Der Weg ins Licht

„Der Planet Saturn“, sagte der Nachrichtensprecher, „ist verschwunden. Wie die Sprecher der nationalen und internationalen Observatorien berichten, ist der zweitgrößte Planet des Sonnensystems seit sechs Uhr sechsunddreißig mitteleuropäischer Zeit weder mit Teleskopen noch mit Mitteln der Radioastronomie zu orten. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel.“

Viele der Studenten, die sich in der Cafeteria der Universität befanden, schauten gebannt zum Fernseher. Schockiert, aber auch ein wenig fasziniert verfolgten sie den Bericht des Nachrichtenmagazins. Es schien mir, als sei ich der Einzige, der sich nicht für die Nachrichten interessierte. Während die verschiedenen Experten im Fernsehen die unterschiedlichsten Erklärungsansätze für das Verschwinden des Gasplaneten bemühten und dabei über Umfang, Dichte, Größe und Umlaufbahn schwadronierten, ruhte mein Blick auf der engelsgleichen Gestalt, die in der anderen Ecke der Cafeteria saß und ab und zu verschämt zu mir herüber schaute: eine junge Frau.

Sie war schön. Sie hatte blonde, lange Haare, stahlblaue, wache Augen und einen feinen, matten Teint. Sie war in hellen Farben gekleidet, sie trug eine lange, weiße Leinenhose und eine dazu passende, cremefarbene Bluse. Die Kleidung verlieh ihr eine luftige Leichtigkeit. Als sie aufstand und verschwand, schien es mir, als schwebe sie über dem Boden. Ich war versucht, ihr nachzulaufen, um sie noch länger betrachten zu können, ließ es aber bleiben. Es war dieses altbekannte Gefühl: Unbändiges Verlangen nach einer Frau bei gleichzeitiger Gewissheit, so ein ätherisches Geschöpf wie dieses niemals berühren zu können. Sie war nicht nur, wie man so schön sagt, außerhalb meiner Liga, nein, sie war aus einer anderen Welt.

Nach einer etwa zehnminütigen Phase der Frustration erhob ich mich ächzend von meinem Stuhl um mich auf den Weg in das Romanische Seminar zu machen. Ich hatte mich für das Seminar mit dem hochtrabenden Titel Kulturwissenschaft für Romanisten: Menschenbilder im historisch-anthropologischen Denken von Las Casas bis Foucault bei Dr. Karimi entschieden und wollte nicht wieder zu spät kommen.

Ich stand also auf, drängte mich an den zum Fernseher starrenden, zu Salzsäulen erstarrten Studenten vorbei und verließ die Cafeteria. Ich ging den Laubengang der altehrwürdigen Universität entlang, schritt quer über den Arkadenhof und verschwand dann im südlichen Trakt, wo die Seminarräume des Romanischen Instituts untergebracht waren.

Das Universitätsgebäude war ein ehemaliges Kurfürstenschloss. Mitten in der Stadt erhob sich ein prächtiges Aedificium aus Marmorsäulen, Türmen, Galerieflügeln und Bogengängen, indem nun die Schöpferkraft der Bildung herrschte. Auch das Romanische Seminar wirkte mit seinen mit Stuck verzierten und von Deckengemälden verschönerten Räumen wie eine Wirkungsstätte elitärer Geister. Ich studierte gerne dort und verbrachte gelegentlich Zeit in der großen Bibliothek. Nicht immer um zu lesen, sondern um die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen.

Als ich in den Raum kam, in dem das Seminar stattfinden sollte, traf es mich wie der Blitz.

Im Raum saßen vier männliche Studenten. Es schien als gehörten sie zusammen, denn alle trugen sie Reiterhosen und Reitersteifel. Offenbar waren sie Mitglieder einer Burschenschaft. Zu den Reiterhosen und Reiterstiefeln trugen sie Jersey-Hemden in den Farben Weiß, Rot, Schwarz und fahles Beige. Sie erinnertem mich an Jockeys.

Aber der eigentliche Schock rührte von der Gestalt her, die inmitten der vier Männer Platz genommen hatte: Es war jene junge Frau, die ich wenige Minuten zuvor noch in der Cafeteria bewundert hatte.

Der wilde Schlag meines Herzens kam erst zur Ruhe als Dr. Karimi den Raum betrat, ebenso verwundert dreinblickte wie ich kurz zuvor, und dann hinter dem Pult Platz nahm. Er hatte einen Haufen Bücher dabei, auf deren Rücken in großen, goldenen Lettern so erlesene Namen standen wie Sartre, Camus, Hegel, Heidegger und Foucault.

„Guten Tag“, begrüßte er uns, „gerne würde ich sagen, dass ich mich freue, dass sie so zahlreich erschienen sind, aber bei sechs Studenten scheint mir diese Einleitung doch ein wenig deplatziert.“

Wir lächelten höflich.

Anschließend ließ Dr. Karimi eine Anwesenheitsliste herumgehen, auf der wir uns eintragen sollten. Da die Liste zuletzt bei mir ankam, konnte ich den Namen der Studentin lesen: Sie hieß Lilith Mangan und hatte, so vermutete ich, einen angelsächsischen Hintergrund.

Dann gab Dr. Karimi noch eine Literaturliste herum, die uns mit der bevorstehenden Seminarlektüre bekannt machen sollte. Zu jedem der neunundvierzig dort angeführten Aufsätze oder Monographien erzählte er etwas. Er begründete in einem ellenlangen Monolog seine Auswahl und skizzierte anhand dieser Werke grob die Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte.

Wäre ich dem Anblick von Lilith nicht so ergeben gewesen, hätte ich vor Langeweile wohl zu gähnen angefangen.
Nach anderthalb Stunden war die erste Sitzung vorüber. Wieder wagte ich es nicht, mich ihr zu nähern, und so sah ich ihr erneut dabei zu, wie sie mir entschwebte.

Anschließend ging ich, mich über mich selbst ärgernd, zurück in meine bescheidene Studentenwohnung.

Ich war noch nicht lange in der Stadt und so verbrachte ich viel Zeit alleine. Die Studentenwohnung war möbliert, bis auf den Computer, das Radio und die Kleidung im Schrank besaß ich nichts. Ich war alleine, aber nicht einsam.

Als ich zu später Stunde ins Bett ging, lief im Hintergrund eine Sondersendung zum Verschwinden des Saturns.

Erneut sprachen Experten über Sternenbilder, schwarze Löcher, fremde Galaxien und die Milchstraße. Doch trotz all des Wissens blieb das Verschwinden des Saturns ein Rätsel. Ich schaltete das Radio aus, schaute durch das Fenster hinauf zum Vollmond und schlief selig ein.

In meinem Traum begegnete mir die junge Frau.

Aus der Dunkelheit kam sie auf mich zu, ein Lächeln auf dem Gesicht.

„Komm mit, Dante, ich führe dich!“, sagte sie.

„Ich heiße nicht Dante!“, erwiderte ich.

Aber sie lächelte nur und nahm mich bei der Hand.

Als ich spürte wie die Spitzen ihrer Finger die Haut meiner Handinnenflächen berührten, erwachte ich.

Da war ich wieder, in meiner Welt. Im Verändern begriffen.

Ich ging ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Obwohl sich mir das gleiche Bild bot wie an Tagen zuvor – alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem Gerüst am Gebäude gegenüber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW – schien die Welt doch eine andere. In jedem dieser Menschen war die Information eingepflanzt, dass ein gesamter Planet einfach verschwunden war. Und wie bedeutend war das eigene Leben angesichts eines solchen kosmischen Ereignisses?

Ich ging duschen, putzte mir anschließend die Zähne und machte mir Frühstück. Ich setzte mich an den Schreibtisch, der gleichzeitig auch mein Küchentisch war und aß mein Käsebrot. Aus Langeweile schaltete ich das Radio ein.

„..seit gestern keinen Kontakt mehr zum gesamten nordamerikanischen Kontinent. Langstreckenflüge mussten nach Südamerika umgeleitet werden, bei der Notlandung eines Air France Airbus im atlantischen Ozean sind vermutlich alle Insassen ums Leben gekommen. Satellitenbilder zeigen einen weißen Fleck an der Stelle, an der sich gestern noch die Vereinigten Staaten und Kanada befanden. Auch Alaska ist verschwunden. Nach dem plötzlichen Verschwinden des Planeten Saturn ist dies das zweite, unerklärliche Verschwinden eines Teiles der uns bekannten Welt. Der Präsident und der Bundeskanzler riefen in Ansprachen an die Nation zu Besonnenheit auf. Ruhe, so der Kanzler, sei nun die erste Bürgerpflicht. Im Anschluss an diese Sendung gibt es einen Sonderbericht…“

Ich schaltete das Radio aus. Hatte ich richtig gehört? Wachte oder träumte ich?

Ich stand auf und warf erneut einen Blick aus dem Fenster. Es bot sich mir ein wenig beunruhigendes Bild: Menschen auf dem Weg zu ihrer alltäglichen Beschäftigung, PKW und LKW krochen im zähfließendem Verkehr die Straße hinauf, zwei alte Damen unterhielten sich unten am Haus, vermutlich über das Wetter.

Nicht wissend, was ich von all dem zu halten hatte, machte ich mich auf dem Weg ins Café Blau, ein privat geführtes Café, das vornehmlich von Studenten besucht wurde. Ich war mit Marco Virgili verabredet, einem Sportstudenten aus Italien. Ich hatte mich bei einem so genannten Buddy Programm beworben, bei dem deutsche Studenten ihre ausländischen Kommilitonen alles Wesentliche zeigten, im Sprachtandem die eigene Sprache lehrten und die fremde Sprache erlernten.

Marco war sehr groß und muskulös. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, eine gerade Nase und Haar wie Ebenholz, schwarz und kräftig. Sein Händedruck gab mir jedes Mal das Gefühl, klein und schmächtig zu sein. Neben ihm war ich das auch.

„Hast du gehört? Die Welt geht unter“, begrüßte mich Marco mit einem verschmitzten Lächeln, als ich zum Café Blau herein kam.

Ich lächelte zurück.

„Si, questa è la fine del mondo“, erwiderte ich.

Gefangen in unserer spontanen Weltuntergangsstimmung, bestellten wir eine Flasche teuren Wein und eine Käseplatte dazu. Beides war mit unserem spärlichen Studentenbudget kaum zu bezahlen, aber wir hatten einen guten Grund.

„Vielleicht gibt es kein Morgen mehr“, sagte Marco.

„Che è possibile“, erwiderte ich.

Und so genossen wir den Wein und den Käse, sprachen über Gott und die Welt, beobachteten die jungen, hübschen Studentinnen, die zur Tür herein kamen und begossen die aufkeimenden Knospen unserer noch jungen Freundschaft mit Alkohol. Es war herrlich.

„Eins verstehe ich nicht“, sagte ich unvermittelt zu Marco.

Er schaute mich an.

„Was verstehst du nicht?“

„Nun, wenn der Saturn tatsächlich verschwunden ist und Amerika auch, dann müsste doch das kosmische Gleichgewicht, oder wie man das nennt, völlig aus den Fugen geraten sein, oder nicht? Ich meine, müsste es nicht Meteoriten regnen, müsste es nicht Erdbeben oder Tsunamis oder Hitzewellen oder so was geben?“

Marco nickte und überlegte. Dann nahm er das Weinglas in die Hand, murmelte etwas auf Italienisch und stürzte dann den Rest Wein die Kehle runter.

Zwei Stunden später, nach dem Leeren einer dritten Flasche Wein, verabschiedete ich mich von Marco, ging am hellichten Tage zurück in meine Studentenwohnung und machte ein Nickerchen. Durch das halb geöffnete Fenster drangen die Geräusche der Alltagswelt in meine Wohnung und hinderten mich am Einschlafen. Ich stand noch einmal auf und schloss das Fenster. Mit dem Aufschlagen der Fensterinnenkanten auf die Silikondichtungen verstummten die Geräusche abrupt. Es war, als befände ich mich plötzlich in einem Vakuum, als hätte ich mit dem simplen Verschließen eines Fensters die Nabelschnur zur Außenwelt gekappt. Ich fühlte mich in meinem kleinen Zimmer plötzlich wie ein Astronaut in einem Raumschiff, das plan- und haltlos durch das Universum trieb.

Ich legte mich hin und schlief sofort ein.

Als ich wieder aufwachte, war es dunkel. Ich war ob dieser Finsternis leicht irritiert, meinem Empfinden nach hatte ich maximal eine halbe Stunde geschlafen. Die leichte Irritation schlug plötzlich, ohne besonderen Grund, in eine handfeste Panik um. Ich stürzte zum Fenster und schaute hinaus.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, jedenfalls ließ der Blick zum Fenster mich prompt ruhiger werden. Ich sah das, was ich immer sah, wenn auch diesmal im Schein der Straßenlaternen, die die dunklen Straßen, Häuser und Gehwege erleuchteten: Alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem Gerüst am Gebäude gegenüber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW.

Ich überlegte, wie ich den Abend verbringen sollte. Noch immer war ich leicht betüddelt vom Wein, aber ich war schon wieder Herr meiner Sinne. Ich hatte Hunger, aber nichts mehr zu essen. Ich beschloss, in die Bäckerei unten um die Ecke zu gehen und dort etwas Brot zu kaufen. Glücklicherweise war ich noch in voller Montur, ich musste lediglich eine Jacke überwerfen.

Als ich wenige Minuten später die Bäckerei betrat, erklang das altbekannte Glöckchen, das die Ankunft eines Kunden bekanntgab. Im Laden befanden sich zwei alte Männer, die sich offenbar über das Verschwinden des großen Kontinents mokierten.

„Die neue Welt war ohnehin überflüssig“, sagte der eine. „Hat nur Scherereien gemacht, ein Krieg nach dem anderen, Korea, Vietnam, die Golfkriege und Afghanistan. Ist nicht schade um diese Welt!“

„Genau“, stimmte der andere ein, „wir brauchen die nich, nee nee, die brauchen wir nich!“

Ich schwieg und stellte mich geduldig in eine Ecke des Raumes.

Nein, dachte ich, die brauchen wir nicht. Wir richten die Welt auch so zugrunde.

Dann kam die Bäckerin zurück aus dem hinteren Raum, zwei Brotlaibe in der Hand.

„So, Herr Irlmaier, Herr Oldag“, sagte sie, „hier sind ihre Brote.“

Beide Männer verstauten die Brote in ihren Einkaufsnetzen und gingen davon. Ich orderte das gleiche Brot, bezahlte und machte mich dann auf den Weg zurück in meine Wohnung.

Geschlagene drei Stunden verbrachte ich vor meinem Fenster. Ich schaute in den Himmel, ich schaute auf die Straße. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich sah die mir so bekannte und vertraute Welt plötzlich mit anderen Augen. Der Planet Saturn, den ich meinem Leben noch nie gesehen hatte, war weg. Der amerikanische Kontinent, den ich noch nie bereist hatte, war plötzlich verschwunden. Und obwohl ich diese Teile des mir bekannten Universums nicht zum Überleben benötigte, fühlte ich mich in meiner Existenz bedroht. Wie konnte das sein? Woher kam diese undefinierbare Angst? Wie konnte es geschehen, dass sie in meinen Körper kroch, mich ganz und gar erfüllte und mir auf beängstigende Art und Weise den Boden unter den Füßen wegzog?

Ich konzentrierte mich auf die Menschen auf der Straße. Schau doch, sagte ich zu mir selbst, da sind sie doch noch, die Menschen. Wir sind noch da. Die alte umherirrende Dame, der junge Mann mit der Lederjacke, das hübsche Pärchen auf dem Weg ins Kino. Es fand noch statt, das normale Leben. Und ich war immer noch Teil davon.

Für einen Moment überlegte ich, ob dies alles vielleicht nur ein groß angelegter Schabernack war. Eine Aufzeichnung der Versteckten Kamera, ein von langer Hand geplanter Scherz meiner Freunde aus der Heimat, eine experimentelle Studie des Psychologischen Instituts, ein an den Film Truman Show angelehntes Doku-Drama. Aber alle diese Theorien erschienen mir wenig plausibel.

Ich tat, was ich tun musste. Als mich die Müdigkeit übermannte, legte ich mich ins Bett und schlief sogleich ein.

In dieser Nacht träumte ich nichts.

Ich kann mich nicht an das Aufwachen erinnern, genauso wenig wie an meinen allmorgendlichen Gang ins Badezimmer oder zum Kleiderschrank. Diese täglichen Handlungsabläufe sind aus meiner Erinnerung verschwunden. Ein totales Blackout.

Aber an das Einschalten des Radios kann ich mich erinnern. An die Stimme der Nachrichtensprecherin.

„…am Morgen den Hafen von Calais verlassen hatten, kehrten nach achtstündiger Irrfahrt wieder zurück in den Hafen. Die Sicht im Ärmelkanal war ungetrübt, so dass eine meteorologische Erklärung wenig wahrscheinlich scheint. Auch die Chunnel Züge kehrten zurück, als die achtzig Meter unter der Erde befindlichen Gleise in eine Wolke aus dichten, dunklen Rauchschwaden mündeten und die Lokführer zur Umkehr zwangen. Noch ist nicht zweifelsfrei geklärt, inwiefern der europäische Kontinent vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Einige Experten stellen sich die Frage, ob der europäische Kontinent nun tatsächlich als einzig verbliebene, von Menschen bewohnbare Erdoberfläche gelten kann.“

Schockiert torkelte ich vom Radio weg, als ginge eine unsichtbare Kraft von ihm aus. Ich musste mich an meinem Stuhl abstützen, so wackelig waren meine Knie. Was ging hier vor sich? England verschwunden? War Europa plötzlich nichts weiter als eine dahin treibende Insel auf dem Planeten Erde? War die Welt einfach verschwunden, oder war sie gestohlen worden? Wurden wir vielleicht sogar angegriffen? Was war mit Asien, mit Afrika, mit Australien?

Ich stürzte wieder zum Fenster, doch ich sah das gleiche, alte Bild: Alte Damen und Herren mit ihren Rollatoren, Malergesellen auf dem Gerüst am Gebäude gegenüber, Kinder mit Schultornistern, ein Kiosk, Stadtbusse und PKW.

Aber hatte der Anblick mich an den Tagen zuvor noch beruhigt, bewirkte er nun das genaue Gegenteil. Ich wurde plötzlich panisch, ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, zu ersticken. Ich spürte den unbändigen Drang in mir, die Wohnung zu verlassen und schreiend auf die Straße zu stürzen.

Nur mit Mühe und Not konnte ich diesem Impuls widerstehen. Ich erinnerte mich an die erste Bürgerpflicht: Ruhe bewahren. Haltung annehmen.

Ich ging also duschen, trocknete mich ab, putzte mir die Zähne, rasierte mich. Ich hielt mich sklavisch an den gewohnten Tagesablauf, in der Hoffnung, eine beruhigende Wirkung zu verspüren. Und tatsächlich, ich wurde klarer im Kopf. Das Schmieren des Brötchens, das Kochen des Kaffees, das Abwaschen und Trocknen des Geschirrs, all diese Tätigkeiten machten mich glauben, es hätte sich nichts verändert. Und so schaute ich auf meinen Stundenplan für den Tag, und holte das hierfür notwendige Material.

Eine halbe Stunde oder eine Stunde später, ich weiß es nicht genau, verließ ich meine Wohnung und ging zur Universität. Menschen liefen an mir vorbei, sie sahen gewöhnlich aus und auch ihre Mimik, ihre Gestik und ihr Gang verrieten mir nicht, ob sie tief drinnen genauso beunruhigt waren wie ich. Gerne hätte ich etwas darüber erfahren, aber ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Was hätte ich sie auch fragen sollen?

Ich ging in die Bibliothek des Romanischen Seminars.

Als ich die Bibliothek betrat, schien es mir für einen Moment, als bebte die Erde. In einer Art Schwindel gefangen, verlor ich für einen kurzen Moment das Gleichgewicht. Ich lehnte mich an den Türrahmen und merkte, wie ich leicht fiebrig wurde. Eine Bibliotheksangestellte kam freundlich und mit besorgter Miene auf mich zu.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte sie.

Ich nahm Haltung an.

„Danke, es geht schon!“, erwiderte ich.

Als die Bibliotheksangestellte sich wieder entfernte, versuchte ich mich mit beiden Beinen auf den Boden zu stellen. Ich wollte Standfestigkeit, ich wollte Energie durch meinen Körper fließen spüren, ich wollte Gewissheit, dass ich noch Herr meiner Sinne und meines Körpers war.

Es gelang. Zunächst.

Ich tappte mich weiter vor, tief in die Romanische Bibliothek hinein. Ich ging die Treppe hinunter, die in den Keller führte. Ich trat durch die Kellertür, schloss sie hinter mir und bewegte mich auf die Regale zu. Ich wollte mich zu Prousts Suche nach der verlorenen Zeit durchschlagen, ich wollte die sieben, goldenen Einbände einzeln in meiner Hand fühlen und Zuflucht suchen in der Passage, in welcher der Ich-Erzähler eine Madeleine in den Tee tunkt.

Es gelang. Zunächst.

Gerade als ich mit Prousts Ich-Erzähler die Kindheit und Jugend rekapitulierte, ging die Kellertür auf und Lilith, der goldene Engel, betrat den Raum. Um mit ihrem Anblick ging ein lauter Donner einher und wieder bebte die Erde. Gottseidank saß ich, aber nicht wenige Bücher fielen aus den Regalen auf den Boden und landeten direkt vor meinen Füßen.

Ich begann zu schwitzen.

Lilith, der goldene Engel, kam direkt auf mich zu. Als sie vor mir stand, war mir, als stünde ich vor einem gleißend hellen Licht. Sie strahlte, dergestalt, dass ich ihr Gesicht nur schemenhaft wahrnahm.

„Es ist Zeit zu gehen“, sagte Lilith in sanftem Tonfall zu mir.

„Wohin?“, fragte ich verwundert. Der Schweiß rann mir das Gesicht herunter.

„Ins Licht“, sagte sie nur und griff nach meiner Hand. Bereitwillig gab ich sie ihr.

Und so stiegen wir die Treppe empor, und als wir die Kellertür öffneten, erblickte ich dahinter das Nichts.

„Wo ist das Licht?“, fragte ich Lilith.

Lilith lächelte.

„Wir durchschreiten das Tal der Finsternis. Dahinter liegt das Licht“.

Dann drückte Lilith meine Hand und wir traten in das Nichts.

C.P. Heynk

C.P. Heynk wurde 1978 im Münsterland geboren und stammt aus einer deutsch-irischen Familie. Er hat im Rahmen seines Fremdsprachenstudiums (Englisch/Französisch auf Lehramt ) das erste Mal an einem Seminar für Kreatives Schreiben teilgenommen und bisher drei Kurzgeschichten in Anthologien des Dr. Ronald Henss Verlages und des Anglistischen Seminars der Universität Bonn veröffentlicht.