Die bessere Geschichte

(Titelbild: Bram Stoker’s Dracula, 1992, copyright: American Zoetrope, Columbia Pictures Corporation, Osiris Films) 

Adalbert schloss pfeifend die Wohnungstür auf, streifte den Dreck von der Straße unter seinen derben Schnürschuhen ab und warf mit elegantem Schwung seinen Filzhut an den Garderobenständer. Hervorragend getroffen, alter Mann, dachte er vergnügt. Dann lauschte er, – in der Küche war jemand, natürlich war da jemand – , und augenblicklich verzog sich seine gute Laune. Edeltraud. Er schüttelte wütend den Kopf. Das Miststück ist immer da.
„Bist du das, Adalbert?“ Diese Stimme. Unerträglich. Er schüttelte sich, atmete tief durch, brüllte zurück. „Wer sonst? Wer, verdammt, außer mir könnte das sein?“

Gifthexe. Er fühlte sich ausgepumpt. Die Knochen schmerzten, er wurde schnell müde. Das Alter hatte auf sich warten lassen, aber nach all der Zeit fuhr es seine Krallen nach ihm aus. Natürlich hatter er damit gerechnet. Lange schon. Seit dem Tag, an dem Edeltraud von Freistein ihm mit zu verstehen gegeben hatte, dass man ihresgleichen nie, aber auch niemals derart behandeln dürfte, ohne die angemessene Qutittung dafür zu erhalten. Wäre er doch…besser nicht. Grundsätzlich hing er an seiner Existenz. Und er hatte sich durchaus arrangieren können. Es war anders, ganz anders als vorbestimmt, aber es ging. Es konnte sich sogar gut anfühlen, dieses Leben. Trotz Edeltraud. Furchtbar, dieses Weib, dachte er, und was es mir eingebrockt hat…

Er blickte auf. Edeltraud stand direkt vor ihm, trocknete ihre Hände mit einem Küchentuch, starrte ihn empört an. „Wo warst du solange? Ich habe saubergemacht. Es stank bereits. Bestialisch. Und du? Wo warst du so lange? Die Hebestatts kommen gleich, und du treibst dich rum.“
Zerknautscht sah sie aus. Fand Adalbert. Fett und wieder einmal unmöglich unfrisiert. Nichts im Vergleich zu damals, und da hatte sie ihm schon nicht gefallen. Er ging wortlos an ihr vorbei, warf einen kritischen Blick in den Spiegel und grunzte sich an: „Hässlicher Kerl, du. Du passt zu der da.“ Sie lachte. „Was willst du mehr?“ Er kniff die Augen zusammen und blinzelte sie böse an. „Weißt du eigentlich, dass ich dir das nie verzeihen werde? Wie ich aussehe. Du hast aus mir einen Greis gemacht. Elendes Miststück.“
Sie sagte „Pah“, zerknüllte das Küchentuch, warf es ihm ins Gesicht und fauchte. „Ach ja? Und ich? Was ist mit mir? Was soll ich sagen?“

Adalbert zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Gar nichts. Du sagst besser gar nichts. Du hast das so gewollt.“ Er ging zum geöffneten Fenster und atmete tief durch. „Es riecht nach frischer Erde. Muss wohl Frühling sein.“ Er setzte sich in den hohen Korbtuhl neben der Musiktruhe und klopfte mit den Fingerknöcheln an das schwere Holz. „Alte Kiste. Ich hör die Würmer fressen.“ Er grinste. „Aber du bist älter.“
Sie grinste zurück. „Jünger als du. Und mit Stolz gealtert. Im Gegensatz zu dir.“
Adalbert schnaubte verächtlich, schlug die Beine übereinander, wippte mit dem Fuß und blickte vorwurfsvoll zur Uhr, die über dem Kamin hing.
„Unsere Gäste lassen auf sich warten. Dachte vorhin eigentlich, sie wären schon da. Du siehst unzufrieden aus, meine Gute. Hunger?“

Sie sah ihn spöttisch an, lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme. „Rate mal.“ Er schüttelte grinsend den Kopf. „Als ob ich das wissen will.“ Edeltraud beugte sich leicht nach vorn, nestelte an der langen Perlenkette, die über ihren schweren Brüsten hing, – tatsächlich ein Geschenk von Adalbert -, brummelte: „Hat sich verdreht, das blöde Gebaumel“, sah ihn dabei lauernd an und säuselte: „Sag mal…willst du bei Tisch wieder deine Geschichte erzählen? Diese großartige Geschichte? Du wirst die Hebestatts damit wohl zu Tode langweilen.“ Sie kicherte. „Ich wette…“ Adalbert sagte „Ja, sicher, du wettest“, hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte. „Störe mich nicht, Weib. Ich denke, wir werden uns glänzend unterhalten heute abend. Wenn du einfach mal dein Maul hälst.“
Edeltrauds Blick verfinsterte sich. „Oh, wie charmant. Ärgere mich bloß nicht, Adalbert, ich könnte dir deine geliebte Pointe stehlen. Du…“
Sie wurde vom rasselnden Ton der Türklingel unterbrochen, hielt kurz angespannt inne, räusperte sich und sah ihn mit großen Augen an: „Das sind sie.“ Adalbert blickte zurück, kräuselte die Lippen, zischte „Jaja doch“ und erhob sich umständlich. Er schlurfte zur Tür, grantelte „Na dann“, öffnete und sagte mit entwaffnendem Lächeln: „Wie schön, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Adalbert Struck, mein Name. Ich bin der Ehemann. Freut mich sehr, Herr Hebestatt. Ganz reizend, die Dame.“

Gerd und Ellen Hebestett, beide wohl um die siebzig, waren erst vor wenigen Wochen in die Nachbarschaft gezogen, nur zwei schmale, kaum befahrene Seitenstraßen entfernt von dem schmucken Fachwerkhaus, in dem Edeltraud und Adalbert wohnten. Es war eine ruhige Gegend am Ortsausgang, umgeben von einem kleinen Park mit viel Wildwuchs, der nicht gepflegt, aber gern besucht wurde. Die Hebestetts hatten dort beim Abendspaziergang rasch eine Bank direkt am Ententeich für sich entdeckt, die ihnen umso mehr gefiel, da man von dort aus einen wirklich herrlichen Sonnenuntergang beobachten konnte. Und exakt an diesem idyllischen Platz hatten sie Edeltraud kennengelernt, die dort am dicht bewachsenen Ufer gestanden und Brotkrumen in das Wasser geworfen hatte. „Man soll ja nicht füttern, aber ich meine immer, dass sie hungrig sind“, hatte sie lächelnd gesagt, und die Hebestatts hatten gleichsam lächelnd genickt und es als angenehm betrachtet, so unverhofft eine derart nette Bekanntschaft zu machen.

Edeltraud, diese sympathische, füllige Frau mit den rotgefärbten Locken und dem etwas aufdringlichen pinkfarbenen Lippenstift, hatte gefragt, ob sie sich zu ihnen setzen dürfe, – „Wissen Sie, ich komme öfter her, es ist auch meine Lieblingsbank“ – , und dann hatte sie bedauernd hinzugefügt: „Mein Mann begleitet mich viel zu selten. Dabei liebe ich Gesellschaft in der Dämmerung. So eine phantastische Zeit.“

Nur wenige Tage später lud Edeltraud die Hebestetts zu einem gemütlichen, „unverfänglichen“, wie sie fast entschudigend hinzufügte, Umtrunk ein. „Halten Sie mich bitte nicht für aufdringlich. Aber es wäre mir ein großesVergnügen, wenn Sie am Samstagabend zu uns kämen. Sie müssen unbedingt meinen Adalbert kennenlernen. Ich habe ihm von Ihnen erzählt, er kann es gar nicht abwarten. Mögen Sie Rotwein?“

Als Ellen und Gerd Hebestett nach Adalberts höflicher Begrüßung an der Tür und einer herzlichen Umarmung von Edeltraud, – ihre Lippen waren tief orange angemalt, etwas dezenter wäre angemessener, die hat ja immerhin mindestens mein Alter, dachte Ellen und küsste Edeltraud auf die Wange – , in der Sofaecke am Kamin gleich neben der offenstehenden Terrassentür Platz nahmen, stellte Adalbert zwei bauchige Flaschen, goldschimmernd etikettiert, neben die Schalen mit den Oliven und dem Hartkäse auf den Tisch. Er schnalzte geniesserisch mit der Zunge. „Edle Tropfen, fürwahr. Einer für unsere Gäste, einer für uns. Zu Ihrer ganz persönlichen eigenen Sicherheit.“

Er grinste Ellen Hebestett, die bei seinen Worten irritiert aufblickte, augenzwinkernd an, drehte sich ab und zündete ohne ein Wort der Erklärung die Kerzen in dem verschnörkelten Leuchter auf dem Sims an. Ellen sah ihren Mann an, der scheinbar unbeteiligt an seinem Uhrenarmband nestelte, und zischte „Gerd?!“ Der räusperte sich. „Zu unserer Sicherheit? Versteh ich jetzt nicht.“ Adalbert lließ sich ächzend auf den freien Sofaplatz neben Edeltraud fallen. „Traubenzucker. Dreiviertel Wein, ein Viertel Zucker. Wir trinken das so. Glaube nicht, dass Ihnen das schmeckt. Genaugenommen würden Sie von unserem Wein kotzen.“

„Adalbert! Bitte!“ Edeltraud schüttelte entrüstet den Kopf.. „Was ist denn das für eine Ausdrucksweise?“ Adalbert grinste breiter, sagte „Ach was“, hob sein Glas und prostete in die Runde: „Auf uns! Auf den heutigen Abend! Und Edeltraud, Teuerste…“, – er zupfte an einer ihrer kunstvoll gesteckten roten Locken, sie wich überrascht zurück und schlug seine Hand weg, – , „…speziell auf dich. Was wäre ich bloß ohne deine Liebe?“ Sie starrte ihn böse an.
So ganz echt ist das hier nicht, dachte Ellen Hebestett. Ihr Mann lachte und sagte: „Hört hört.  So ein Charmeur.“ Der merkt auch nie was, dachte sie.

Nach gut einer Stunde brachte Adalbert die leeren Flaschen in die Küche, kam mit zwei vollen, bereits entkorkten zurück und sagte recht vergnügt: „Wie gemütlich es doch ist, nicht wahr, Edeltraud? Und es wird noch besser.“ – “ Sie reckte sich wohlig seufzend, drückte dabei ihre schweren Brüste nach vorn, – sie war tief dekolletiert, immerhin das gefiel Adalbert, wohl auch Gerd Hebestett, der verstohlen hinsah – , und streckte ihre Beine aus. „Aber natürlich, Adalbert.“ Vor allem, wenn du endlich deine Geschichte loswerden kannst.

„Wir nehmen doch alle noch einen?“ Adalbert blickte lächelnd in die Runde. Ellen Hebestett kicherte, klemmte sich eine widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr und legte den Kopf kokett zur Seite. „Ein Schlückchen noch. Weil Sie so nett sind.“ Gerd Hebestett, als passionierter Biertrinker von dem ungewohnten schweren Rotwein schon recht beschwingt, drohte ihm mit dem Zeigefinger: „Aber nicht, dass Sie sich am Ende vergreifen und uns den Traubenzucker einschenken, bester Adalbert. So gesund will ich gar nicht werden, dass ich sowas trinke.“ Adalbert pfiff durch die Zähne und schüttelte sich demonstrativ. „Nicht wahr? Zucker im Wein. Wie kann man nur? Sie fragen durchaus berechtigt,guter Freund. Wie kann man bloß, Edeltraud? Sag du es ihnen.“

Edeltraud kniff die Lippen zusammen, strich ihr grünes Taftkleid über den Knien glatt, und starrte demonstrativ auf ihren üppig verzierten silbernen Armreif, als würde sie ihn zum ersten Mal betrachten. Dann fauchte sie laut: „Adalbert, du bist und bleibst der alte Idiot“, verzog spöttisch die Mundwinkel, blickte auf und sah in die betretenen Gesichter der Hebestetts. Sie zuckte mit den Schultern und griff nach der Flasche. „Ganz ehrlich? Ich könnte Ihnen jetzt weiß der Himmel was erklären. Aber tatsächlich kann man sehr wohl. Man sollte vielleicht nicht. Gleichwohl wäre banaler Traubenzucker in erlesenem Wein durchaus eine interessante Erzählung wert. Korrekt, Adalbert?“

„Mein Stichwort. Ich danke dir, Edeltraud.“ Adalbert nickte ihr freundlich zu, räusperte sich, lockerte seine Krawatte und öffnete die beiden oberen Hemdknöpfe. Er krempelte gemächlich die Ärmel hoch, hob sein Glas, trank es in einem Zug leer, setzte es wieder ab und füllte es erneut. Die Hebestetts beobachteten das kleine Szenario schweigend, hockten merklich unentspannter nebeneinander auf dem Sofa und bemühten sich, nicht allzu verwirrt zu wirken. Adalbert lächelte. „Mein Mund war ganz trocken. Aber trinken Sie doch auch. Ich werde Ihnen derweil die Zeit mit einer Geschichte vertreiben. Sie mögen Geschichten? Böse Geschichten?“

Ellen Hebestett, die kurzfristig über einen plausiblen Grund nachgedacht hatte, um sich frühzeitig zu verabschieden, – merkwürdige Leute, irgendwie, dachte sie – , horchte überrascht auf. „Meinen Sie Lagerfeuergeschichten? Oh, ich liebe Lagerfeuergeschichten. Schalten wir doch das Deckenlicht aus.“
Gerd Hebestett sah sie verblüfft an, wiederholte murmelnd „Lagerfeuergeschichten, ja, sicher“, fingerte in seiner Hosentasche nach einem Papiertuch und wischte sich damit über die Stirn. „Wirklich heiss heute abend, Sie erlauben?“ Er entledigte sich umständlich seiner altmodischen Strickjacke, die er zusammengeknüllt hinter seinen Rücken legte, saß jetzt dort im kurzärmeligen gelben Polo-Shirt und schnaufte erleichtert. Richtig fesch unter den Lumpen, dachte Adalbert. Aber immer noch albern.

„Und jetzt?“ Adalbert warf ihm einen stechenden Blick zu. Gerd Hebestett schluckte, er fühlte sich unbehaglich, das ärgerte ihn, es gab keinen wirklichen Anlass dafür. Er hustete kurz, zeigte auf die Terrassentür. „Es ist die warme Luft, die rein kommt. Da schwitze ich schnell. So ist es angenehmer. Und ja, bitte, Adalbert, erzählen Sie doch. Wir sind schon sehr gespannt. Meine Ellen…“, er griff nach der Hand seiner Frau und drückte sie an seine Brust – , „…ist selbst eine begnadete Geschichtenerzählerin. Stimmt’s, Ellen.“ Ellen Hebestett errötete leicht und lachte. „Nicht doch, Gerd.“ „Aber warum denn nicht?“ Er führte die Hand seiner Frau an seine Lippen und küsste sie. Ellen ignorierte Edeltrauds „Gott, wie entzückend“, – das klang wahrlich nicht echt in ihren Ohren, sie wollte sich nicht unnötig die Laune verderben lassen -, und blickte strahlend auf. „Wenn ich auch dürfte…natürlich nach Ihnen, Adalbert.“

Adalbert senkte lächelnd den Kopf, sagte: „Zu freundlich. Aber Sie zuerst.“ Dann stand er auf, ging zum Lichtschalter und knipste ihn aus. „Recht so? Nur noch Kerzenschein. Edeltraud schwört darauf. Die ist ohne Strom aufgewachsen.“ Er zündete seine Pfeife an, die bereits gestopft neben ihm auf dem Couchtisch lag, setzte sich wieder neben Edeltraud, die ihn gähnend musterte und theatralisch die Augen verdrehte, lehnte sich zurück und murmelte: „Auch gut.“ Er nickte Ellen aufmunternd zu. „Wir hören, Ellen. Und geben Sie sich Mühe.“
„Na, also wirklich…“ Gerd Heberstett sah ihn ärgerlich an. „Das müssen Sie ihr aber nicht sagen.“ Er wandte sich seiner Frau zu, sichtlich erstaunt, dass sie nur beiläufig abwinkte. „Soll er ruhig. Der Herr ist wohl besonders streng.“ Sie beugte den Oberkörper etwas weiter nach vorn, schlug die Beine übereinander, sagte „so denn…“ und senkte ihre Stimme.

„Es war an einem regnerischen Abend im Herbst irgendwann in den späten Siebzigern, und der alte Knut Haferkamp, dessen Kostümverleih in einem etwas abseits gelegenen Stadtteil von München in einer kleinen, von hohen Bäumen dicht bewachsenen Seitenstraße lag, rechnete nicht mehr mit Kundschaft. Sein Geschäft, so versteckt es lag, war nicht nur in Theaterkreisen bekannt für den immensen Fundus an historischen, durchaus auch moderneren Kostümen, die er teils selbst anfertigte, größtenteils aber aufkaufte. Dafür hatte er besondere Quellen, die sein wohlgehütetes Geheimnis waren. Haferkamp war ein wohlhabender Mann, und seine sauber gekelten Kellerräume hingen voll mit den wunderbarsten und seltsamsten Kleidern und Anzügen. Wenn jemand für eine Feier ein besonderes Kostüm benötigte, konnte er sicher sein, dass Haferkamp das richtige parat hatte.

Nun wollte er an diesem trüben Abend grad schliessen, da ging die Türglocke, und herein kam ein völlig durchnässtes junges Paar. Die beiden sprachen mit Akzent und suchten etwas Geeignetes für ein großes Maskenfest, das etwas außerhalb von München in der alten Burg Fischbeck stattfinden sollte, die unlängst von einem reichen Amerikaner erstanden und renoviert worden war. Haferkamp hatte bereits einige der geladenen Gäste kennengelernt, die sich bei ihm für das Fest schon ausstaffiert hatten. Seine beliebtesten und besten Kostüme hatte er somit längst verliehen. Aber ihm fiel etwas ein. Und natürlich zauberte er aus hinterster Ecke auch noch etwas Gutes für die beiden jungen Leute hervor. Etwas ganz Spezielles sogar. Und so kam es, dass die Frau beim Ball ein herrliches Kleid trug, das, so Haferkamp verschwörerisch, der Blutgräfin persönlich gehört hätte. Währendessen der Umhang nebst dem Anzug ihres Verlobten einstmals Dracula selbst getragen habe. In seinem Sarg. So eben Haferkamp, der die Sachen…bitte was?“

„Wein. Ich fragte, ob Sie noch Wein möchten.“ Adalbert beugte sich über die Tischplatte und grinste breit. „Ungeheuer spannend ist das. Noch Wein? Ach was, ich schenk einfach nach.“
„Danke.“ Ellens Stimme klang gereizt. „Sie hätten auch anschließend…aber wenn Ihnen das jetzt lieber ist.“ Sie nickte ihm unwillig zu, nahm hastig einen Schluck, kniff kurz die Augen zusammen.

„Wo war ich? Richtig. Haferkamp hatte die Sachen vor Jahren von einem mysteriösen Fremden geschenkt bekommen, der ihm gesagt haben soll, er wolle partout kein Geld dafür, Haferkamp müsse sie nur ordentlich hüten, sie seien verflucht. Wie genau verflucht, verriet er nicht, aber das blanke Entsetzen stand ihm wohl im Gesicht geschrieben. Er riet Haferkamp, die wirklich prachtvollen und sehr, sehr alt wirkenden Gewänder hinter Glas auszustellen. Als Anschauunsstücke für seine weitgereisten Kunden. Nur nie, niemals dürfte er sie weitergeben. Haferkamp glaubte ihm das nicht, er hielt es für ein Ammenmärchen. Trotzdem vergingen die Jahre, bis er sie halt doch noch verlieh. An das junge hübsche Paar eben an diesem scheußlichen Herbstabend. Und was dann passierte…“

Adalbert schrie „Was? Was?“ und hielt sich die geballte Hand vor den Mund. „Etwas Furchtbares. Nicht wahr?“ Er lachte. Edeltraud lachte auch. „Adalbert. Nun lass sie doch zu Ende kommen. Dauert das noch sehr lange, Ellen? Ich meine nur…“
„Nein. Langweile ich Sie etwa?“ Ellen sah sie zornig an, empörend, sowas, dachte sie, am liebsten würde ich … Edeltraud tupfte mit einer Serviette Rotweinspritzer von der Tischplatte und schüttelte eifrig den Kopf. „Neinnein. Wirklich nicht. Sie machen das großartig. Was passierte denn dann?“
Ellen atmete tief durch, dachte nochmals, sowas aber auch, unerhört, sowas, mach ich’s halt schnell für die Banausen, mir doch egal, wie das klingt. Sie fuhr mit unverkennbar trotziger Stimme fort, freilich weiterhin bemüht, ihre Geschichte auch angemessen ausklingen zu lassen.

„Was also dann? Die beiden erlebten ein berauschendes Fest und zogen solch manchen bewundernden Blick wegen ihrer so phantastisch echt aussehenden Kostüme auf sich. Es war eine lange Nacht, die bis zum frühen Morgen andauerte. Und als die beiden die Außentreppe zum Burghof, wo sie ihr Auto abgestellt hatten, hinunterstiegen, um ihren Heimweg anzutreten, da brüllte der Mann plötzlich wie am Spieß und hielt sich den schwarzen Umhang vor das Gesicht. Und er brüllte und schrie und krümmte sich vor Schmerzen und stand lichterloh in Flammen, und die aufgehende Sonne verbrannte ihn ganz und gar. Der Fluch des Grafen. Er hatte sich erfüllt.

Dann fing das Kleid seiner Frau, die fassungslos neben ihm stand und kein Wort herausbringen konnte, so geschockt und wie in Stein gemeißelt, wie sie war, ebenfalls Feuer. Sie erwachte aus ihrer Erstarrung, schrie gellend und riss es sich vom Leib. Und da sah sie, was mit ihr Grässliches geschehen war. Aus ihr war eine uralte Frau geworden, schlimmer noch, sie war hässlich wie eine Hexe. Die Haut grau und welk, zahnlos mit schütterem Haar und knochigen Fingern mit langen gelben Fingernägeln. Das war der Fluch der Blutgräfin. Niemand außer ihr sollte es wagen, eines ihrer Kleider zu tragen. Jung und schön wollte nur sie sein. Und bleiben.

Wie es endete…ihr Mann war auf diese auf ganz fürchterliche Art und Weise gestorben, nichts war von ihm übrig, und die Frau lief wie ein Schreckgespenst einher und klagte laut. Mühsam humpelte sie keuchend, voller Verzweiflung und hasserfüllt, zum Haus des alten Haferkamps und stach auf ihn mit einem seiner eigenen antiken Messer ein, die Leiche fand man im Garten, völlig zerfetzt. Dann legte sie in seinem Geschäft Feuer. Es brannte bis auf die Grundmauern ab, heute stehen dort in der kleinen Seitenstraße in diesem abgelegenen Stadtteil von München nur noch die hohen Bäume. Das Erstaunliche aber ist: Auf der Burgtreppe lagen immer noch die Kostüme. Völlig unversehrt. Ordentlich zusammengefaltet gar. Der Amerikaner soll sie an sich genommen haben. Was er damit gemacht hat…wer weiß es? Und heute noch…“

„Ja. Heute noch. Und Ende doch wohl?“ Adalbert sprang für seine schmerzenden Knochen erstaunlich behende auf und klatschte in die Hände. „Lob für die Erzählerin, Freunde.“ Er küsste die verdutzte Ellen auf die Wange, umarmte Gerd und kniff Edeltraud in den Bauch. Die wich keifend zurück: „Lass das Schmierentheater.“ Adalbert blieb davon unbeeindruckt, setzte sich wieder und strahlte:“Wie bewegend. Ich bin angenehm erheitert. Gerd, Ihre Frau kann was.“ Gerd Hebestett nickte erfreut, stutzte, blickte Adalbert misstrauisch an. „Sie verwirren mich. Sagten Sie heiter?“

„Aber nein. Oder vielleicht sagte ich es.“ Adalbert zog die Stirn kraus. „Was habe ich denn gesagt? Egal, vergessen wir es. Das war jetzt eine schaurige Geschichte, die wir gehört haben. Und nun werde ich meine erzählen. Mit Verlaub?“ Er blickte die Hebestetts erwartungsvoll an, seufzte „Hachja, wie ich es geniesse“ und blinzelte Edeltraud zu: „Bist du gespannt, Liebes?“ Sie verzog das Gesicht und stöhnte auf. Ellen blickte betreten zu Boden und zupfte an den Rüschen ihrer Bluse. Ungeheuerlich, diese Art, dachte sie. Gerd Hebestett fand das alles arg befremdlich, sagte aber nur: „Ich bin tatsächlich neugierig.“

Adalbert breitete dramatisch die Arme aus. Dann verfinsterte sich sein Blick, seine Augen wurden schwarz, die Stimme ernst und dunkel.
„Es waren zwei Vampire, ein Mann und eine Frau. Noch jung an Jahren, er ein edles Geschöpf, sie freilich…unwichtig wohl, das war einmal. Sie war in ihn verliebt und schwor ihm ewige Nacht mit ihr, aber er wollte sie nicht. Die Ablehnung kränkte sie so sehr, dass sie ihm auf einem Festgelage ihres Vaters totes Blut zu trinken gab. Blut einer Leiche. Nicht so viel, dass er elend krepierte, aber genug, dass er auf der Stelle zum bedauernswerten Greis wurde. Alle erschraken und flüchteten vor ihm. Die von ihm Verschmähte hatte aus ihm ein Monster gemacht. Geächtet von allen anderen Vampiren, von einem Geruch umgeben, den sie nicht ertragen können, immer noch unsterblich, aber fast ein Mensch, der kein Blut mehr braucht. Nur dann und wann.

Die Monster unter den Vampiren sind selten. Und sie sind einsam. Ihre Mörder, – ich nenne sie so – , werden grausam bestraft. Kein Vampir tötet ungesühnt einen anderen, keiner erschafft aus Wut und Bosheit einen Greis wie den aus meiner kleinen wundersamen Geschichte. Die Frau, die ihm das angetan hatte, entging ihrer Bestrafung durch den hohen Rat, dem auch ihr Vater angehörte, indem sie freiwillig aus seinem Becher trank. Ihr erging es wie ihm. Und hatte er anfangs auch nur Verachtung und Hass für sie über, so einigten sie sich schließlich doch irgendwann. Sie waren Artgenossen. Sie kannten sich. Lange schon. Da war sonst niemand. Und so arrangierten sie sich. Und sind immer noch zusammen. Irgendwie. Ziehen alle paar Jahre um, damit niemand merkt, dass sie nie noch älter werden. Sie bevorzugen die Abenddämmerung und das Morgenkrauen. Die Sonne schadet ihnen nur bedingt, aber sie mögen sie nicht. Sie essen und trinken die meiste Zeit normal, wie man so sagt, zwischendurch brauchen sie etwas Blut. Da gibt es Katzen. Kleinviech.

Und nur manchmal, wirklich nur manchmal laden sie sich, wenn sie sich einig sind in halb vergessener Gier, ein Ehepaar ein, um, ich drücke es mal direkt aus, zu vorgerückter Stunde so richtig altmodisch zu fressen.“

Adalbert verstummte, hob sein Glas, lächelte. „Und…?“
Edeltraud sah ihn kühl von der Seite an, drückte seinen Arm und flüsterte: „…Punkt.“

„Recht gelungen, doch“. Gerd Hebestetts Kommentar kam leicht gekrächzt, er fasste sich unwillkürlich an die Kehle, dann applaudierte er schwach. Ellen rührte sich nicht und starrte nur. Sie fühlte sich unbehaglich, schob das auf die plötzliche Kälte und griff nach der Strickjacke ihres Mannes, um sie sich über die Schultern zu legen. Sag was, dachte sie, irgendwas.
„Und was trinken Ihre Vampire ansonsten? Rotwein mit Traubenzucker?“ Sie kicherte gekünstelt und sah Adalbert unsicher an. Der warf ihr einen finsteren Blick zu. „Das glauben Sie wirklich? Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass das Rattenblut ist? Hier in der Flasche?“
„Ach kommen Sie. Genug damit. Aber Phantasie haben Sie. Macht mir fast ein bisschen Angst.“

Ellen rückte unwillkürlich näher in die Sofaecke, sie wollte jetzt aufstehen, wollte weg, wollte, dass Gerd aufstehen würde. Augenblicklich. Der blieb steif sitzen, bewegte nur seine Hand nach seinem halbvollen Glas, betrachtete es angewidert, ließ es stehen. Er hatte ein ganz pelziges Gefühl auf der Zunge und bildete sich ein, unabänderbar auf der Stelle auf den Teppich spucken zu müssen. Er schluckte seinen Speichel hinunter, sah auf die geschnitzte Wanduhr über dem Kamin, verglich die Zeit mit der auf seiner Armbanduhr, und setzte ein Lächeln auf. Zu verkrampft, dachte er, egal. „Wir werden uns jetzt wohl verabschieden müssen. Es ist spät geworden. Ein schöner Abend war das.“ Gerd versuchte ein zweites Lächeln. „Ihre Geschichte, Adalbert, hat mir wirklich gut gefallen. Ich wüsste nicht, welche besser war. Ellens oder Ihre.“

„Was überlegen Sie da? Meine war besser.“ Adalbert sah ihn vorwurfsvoll an. „Meine ist immer besser. “ Er zog die Oberlippe nach oben und zeigte seine Zähne. „Hunger, Edeltraud?“

(erschienen in: Zwielicht X, Juni 2017, Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand)

Phantastikon: Zwielicht X

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)