Die Chroniken von Chaos und Ordnung: Chara

Judith und Heinz Praßl sind ein österreichisches Autoren Duo, das mit den Chroniken von Chaos und Ordnung ein beeindruckendes High Fantasy-Epos geschaffen hat. Der Zyklus umfasst acht Bände, von denen mittlerweile fünf Bände erschienen sind. Beide Autoren sind leidenschaftliche Rollenspieler, Heinz Praßl gründete einen Mittelalterverein und leitet eine Pen & Paper-Rollenspielgruppe. Die Lesungen zu den Romanen werden oft von mittelalterliche Musik untermalt. In dieser Romanreihe geht es um die Grundlegende Frage von Chaos und Ordnung. Wie im Spiel der Götter, tauchen hier eine Unzahl von Figuren auf, jede mit Liebe entworfen und jede einzigartig. Meine Lieblingsfigur ist Chara, eine junge Frau, die so gar nicht in das einfache Konzept von schwarz und weiß passt. Eine junge Frau, die stur und unbeugsam ihren Weg geht, egal, welche Konsequenzen das für sie und ihre Mitmenschen hat.

Amalea

Vor beinahe fünfzig Tausend Jahren tauchten die ersten Menschen in Amalea auf. Seitdem herrscht auf dieser Welt, die aus vier Kontinenten besteht, ein immerwährender Krieg zwischen Chaos und Ordnung. Im Jahre 340 nGF scheint das Chaos besiegt, nur einer weiß, dass den Menschen der letzte Krieg erst noch bevorsteht, und dass jeder sich für eine Seite entscheiden muss.

Kindheit und Jugend in Chryseia

Chara wurde in Chryseia in der Stadt Agyra geboren. So nimmt man an, denn dort wurde sie, ausgesetzt in einer Kiste, gefunden. Tomein, ein Straßenganove, nimmt das Kind bei sich auf und lehrt es den Überlebenskampf auf der Straße. Da Chara ein Mädchen und zudem relativ klein und schmächtig ist, muss sie lernen, schneller und besser zu sein als alle anderen,mit denen sie zusammen lebt. Eine Horde aus Dieben, Bettlern und Mördern. Sie lernt während ihrer Kindheit und Jugend keine Liebe, Wärme oder Zuneigung kennen und verhärtet ihr Innerstes gegen solche Gefühle. Gefühle sind Schwäche und machen angreifbar und verletzlich. Obwohl das nicht korrekt ausgedrückt ist, sie kennt solche Emotionen einfach nicht und empfindet sie somit auch nicht. Niemals hat jemand in ihrer Umgebung und in ihrem Leben solche Gefühle gezeigt. Und was man nicht kennt,
vermisst man nicht.

Als Chara 15 Jahre alt ist, bringt ihr Ziehvater Tomein sie in die alte Stadt Kresopolis, wo sie in die Obhut des dortigen Bettlerkönigs übergeben wird. Obwohl sie eigentlich schon zu alt ist, um in die Diebesgilde aufgenommen zu werden, bildet der Bettlerkönig das junge Mädchen zur Assassinin aus. Zu dieser Ausbildung gehört auch der Unterricht in höfisches Benehmen, Sitten und Gebräuche sowie das Studium der Philosophie. Sie selbst stählt ihren Körper immer weiter, teils mit Krafttraining, teils mit Akrobatik. Sie sieht sich und ihren Körper als eine Waffe. Eine Waffe, die sie nutzt, um zu töten und zu überleben.

Diese Jahre bilden den Grundstein für ihre Entwicklung und stählen sie für die Zukunft. Töten ist keine Leidenschaft sondern wird ihre Profession

Valianisches Imperium

(c) Judith Praßl

Im Alter von 27 Jahren wird Chara in das Valianische Imperium geschickt, um dort für den Bettlerkönig zu spionieren. Unter einer Tarnidentität macht sie sich dort einen Namen als Leibwächterin.

Sie trifft zum ersten Mal auf ihre zukünftigen Gefährten und es beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Thorn Gandir ist ein Held des Valianischen Imperiums, Telos Malakin ist ein Priester des Kriegsgottes Agrammon und Bargh Barrowsøn ist ein Krieger aus dem hohen Norden.

Zusammen verfolgen sie die Diebe von Valians Zepter, einem Machtsymbol des Valianischen Reiches, das den Machtanspruch des Cäsaren belegt.

Hier muss Chara zum ersten Mal in einer Gruppe agieren, was ihr nicht leicht fällt. Sie ist Einsamkeit gewohnt, trifft stets ihre eigenen Entscheidungen, handelt absolut rational und ohne Rücksicht auf die Empfindungen anderer. Ihre Gedanken teilt sie lediglich ihrem kleinen schwarzen Buch mit, niemals ihren Reisebegleitern oder Mitmenschen.

Die Verfolgung führt die Gruppe bis in das ferne Aschran, wo sie von Orks gefangen genommen und eingekerkert werden. Sie sind Gefangene des berühmt berüchtigten Alten vom Berg, Al’ Jebal, einer der letzten überlebenden Chaosanhänger. Der undurchschaubare Mann bietet Chara an, in seine Dienste zu treten und seiner Assassinentruppe beizutreten. Dachte Chara bisher, ihre Leistungsfähigkeit erreicht zu haben, muss sie feststellen, dass ihr Können und ihre körperliche Fitness bei weitem nicht ausreichen, um Al’Jebals Assassinen mitzuhalten. Chara hat nur ein Ziel, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Waren ihre bisherigen Taten und Entscheidungen auf ihr Überleben gerichtet, so möchte sie nun Al’ Jebal gerecht werden. Sie verfällt regelrecht seinem Charme und seinem Einfluss. Ihr Verhalten grenzt an Hörigkeit. Sie wendet sich sogar gegen ihre Weggefährten, die ebenfalls, teils freiwillig, teils widerstrebend, in den Dienst des Alten vom Berg getreten sind.

Aschran

Chara ist am Ziel ihrer Träume angelangt, dem mächtigsten Bund der Mördergilde anzugehören und dem berühmten Magier zu dienen. Endlich hat sie jemanden gefunden, der ihr alle Entscheidungen aus der Hand nimmt und nur eines von ihr verlangt: Gehorsam. Doch Gehorsam ist keine Charaktereigenschaft, die bei Chara vorhält. Obwohl sie allen Befehlen gehorcht und alle Befehle ausführt, hinterfragt sie diese doch insgeheim.. Sie wird zusammen mit ihren alten Gefährten mehrmals auf eine Mission innerhalb des Reiches geschickt um ihre Fähigkeiten und ihren Gehorsam zu beweisen. Sie kennen die Hintergründe dieser Missionen nicht und wissen nicht, dass sie als Vorbereitungen für den großen Krieg zwischen Chaos und Ordnung dienen. Chara beweist hier, dass sie alle Aufträge ungefragt ausführt und keinen Unterschied zwischen Freund und Feind macht, um die gesetzten Ziele zu erreichen.

Lediglich ihrem kleinen schwarzen Buch, dass sie stets mit sich führt, lässt sie ihren Gedanken, Überlegungen und Gefühlen freien Lauf. Hier erfahren wir mehr über diese ambivalente Frau, und dass sie keineswegs nur die emotionslose Assassinin ist, wie sie nach außen scheint.

Veränderungen

(c) Judith Praßl

Sich in die Dienste Al’ Jebals zu stellen ist für Chara eine Flucht und eine Überlebenstaktik. Es ist kaum vorstellbar, dass sie ihr Leben alleine gemeistert hätte, ohne jemanden, der ihr ein Ziel gibt und Gehorsam verlangt. Doch jetzt, wo sie am Ziel angekommen ist, ein Zuhause gefunden und den Respekt ihrer Kameraden gewonnen hat, bröckelt ihre innere Mauer. Menschlich sein macht ihr Angst, doch das würde sie niemals zugeben. Ihr Tagebuch zeigt uns, dass Charas Denken wesentlich strukturierter ist, als ihr Auftreten innerhalb der Gruppe vermuten lässt. Jeder muss lernen, hinter diese Fassade zu schauen und nur sehr wenigen gelingt es. Der Unterschied zwischen der handelnden Chara und der Chara, die ihre Gedanken ihrem Tagebuch anvertraut, ist gewaltig. Während ihrer Aufträge verbietet sie sich jegliche Gedanken und Gefühle. Dann ist sie stur, still und emotionslos. Doch wenn sie schreibt, lässt sie sich treiben und ihre tiefsten Gedanken, Zweifel und Fragen perlen an die Oberfläche. Nie zeigt sie ihren Kampfgefährten ihr wahres Gesicht, doch wir dürfen miterleben, wie sich die junge Frau entwickelt und geistig reift. Ihren Mitmenschen zeigt sie eine Maske der Unnahbarkeit, nie gibt sie sich eine Blöße. Doch Al’ Jebal weiß, dass er eine schwarze Rose mit vielen Dornen für seinen Plan gewonnen hat.

Mit der Zeit erkennt Chara hinter Al’ Jebals Handlungen und Aufträgen den großen Plan. Der charismatische und furchteinflößende Anführer schickt seine Figuren in Stellung, Chara ist seine Königin in diesem Spiel. Scheinbar ohne Macht und doch machtvoll. Al’Jebal ist zeitlos, er lebt und plant aus der Vergangenheit heraus bis weit in die Zukunft hinein. Doch welche Rolle spielt Chara in diesem Plan? Warum hat er sie in seine Dienste genommen? Angst, Unsicherheit aber auch ihr unbekannte Gefühle verunsichern sie. Sie wird menschlicher, bleibt aber weiterhin eine Einzelgängerin und trifft ihre Entscheidungen weiterhin ohne Rücksichten. Obwohl sie während der diversen Missionen gefangen genommen und gefoltert wird, unbeschreibliches Grauen erlebt, ist es dieses Stoische, dass sie davor bewahrt zusammenzubrechen, den Halt zu verlieren und sich dem Chaos hinzugeben.

Das Öffnen ihres Wesens stellt für Chara eine fast so große Gefahr dar, wie die Gewalt, die sie erlebt.

Als die Magierin Lucretia L’Incarto zu den Gefährten stößt, bekommt Chara so etwas wie Konkurrenz. Lucretia stellt sich ebenfalls auf die Seite Al’Jebals. Ihr sonniges Gemüt, ihr höfisches Auftreten und ihre durch und durch weibliche Art treiben Chara oft in den Wahnsinn. Lucretia ist das genaue Gegenteil der Assassinin. Aber es wird uns auch bewusst gemacht, dass Chara eine Frau und nicht nur eine perfekt funktionierende Kämpferin ist. Durch Lucretia wird sie sich ihrer Weiblichkeit bewusst. Aus den sehr unterschiedlichen Frauen werden nie Freundinnen aber sie respektieren einander und Chara begreift immerhin, dass Lucretias diplomatische Art durchaus auch zum Ziel führen kann.

Chaos und Ordnung

(c) Judith Praßl

Das hält die Assassinin aber nicht davon ab, weiterhin mit dem Kopf durch die Wand zu gehen und weiterhin alle Ratschläge in den Wind zu schlagen. Um ihre Ziele zu erreichen, paktiert sie notfalls auch mit den Anhängern des Chaos, sehr zum Missfallen ihrer Gefährten. Aber gerade das macht sie so erstaunlich. Während alle nur schwarz oder weiß sehen, erkennt sie die Grauschattierungen. Was ist Chaos und was ist Ordnung? Wer bestimmt, was gut und was böse ist.

Chara fasst diese Gedanken in Worte und fragt Telos danach, der ihr eine Antwort schuldig bleiben muss. In ihm wächst Zorn über diese Frage und er empfindet sie als blasphemisch. Aber zeigen dieser Zorn und seine Sprachlosigkeit nicht seine Angst? Berühren diese Fragen nicht einen wunden Punkt? Denn die Taten, die im Namen der Ordnung begangen werden, sind in den Augen der Leser grausam und brutal und nicht unbedingt notwendig oder gerechtfertigt. Wenn ein Feind seine Waffe fort wirft und sich ergibt und trotzdem niedergemetzelt wird, wie kann das der Ordnung dienen? Worin liegt der Sinn, Frauen, Kinder und alte Menschen zu meucheln? Um das Chaos an der Wurzel zu packen? Wissen diese Menschen überhaupt, dass sie Chaosanhänger sind? Sie wohnen vielleicht einfach nur im falschen Teil der Welt, wo sich die Mächtigen dem Chaos verschrieben haben, dessen Bewohner aber lediglich Alltagssorgen plagen und die nichts von dem Krieg ihrer Herrscher wissen. Begibt man sich nicht selbst auf einen dunklen Pfad, wenn man keine Achtung mehr vor dem Leben zeigt, seine Ideale aufgibt und nur noch blind den Befehlen gehorcht? Und ausgerechnet Chara fasst diese Zweifel in Worte. Sie, die Entscheidungen lieber anderen überlässt sie, die eigentlich nur gehorchen und kämpfen will. Sollte es nicht Telos sein, der diese Zweifel anbringt?

Es beweist wieder, dass sich in Chara eine Tiefe verbirgt, die stets unerwartet aufblitzt, so dass niemand sie wirklich einschätzen kann. Man ahnt, dass in der Assassinin weit mehr steckt, als sie der Welt zu zeigen bereit ist.

Wir erleben mit, wie sie von blindem Gehorsam zur Befehlsverweigerung wechselt und eine, für viele unerwartet starke Entwicklung durchmacht.

Interview

Um etwas hinter die Fassade zu blicken habe ich ein kleines Interview mit der ambivalenten jungen Frau geführt.

Hier meine Fragen an sie:

“Chara (darf ich Dich Chara nennen?)”

“Sicher. Ist sowieso der einzige Name, mit dem ich klarkomme.”

“Überall auf der Welt stellst Du Dich als CHARA PASIPHAE-OPOULOS vor, doch auf die Welt kamst Du als Chara Phasiphae. Wie kamst Du zu dem Beinamen Opoulos und was bedeutet er Dir?”

“Er bedeutet mir genaugenommen nichts. Aber er sagt etwas über mich aus. „Opoulos“ ist Chryseisch und heißt übersetzt „Sohn von …“ Mein Name bedeutet also wörtlich, „Chara, Sohn von Pasiphae“. Bekommen hab ich den Beinamen in den Straßen Argyras. Ich wuchs unter Obdachlosen auf, und habe irgendwann gelernt, dass man auf der Straße als Mann besser zurecht kommt. Ich habe gelernt, wie ein Mann auszusehen und wie einer zuzuschlagen. Das brachte mir den Beinamen „Sohn von“ ein. Und damit kann ich gut leben. Männliche Attribute passen mir besser ins Konzept. Ich halte sie für besser geeignet, um in der Welt zu funktionieren. Wenn du’s genau wissen willst: Ich wäre lieber ein Mann gewesen. Jedenfalls irgendwann einmal. Heute … na ja.”

“Lucretia ist so ganz anders als Du. Bist Du neidisch auf ihr weltmännisches Auftreten? Welche ihrer Eigenschaften würdest Du Dir wünschen, welche verabscheust Du an ihr am meisten?”

“L’Incarto ist genau das zum Verhängnis geworden, was sie sein wollte. Was sie war, wäre nicht übel gewesen. Sie kam überall gut an. Tat ich nie. Das hätte mir oft geholfen. Gerade als Assassinin. Irgendwie witzig, dass ich es nie so ganz geschafft habe, etwas vorzugeben, das ich nicht bin, obwohl ich eigentlich darauf geeicht sein müsste. Wenn ich beschissen drauf war, wusste das jeder. L’Incarto gelang das ganz gut. Sie zeigte die Seite von ihr, von der sie dachte, sie würde anderen gefallen. Aber anfangs, als sie noch voller Optimismus war, hatte sie auch eine Natürlichkeit, die bestach. Jedenfalls konnte sie lachen und manchmal konnte sie mich sogar zum Lachen bringen. Aber wie wir wissen, ist ihr das Lachen irgendwann im Gesicht gefroren. Damit wurde sie zur “Lächlerin” … Lachend, aber ohne den Hauch eines Gefühls im Leib. Diese Seite an ihr konnte ich nicht leiden. Das Wort “verabscheuen” … hm, ich schätze, das würde für jemanden wie mich zu weit greifen.”

“Wenn Du dich selbst in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde er lauten?”

“Ich bin Chara … Sohn von Pasiphae (grinst).”

“Wenn Du nicht in die Dienste Al’Jebals getreten wärst, hättest Du Dich trotzdem für die Seite der Ordnung entschieden? Liegt Deinem Wesen und Charakter das Chaos nicht näher?”

“Ich glaube nicht. Wenn es irgendeinen Weg gegeben hätte, hätte ich mich auf gar keine Seite gestellt. (Vielleicht gelingt mir diese Gratwanderung ja noch.) Aber ich schätze, dass wir im Leben immer wieder an einen Punkt geraten, an dem wir uns für eine Seite entscheiden müssen. Da haben wir dann keine Wahl. Wir werden so zu sagen zwangsläufig fanatisch. Das ist die Krux in einer Welt, in der das Gesetz des Dualismus vorherrscht. Oder genauer, in einer Welt, die von Wesen beherrscht, gedeutet und veranschaulicht wird, welche in der dualistischen Wahrnehmungswelt gefangen sind. Wesen, die auf der Grundlage einer Logik entscheiden, die ausschließlich mit Urteilen wie Wahr und Falsch, Null und Eins, Plus und Minus … zu befriedigenden Ergebnissen kommen. Dabei gibt es in unserer Welt nur ein Gesetz, „Wenn-dann …“ Kurz, das der Kausalität.

Und richtig, meinem Wesen liegt irgendwie das Chaos näher. Aber du hast es ja schon gesagt: Es gibt zwei Seiten in mir. Die, die mich handeln lässt und die, dich mich denken lässt. Eine davon ist chaotisch, die andere geordnet. Eine sehen die anderen, die andere existiert in Gestalt meiner privaten Aufzeichnungen.”

“Wie bist Du auf die Idee gekommen, das kleine schwarze Buch zu führen und warum bist Du dort so offen, Deinen Mitmenschen gegenüber aber so verschlossen?”

“Wie gesagt, ich habe zwei Seiten. Beide wollen zu Wort kommen. Was ich tue deckt sich nicht zwangsläufig mit dem, was ich denke. Also kommt das Gedachte in ein Buch. Und so sehr ich mich auch anstrenge, dieses Buch für alle anderen verschlossen zu halten, für mich bin ich da drin gnadenlos offen. Das muss auch so sein, sonst würde das Ganze seinen Zweck verfehlen. Das ist es ja gerade, was mir meine privaten Aufzeichnungen ermöglichen: Ich selbst zu sein – unverfälscht, unzensiert, ganz und gar C H A R A. Wahrscheinlich habe ich schon immer gewusst, dass ich nicht ausschließlich Assassinin bin, dass ich nicht dazu gemacht bin, nur zu funktionieren. Ich bin zuallererst ein Mensch. Und als Mensch will ich leben. Ich will denken und fühlen und, wie’s aussieht, sogar … lieben. Letzteres … damit ist es allerdings …
(Bläst Luft durch die geschlossenen Lippen) Kann man das löschen?”

“Glaubst Du nicht, wenn Du Dein Wesen ihnen gegenüber so offen legen würdest, dass sie Dich besser verstehen und akzeptieren würden?”

“Ist das denn erstrebenswert?

Ich glaube, das ist bezeichnend für uns Menschen. Wir würden gerne verstanden sein; durchschaut, akzeptiert, mehr noch, geschätzt – für das, was wir sind, was wir tun, was wir in uns tragen. Wir möchten, dass dieses „Innen“ jemand entdeckt oder doch zumindest entdecken will. Wir möchten erkannt sein. Wir möchten da drinnen nicht alleine sein. Denn in uns ist es einsam. Das hab ich allerdings immer als Schwäche betrachtet. Ich hab’s irgendwann in mein Buch geschrieben:

„Den einzelnen Dingen sprach ich den Wert ab, und dies tat ich auch mit den einzelnen Individuen, deren Wert sich lediglich daran bemisst, was sie zum Ganzen beizutragen haben. Die Bedeutung eines Menschen lässt sich an der Sache bemessen, für die er steht. Für sich betrachtet, ist er wertlos.“

Warum?

„Des einzelnen Menschen Streben ist ein Geschäft, dessen Ertrag die Kosten nicht deckt.“

So hab ich’s irgendwann mal gesehen. Teilweise sehe ich es auch heute noch so. Fakt ist, ich habe keine Ahnung, ob diese Einstellung richtig oder falsch ist. Das hat niemand, soweit ich weiß.”

“Wie stehst Du zu Elfen?”

“Anfangs? Nicht gut.

Ich hatte ein Problem mit ihrer Selbstherrlichkeit. Sie sind abgehoben, kompliziert, langsam. Und sie sind skrupulös. Sie sind alles, was ich nicht bin. Sie sind aber auch unsterblich. Sie sind auch ein Volk, das, so widersinnig das klingt, kurz vor dem Aussterben steht. Sie sind also nicht ohne Grund abgehoben, kompliziert, langsam. Sie haben gelernt, dieses an und für sich unendliche Leben zu schützen, das nur durch das, in ihren Augen “Unnatürliche” enden kann – den Krieg, das Chaos im Sinne der Zerstörung.

Sie sehen sich als besonders, weil sie besonders sind – angesichts der geringen Zahl, die es von ihnen noch gibt.

Sie sind langsam, weil sie unendlich viel Zeit haben, sofern ihre Zeit nicht durch den Einfluss äußerer Gewalt verkürzt wird.

Und sie sind skrupulös, weil sie in all der Zeit einen Sinn fürs Detail entwickelt haben und erkannt haben, dass alles, was ist, seine Berechtigung hat und deshalb bewahrt werden muss. Selbst das in ihren Augen Unnatürliche, Dunkle – das, was ihr unendliches Leben endlich macht.

Ich habe also gelernt, sie zu respektieren.

Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich habe lange nicht so viel geredet wie jetzt gerade. Muss an der Art der Fragen liegen …”

“Da fühle ich mich geschmeichelt, ich hatte kein so ausführliches Gespräch erwartet, da Du Deine Gefährten ja oft sehr kurz und knapp abspeist. Also Danke für dieses umfassende Gespräch.

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