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Die Blaupause des Spionagethrillers: Die Neununddreißig Stufen

Im August 1914, dem Monat, in dem Großbritannien in den Krieg eintrat, begann John Buchan mit der Niederschrift eines Romans, der als Blaupause für Spionagethriller in die Geschichte eingehen sollte: Die Neununddreißig Stufen. Als das Buch im Oktober 1915 veröffentlicht wurde, war es sofort ein Erfolg, nicht zuletzt bei den Soldaten an der Front: “Das ist genau die Art von Literatur für uns”, schrieb ein Offizier dem Autor.

Es wird vermutet, dass die Erstausgaben deshalb so selten zu bekommen sind, weil die meisten von ihnen im Schlamm Frankreichs verloren gingen. Das Buch, das Buchan nonchalant als “Schocker” abtat, veränderte sein Leben, und Hitchcocks Film von 1935, in dem der Inhalt massiv verändert wurde, zementierte es endgültig in der öffentlichen Vorstellung. Richard Hannay, der Held der Geschichte, wurde zum Inbegriff für Mut und Einfallsreichtum unter Druck.

Obwohl der Roman auf vielen Bestenlisten auftaucht (Crime Writers Association Platz 20, Mystery Writers of America Platz 22), hat es heute nur noch historischen Wert. Würde ein Autor ein solches Manuskript heute bei einem Verlag einreichen, hätte es wahrscheinlich keine Chance, veröffentlicht zu werden. Zur Zeit seines Erscheinens muss es sich dabei aber durchaus um eine faszinierende Lektüre gehalten haben. Deutschland und Großbritannien befanden sich im Krieg miteinander und es gab zweifelsohne wirklich Spione in jedem Land. Zunächst erschien die Geschichte in einer Zeitschrift, was man ihr auch anmerkt. Sie ist schnell und oberflächlich geschrieben, hangelt sich von Cliffhanger zu Cliffhanger, die Kapitel rollen sich stereotypisch ab.

Als Richard Hannay die Leiche des vermeintlichen Spions Franklin P. Scudder in seiner Londoner Wohnung findet, muss er flüchten, da er zu Recht befürchtet, dass sein eigenes Leben in Gefahr ist. Scudder hatte ihm zuvor nämlich enthüllt, dass er gegen einen Ring deutscher Spione ermittelt, der darauf aus ist, Großbritanniens Kriegsfähigkeit zu sabotieren.

Hannay wird sowohl zum Jäger als auch zum Gejagten, während er darum kämpft, die verworrenen Fäden dieses Komplotts zu entwirren und seinen Verfolgern, die vor nichts zurückschrecken, um ihre ruchlosen Geheimnisse zu bewahren, immer einen Schritt voraus bleibt.

Die Figuren sind eindimensional und das Zielpublikum gerade jene Leserschaft, die keine Tiefe oder Finesse erwarten. Trotzdem bestehen die besten Teile des Textes aus den Schilderungen der Landschaft Galloways, alles andere ist tatsächlich ziemlich dünn und veraltet (auch wenn Letzteres kein Qualitätsmerkmal ist).

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