Die Bestie

Gefangen hatten wir es … Gefangen!

* * *

Und doch rinnt mir der Schweiss vor Angst in Strömen übers Gesicht. Vermischt sich mit dem strömenden Regen, weicht mein Blut auf und verdünnt es, so dass es keine Kruste bilden kann. Unwillkürlich fahre ich zusammen, als der Himmel seinen Zorn in Form eines Blitzes entlädt. Das Grollen des Donners klingt wie ein Knurren. Kehlig und tief, langgezogen dazu: Tierisch.

Ich mache mich noch kleiner und versuche dabei die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, die immer wieder in mir auftauchen: Blitzlichtern gleich. Und schon sind sie wieder verschwunden. Finsternis herrscht sogleich wieder. Einzig der Eingang der Höhle erhellt sich, wenn Blitz um Blitz in dessen Nähe einschlägt.

Ich fühle mich sicher – rede ich mir ein –, weil der Geruch des Ungetüms, nach dem die Höhle riecht, ES hoffentlich davon abhält, mich hier zu suchen. Dabei ist es mir völlig gleich, ob das Untier selbst gerade zuhause ist und mit gefletchten Zähnen hinter mir lauert. Wenn es in einem kurzen Augenblick über mich herfiele, würde es mir besser gehen, als wenn mich die Kreatur in ihre Fänge bekäme, welche die anderen Teilnehmer unserer Expedition vor meinen Augen zerfetzt hatte.

Und gefangen hatten wir es schon … Gefangen!!

* * *

Ein Trugschluss, wie sich rasch herausstellte, aber wer hätte das denn wissen können. Arthur Conrad Whiteshal hatte sich so selbstsicher angehört, seine Erfahrungen als Fremdenführer und Wildjäger waren legendär. Zu Lebzeiten zumindest … also bis vor wenigen Stunden.

Irgendeiner der Anderen hatte das Gerücht aufgeschnappt, ein Weiterer die Idee dazu, diesem zu folgen und viele Ahnungslose waren scharf darauf, daran teilzunehmen. Ich sollte bereichten, wie Reporter das so tun.
Die Anreise war ohne Zwischenfälle, unser letzter Lagerplatz wunderschön und das Aufstöbern der Kreatur völlig problemlos gewesen.

Und schon hatten wir es gefangen … Gefangen!!!

* * *

Es saß in der Falle. Mr. Whiteshal hatte die Anweisungen gegeben, die Mitläufer hatten sie gebaut und nach wenigen Stunden hockte es – nur einen Meter groß – darin. Verletzt und Mitleid erregend schaute es uns mit großen, traurigen Augen an. Wir beratschlagten, schon deswegen, weil es nicht annähernd so ausschaute, wie wir es von den Erzählungen her kannten.

Unsere Unterhaltung über die merkwürdige Gestalt plätscherte so dahin, wurde heftiger und gipfelte schlussendlich in einem handfesten Streit. Arthur Conrad Whitshal tobte, weil die Mehrheit entgegen des Jägerkodexes vorhatte, die schmächtige Kreatur wieder freizulassen. E.M. Totteril hingegen, stand den Befreiern vor, obwohl er der Kopf dieser Unternehmung war.

Ich unterdess sah etwas, was alle, die sich fleissig an der Debatte beteiligten, nicht sehen konnten: Unser Gefangener begann zu lächeln. Wer aber konnte mir verübeln daraufhin nicht stutzig geworden zu sein. Hätte sich nicht jeder von uns in einer ähnlichen Situation, wie die Kreatur, über seine bevorstehende Befreiung gefreut?
Mr. Totteril trat an die Falle heran, hob die Machete, mit der er das Seil durchschlagen wollte, als Mr. Whiteshal auf dem Absatz kehrt machte, um zu seinem Zelt zu gehen. Dann überschlugen sich die Ereignisse:

Der Arm des Briten Totteril fiel, die Machete schnitt und ich stieß einen gellenden Schrei aus. Die Kreatur veränderte sich blitzschnell und riss dabei ihrem Befreier völlig mühelos den Kopf ab, flog förmlich zu unserem Fremdenführer. Entriss diesem die doppelläufige Schrotflinte, die er bei sich trug, und erledigte damit Mr. Barns und Hector Sierra, unseren spanischen Dolmetscher. Schließlich schlug es im Schein der untergehenden Sonne Mr. Leyton-Smith mit ihrem Kolben den Schädel ein, bevor es sich nach mir umzuschauen anfing.

Ich war im selben Augenblick geistesgegenwärtig den Abhang hinabgesprungen und in den Fluten des großen Flusses untergetaucht, der mich wenige Sekunden später mit sich riss.
Es fiel mir zwar nicht leicht, meinen Kopf über Wasser zu halten, doch es sollte ausreichen, um eine beachtliche Distanz zwischen mich und unseren “Gefangenen” zu bringen.
Einige Meilen entfernt schwamm ich ans Ufer und kletterte dort aus dem Wasser.

Ferne Schreie und allerhand andere Geräusche, deren Herkunft ich mir nicht vorzustellen vermochte, ließen auf nichts Gutes schließen. Sie stammten mit allergrößter Wahrscheinlichkeit von unseren Trägern und Bediensteten, die wir allesamt aus Einheimischen zwangsrekrutiert hatten.
Ich sah mich mit gehetztem Blick um und entdeckte die Höhle, als auch schon die Dunkelheit über mir hereinbrach. Zeitgleich setzte der Regen ein.

* * *

Nun warte ich unbewaffnet und mit zitternden Knien in meinem Versteck darauf, dass mich entweder der Bär in meinem Rücken oder die unheimliche Kreatur holt. Ihre Schritte kann ich bereits vernehmen, so wie den stärker werdenden Geruch des Tatzenviehs …

Rote Augen tauchen vor mir auf. Fauliger Atem schlägt mir entgegen, der ein einfaches Wort mit sich trägt, das einem kehligen Knurren gleicht:

“Gefangen!!!”

Bernar Leston

Bernar Leston

Der 1965 geborene Bernar LeSton befasst sich, als passionierter Nachtportier, beim Schreiben von Kurz- und Kürzestgeschichten mit den düsteren Seiten der Phantastik, wozu ihn die Nähe seiner Wohnstatt zur Rüsselsheimer Festung und des malerischen Verna-Parks inspiriert.
Vor allem die verwunschene Grünanlage, die nach der eigenwilligen Freifrau Wilhelmine von Verna benannt wurde, hielt dadurch Einzug in die ein oder andere Geschichte, ebenso Feen, Geister und Unholde, die dort ihr Unwesen zu treiben scheinen.

2010 entdeckte der begeisterte Pen- & Paper-Rollenspieler nach vielen Jahren, in denen er als Spielleiter mehr als ein Abenteuer für seine Spielrunde verfasst hatte, dem Schreiben von phantastischen Stoffen. Dies gipfelte nach mehreren Beiträgen in Magazinen und Anthologien in seinem eigenen Kurzgeschichtenband “Dr. LeStons Kabinett der seltsamen Szenarien”, der Mitte 2015 erschienen ist und mit 45 skurrilen und makabren Geschichten aufwartet.

Augenblicklich arbeitet er an der Fertigstellung seines ersten Romans, der aus einer Mischung von Western und Steampunk besteht, die mit einem Hauch gothischen Horrors gewürzt ist. Die Geschichte spielt im Neu-Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts – jedoch in einer Welt parallel zu der unsrigen – und atmet die Züge der amerikanischen Pulp-Romane der 1930er Jahre.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Kommentar verfassen

wpDiscuz