Die Addams Family – Man mag und kann eben auch anders

Als die amerikanische Fernseh-Nation 1964 erstmalig Bekanntschaft mit dieser seltsamen Familie machte, die niemand wirklich gern in unmittelbarer Nachbarschaft gehabt hätte, war die absolute Mehrheit schon recht irritiert. Diese Leute waren so völlig anders als normal. Gegenteilig. Irgendwie grundsätzlich verkehrt, weil sie Dinge mochten, sagten, machten, die man nicht auf dem sozialen Bildschirm hatte.

(c) Columbia TriStar Films

Dementsprechend zögerlich nahm man sich anfangs der Addams Family an. Die Resonanz war nicht unbedingt überwältigend, aber die Macher erwiesen sich als zäh, recht stur und geduldig, ließ die Leute mit der Serie warm werden, zeigte gern Wiederholungen und nochmals Wiederholungen. Und irgendwie wuchs da plötzlich eine riesige Fangemeinde heran, die grau und wissend wurde und heute noch von den guten alten Zeiten im Gruselschloß in Cemetry Ridge schwärmt. So herrlich makaber. So wahrhaftig morbide. So schwarz der Humor. Wie hintergründig tiefsinnig zudem, wurde doch der Spiegel vorgehalten: Wie verhält man selbst sich denn so, wenn das Gegenüber extrem befremdlich ist? Prinzipien getreu ablehnend, hilflos oder doch wunderbar tolerant?

Komplett aus der Art

Ursprünglich sind die Addams Cartoon-Figuren, deren Geschichten ab den 1930er Jahren als feste Rubrik im New Yorker Magazin veröffentlicht wurden. Erschaffen hat den Schauer-Clan der US-amerikanische Zeichner und Autor Charles Addams, der als kreativer Kopf der abgedrehten Sippe auch großes Mitspracherecht bei der Verfilmung seiner Idee, Regie David Levy, als TV-Serie hatte. Die wurde realisiert, als zeitgleich die Enterprise ins Weltall abhob, – gleichwohl misstrauisch beäugt vom Publikum, das sich bekanntlich keineswegs sofort in Science Fiction generell und die erstaunliche Crew speziell verliebte – , und mit “Lieber Onkel Bill”, “Flipper” und der “Bezaubernde Jeannie” typisches Familien-Heim-Kino für kleine Sorgen und Verwicklungen nebst gut platziertem Spaß, viel Harmonie und großen Umarmungen geboten wurde. Happyend stets inclusive.

Und alles immer noch fast so brav geordnet im gewünschten Identifikationsschema wie in der damals mega-erfolgreichen US-Sitcom „Leave it to Beaver“ , die über sechs Jahre (1957 – 1963) den turbulenten Alltag der netten Familie Cleaver aus der Sicht von Sohn Theodore, „Biber“ genannt, zeigte. Da wurde der verbrannte Apfelkuchen zum mittelschweren Drama…und die Nation nickte amüsiert und selig, weil nichtsdestotrotz Harmonie über allem schwebte.

Die Addams sind Chaos

(c) Columbia TriStar Films

Die Addams sind komplett aus dieser Art(-igkeit). Völlig anders als das, was man sich unter einer amerikanischen 1960er-Durchschnittsfamilie mit gepflegtem Vorgarten, frischen Cookies auf dem Blech und Baseballschläger im Schirmständer vorstellt. Die Addams wohnen in einer großen, finsteren Villa im viktorianischen Stil. Da blüht nichts Gutes vor dem Haus, da backt nichts Gutes im Ofen. Die Addams sind Chaos. Ergo höchst gewöhnungsbedürftig in einer Zeit, die immer noch stark geprägt ist vom Idealbild einer von ehrbaren Werten und soliden Verhaltensmustern geprägten Heile-Welt-Gesellschaft. Wobei durchaus längst Umbruch und Umdenken stattfinden, weil die kollektive Selbstzufriedenheit in den repräsentativen Mittelschicht- Familien sich immer mehr als ein völlig veraltetes Theaterspiel entlarvt.

Die Jugend rebelliert und orientiert sich selbst, Themen wie frei ausgelebte Sexualität und politische Einmischung gewinnen an Bedeutung und Brisanz. Schablonendenken wird analysiert, spießiges Altwerden ist ein Gruselfaktor.

Gutbürgerliches bröckelt

(c) Columbia TriStar Films

Kurzum: Das gutbürgerliche Amerika bröckelt sehr wohl. Und für all diejenigen, die ihre Fassade weiterhin selbstgerecht und trotzig so stabil wie nur möglich bewahrt sehen wollen, sind die Addams, wenn auch grotesk parodiert, exakt jene unkonventionellen, den traditionellen Rahmen sprengende Leute, denen man höchst vorsichtig begegnen sollte. Weil eine abweisende Haltung angebracht scheint bei solchen „Typen“, denen auf der Stirn steht, dass sie sozialpädagogische Ketten sprengen. Zumindest für Unordnung und Kopfschmerzen sorgen.

1955 lehnte sich James Dean als Jim Stark in Rebel without a Cause mit seiner Ratlosigkeit und seiner Sinn-Suche gegen das auf, was bis dahin als obligatorische Wertvorstellung galt. Die Familie als Glückspol, Entwicklungs- und Ruhezentrum wurde scharf in Frage gestellt. Und spätestens seit Hitchcock’s legendärem „Psycho“ ist auch die Familie als Quell mörderischer Umtriebe involviert in der bösen Klasse. Lichtjahre entfernt von „Mutter ist die Allerbeste“, einem Quotenhit mit Donna Reed als makelloses Abziehbild der „typisch“ amerikanischen Hausfrau, – die Serie lief von 1958 – 1966 – , zeigt „Psycho“ (1960) mit seinen revolutionären Tabu-Zerschmetterungen, was passieren kann, wenn die Mutter-Sohn-Beziehung so gar nicht im herkömmlichen Sinn in Ordnung ist. Erstmalig in der Film-Geschichte wird die Familie als in der Regel unantastbare Gemeinschaft auf derart schockierende Art wie in Psycho attackiert. Exakt in diese Fußstapfen tritt ein gutes halbes Jahrhundert später Adam Wingard mit „You’re next“. Die Familie war einmal heilig. Aber das ist ganz scheußlich lange her.

Sie haben gedonnert?

(c) Columbia TriStar Films

Und die unheiligen Addams? Schlagen sich ergo gegenseitig die Köpfe ein? Das nun mitnichten. Zwar kennen die Kinder, Tochter Wednesday und Sohn Pugsley, nichts Schöneres, als sich immer neue Killermethoden für den anderen auszudenken, und der glatzköpfige Onkel Fester führt im Keller unheimliche Experimente durch, wenn er sich nicht gerade im Streckbett foltert, aber grundsätzlich ist die Familie nicht von wirklich bösen Absichten getrieben. Mutter Morticia, eine bleiche Schönheit in durchaus edler schwarzer Garderobe, ist das Oberhaupt der Addams, Vater Gomez, ein erfolgloser Anwalt, lässt sie ergeben schalten und walten, sprengt bevorzugt Spielzeugeisenbahnen und liebt seine Frau abgöttisch. Wie auch sie an seinen Lippen klebt, permanent und hingebungsvoll, als gäbe es nichts Kostbareres auf der Welt als diese eine große Liebe. Großmutter Addams ist eine Hexe im Ruhestand, Cousin IH ein haariges Monster, und der hünenhafte, wortkarge Butler Lurch spielt Cemballo, sofern seine Dienste nicht erforderlich sind. Sie haben gedonnert?!

Eiskaltes Händchen

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Was sie alle in Zufriedenheit eint: Sie mögen sich. Und sie mögen Dinge, die andere Leute im Regelfall überhaupt nicht mögen. Was ihnen behagt, schmeckt und gefällt, was sie schätzen, vor allem auch an familiären Werten, finden die „normalen“ Außenstehenden befremdlich. Manchmal eben auch fürchterlich. Einfach nur eklig. Oder gar schaurig. Immerhin leben die Addams mit einer abgetrennten Hand zusammen, die sehr wohl ihre Eigenständigkeit hat. Sie wohnt in einer schwarzen Box und heißt im Original kurz „The Thing“, in der Übersetzung „Eiskaltes Händchen“.

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Die Addams sind nicht die einzigen merkwürdigen Seriengestalten, die dem gesellschaftlichen Wunsch nach einem gepflegt gesitteten Miteinander in den 1960ern so gar nicht entsprechen. Die „Munsters“ aus Transsylvanien mit dem kleinen Werwolf Eddie als Sohn, Vater Hermann als Frankenstein-Monster-Kopie, Mutter Lily als Vampirin und Nichte Marilyn als schwarzes Schaf der Familie (sie ist einwandfrei menschlich) laufen exakt im gleichen Jahr (1964) im US-Fernsehen an und werden, wie eben auch die Addams, 1966 zuerst einmal wieder abgesetzt. In den 1970ern sind die Addams Protagonisten einer eigenen Zeichentrick-Serie, dann erneut in den 1990ern, in denen drei Addams-Family-Stories, – 1991, 1993 und 1998 – , mit dem grotesk humorvollen Geist der Original-Cartoons von Charles Addams für das Kino verfilmt werden: 1991 und 1993 (Regie: Barry Sonnenfeld) mit Anjelica Houston als Morticia, 1998 (Regie: Dave Payne) mit Daryl Hannah in der Rolle der „schwarzen Hexe“, die als optisches Vorbild für Walt Disney’s Gundel Gaukeley gilt.

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