Die 18 besten Werke der Urban Fantasy

Auch in der Hinsicht, dass viele der ausgezeichneten Urban Fantasy Bücher bisher gar nicht ins Deutsche übersetzt wurden (darunter Harry Conollys „Twenty Palaces“, John Ringos „Princess of Wands“, „Malus Domestica“ von S.A. Hunt, die meisten Arbeiten von Charles de Lint und eine Menger erstklassigen Stoff mehr), präsentieren wir hier eine Liste mit dem Besten, was die mageren Übersetzungen des Genres zu bieten haben. (Oh ja, es gibt eine regelrechte Schwemme an Veröffentlichungen, aber die können getrost sofort wieder zum Recyclen gebracht werden). Man mag sich über die Plätze streiten, aber das muss in Kauf genommen werden, schließlich bedeutet eine Nummer 1 nicht, dass es sich dabei um jedermanns Nummer 1 handelt. Angemerkt werden sollte außerdem, dass die Liste nicht in Stein gemeiselt ist. Im Gegenteil ist sogar vorgesehen, dass sie je nach Notwendigkeit ihre Updates erfährt. Warum wir nur 18 Titel auf der Liste haben, ist ganz schnell erklärt: Wir haben keine 20 Bücher oder Serien gefunden, die sich auf Bestenlisten tummeln sollten. Wer Anita Blake und Sookie Stackhouse vermisst: ganz Recht. Zwar waren die ersten Bücher der Anita-Blake-Reihe durchaus erwähnenswert, aber am Ende gehört die ganze Reihe auch nur auf den Wühltisch für gelangweilte Hausfrauen, die sich in ihren Träumen gerne mit Werwölfen und Leoparden paaren. Und ernsthaft: Sookie Stackhouse? Doch eher nicht. Wir haben bei Rachel Morgan schon ein Auge zugedrückt.

Was Urban Fantasy überhaupt ist, erklärt A.J. Blakemont in seiner Artikelserie bei uns im Phantastikon.

1. Jim Butcher / Die dunklen Fälle des Harry Dresden (Feder & Schwert)

Auch wenn Jim Butcher die Urban Fantasy nicht erfunden hat, ist sein Harry Dresden doch der Leuchtturm des ganzen Genres. Und das gilt selbst dann, wenn man persönlich andere Präverenzen an seine Lektüre stellt. Ähnlich wie Tolkien mit seinem Herrn der Ringe die High Fantasy zu zahllosen Nachahmern animiert hat, erging es Butcher mit seinem Harry Dresden, so dass die Dresden-Klone fast schon ein eigenes Genre darstellen, nämlich das Detective-Noir-Subgenre. Butcher braucht zwei Bücher lang, um richtig in Fahrt zu kommen, aber dann werden die Dresden Files zu einer höllischen Lektüre, die mehr und mehr auf dunklere Gebiete zuschreitet.

2. George RR Martin / Fiebertraum (Heyne)

Wer Martin nur aus seinen wegweisenden „Das Lied von Eis und Feuer“-Romanen kennt, verpasst eine ganze Reihe erstaunlicher Werke, und Fiebertraum eines davon. Gleichzeitig interpretiert dieser Roman ein ganzes Genre neu. Die Geschichte dreht sich um Abner Marsh, einen Bootskapitän auf dem mächtigen Mississippi, der im Jahre 1857 ein ungewöhnliches Angebot von einem Fremden erhält. Wenn es auf einem völlig gesättigten Markt  ein „Vampir“-Buch gibt, das man unbedingt lesen sollte, dann ist es dieses hier. Das Setting ist völlig exotisch, die Charaktere herausragend und komplex gezeichnet. Wer immer auf der Suche nach einem exzellenten Vampir-Roman ist, hat ihn hiermit gefunden.

3. Susanna Clarke / Jonathan Strange & Mr. Norell (Berlin Verlag)

Dies ist der Einstieg in die historische Urban Fantasy, denn der Schauplatz ist die Ära der napoleonischen Regentschaft, die sich auf die englische Landschaft konzentriert. Es ist ein sich langsam entwickelndes, schwerfälliges Buch, das die Spannung nur allmählich aufbaut. Die Leser spalten sich hier in zwei Kategorien: diejenigen, die sich durch die ersten paar hundert Seiten wühlen, um zum Kern der Geschichte zu gelangen, und diejenigen, die aufgeben, bevor sie den Punkt erreichen, an dem es interessant wird. Jonathan Strange & Mr. Norrell ist ein faszinierender Roman – reich an englischer Überlieferung, barocker Sprache und einer ganzen alternativen englischen Mythologie, die aus jeder Seite durchsickert. Für diejenigen, die gerne um des Lesens willen lesen, ist dieses Buch das richtige.

4. Robert Holdstock / Mythenwald (Bastei Lübbe)

Was wäre, wenn es alles, was man aus Mythen kennt, tatsächlich gäbe? Diese Frage stellt sich Robert Holdstock in diesem Roman, der in die kollektive Seele der Menschheit eintaucht. Der Mythenwald ist ein alter Urwald irgendwo in England – ein wundersamer Ort der Magie und des Geheimnisses, wo Legenden und Mythen aus jedem Volk und jeder Zeitperiode existieren. Robert, der Protagonist, verliebt sich in eine mythische keltische Prinzessin; als sie entführt wird, reist er in das Herz dieses Waldes, in das Reich des alten Mythos und darüber hinaus, um sie zu retten. Die Romane (es gibt eine ganze Serie, die jedoch – wie sollte es anders sein – nicht zur Gänze ins Deutsche übersetzt wurde) sind von eine sehr traumhaft-ätherischen Qualität, fast so, als ob man in eine Welt der Träume und Möglichkeiten hinabsteigt. Allerdings ist Mythenwald nicht für jeden, sogar für die wenigsten. Der literarische Anspruch ist hier sehr hoch.

5. Neil Gaiman / Niemalsland (Heyne)

Im Grunde sind alle Werke Neil Gaimans der Urban Fantasy zuzurechnen, und längst hat man ihn auf dem Schirm als einer der Besten des Genres. Sein absoluter Publikumsliebling ist Niemalsland, das sich um ein alternatives London dreht, das sich unter dem allseits bekannten London befindet (London Below). Dies ist eine Welt der sprechenden Ratten, der Schatten und der Heiligen, der Monster und der unglaublichsten Helden. Und in diese bizarre Welt von London Below gelangt eines Tages Richard, ein gewöhnlicher Mann mit einem gewöhnlichen Leben, der sich durch einen Akt der Freundlichkeit in eine Welt des Geheimnisses, der Magie und der Gefahr verstrickt sieht.

6. Tim Powers / Die Tore zu Anubis Reich (Piper)

Man findet Tim Powers auf nicht gerade wenigen Bestenlisten, und das hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass er hier unterschiedliche Genres mischt: Zeitreisen, alternative Geschichte, Fantasy, Mystery und Science Fiction sind hier mit einem zeitgemäßen Setting verwoben. In diesem Roman treffen wir einen Witwer mittleren Alters namens Brendan Doyle, einen Experten für Samuel Taylor Coleridge und den (fiktiven) Dichter William Ashbless. Doyle wird von einem exzentrischen Millionär, der sich ein Zeitreisegerät ausgedacht hat, gebeten, in das Jahr 1810 zurück nach London zu reisen, um an einer Coleridge-Vorlesung mit einer Gruppe wohlhabender Chrono-Touristen teilzunehmen. Doyle stimmt vorsichtig zu und wird – um es kurz zu machen – in der Vergangenheit ausgesetzt, wo er bald in die Machenschaften ägyptischer Zauberer verwickelt wird, die versuchen, England zu zerstören.

7. Tad Williams / Bobby Dollar (Klett Cotta)

Nach Der Blumenkrieg ist diese Trilogie Tad Williams‘ zweiter Ausflug in die Urban Fantasy. Man konnte über die Jahre, begonnen bei seinem Debüt Traumjäger und Goldpfote, beobachten, wie Williams von Werk zu Werk besser wurde, bis es zum gegenwärtigen Zeitpunkt seinen Höhepunkt erreichte. Bobby Dollar steht in der Detective-Noir-Tradition der Dresden Files, ist aber keiner der vielen Klone. Tatsächlich gibt es sogar Stimmen, die der Meinung sind, dass Williams mit diesen drei Bänden ernsthaft an Jim Butchers Thron rüttelt. Das hätte zumindest eine ernsthafte Konkurrenz werden könne, wenn nicht nach drei Teilen Schluß gewesen wäre.

8. China Mieville / König Ratte (Bastei Lübbe)

In Mievilles Werk nimmt König Ratte zwar nicht die oberen Plätze ein, ist aber dasjenige, das der Urban Fantasy am besten enstspricht. Wie in allen Miveille-Romanen gibt es auch hier eine Menge seltsamer Dinge und bizarrer Figuren in einer ebenso bizarren Kulisse. Die Stadt selbst wird zu einer Art Charakter in diesem Roman, den man entweder hasst oder liebt. Die Geschichte dreht sich um Sual Garamond, einen normalen Mann, der in eine Welt hineingezogen wird, von der er nie auch nur ahnte, dass sie existiert, und der sich jenen Kräften stellen muss, die ihn für ihre eigenen Machtspiele benutzen wollen.

9. Simon R. Green / Geschichten aus der Nightside (Feder & Schwert)

Ein großartigre Mix aus Spannung, Humor, Fantasy, Horror und Romantik. Eine Mischung aus Raymond Chandler und Jim Butcher. Das hier ist Detekive-Noir-Fantasy nach dem Vorbild der Harry-Dresden-Reihe (und Jim Butcher empfielt diese Serie auch nachdrücklich), hat aber eine ganz andere Herangehensweise. John Taylor ist ein heruntergekommener Detektiv, der es versteht, Dinge und Menschen zu finden. Jetzt steht er vor seinem härtesten Fall, eine verschwundene Frau aufzuspüren. Dazu muss er in die Nacht hinabsteigen, in ein anderes, geheimes Reich im dunklen Herzen Londons, wo Zeit und Raum keine Bedeutung haben; ein Ort, an dem es immer 3 Uhr morgens ist, ein Ort, an dem immer etwas Dunkles um die Ecke lauert; ein Ort, an dem sogar die Ratten fliehen; ein Ort, an dem Realität und Schrecken verschmelzen.

10. Kim Harrison / Rachel Morgan (Heyne)

Es war nicht ganz klar, ob diese Reihe hier überhaupt aufgenommen werden sollte, was nicht an der Reihe selbst lag, sondern an der entsetzlichen Übersetzungspolitik von Heyne. Dass Heyne Titel absolut dämlich übersetzt, weiss jeder, aber auch inhaltlich ist diese Reihe derart schlecht, dass man sich fragen muss, warum niemand diesen Verlag endlich einmal verklagt. Nun gut. Dennoch gehört Rachel Morgan natürlich auf diese Liste. Die Hauptfigur Rachel Morgan, eine Hexe, hat für die Polizei gearbeitet, aber sagen wir einfach, dass es nicht geklappt hat. In Cincinnati dominieren die nichtmenschlichen Wesen ein Gebiet namens The Hollows. Rachel übernimmt Fälle von Privatkunden und arbeitet mit ihrer Vampirfreundin Ivy zusammen. Im Laufe dieser Serie werden Rachels magische Fähigkeiten immer mächtiger und interessanter, was auch auf die Nebencharaktere zutrifft.

11. China Mieville / Un Lon Dun (Bastei Lübbe)

Mieville ist einer der Hauptvertreter des New Weird (und sein bekanntester Roman ist sein Debüt Perdido Street Station), obwohl er gelegentlich in die vertrauteren Bereiche der Urban Fantasy vordringt, wie es etwa hier in Un Lon Dun der Fall ist. Der Name gibt es bereits her: Un Lon Dun ist eine alternative Version von London, die hinter einem Schleier des modernen London steckt. Das Buch hält einige Standarts des Genres bereit: messianische Helden, Genies, Abenteuer etc., aber es untergräbt auf subtile Weise viele der typischen Tropen. Die phantastische und verrückte Stadt Un Lon Dun ist lebendig und hat genauso viel Charakter wie die eigentlichen Figuren – darunter fliegende Busse mit Kanonen, lebende Schirme und gigantischn Bibliotheken mit einem organischen Ökosystem. Im Gegensatz zu einigen von Mievilles anderen Arbeiten ist diese leicht zu verstehen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Un Lon Dun sein Ausflug in das Young Adult Genre ist, ohne allerdings erwachsene Leser auszusperren.

12. JK Rowling / Harry Potter (Carlsen)

Die Harry-Potter-Reihe ist natürlich Urban Fantasy auf höchstem Niveau und ein Phänomen, das für immer gelesen und gefeiert werden wird. Obwohl die Geschichte in der modernen Welt der Muggel in England spielt, führt sie Harry  in ein verstecktes Internat für junge Zauberer und Hexen, das jede Art von fantastischen Kreaturen und Magie enthält, die man sich vorstellen kann – und einen ultimativen Bösewicht, der das Zeug zum echten Albtraum hat. Ob man will oder nicht, die Serie ist einfach zu großartig, um sie auszulassen. Und mittlerweile gehört sie ebenso zum Fantasy-Kulturgut wie der Herr der Ringe oder die Dresden-Reihe.

13. Kevin Hearne / Die Chronik des eisernen Druiden (Klett Cotta)

Das ist sicher eine Reihe, die man entweder hasst oder liebt. Andererseits: welche ist das nicht? Die meiste Zeit über könnte man meinen, Hearne übernimmt hier die gesamte Dresden-Formel und ändert nur die Namen und Hintergründe. Je länger sich die Reihe erstreckt, desto mehr entwickelt sie jedoch ihren eigenen Charakter. Vergessen wir nicht, dass auch Butcher einige Anlaufschwierigkeiten hatte.

 

14. Ben Aaronovitsch / Die Flüsse von London (dtv)

In vielerlei Hinsicht ist dieses Buch eine Version von Harry Potter, die erwachsener daherkommt. Magie existiert. Die Behörden wissen davon und haben bestimmte Maßnahmen ergriffen. Die Menschen sind bereit zu glauben, dass sie existiert und die zu untersuchenden Verbrechen beeinflussen. Die Figuren funktionieren sehr gut. Aaronovitch hat ein gutes Gespür für seine Charaktere, was sie realistisch und faszinierend macht. Sie sind weder unverwundbar noch perfekt. Niemand trifft immer die richtigen Entscheidungen, und niemand trifft ständig die falschen Entscheidungen. Sie sind in jeder Hinsicht menschlich (auch die Nicht-Menschen).

15. Neil Gaiman / American Gods (Heyne)

American Gods ist mehr als nur ein intelligenter Roman über einen Haufen obdachloser Götter, sondern eine gedankliche Spielerei, die in eine verdammt gute Geschichte eingebettet ist. Gaiman tut hier, was er am besten kann: er reißt das Alte heraus, um es mit Neuem zu vermischen, um dann eine einfühlsame Geschichte über den daraus resultierenden Konflikt zu erzählen. Tatsächlich hat Gaiman eine ganze Menge an herausragenden Büchern, in denen er eine bessere Geschichte mit besseren Figuren erzählt, aber es ist besagtes Gedankenspiel, das dieses Buch dann doch auf dieser Liste auftauchen lässt.

16. Charles de Lint / Grünmantel (Heyne)

Es ist immer der gleiche Jammer. Charles de Lint ist ein maßgeblicher Autor der Urban Fantasy, hat aber wenig Übersetzungen erfahren. Sozusagen stellvertretend für sein überragendes – hierzulande fast unbekanntes – Werk, sei hier Grünmantel erwähnt, das leider wieder von Heyne ist, was stets bedeutet: lieblose Übersetzung und voller Fehler.
Grünmantel ist nicht nur ein spannender Thriller, sondern auch eine Einführung in die tiefsten philosophischen Fragen der Literatur, wozu Geschichten eigentlich da sind und wie sie uns erschaffen und nicht umgekehrt. De Lint zeigt hier, wie zeitgenössische Fantasy die tiefe mythische Literatur unserer Zeit sein kann. Und das ist kein unerheblicher Beitrag.

17. Sergej Lukianenko / Wächter der Nacht (Heyne)

Wenn eine bestimmte Art von Geschichte, die stark auf einer Kultur basiert, in eine andere Kultur übertragen wird, geschieht etwas Magisches. Die Wächter- Trilogie gehört zu den übernatürlichen Thrillern, die im Westen seit Bram Stokers Dracula und seinen unzähligen Nachfolgern bekannt ist. In der russischen Literatur gibt es aufgrund der lange Zeit herrschenden Verachtung für diese Dinge eine große Lücke in der Phantastik. Die Nation, die Klassiker wie die unheimlichen Geschichten von Gogol und Bulgakows Meister und Margarita produzierte, musste lange auf etwas Modernes, Neues und ausgesprochen Gruseliges warten. Diese Trilogie ist sardonisch, erfinderisch und setzt dem Leser manche Tropen neu und auf überraschende Weise vor.

18. Jonathan Carroll / Das hölzerne Meer (Eichborn)

Jonathan Carroll ist einer jener Autoren, die aufgrund ihrer Eigenwilligkeit im Grunde nirgendwo hineinpassen. Das aber kann kein Grund sein, ihn auszulassen. Gar nicht wenige, die der spekulativen Literatur zuzurechnen sind, könnten auch in den Topf der Urban Fantasy fließen. Das würde das Subgenre gehörig durcheinanderschütteln und einige Klassiker von den Bestenlisten verdrängen. Fantasy, Psychothriller, Science Fiction – das sind die Elemente in Carrolls Buch, ganz zu schweigen von dem, was man aus der Weird Fiction kennt. Streng genommen wäre das sogar Magischer Realismus. Aber mal ehrlich: wen interessiert das, wenn er ein hervorragendes und unterhaltsames Buch in den Händen hält? Von diesem billigen Cover sollte man sich nicht abschrecken lassen. Der Spott gebührt dem Verlag, nicht dem Autor.

Staff

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