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Die Freundin

1
„Trau niemals deinen Augen. Horch!“, hatte ihr der Vater auf dem Totenbett gesagt. Als er starb, hatte sie mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen, die Hände in ihrem Schoss zu zwei kleinen Fäusten geballt, während sie angestrengt den letzten Atemzügen ihres Vaters lauschte. Als es still geworden war, entkrampften sich ihre Hände. Langsam rieb sie sich die noch zusammengekniffenen Augen, hörte, wie Schritte herbeieilten, den unterdrückten Schrei der Mutter. Als sie die Augen öffnete, war nichts mehr, wie es gewesen war.

2
Hatten sie bislang nur immer stumm miteinander gespielt und das Leben so nachgestellt, wie sie es sahen, verbrachten sie jetzt die Nachmittage nach der Schule in Gespräche vertieft. Teresa sagte zum Beispiel: Da hinter der Mauer ist nichts. Die Mauer gibt vor, etwas zu verbergen, aber dahinter ist nichts. Mauern sind alle gleich. Sie versprechen uns das Paradies oder die Hölle. Es gibt weder noch. Und Cristina antwortete: Ganz so einfach ist das nicht. Die Mauer ist ein Geräusch. Hörst du’s nicht? Und dann lauschten sie beide auf die Geräusche, die die Mauer machte. Mal war es ein Rauschen, das anhob und dann wieder abebbte, ein andermal ein Klopfen wie von einem unsichtbaren Schuh.

3
Nach dem Tod des Vaters verließ Teresa das Haus nicht mehr. Sie wagte sich höchstens noch in den Garten, wo sie mit geschlossenen Augen und tastender Hand der Mauer entlangging. Da war eine Stelle, an der Gartenmauer und Hauswand eine schmale Gasse bildeten. Hier erzeugten ihre Schritte ein Echo, als gingen Dutzende gleich ihr im Gänseschritt. Wenn das Echo verstummte, wusste sie, dass sie wieder alleine war. Sie hörte den Wind in den Bäumen und spürte ihn in ihren Locken.

4
Du kannst den Wind nicht sehen, erklärte ihr Cristina dann am Nachmittag, nachdem Teresas Privatlehrer ihr am Morgen keine Antwort auf ihre Fragen hatte geben können. Aber du spürst ihn. Wenn du die Augen öffnen würdest, könntest du die Wolken sehen. Aber du würdest sie nicht spüren. Verstehst du?

5
Teresas Mutter machte sich Sorgen um ihre Tochter. Sie hatte Angst, dass sie vereinsamen würde, wenn sie sich weiterhin weigerte, das Haus zu verlassen. Einmal hatte sie versucht, Teresa hinauszuzerren, doch vor dem Tor hatte sich das Kind auf den Boden geworfen und sich die Ohren zugehalten. Die Ärzte konnten sich keinen Reim darauf machen. Eine Ohrenentzündung war auszuschließen. Noch mehr Kummer machte ihnen aber Teresas Blindheit. Knipsten sie ihre Taschenlämpchen an und leuchteten damit in ihre Augen, verengten sich ihre Pupillen. Physiologisch schien alles in bester Ordnung zu sein. Weshalb sah sie nichts? Teresa, ermüdet von den Fachsimpeleien der Mediziner, meinte nur: „Cristina wartet auf mich.“

6
Es gibt mehr Geräusche auf der Welt als Formen, mehr Stimmen als Farben. Formen und Farben wiederholen sich, aber keine Stimme ist wie die andere, erklärte ihr Cristina an jenem Nachmittag. Manchmal kann einem das, was man hört, einfach zu viel sein. Du bleibst vorerst besser diesseits der Mauer. Teresa versuchte zu bestimmen, aus welcher Richtung Cristinas Stimme kam. Manchmal schien ihre Stimme sich hinter den Bäumen im Garten zu verstecken, ein andermal schien es der Wind zu sein, der sie herübertrug. Einmal hatte Teresa den Eindruck, Cristinas Stimme sei nur ein Echo in ihrem eigenen Kopf.

7
„Cristina gibt es nicht!“, hatte die Mutter verzweifelt ausgerufen. „Würdest du die Augen öffnen, würdest du sehen, dass sie nicht existiert!“ Trau niemals deinen Augen. Teresas Freundin war vielleicht unsichtbar, aber jedes Mal, wenn Cristina mit ihr sprach, verkrampften sich Teresas Hände vor Schmerz zu Fäusten. Sie sah Cristina nicht, aber sie spürte sie. Behutsam fuhr sich Teresa mit der Hand unter die Locken und über die unzähligen, zum Teil schon vernarbten Bisswunden in ihrem Nacken.

Bild: Markus A. Hediger

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