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Die Dämonischen

RKO Radio Pictures

Da ich ein großer Freund alter s/w Filme bin, wurde ich gefragt, ob ich denn nicht einen meiner Lieblingsfilme im Phantastikon vorstellen möchte. Natürlich möchte ich das, und die Wahl war dann auch relativ schnell getroffen.

Zwar liebäugelte ich noch mit Howard Hawks „Das Ding aus einer anderen Welt“, aber ich habe mich dann doch für Don Siegels „Die Dämonischen“ entschieden.

Dieser Streifen ist eine Verfilmung von Jack Finneys Science Fiction-Roman „The Body Snatchers“. Jack Finney schrieb seinen Roman 1954, und zunächst erschien er als Fortsetzungsgeschichte in einem Magazin, dessen Titel ich jetzt zu faul bin rauszusuchen.

Etwa ein Jahr darauf erschien „The Body Snatchers“ erstmals als Taschenbuch. Mir persönlich ist die deutsche Ausgabe „Unsichtbare Parasiten“ aus der Groschenroman-Reihe „Terra Nova“ bekannt. Da auch ich nicht alles kenne, bin ich mal davon ausgegangen, dass es sich dabei um den Originalroman handelt.

Diese Sache ist nicht wirklich einfach, denn Jack Finney hat seinen Roman mindestens einmal umgeschrieben. Das habe ich erst vor wenigen Tagen rausgefunden, als ich mal wieder in die Buchhandlung gewackelt bin, und mal schauen wollte, was der gute Mann sonst noch so geschrieben hat. Meine Verwunderung über eine 240 Seiten starke Fassung entsprach in etwa meiner Verwunderung, wenn irgendein Politiker oder Konzernfuzzi bei einer miesen Sauerei ertappt wurde, und tatsächlich sowas wie echtes Unrechtsbewusstsein an den Tag legt. Die beiden Romanvorlagen weisen dann doch ordentliche Unterschiede auf. Auch gegenüber Don Siegels Verfilmung von 1956.

Ich kann es mir (wieder einmal) nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass „Die Dämonischen“ keineswegs die Angst vor dem Kommunismus widerspiegelt, welche in den USA der 50er Jahre herrschte. Sowohl Jack Finney, als auch Don Siegel und auch die Produzenten haben es weit von sich gewiesen, dass der Film irgendeine politische Aussagen habe. Der Film diene rein der Unterhaltung und alles andere wurde von ganz wichtigen Leuten angedichtet, weil es eben so schön ins Zeitgeschehen passte.

Ich halte das für genau so einen Schwachsinn, wie bei “Dawn of the Dead” von Konsumkritik zu faseln, nur weil der Film in einem Kaufhaus spielt. Im übrigen hat auch George Romero in einem Interview mit dem Kinomagazin Moviestar (Mitte bis Ende der 90er Jahre), ebenfalls mal eine Aussage getroffen, dass er nichts weiter als einen Horrorfilm drehen wollte. Nur hat er gemerkt, dass es dem Verkauf seiner Filme dient, wenn er genau auf diesen Zug aufspringt. Man könnte beinahe glauben, dass es Leute gibt, die solche Geschichten als Rechtfertigung brauchen, dafür, dass sie sich solch vermeintlichen Schund ansehen.

Aber das mal nur am Rande

Wem ich bis jetzt nicht auf die Füße getreten bin, dem möchte ich nun den Film vorstellen.

Bei seinem Erscheinen war die öffentliche Meinung doch recht zurückhaltend und ließ wohl nur verhaltene Begeisterung erkennen. Heute gilt der Film als einer der wichtigsten Invasionsfilme der 50er Jahre. Schon die Eröffnungssequenz mit der Titelmusik ist eine wahre Pracht, und das Musikstück wurde von mehreren Bands aus dem Metal und Punk in eigene Songs mit eingebaut. Namentlich fällt mir da spontan die Band „Der Fluch“ ein. Das Stück verbreitet eine gewisse Dynamik, und so hält sich der Film auch nicht lange mit Kleinigkeiten auf.

Der junge Landarzt Doctor Miles Bennell kehrt nach längerer Abwesenheit in seine Heimatstadt Santa Mira zurück (im Buch heißt der Ort noch Mill Valley). Beinahe hätte der Doctor einen kleinen Jungen überfahren, der ihm mal eben so vors Auto rannte. Zur Rede gestellt, weshalb er denn ohne zu schauen auf die Straße laufe, läuft der Junge davon. Die hinzugekommene Oma erklärt dem Arzt, dass der Junge von panischer Angst erfüllt sei, denn er ist überzeugt, dass seine Mutter nicht länger seine Mutter ist. (Herrlich, ich bekomme Gänsehaut während ich dies schreibe, und das, obwohl ich den Film ganz locker über 30 mal gesehen habe).

Später in der Arztpraxis wird der Junge dies noch einmal bestätigen.

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Ich will nicht zu viel verraten, denn vielleicht wollt ihr euch den Film ja noch selbst anschauen, aber Doctor Bennell merkt rasch, dass in seiner Heimatstadt einiges nicht in Ordnung scheint. Geschäfte und Restaurants, die vor wenigen Wochen noch gut liefen, haben nun kaum noch Gäste oder Kundschaft, oder haben sogar ganz geschlossen.

Überhaupt sieht man wenig Leute auf der Straße. Wirklich seltsam wird es allerdings, als Doctor Bennell von einer lieben Freundin und Jugendliebe Becky Driscoll erfährt, dass deren Cousine Wilma glaubt, dass ihr Onkel nicht ihr Onkel sei. Das ist nun wirklich ein starkes Stück, und der Arzt weiß sich nicht anders zu helfen, als die Patienten an den Psychiater Dr. Kaufmann zu überweisen. Dieser hat bereits schon ein paar Patienten mit den gleichen Symptomen. Dr. Kaufmann vermutet eine Art epidemische Massenhysterie.

Weitaus rätselhafter wird die Geschichte noch, als sich Miles Freund Jack bei ihm meldet. Jack möchte dem Doctor etwas zeigen, und zuvor drängt er ihn, auf gar keinen Fall die Polizei einzuschalten …

Nun, in Jacks Wohnung liegt eine männliche Leiche (typisch Schriftsteller … bei denen sieht’s immer aus!). So hat es zumindest den Anschein, doch nach eingehender Untersuchung ist sich Doctor Bennell nicht wirklich sicher, ob es sich tatsächlich um eine Leiche handelt. Ja, er ist sich nicht einmal sicher, ob dies tatsächlich ein Mensch ist …

So, über den weiteren Verlauf der Story will ich mich nicht näher auslassen.

Die Rolle von Miles Bennell wird von Kevin McCarthy gespielt, dem man durchaus ein gewisses Maß an Overacting nachsagen kann, aber in diesem Fall halte ich ihn für eine gelungene Besetzung. Kevin McCarthy ist irgendwie eine leicht unangenehme Person, wobei ich nicht sagen kann, warum ich so empfinde. Das Overacting finde ich jetzt nicht so schlimm. Ich habe von dem Mann auch nicht sonderlich viel gesehen, weiß aber, dass er im Alter in das Genre der Komödie wechselte.

Und siehe da …

Das kann er sogar richtig gut, und sein Overacting passt da auch hin.

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Dana Wynter, welche die Rolle von Becky Driscoll spielt, müßte ebenfalls eine bekannte Schauspielerin ihrer Zeit sein. Der Name ist mir jedenfalls auch aus anderen Werken bekannt, auch wenn mir jetzt kein Titel einfallen möchte.

Nun ja, zu ihrer Rolle gibt es relativ wenig zu sagen. In den 50er Jahren hatten die Frauen im Film, in der Regel, Hilfe und Rettung suchend in der Ecke zu stehen, bis irgendwann Capt’n Dicke Hose um die Ecke kommt, und alles wieder ins Reine bringt.

Zum Glück entspricht Dana Wynters Rolle nicht ganz diesem Klischee, und ganz sicher ist sie keine Scream Queen.

Alle weiteren Schauspieler bekommt man nur kurz zu Gesicht. Dr. Kaufmann sieht ein wenig aus wie ein Honigkuchenmann, aber sonst habe ich an der Besetzung nichts zu meckern. King Donnovan als Jack Bellicec fand ich noch recht überzeugend.

Dem Zuschauer geht es im Grunde so wie dem Doctor und seiner Freundin Becky (in der deutschen Fassung heißt sie übrigens Mary), sie werden bei Zeiten von den Ereignissen überrollt.

Da bleibt kaum Luft zu atmen.

So ist das, was die Hauptdarsteller erleben, eine Aneinanderreihung von verzweifelten Versuchen, irgendwie Hilfe herbei zu rufen. Die Polizei, das FBI oder das Militär … Irgendjemand!

Doch die Lage ist nahezu aussichtslos, und so bleibt letztendlich nur die Flucht. (Der Film ist hier keineswegs zu Ende).

Ich halte diesen Film für ein ganz wundervolles Beispiel dafür, wie man mit wenig Geld, eigentlich ziemlich miesen Effekten, dafür aber mit gekonntem Szeneaufbau, Gespür für Dramaturgie, guter Kameraführung usw., einen echten Reißer drehen kann, der zwar weniger auf Effekte, dafür aber um so mehr auf Spannung aufbaut. Hier stimmt wirklich das Zusammenspiel all dieser Elemente, und der unheilvolle Sound setzt auf den Wimpernschlag genau ein.

Es ist das Gesamtwerk, welches diesen Film zu einem Hit macht. Dazu gehören auch solche Kleinigkeiten wie der Klang der Sirene gegen Ende des Films. Das entspricht nicht wirklich dem Klang einer üblichen Feuersirene. Im Buch wird diesem zermürbenden Geräusch sogar noch mehr Bedeutung zugewiesen.

Auch das Ende unterscheidet sich deutlich vom Ende der Romanvorlage, und in diesem Fall bin ich doch echt mal dankbar dafür, denn das Ende des Films gefällt mir weit besser als das Ende des Buches. Im Film bekommt der Zuschauer ein quasi offenes Ende. Zwar scheint die Richtung klar zu sein, aber die Fantasie kennt nun mal keine Grenzen.

Womöglich ebenfalls recht ungewöhnlich dürfte sein, dass man das Ende auch nicht wirklich als Happy End sehen kann. Und das, wo doch die Amerikaner so großen Wert darauf legen, dass am Ende das Gute siegt und die Welt wieder in Ordnung ist.

Soweit mein Wissen noch aktuell ist, wurde Jack Finneys Roman viermal verfilmt. Von diesen halte ich aber lediglich Philip Kaufmanns „Die Körperfresser kommen“ mit Donald Sutherland in der Hauptrolle für gelungen und erwähnenswert. Über die Qualität dieser Werke kann man streiten, aber die Intensität des Originals erreichen sie alle nicht. Wo man sich in späteren Verfilmungen auf recht unangenehme Darstellungen besann, baut Don Siegel noch auf Spannung auf. Man könnte sogar von einem Frühwerk des Terrorfilms reden. Ich könnte jetzt locker noch eine Stunde so weiter machen und auf zahlreiche Details des Films hinweisen, aber es liegt nicht in meiner Absicht, euch den Film zu erzählen, sondern ihn euch schmackhaft zu machen.

Dann wünsche ich euch noch viel Vergnügen, und vergesst die alten Filmklassiker nicht, die oftmals weit mehr zu bieten haben als Titten, Effektgewitter und durch die Luft wirbelnde Leichenteile.

Und nicht vergessen …

Ihr seid die Nächsten!

Roland Benz

Roland Benz, geb. 1971, aus dem südhessischen Darmstadt. Schreibt Horrorgeschichten und Schauerreime. Diese präsentiert er seinem Publikum im Rahmen szenischer Lesungen, unter Einsatz von Soundeinspielungen, Lichteffekten, Nebelmaschinen und Walking Acts. Er selbst sieht sich eher als Geschichtenerzähler denn als Buchautor. Der Auftritt vor Publikum bedeutet ihm mehr als das gedruckte Wort. Darüber hinaus bereitet es ihm viel Freude, sich aufwendig zu schminken und zu verkleiden, er bastelt allerlei Kostüme und organisiert Fotoshootings der gruseligen Art. Hierzu und auch für seine Lesungen hat er eine beachtliche Zahl an Freunden und Unterstützern um sich versammelt, die seine Auftritte in dieser Art überhaupt erst möglich machen. Fragt man ihn nach seinen Hobbys, wird man erfahren, dass er sich als Forschungsreisender (und Geschichtensammler) in Sachen Horror sieht. Diese Leidenschaft umfasst Bücher, Comics, Filme, Hörspiele und Games. Trotz all dieser eher düsteren Interessen, ist er ein geselliger Mensch mit einer gesunden Portion Humor, der auch über sich selbst lachen kann.

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