Die Furcht, aus der Welt hinauszufallen

Irgendwann während meines Heranwachsens wurden die vielen Vergnügungsbetriebe und Krimskrams-Stände am großen Volksfest meiner Heimatstadt von anderen Hauptattraktionen verdrängt. Die Messe fand alle zwei Jahre in der letzten Augustwoche statt. Es war die Zeit, in welcher die Sommerferien, die uns zu Beginn noch unbegrenzt erschienen waren, offiziell zu Grabe getragen wurden. Und auch, wenn man das in unserem Alter damals noch nicht gedacht hätte, bekamen wir dadurch bereits den ersten Vorgeschmack darauf, dass dieses haltlose Vorbeiwehen der Zeit, wenn man nicht gut achtgab, ebenso für unser zukünftiges Leben gelten könnte.

Das Volksfest war eine laute Angelegenheit. Ein wilder Zeitvertreib voller bunter Irrlichter und schwindelerregender Zerstreuungen, die uns die letzte Woche vor dem Schulbeginn im wilden Taumel erleben ließen. Damit gab es zu dieser Zeit auch offiziell keinen Grund, Trübsal zu blasen. Nicht, wenn einem wenige Minuten vor der eigenen Haustür ein brodelndes Sammelsurium an willkommener Ablenkung erwartete.

Wie ich zu Beginn schon erwähnte, kam irgendwann das Alter, an dem sich die kindliche Aufmerksamkeit langsam zu verwandeln begann. Dinge wurden plötzlich wichtiger, die man zwar noch nicht klar in Gedanken zu fassen vermochte –  geschweige denn ihnen gar einen konkreten Namen geben zu können – die aber trotzdem nach mehr Beachtung schrien. Ja, ich spreche in erster Linie von Mädchen.

Wie es in einer Kleinstadt so ist, kannte man sich gegenseitig zumindest vom Sehen. Es war selten, dass man am Ferienende einem völlig neuen Gesicht begegnete. Noch dazu so einem hübschen, wie ich es in diesem bestimmten Jahr inmitten der Menschenmenge des Volksfests entdecken sollte. Es war ein Anblick, den ich bis heute nicht vergessen kann. Sie war wahrscheinlich nicht viel älter als ich damals. Sie hatte dunkles Haar, das ihr seidig über die Schultern fiel. Und obwohl es ein trüber Tag war, an dem immer wieder leichter Regen vom Himmel tropfte, trug sie lediglich ein leuchtend rotes Sommerkleid, das ihr an dünnen Trägern von den zierlichen Schultern hing.

Es war noch früh am Abend. Die Dämmerung hatte aber schon damit begonnen, das erste bisschen Tageslicht zu verschlucken. Ich war gerade erst am Messegelände angekommen. Noch war ich alleine unterwegs und gerade auf der Suche nach meinen Freunden, als ich dieses wunderschöne Mädchen bemerkte. Sie stand ruhig inmitten des Gedränges und lächelte mir zu. Als sie erkannte, dass ich zu ihr hinübersah, winkte sie sofort und deutete mir, ich solle zu ihr kommen. So, als hätte sie nur auf mich gewartet. Als ich ihren schlanken Arm bei seinen grazilen Bewegungen beobachte, mit denen offensichtlich ich gemeint war, konnte ich mein Glück kaum fassen. Auch wenn mir nicht ganz klar war, woher dieses seltsame Gefühl stammte. Ich konnte sehen, wie sie ihre Lippen bewegte. Aber der Abstand zwischen uns war zu groß, um die Worte verstehen zu können.

Ich dachte nicht lange darüber nach und schob mich durch die Menschenmenge zu ihr, was leichter gesagt als getan war. Das Gewühl zu durchqueren war, wie durch einen schnellen Fluss schwimmen zu wollen. Ich besaß zu wenige Kraft und Gewicht, um mich ausreichend gegen die starke Strömung behaupten zu können, die mich schließlich auch nicht dort entließ, wo ich eigentlich hinwollte. Unterwegs war mir das fremde Mädchen kurz abhanden gekommen. Ich entdeckte durch das Gedränge aber flott wieder das strahlende Rot ihres Kleids. Es war nicht dort, wo ich es vermutet hätte. Sie befand sich nun mehrere Meter seitlich von meinem Standort. Also änderte ich sofort die Richtung und machte mich erneut auf den Weg zu ihr.

Es war das Jahr, in dem mein erster, großer Wachstumsschub mich auf den Weg zum Mann bringen sollte. Aber am Ende dieser Sommerferien war ich noch ein schlaksiges Kind, und die schlenkernden Arme, stoßenden Ellenbogen, rempelnden Schultern und dicken Bäuche machten es mir wirklich nicht einfach vorwärtszukommen. Als ich endlich dort wieder aus der Menge tauchte, wo ich sie meiner Einschätzung nach das letzte Mal gesehen hatte, war sie zu meiner großen Enttäuschung wieder nicht da.

Ich blickte mich um und entdeckte sie jetzt ein ganzes Stück hinter mir. Ich schien ihr trotz all meiner Mühen keinen Meter näher gekommen zu sein. Das Lächeln war aus dem blassen Gesicht des Mädchens verschwunden. Stattdessen wirkte sie nun verloren und traurig. Sie hatte die Arme um die Schultern gelegt, als würde sie plötzlich merken, dass das Sommerkleidchen viel zu wenige Schutz vor dem kühlen Wind bot, den der anbrechende Abend bereits mit sich brachte.

„Du kannst meine Jacke haben, wenn du willst!“, rief ich ihr zu. „Warte dort, ich komme zu dir hinüber!“ Aber all die Ringelspiele, Schießstände und Bierzelte, in denen sich unzählige Besucher vergnügten, verursachten einen derartigen Tumult, dass ich mir nicht sicher sein konnte, ob sie mich auch gehört hatte. Wieder tauchte ich in die Menschenmenge ab. Dieses Mal mit dem festen Entschluss, endlich ans Ziel zu gelangen. Unterwegs malte ich mir aus, wie ich bei der schönen Fremden ankommen würde, meinen Kapuzenpullover auszog und ihr ritterlich über die schmalen Schultern legte. Von diesen Gedanken beflügelt stemmte ich mich erwartungsvoll gegen das anhaltende Gedränge, während in der Dämmerung über mir die bunten Lichterketten angingen und die hereinziehende Nacht begrüßten.

Von irgendwoher glaubte ich, trotz des ausgelassenen Trubels um mich herum, ein leises Schluchzen zu vernehmen. Ich hegte in diesem Moment keinen Zweifel daran, dass es von der Prinzessin stammte, deren rotes Sommerkleidchen ich wie einen wegweisenden Wimpel immer wieder durch den Menschenauflauf blitzen sah. Ich schien ihr dieses Mal tatsächlich näher zu kommen. Angestachelt durch den Klagelaut, den ich zu vernehmen gedachte, senkte ich angriffslustig den Kopf und stürmte kämpferisch weiter voran.

In dem ganzen Tumult habe ich dann offenbar den Kopf verloren. Alles, woran ich noch denken konnte, war voranzukommen. Ich schob und drückte und stieß mich weiter durch die Mauer aus gesichtslosen Leibern und Gliedmaßen – immer nur weiter, immer voran – stets die hübsche Fremde vor Augen und ihr trostloses Seufzen im Ohr. Trotz des kühlen Abendwinds wurde mir unglaublich warm in der Menge. Der Schweiß lief mir in Strömen übers Gesicht. Rundherum plärrte Musik und die keifenden Durchsagen der Ringelspielbetreiber klangen plötzlich überhaupt nicht mehr witzig für mich, sondern bekamen einen zynischen Unterton. „Kommen Sie weiter, kommen Sie näher! Wir haben etwas für Sie, dass Sie so noch niemals gesehen haben!“ Der Geruch von brutzelndem Fett und überzuckerten Leckereien machte mich noch zusätzlich schwindlig. Ich war schließlich heilfroh, als ich meinen Arm zwischen die massigen Leiber zweier alter Herren schob, die gerade im Begriff waren, sich mit ihren Bierkrügen zuzuprosten. Dahinter war endlich wieder der angenehme Windhauch zu spüren, der mich wissen ließ, dass sich das Menschengedränge lichtete.

Stur zog ich den Kopf ein letztes Mal ein und zwängte mich durch die schmale Lücke, die ich inmitten den feiernden Männern fand. Einer der beiden beschwerte sich, als ich ihn forsch zur Seite schob, weil die Bresche sonst einfach nicht gereicht hätte. Ein bisschen was von der Schaumkrone auf seinem Krug tropfte mir auf den Kopf. Dann war ich durch.

Und dort sah ich zum ersten Mal das Ende der Welt.

Ich taumelte mit viel zu viel Schwung hinaus auf etwa einen halben Meter breiten steinigen Boden, der jäh an einer steil abfallen Klippe endete. Irgendwie besaß ich noch genug Geistesgegenwart, mich an einem verkrüppelten Bäumchen festzuklammern, bevor mich mein zu weit geratener Schritt über den Abgrund hinaustragen konnte. Neben mir hing das Sommerkleid der schönen Fremden von einem dürren Ast und tanzte verlassen im Wind. In der gigantischen Schlucht unter mir jammerte der aufsteigende Luftstrom, den ich irrtümlich für das Wehklagen des Mädchens gehalten hatte. Die vielfarbigen Lichterketten des Volksfests überspannten über mir den stöhnenden Schlund, in den ich beinahe gestürzt wäre. Sie führten offenbar direkt auf die andere Seite, die so weit entfernt war, dass ich sie nur verschwommen und geisterhaft im Dunst der Ferne erkannte. Diese Schlucht musste mehrere Kilometer breit sein. Aber viel absurder war, dass sie in ihrer Länge überhaupt kein Ende zu nehmen schien. Sie erstreckte sich tatsächlich quer durch die gesamte Realität – von Horizont zu Horizont.

Ich klammerte mich so fest an den Stamm des lebensrettenden Bäumchens, dass es wehtat. Über die weite Kluft wehte der gedämpfte Klang der gegenüberliegenden Seite, die ebenso ihr Volksfest abzuhalten schien, wie wir es taten. Ich hörte dieselbe Musik und dasselbe Stimmengewirr, wie jenes hinter mir. Das Echo der beiden Feste vermischte sich durch den schroffen Trichter der Schlucht und ich fühlte mich plötzlich gleichweit von beiden Seiten entfernt, obwohl ich hinter mir deutlich die schiebenden Rücken und Ellenbogen spüren konnte. Ein Schrei erklang. Als ich mich nervös nach seinem Ursprung umsah, glaubte ich, ein Stückchen weiter die Klippen hinauf, einen kurzen Blick auf eine stürzende Silhouette zu erhaschen. Ich wagte es nicht, ihr in den Abgrund nachzusehen, aus Angst, dass dies endgültig mein Schicksal besiegeln könnte, und mich ein unerbittlicher Sog nach unten reißen würde. Auf den wenigen Metern, die ich abwärts sehen konnte, ohne meinen Blick in die Tiefe senken zu müssen, reichte mir der Anblick des stürzenden Umrisses und der lose herabbaumelnden Kabelstränge und zerbrochenen Rohre, aus denen sich zum Teil Wasser über die Wände der Schlucht ergoss, völlig, um meine Neugier im Zaum zu halten. Ich konnte also nicht erkennen, wie tief dieser breite Riss in der Welt tatsächlich war. Aber ich ging davon aus, dass er sehr tief war. Das panische Gebrüll hallte noch länger nach, als mir lieb gewesen wäre. Es hörte sich so an, als wäre es schlussendlich von der schieren Tiefe des Abgrunds geschluckt worden, aber nicht so, als wäre der Ursprung des Schreis auch wirklich verklungen. Er war nur irgendwann einfach außerhalb der Reichweite meines Gehörs.

Soweit ich blicken konnte standen die Menschen entlang der Schlucht allesamt mit dem Rücken zu mir und ignorierten völlig, was sich gerade hinter ihnen abspielte. Ich versuchte verzweifelt rückwärts zu gehen. Wagte es dabei aber nicht, mich umzudrehen, weil das gleichzeitig geheißen hätte, den dünnen Stamm des Baums auszulassen und – wenn auch vielleicht nur kurz – schutzlos dem Ende der Welt ausgeliefert zu sein. Der Wind peitschte mir unterdessen ständig das verlassene Kleid des Mädchens ins Gesicht. Ich fragte mich, wo sie wohl war und warum es hier hing. Ob es als Köder oder Warnung hier festgemacht worden war. Oder war gar sie selbst der Lockvogel gewesen, der mich arglos über den Rand der Welt hinauslotsen sollte?

Ein weiterer Schrei riss mich aus meinen Überlegungen. Noch jemand war über die Klippe in den Abgrund gestürzt. Das Volksfest schien derweilen ungestört hinter mir weiterzugehen. Die abgewandte Menge rempelte und drängte mich ohne Rücksicht auf den schmalen, schroffen Sims hinaus. Ich versuchte mich durch Rufe bemerkbar zu machen. Aber niemanden schien es zu kümmern. Wieder ertönte das entsetzte Geheul eines Stürzenden. Dieses Mal gar nicht so weit entfernt von mir. Ich hatte ja selber kaum noch Platz vor den Füßen. Der einzige Grund, warum ich noch nicht fiel, war das dürre, verkümmerte Bäumchen, an dem ich fieberhaft festhielt. Schlagartig wurde mir klar, dass dieses stete Jammern vom Boden der Schlucht – so es denn überhaupt einen gab – von all den Gestürzten stammen musste, die von dort unten keine Möglichkeit hatten, in die Welt zurückzukehren.

Ein unerwartet kräftiger Stoß in die Kniekehlen sandte mich schließlich über den Abgrund hinaus. Ich hing nun mit meinem ganzen Gewicht an dem Bäumchen und konnte bereits deutlich spüren, wie es sich unter der Last nach unten bog. Das flatternde Kleid wickelte sich  um mich und nahm mir die Sicht. Das Ende der Welt zerrte gierig an meinen Füßen. In diesem Moment stellte sich eigentlich nur noch die Frage, ob mich zuerst die Kraft in meinen Fingern verließ oder das überbeanspruchte Bäumchen brach. Eine Frage, die gleich darauf durch das laute Krachen von Holz beantwortet wurde. Panisch fuhr ich mit den Armen durch die Luft und suchte nach Halt. Das Kleid, das sich eng um mich geschlungen hatte, behinderte mich dabei massiv. Ich fiel. Dann ergriff mich der Wind aus der Tiefe und fuhr zornig in den Stoff des Kleids, blähte es auf wie ein Segel, und trug mich unerwartet zurück auf den Felssims.

Meine Füße hatten plötzlich wieder Halt, aber es war alles so schnell gegangen, dass ich auf dem begrenzten Platz mit dem Gleichgewicht kämpfte. Noch im selben Moment, in dem ich aufkam, drohte ich bereits wieder rückwärts zu kippen. Das Kleid hatte sich von mir gelöst und fuhr hinter mir laut knatternd in die Tiefe hinab. Davon wäre also keine weitere Rettung zu erwarten. Ich stand an der Klippe und flatterte hilflos mit den Armen. Jeden Moment würde sich mir nun der gleiche Schrei entringen, wie all den unglücklichen Gestürzten vor mir. Dann wäre ich nur eine weitere, kaum hörbare Stimme im leisen Wehklagen all jener, die aus dieser Welt hinausgefallen waren, und nur noch von Menschen wie mir wahrgenommen werden sollen, die dazu verdammt waren, ihnen zu folgen.

Warum? Weil ich leichtgläubig dem schönen Mädchen gefolgt war? Sollte dies wirklich das große Verbrechen sein, welches mich in den Abgrund verbannte? Unter anderen Umständen hätte ich mich geweigert, das zu glauben. Aber am Klippenrand, wild mit den Händen schlagend, war ich gezwungenermaßen mit anderen Dingen beschäftig, als mit dem Glauben.

Ich kippte nach hinten.

Ehe ich diesmal den Boden unter den Füßen verlor, warf ich mit letzter Verzweiflung meine Hände nach vorne und bekam gerade noch den Jackenschoß eines abgewendeten Mannes zu fassen. Ich schaffte es tatsächlich mich mit immenser Anstrengung daran wieder hochzuziehen. Sobald ich in Greifweite war, hakte ich mich dann noch unter dem Gürtel des Nebenmannes fest, und drängte mich, sofort nachdem ich halbwegs sicheren Stand gefunden hatte, wieder in die Menschenmenge hinein. Ich schob sie ohne Rücksicht mit den Schultern und Ellenbogen zur Seite und kämpfte mich tief zurück ins Gedränge. Ich wagte es erst, mich wieder umzudrehen, als das Jammern der Schlucht hinter mir verklungen war.

Da stand sie wieder. Inmitten der Menschenmenge und winkte. Als wäre nichts geschehen. In ihrem roten Sonnenkleid war sie immer noch so schön wie vorhin, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Sie bewegte die Lippen und schien mir erneut etwas sagen zu wollen, aber ich konnte sie durch den wiederaufgekommenen Tumult des Volksfests nicht verstehen. Sie wirkte traurig und ich ertappte mich in diesem Moment bei dem Gedanken, ob sie wirklich Böses im Schilde führen könnte.

„Da bist du ja.“, schrie mir jemand ins Ohr und schlug mir kräftig auf den Rücken. Meine Freunde hatten mich gefunden und umringten mich feixend. Ich war froh sie zu sehen, aber erzählte ihnen, trotz meiner immer noch schlotternden Knie, weder von dem Mädchen noch vom Ende der Welt. So gern ich sie auch hatte, ich wusste, manche Dinge hätten sie einfach nicht verstanden. Ich galt so und so schon als der Sonderling der Truppe, weil ich die Nase ständig in Büchern hatte. Zwar glaubten wir alle zusammen damals noch an Geister. Wer hat das in diesem Alter wohl nicht getan? Aber wir waren nicht mehr bereit, darüber zu sprechen. Weil wir wohl Angst davor hatten, dass es uns noch wie Kinder wirken lassen könnte, obwohl wir eigentlich bereits alles daran setzten, erwachsen zu sein. Goldene Zeit, törichte Zeit, in denen wir uns noch über diejenigen lustig machten, die uns versicherten, dass wir uns schon bald nach diesen Jahren voller Magie zurücksehnen würden. Sie sollten allesamt recht behalten.

Als mich wenige Minuten später die Gondel unseres diesjährigen Lieblingsgefährts langsam nach oben zog, sah ich weit über die Stadt hinweg. Nirgends waren Anzeichen zu finden, dass die furchteinflößende Klamm tatsächlich dagewesen wäre. Der Himmel färbte sich allmählich wie Tinte, die ins Wasser lief, und sich dabei alle Zeit der Welt nahm. Unter uns schaukelten die strahlenden Lichterketten und gewannen in der Dämmerung schön langsam an Legitimation. Die unzähligen Messebesucher waren, von hier oben betrachtet, nicht mehr als ein stetiger Strom herumtreibender Schatten. Als die Gondel am höchsten Punkt laut in den Mechanismus einrastete, glaubte ich im Gedrängel unter uns ein kurzes Aufblitzen des roten Kleids zu bemerken. Dann ließ uns die Vorrichtung los und katapultierte uns in eine rasende Umlaufbahn, in der ich mich auf andere Dinge konzentrieren musste. Zum Beispiel mir vor meinen Freunden nicht die Blöße zu geben, panisch aufzuschreien, während wir wie die Irren im Kreis herumgeschleudert wurden, und ich inständig hoffte, dass der Bügel, der mich niederdrückte, nicht brach und ich dadurch haltlos in den Himmel schoss.

Als wir mit wackligen Beinen wieder entlassen wurden, hatte ich für jenen Abend die Gedanken über Abgründe und schöne Fremde aus den Augen verloren. Stattdessen widmete ich mich wichtigeren Dingen, wie etwa irgendwo ein Bier zu ergaunern und es vor den Mädchen, die uns über den Weg liefen in kleinen Schlucken hinunterzuwürgen, als wäre es das Beste, was wir jemals getrunken haben. Der Abend war kühl, die Sommerferien fast vorbei, aber abgelenkt durch unsere Tollereien war die Welt wieder im Lot.

An jenem Tag konnte ich auch noch nicht wissen, dass mich das Mädchen in Rot von nun an ständig begleiten würde. Als unnahbare Schöne, die in großen Menschenansammlungen stets darauf wartet, mich in den Abgrund zu locken. Oder mich davor zu erretten? Das kann ich bis heute nicht genau sagen. Sie ist  gemeinsam mit mir älter geworden. Aber ich sehe sie nicht allzu oft. Meist ist es lediglich das kurze Aufblitzen ihres leuchtenden Sommerkleidchens, das hinter den regsamen Reihen großer Menschenmengen um meine Aufmerksamkeit wirbt. Ich war schon mehrmals in großer Versuchung, ihr wieder zu folgen und sie zur Rede zu stellen. Aber die Furcht vor dem Abgrund und die Erinnerung an die Schreie der Stürzenden schrecken mich dann immer davor ab. Es stimmt schon, ich bin heute größer und schwerer, und verfüge eventuell über die nötige Kraft, mich gegen die Menge entsprechend zur Wehr zu setzen. Aber ich bin nicht dazu bereit, mein Leben darauf zu verwetten.

Trotzdem bleibt die bohrende Frage, die mich seit unserer ersten Begegnung verfolgt. Ich habe mir das Gesicht des schönen Mädchens seit damals oft in Erinnerung gerufen und zusammengereimt, was ihre Lippenbewegungen zu bedeuten hatten. Irgendwann werde ich mir vielleicht das Herz nehmen, und sie fragen, was sie mir damit wirklich sagen wollte. Ich werde sie fragen, ob sie gekommen ist, um mich letztendlich hinunterzustoßen oder sicher an die Klippen zu binden. Vielleicht ja als Gefährten, der sie endlich der Einsamkeit entreißt, die sie zweifellos am Rande der Welt verspüren muss. Aber eigentlich ist mir die Bedeutung ihrer Worte schon seit Langem klar.

„Heute bist du vor dem Abgrund, aber morgen schon bist du zwei Schritte weiter.“

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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2 Kommentare auf "Die Furcht, aus der Welt hinauszufallen"

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Karin Reddemann
Webmaster

Ausgezeichnet. Liest sich wie im Flug…in den Abgrund.

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