Die ästhetische Kunst des Horrors

Als meine Frau während eines Sonntag-Tatorts neben mir auf der Couch einschlief, zappte ich noch etwas durch die Programme und blieb auf einem Kanal, da dort soeben ein Spielfilm anfing. Ich wusste nicht, was für ein Film es war (»Hostel«, wie ich später herausfand), aber das Setting machte recht schnell deutlich, dass es sich um einen Horrorfilm handelte, und zwar einen von der deftigen Sorte. Da ich schon lange keinen Schocker mehr gesehen hatte, sah ich ihn mir bis zum Ende an. Danach erfolgte der Umzug ins Bett, wo ich sofort einschlief.

»Wie kannst du nach so nem Film schlafen?«, fragte mich meine Frau, nachdem ich ihr tags darauf beim Frühstück von dem Film erzählte. Alleine die Beschreibung manchen pikanten Details ließ sie nur verständnislos den Kopf schütteln.

»Das ist ja schrecklich«, sagte sie, und ganz oft: »Oh mein Gott. Wie kannst du dir so was anschauen?«

»Da ist doch nichts dabei.«

»Nichts dabei? Alleine wegen deinen Beschreibungen werde ich heute Nacht kein Auge zumachen. Jemand, der solche Filme macht, ist bestimmt selbst voll der Psycho.«

»Schatz, dein Mann schreibt solche Sachen. Bin ich ein Psycho?«

»Naja, aber du schreibst auch anderes.«

»Klar, und die Verfasser von Liebesschmonzetten sind im wahren Leben die besseren Liebhaber oder was?«

»Ach, so meine ich das doch nicht«, sagte sie auf einmal. »Ich verstehe ja nur nicht, dass man sich sowas ansieht und danach ruhig schlafen kann.«

»Das letzte mal, als ich mir die Nachrichten angesehen habe, da konnte ich nicht schlafen«, sagte ich und es stimmte. Da kamen Meldungen über einen Kinderpornoring, über Krisengebiete, Terroranschläge, Flugzeugabstürze, Umweltkatastrophen, missratene Lügenkonstrukte irgendwelcher Politiker, die eigentlich keiner gewählt hat und ein bisschen Sport war auch dabei. Das ist für mich der wahre Horror. Das Tagesgeschehen, runtergebrochen auf fünfzehn Minuten. »Und nun: Zum Wetter!«

Ich persönlich meide Nachrichtensendungen, wo es nur geht. Ich lese auch keine Tageszeitung. Es gab mal eine Zeit, da war das anders, da war ich sogar Abonnent vom SPIEGEL, aber das ist lange her. Die Wahrheit ist: Der Horror des Alltags ist für mich viel schlimmer und angsteinflößender als es das furchtbarste Filmmonster je sein könnte.

Ja, ich gucke gerne Horrorfilme. Noch lieber lese ich aber Horrorgeschichten. Schon als Kind hatte es mir Stephen King (natürlich) angetan, doch bald war ich so weit, dass ich über den Tellerrand des Königs hinausschaute und nach Alternativen suchte. Auf diese Weise kamen die üblichen Verdächtigen in mein Bücherregal: Koontz, Saul, Straub und alsbald mit Clive Barker einer, der es verstand, mit Worten so umzugehen, dass ich den Horror als Kunstform für mich entdeckte, was zu meinen ersten eigenen literarischen Gehversuchen führte.

Seitdem hat mich der Horror nicht mehr losgelassen. Natürlich lese ich auch andere Sachen, so wie ich selbst auch mal andere Sachen schreibe, wie meine Frau treffend festgestellt hat, aber der Horror ist fester Bestandteil meines Lebens und meiner Welt geworden. Denn Horror kann so viel mehr als nur unterhalten und ein bisschen Angst machen. Horror kann befreien. Horror vermag es, unsere innersten Ketten zu sprengen. Von Kafka stammt dieses berühmte Zitat, dass ein Buch die Axt sein müsse, für das gefrorene Meer in uns. Bei dieser Axt muss ich immer an Jack Nicholsons Paraderolle als Jack Torrance in Stanley Kubricks »Shining« denken, als er damit auf die Zimmertür einschlägt, durch das Loch hindurchguckt und »Wendy? Komm zu Daddy!« ruft. Als Jugendlicher hatte ich dieses Motiv als Poster an der Tür hängen.

Horror besticht durch eine gewisse Ästhetik. Das abnorme, abseitige und angstmachende wird zu einer bizarren Collage zusammengefügt, auf der wir die Charaktere einer Geschichte einerseits und die Antagonisten in Form des Bösen andererseits gegeneinander antreten lassen. Dabei ist das Böse immer abstrakt. Das Böse kann im Menschen stecken (Norman Bates, Hannibal Lecter, etc.) oder in einer höheren Wesensart (Cthulhu, Alien, etc.). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Böse auch in Form beseelter Dinge auftreten kann (Stephen Kings »Christine« mag hier als berühmtes Beispiel dienen, wo ein 58er Plymouth Fury fleißig mordet).

Bleiben wir bei der Ästhetik: Häufig geht es um den Körper. Beim Horror geht es um Fleisch und um Blut. Es geht um Sex und Tod. Es geht darum, den Körper zu erforschen und das auf eine recht subtile aber effektive Art, in dem man ihn aufschneidet. »Blutbücher sind wir Leiber alle – wo man uns aufschlägt, lesbar rot«, heißt das einleitende Zitat von Clive Barkers Büchern des Blutes – ein sechs Bände umfassendes Kompendium, mit dem uns Barker in den 80er Jahren aus der seichten amerikanischen Vorstadthölle eines Stephen King und John Sauls herausführte, um zu zeigen, was Horror noch alles kann – wie unendlich schmerzvoller und extremer, aber damit einhergehend und auf seine eigene Art auch ästhetischer Horror funktioniert.

Heute, in Zeiten wo Horrorverlage wie Festa sich auf die Herausgabe von Bizarro-Fiction spezialisiert haben, und wo die Saw-Filmreihe in die achte Runde geht, mag das schon wieder eine olle Kamelle sein. Das Genre wird extremer. Wo vermeintlich sämtliche Grenzen ausgelotet sind, sucht man die Grenzpfähle zu versetzen. Doch das funktioniert nur dort glaubhaft, wo man die Herkunft nicht vergisst. Als Horrorkünstler sollte man seine Hausaufgaben gemacht haben und diese liegen nun mal bei Poe, Lovecraft, Hofmann, Meyrink, Blackwood, Stoker, Shelly und vielen anderen, alten Hasen.

Unter diesen Gesichtspunkten macht es Spaß, sich mit dem Genre zu beschäftigen. Es erklärt nicht, warum ich nach einem Horrorfilm besser schlafen kann, als nach den Zwanzig-Uhr-Nachrichten. Es erklärt auch nicht, warum es bei vielen Leuten andersherum zu sein scheint. Aber es erklärt, dass Horror auf eine lange Tradition zurückblickt. Es gibt feste Regeln und Prinzipien, nach denen eine Horrorgeschichte funktioniert. Diese zu brechen oder abzuändern kann manchmal gewinnbringend sein und dem Genre neue Aspekte hinzufügen; doch geht der Weg meines Erachtens nach nicht über die Steigerung von Gewalt, Blut und den Fokus darauf. Die körperliche Angst ist zwar eine äußerst unangenehme, aber es geht auch anders – es gibt Horrorfilme und Geschichten, die komplett ohne Blut auskommen, die ein Gefühl des Unbehagens alleine nur durch die Atmosphäre erzeugen. Vielleicht ist das die wahre Kunst des Horrors. Am Ende treffen wir dort auf Grenzpfähle, die wir neu abstecken müssen. Eine nähere Untersuchung dieses bald schon wieder vergessenen Grenzgebietes könnte durchaus gewinnbringend für das ganze Genre sein.
Eigentlich ging es mir darum, herauszustellen, dass Horror eine Kunstform ist. Kunst muss (in allen Genres und allen Formen sollte das meiner Meinung nach so sein) vor allem eines: Verstören. Kunst muss anecken und die Grenzen ausloten. Das heißt nicht, dass ich den Mainstream nicht gut heiße. Es muss ihn geben und wenn manche Horrorikonen im Mainstream angekommen sind, dann ist das nur ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat. Horror als solcher ist aber noch Welten von der gesellschaftlichen Mitte entfernt.
Und nun: Zum Wetter.

Tobias Bachmann

Tobias Bachmann

Tobias Bachmann wurde 1977 in Erlangen geboren und veröffentlicht seit 1998 Erzählungen, Novellen und Romane; unter anderem der gemeinsam mit Markus K. Korb verfasste Episoden-Roman “Das Arkham-Sanatorium” (2007, Atlantis Verlag) sowie der als bester deutschsprachige Horrorroman 2009 mit dem Vincent Preis ausgezeichnete Roman “Dagons Erben” (2009, Basilisk Verlag). Zuletzt erschien der Roman “Scherlock Holmes taucht ab” (2012, Fabylon Verlag), eine gemeinschaftliche Veröffentlichung mit Sören Prescher. Tobias Bachmann ist verheiratet und lebt mit seiner Familie im Fränkischen Seenland.

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