus dem Himmel wächst, welche die Furcht vor dem Unbekannten ist, die Furcht davor, etwas nicht zu verstehen, der stelle ich mich immer und immer wieder entgegen. Diese Furcht gehört besiegt. Denn wenn ich es anders machen würde, welche Geschichten hätte ich dann heute wohl zu erzählen?

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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