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Die böse Sache mit dem roten Kapuzenmantel

Wenn die Gondeln Trauer tragen, 1973, copyright: Casey Productions, Eldorado Films, D.L.N. Ventures Partnership

Erzählt wird sie nicht, die Geschichte von der alten Zwergin, die einen roten Kindermantel mit Knebelknöpfen trägt. Gezeigt wird nur, dass sie eine wahnsinnige Mörderin ist. Eine einzige fiese Szene ist das, ganz am Schluss von Wenn die Gondeln Trauer tragen, und doch gehört dieser Moment, in dem die kleine Person sich umdreht, ihr Gesicht zeigt und zum tödlichen Hieb direkt in den Hals ausholt, zu den fürchterlichsten Wimpernschlägen verstörend böser Filme.

Adelina Poerio: Die fürchterliche Zwergin

Das ist nicht vorhersehbar, nicht gedanklich eingeplant vom Zuschauer, der, – vorausgesetzt natürlich, er kennt die Story noch nicht – , mit allem rechnen dürfte. Nur nicht damit, dass Donald Sutherland als John Baxter in Venedig einem vermeintlich schutzbedürftigen Kind hinterherläuft, das tatsächlich ein gruseliger Gnom ist, der ein Beil in seinem Kapuzenmantel versteckt hat. Um ihn eiskalt zu ermorden wie all die Frauen, deren Leichen aus den nur bei Sonnenschein malerischen Kanälen gefischt werden. Eine düstere Bergung, die frösteln lässt. Es ist Herbst in Venedig. Die Stadt zeigt sich trist und nebelverhangen, in den Gassen tummeln sich Ratten, die Menschen sind misstrauisch, und die Polizei sucht einen Serienkiller. John Baxter findet ihn in Gestalt der furchtbaren Zwergin, ohne sich für diese Suche wirklich interessiert zu haben. Er hat eigene Sorgen. Seine eigene Trauer und Verzweiflung. Findet ihn ergo unfreiwillig und stirbt. Und Ende.

Das klingt vielleicht nach wenig. Das bleibt auch als Rätsel zurück. Aber es ist zweifellos eine ganz besondere Sache, die Nicholas Roeg 1973 mit “Don’t look now”, – Originaltitel der Verfilmung des Romans von Daphne du Maurier – , auf die Leinwand brachte, ohne eine wirklich notwendige Erklärung zu liefern: Ein Verwirrspiel in kühler Atmosphäre, das mental durchaus beschäftigt, mit einer bedrückenden Ausgangslage, beklemmender Vorhersage, einer spektakulären Sexszene, – man munkelt(e), beschwor, empörte sich, feixte noch Jahrzehnte später, Sutherland und Filmpartnerin Julie Christie (Laura Baxter) hätten tatsächlich… – , und einer kleinwüchsigen Grusel-Mörderin, deren roter Mantel den fast leidenschaftlich frostigen, depressiven John fatalerweise an seine tödlich verunglückte Tochter erinnert.

John jagt einem Spuk hinterher. Der Spuk realisiert sich als echter Horror. Und diese Zwergin, gespielt von der Italienerin Adelina Poerio, erwies sich für mich als eine der Mitverantwortlichen für Wach-Alpträume. Wenn die Gondeln Trauer tragen gehört, – wie etliche andere phantastische Filme – , in mein Buch der Einwandfrei-zu-früh-Gesehenen. Es ist nicht so, dass man so gar nichts recht begriffen hat, wie es gedacht war. Aber man erschwert sich, frühem Trotz zu Gefallen, den lückenlosen Zugang, wenn man zu jung guckt, was die Eltern einen prinzipiell gar nicht gucken lassen sollten und wollten. Was man aber irgendwie hingekriegt hat… dass man bloß dabei war. Und völlig angespannt und aufgeregt vor dem Fernseher saß und sich ganz furchtbar nachwirkend über etwas erschreckte…

…über das man sich freilich auch als höchstgradig Erwachsener erschrecken würde. Vorausgesetzt, man ist kein völlig Abgebrühter, der gelangweilt abwinkt, wenn Mystery-Horror der 1970er auf dem Programm steht. Da wird nicht geschlitzt und in Innereien gewühlt, da wird prophezeit, wie es im Innersten aussieht. Ganz einfach. Und oft genial wie im genannten Fall.

Der Vater mit seiner toten Tochter

Die Geschichte beginnt in England mit dem Tod der Tochter. Die kleine Christine Baxter, – sie trägt an ihrem Todestag einen roten Kapuzenmantel – , fällt beim Spielen mit ihrem Bruder in den Gartenteich und ertrinkt. Ihr Vater, von bösen Ahnungen getrieben, – er hat sich zuvor Dias von einer alten Kirche in Venedig angesehen, ein Bild färbte sich blutrot durch eine verschüttete Flüssigkeit – , rennt hinaus und versucht vergeblich, sie noch zu retten. Subtil unheilvoll schon im Vorfeld: Das eine Dia zeigt eine Gestalt mit rotem Umhang auf einer Kirchenbank sitzend.

Einige Zeit darauf fliegt das Ehepaar Baxter nach Venedig, der Sohn kommt für die Zeit ins Internat. John soll die Kirche restaurieren, ein Auftrag, der ihn von seinem Kummer etwas ablenken würde, wie er hofft. John und Laura, durch das Unglück voneinander entfremdet, versuchen, sich gegenseitig wieder irgendwie normal nähern zu können. Durch Zufall lernen sie die zwei Schwestern Wendy und Heather (Clelila Matania und Hilary Mason) kennen. Heather ist blind und sagt von sich, sie habe “das zweite Gesicht”. Sie meint, auch bei John die Gabe möglicher Vorhersehung feststellen zu können; der aber ist skeptisch und überläßt es seiner Frau, sich mit dem parapsychologischen “Hokuspokus” auseinanderzusetzen. Ihr orakelt Heather in Trance, dass etwas Schlimmes mit John in Venedig passieren würde, wäre er nicht bereit, umgehend abzureisen. Man ahnt Ungutes. Zumal auch Bischof Barbarrigo (Massimo Serato), mit dem John während der Kirchenrestaurierung zusammen arbeitet, resigniert, aber durchblickend bekennt:

„Ich wollte, ich würde nicht an Prophezeiungen glauben, aber ich tu’s. Ich wünschte, ich würde es nicht tun.“

Suchen verzweifelt Nähe: John und Laura (Fotos copyright: Casey Productions, Eldorado Films, D.L.N. Ventures Partnership

Laura reist überstürzt nach England ab, nachdem sie von einem Unfall des Sohnes im Internat unterrichtet wurde. In ihrer Abwesenheit hat John die Vision, seine Frau würde in einer Trauergondel auf dem Kanal an ihm vorbeifahren. Er ist sich sicher, dass das keine Einbildung ist, obgleich er Laura in London weiß, und panisch sucht er sie, zumal in aktueller Vergangenheit mehrere Frauen in Venedig ermordet wurden. Der Killer treibt sich immer noch dort draußen herum, er bekommt Angst, redet sich dann sogar ein, die beiden Schwestern hätten Laura vielleicht entführt, geht zur Polizei. Dort macht er sich zuerst selbst verdächtigt, – er redet in den Ohren der Beamten wirres Zeug – , dann klärt sich die Lage auf. Auf dem Weg zum Hotel sieht John die kleine Person im kurzen roten Kapuzenmantel und folgt ihr durch modrige verwinkelte Gassen bis zu einem verlassenen Palazzo, wo sie wahrhaftig (!) wimmernd mit dem Rücken zu ihm an einer Mauer stehenbleibt, sich umdreht…

Derweil sucht Laura, wieder zurück in Venedig, ihren Mann, getrieben von einer erneuten Prophezeiung der blinden Schwester, es würde Furchtbares eintreffen.

…und ihr altes, boshaftes Gesicht unter der Kapuze zeigt. Sie zielt mit ihrem Hackmesser auf seine Halsschlagader, er fällt zu Boden. Und während er verblutet, sieht er die Bilder seines Lebens und seines angekündigten Todes.

Aus. Irgendwie alles schwer verdaulich. Die skurille Mörderin taucht nach diesem einen sichtbaren Einsatz im Film, der alles und gar nichts definiert, wieder unter, die Trauergondel gleitet übers Wasser, und man sitzt leicht bedröppelt da, gefühlsmäßig niedergeschlagen, nervlich böse umgehauen von einer häßlichen Zwergin, noch eingefangen von diesem so düster anmutenden Ambiente, verloren in der welkenden Schönheit einer Stadt, psychisch angekratzt und schaudernd ob dieser Idee, es so zu erzählen…und fragt sich: War das jetzt ein guter Film? Und seufzt und schüttelt sich und sagt: Ja.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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