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Die blutleeren Frauen in den Fässern von Bela Kiss

(Titelbild: Bela Kiss: Prologue, 2013, copyright: Mirror Maze)

Bela Kiss war ein attraktiver Mann. Sagt man. Belesen, clever, charmant. Beliebt und mit dem gewissen Schlag bei der Damenwelt, wie es in seinem Heimatort Czinkota hieß.

Klingt soweit ordentlich, passt zum wohlklingenden Namen. Natürlich war Bela Kiss ein Serienmörder. Sonst würden wir ihn hier nicht platzieren, sondern in der Rubrik der vom Schicksal mit allem erdenklich Guten Verwöhnten dieser Welt. Nun, eine derartige Abteilung haben wir gar nicht. Wollen wir auch nicht bieten.

Fescher Soldat Bela Kiss: Ein gruseliger Mörder (Archiv-Bild)

Wir richten unser Augenmerk auf die Faszination des Bösen, auf düstere Seelen und blutige Hände. Wir sehen diesen einen abartigen Mörder, der sich offensichtlich auch als exzessiver Blutsauger verstanden hat. Und müssen auch hier das schaurige Faktum nennen, dass es immer wieder finstere Gestalten gibt, die einfach so davonkommen. Von Wahn, Wut, Gier, Eigenmacht und im speziellen Fall vampirischer Leidenschaft besessene Mörder, die nicht geschnappt werden. Und die irgendwann in in ihrer eigenen Seelenruhe, falls späte Reue, Einsicht und die eigene Erklärung gänzlich fehlen, einen ganz normalen Tod finden und vielleicht betrauert werden von Menschen, die sie anders gesehen haben. Ohne Verdacht. Ohne Erinnerungen. Ohne Angst.

Über der Grabstätte von Bela Kiss, die höchstwahrscheinlich über dem großen Teich liegt, weht längst schon der Wind. 1932 soll er in New York, an einer U-Bahn-Station am Times Square, gesichtet worden sein, mittlerweile um die siebzig und in seinem Heimatland Ungarn seit Jahren schon abgeschrieben als der nie gefasste Mörder von über zwanzig Frauen. Er hatte seine Opfer vergiftet oder erwürgt, die Leichen in Metallfässer gesteckt und sie in Alkohol eingelegt, um sie zu konservieren.

Die toten Körper waren blutleer, als man sie in den Tonnen gefunden hatte, versehen mit punktförmigen Bissspuren an den Hälsen. Warum? Wofür? Das Geheimnis, die Wahrheit, die Lüge liegen mit Kiss in fremder Erde verscharrt.

In Czinkota, einem Dörfchen in der Nähe von Budapest, wusste man im Jahr 1912 von den Tonnen im Haus des als freundlich und umgänglich beschriebenen Blechschmiedes, der mit seiner Wirtschafterin, einer älteren Dame namens Jakubec, zweckmässig zusammenlebte, nachdem seine Frau Marie ihn wegen eines Liebhabers sitzengelassen hatte. Alle vermuteten Benzin darin, weil Kiss auf Nachfrage der Polizei erklärt hatte, Vorräte für den drohenden Krieg zu horten. Bela Kiss wurde nicht weiter behelligt: Er ging seinem Handwerk nach und gab immer wieder Bekanntschaftsanzeigen auf. Bis er 1914 eingezogen wurde, hatte er all seine Fässer gefüllt: Mit den toten, ausgesaugten Körpern von heiratswilligen Frauen, denen er vielversprechende Briefe geschickt hatte, um sie zu locken.

Einsamer Witwer sucht warmherzige, alleinstehende Frau, um…für…

An bestialische Absichten dachte selbstredend keine bei dem um schöne Worte nicht verlegenen Herrn Hoffmann, als der Bela Kiss sich ausgab: Er schaffte es, dass die Frauen ihm schon vor dem ersten – und letzten -, Kennenlernen Geld schickten. Wenn sie dann zu ihm nach Czinkota reisten, um den eventuellen Bräutigam in spe zu besuchen, brachte er sie um.

Die Fässer, in denen man die blutleeren Leichen, in Alkohol konserviert, fand (Archiv-Foto)

1916 kam Nachricht von der Front, Bela Kiss sei gefallen. Man erinnerte sich an die vermeintlichen Benzinreserven in den Tonnen und schickte Soldaten, die, irritiert von dem merkwürdig abscheulichen Geruch, der ihnen in die Nase stieg, das Ganze in die Hände der Polizei übergaben. Und die erlebte dann das Grauen: In den Fässern lagen Frauenleichen, darunter auch die von Ehefrau Marie, die ja angeblich mit neuem Partner an ihrer Seite irgendwo anders leben sollte. Die Haushälterin Jakubec, vornehmlich stets nichtsahnend, was das grausame Treiben ihres Arbeitgebers betraf und dementsprechend von blankem Entsetzen gezeichnet, zeigte den Beamten das im Regelfall verschlossene Studierzimmer von Bela Kiss: Dort standen Regale voller Bücher, – einige hatten Gifte und Würgepraktiken zum Inhalt – , und ein Sekretär mit Briefen von 74 Frauen nebst einem Fotoalbum. .

Der unglückselige neue Partner von Marie Kiss wurde auch in einer der Tonnen gefunden, – die einzige männliche Leiche – , wie die meist erdrosselten Frauen blutleer in Alkohol eingelegt zur Bewahrung von… tja, von was und wozu? Welche Vision, welcher Wunsch da im Kopf von Bela Kiss sein perverses Unwesen getrieben haben mag, konnte nie beantwortet werden. Nicht, weil Kiss im Krieg umgekommen war. Denn das erwies sich als Falschmeldung, man hatte schlicht den Namen verwechselt. Ergo fahndete man fieberhaft nach dem Mörder. Freilich erfolglos.

Es blieben einzig die Möglichkeiten, dass Kiss in Kriegsgefangenschaft geraten, mit neuer Identität geflohen oder tatsächlich gefallen war. Dann kam eine Nachricht, Kiss liege in einem serbischen Krankenhaus. Als die Polizei dort eintraf, war der Patient geflohen, in seinem Bett lag ein fremder toter Soldat. Was folgte, war nur noch ein Gerüchtewirrwarr: Kiss sitze in einem rumänischen Gefängnis, befinde sich in der Türkei, sei unter dem Namen Hoffmann der französischen Fremdenlegion beigetreten, wo er gern damit angegeben habe, wie ausgezeichnet er die verschiedensten Würgetechniken beherrsche.

1932 gab der New Yorker Mordermittler Henry Oswald, aufgrund seines beispiellosen Erinnerungsvermögens respektvoll „Kamera-Auge“ genannt, zu Protokoll, sich definitiv sicher zu sein, Bela Kiss am Times Square gesehen zu haben. Bevor er aber hätte reagieren können, habe die Menschenmasse seine Zielperson verschluckt. Zwei Jahre später wurde Kiss angeblich in der Sixth Street in New York gesichtet, wo er als Hausmeister gearbeitet haben soll.

Fündig wurde man nicht, die Spur verlief sich endgültig. Und für immer. Bela Kiss ist nur noch ein böser Spuk, der mal war. Freilich einer mit leibhaftigen Wurzeln. Ein Name, der genannt wird, wenn es um die Davongekommenen geht, die nur bitterböse Fragezeichen zurücklassen. Einer, der auch im Drehbuch steht: In Bela Kiss: Prologue (Regie: Lucien Förster, 2013) wird er als widerliche Kreatur, Monster, Horrorfigur genutzt.

Mehr ist in memoriam auch wahrlich nicht drin.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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