Der Traum, phantastisch zu leben und darüber berichten zu dürfen

(die Fiktion eines Gesprächs)

Erik R. Andara

ERA: Der große Vorteil davon, sich für die phantastische Literatur zu entscheiden ist, dass alles geht. Also wortwörtlich: ALLES. Schwierigkeiten tun sich aber bei dieser unüberschaubaren Menge spätestens dann auf, wenn es um Entscheidungen geht. Und ohne Entscheidungen funktioniert die konkrete Arbeit nun einmal nicht. So, wie es mir in diesem Fall gar nicht leicht fällt, einen Treffpunkt für dieses Gespräch zu konkretisieren. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn uns genau DAS heute zum Vorteil gereicht. Ich treffe also die Wahl: ein Bahnhof.

Ein Bahnsteig, nicht allzu lang und mit weißen Kacheln gefliest, die vielleicht nicht mehr die neusten sind, aber immer noch glänzen. Mein Bahnsteig, wohlgemerkt, es gibt Myriaden andere, die völlig unterschiedlich konzipiert sein mögen. Aber ich bin heute der Gastgeber, also entscheide ich. Man darf sich von der Größe des Gebäudes neben mir nicht täuschen lassen. Es sind unzählige Züge, die hier durchrauschen und alle, denen der Sinn nach Reisen steht, nur zu gerne an ihre gewünschtes Ziel bringen, oder sie auch einfach nur mit auf eine Panoramarundfahrt nehmen. Über mir blinken an großen LED-Tafeln die exotischen Namen von fernen Ländern, genauso wie die der direkten Nachbarorte. Wo geht die Reise hin? Ich verrate Ihnen als Antwort darauf, was das Spezielle an diesem Bahnhof ist: das entscheiden hier die Zugführer und Zugführerinnen, und nur die allein. Deswegen gibt es ja auch diese unüberschaubare Menge an Destinationen.

Ich begrüße heute bei mir eine junge Autorin und einen jungen Autor, die – ebenso wie meine Wenigkeit – von der Hoffnung beseelt werden, sich als Schreibende zu etablieren. (Etablieren, was heißt das schon? Um das zu besprechen sind wir ja heute hier.) Das ist zu einem Karin Elisabeth, die bereits einige Kurzgeschichten veröffentlich hat (unter anderem auch im Visionarium) und demnächst mit ihrem Geschichtenband „Dark Sights – Unheimliche Erzählungen“ beim Amrun-Verlag debütiert. Zum anderen Tobias Reckermann, der in der Doppelrolle als Maschinist des WhiteTrain (genau mit jenem ist er auch hier erschienen, ich sehe diesen aus den Augenwinkeln, wie er auf der Remise abgestellt, in der Sonne glänzt) und Autor diverser Erzählbände, sowie des einen oder anderen Romans auftritt, der aber, wenn ich das richtig verstanden habe, natürlich auch dem großen Verlagsdeal nicht abgeneigt ist – sollte er sich ergeben. (Wer von uns ist das schon, um ehrlich zu sein? Jaja, vielleicht spricht da aber auch nur die eigene Verblendung aus mir.)

Liebe Karin, lieber Tobias, seine Leidenschaft Beruf nennen zu dürfen, das ist ja jedem und jeder, die eine Geschichte zu erzählen vermögen, völlig ungenommen. Ein bisschen haariger wird die Sache allerdings, wenn man sich das hehre Ziel setzt, davon auch leben zu wollen. Dann gibt es einiges zu bedenken. Viele Entscheidungen sind zu treffen, und sicher auch nicht wenige Pläne zu schmieden, sowie Hoffnungen zu hegen. Meine Eröffnungsfrage an Euch: wohin seid Ihr unterwegs? Also was bedeutet es für Euch persönlich, ein Buch veröffentlichen zu können? Was erwartet Ihr Euch davon und worin bestehen Eure Ängste?

Karin Elisabeth

KE: Ehrlich gesagt – ich hab auch keinen wirklichen Plan, wohin ich da gerade unterwegs bin. Erwartungen habe ich in diesem Sinne auch nicht. Ich will nicht der neue Stephen King werden oder so was. Ein Buch zu veröffentlichen, das bedeutet für mich nicht, auf die Jagd nach Ruhm und Geld zu gehen. Es ist mein Baby und ich liebe es, auch wenn es andere vielleicht hässlich finden werden. Ängste habe ich insofern auch nicht. Höchstens davor, irgendwann mal keinen Sinn mehr darin zu sehen, eine Geschichte zu erzählen.  Vielleicht auch, weil sich die Realität so verändert, dass es keinen Sinn mehr hat, solche Geschichten zu erzählen. Weil sie selbst zu unheimlich geworden ist.

ERA: Setzt Du Dir inhaltliche Ziele? Also gibt es etwas, dass Du unbedingt in Deinem eigenen Licht erscheinen lassen willst. Oder hast Du eine bestimmte Geschichte, eine bestimmet Welt, von der Du auf jeden Fall noch erzählen willst?

KE:  Ich will mit Ängsten konfrontieren, mit der Angst an sich. Dafür muss ich sie erst wecken, also gehe ich dahin, wo es dunkel ist und versuche es. Die Dunkelheit hat viele Gesichter und sie kann überall sein, im menschlichen Denken und Handeln,  an bestimmten Orten. Da gibt es viele Geschichten, die ich noch erzählen möchte. Ein Setting, das mich z.B. sehr reizt, ist der Aokigahara-Wald in Japan.

ERA: Ein Buch freizugeben, eine Geschichte abzuschließen, das beinhaltet ja auch irgendwann einen Abnabelungsprozess. Mir fällt der immer ganz besonders schwer. Also dieses Hergeben ist schon eine harte Nuss. Und die Fehler, von denen man ganz genau weiß, dass sie da sein müssen, aber nicht mehr erkennt, wo sie sich noch verstecken, einfach Fehler sein zu lassen. Ich finde da gestaltet sich auch die Zusammenarbeit mit einem Lektor fast ein bisschen wie eine Ehe. Man offenbart quasi jemandem gleichzeitig das Beste und das Schlechteste von sich und hofft, dafür geliebt und nicht allzusehr verurteilt zu werden. Und genauso wie in einer Ehe muss die Chemie in dieser Verbindungen auch stimmen. Sonst wird das Kind irgendwann darunter leiden müssen. Und um bei dieser Verbildlichung zu bleiben – diesen Nachwuchs schickt man ja dann zwangsläufig in die weite Welt hinaus, und wünscht ihm oder ihr nur das Beste. Ob das nun Erfolg ist, oder Anerkennung, oder einfach ein stilles, erfülltes Leben. Wie Du sagst Karin, es ist dein Baby. Man wird es immer lieben, egal, wohin es seine Wege auch bringen. Aber natürlich möchte man schauen, dass es – wenn es erst einmal ganz auf sich alleine gestellte ist – das bestmögliche Rüstzeug mitbekommen hat, um in der Außenwelt bestehen zu können. Wie sieht das denn bei Dir aus, Tobias. Also was ist das Gefühl, das Dich bei einer Veröffentlichung begleitet?

Tobias Reckermann

TR: Der Ort dieses Treffens – ein Bahnsteig – gefällt mir als Maschinist des WhiteTrain, wie Du Dir sicher denken kannst, natürlich sehr. Die weiße Kachelung allerdings lässt mich an diese U-Bahn-Haltestelle aus dem zweiten Matrix-Film denken, die so eine Art Limbo darstellt. Genau da will ich meine Texte natürlich nicht haben. Mir geht es vor allem darum, meine Stories, Romane usw. im Druck lieferbar oder online zu wissen. Für die Schublade oder nur für mich selbst schreibe ich nicht gerne. Um in dem Bild zu bleiben: Das Kind muss raus und auf eigenen Füßen in die Welt und unter Leute gehen. Aus diesem Grund halte ich auch eher wenig von limitierten Sammlereditionen, bin tatsächlich mit Print-on-Demand, wie unsere Sachen bei WhiteTrain erscheinen, ganz zufrieden und sehe auch das Taschenbuch als dem Hardback überlegen an. Mir geht es in erster Linie immer um Text und Text lebt nur, wenn er mit dem großen Intertext der Kultur in Verbindung treten kann.

Eine Veröffentlichung ist ein großer Moment, auf den hin immer schon viel Arbeit geleistet wurde, und manchmal vergeht er doch ohne mich sonderlich mehr zu berühren als der Augenblick, in dem ich einen Text für wirklich fertig erkläre. Da hört mein eigenes Erleben in der Geschichte auf. Die Belohnung besteht immer im Schreiben selbst, nicht – obwohl sich das, gemessen an dem, was ich gerade über Schubladen gesagt habe, vielleicht widersprüchlich anhört – in der Anzahl verkaufter Bücher oder dem Klimpern auf dem Konto. Als Selbst- und Kleinverleger ist dieses Klimpern allerdings freilich auch nicht so laut. Ich bin seit genau zehn Jahren im “Geschäft”, finde mich immer noch hinein, begehe für mich noch immer neue Pfade und versuche, mein fantastisches Leben mehr und mehr Gestalt annehmen zu lassen. Bezahlung ist da, zumindest aus dem künstlerischen Aspekt heraus betrachtet, absolut zweitrangig. Kunst ist eigentlich unbezahlbar und folglich auch nicht wirklich käuflich. Bezahlung dient eigentlich nur dazu, dem fantastischen Leben Zeit zu erkaufen, die man für all die Arbeit an einem Projekt – von Idee, über das darüber Nachdenken, hin zum Schreiben, Überarbeiten und irgendwann Abschließen braucht. Ich schreibe nicht, um davon zu leben, sondern um leben zu können, denn Leben heißt für mich zu einem wesentlichen Teil Schreiben. Und folglich arbeite ich neben meiner Schriftstellerei zu einem wesentlichen Teil, um schreiben zu können. Letzteres ist natürlich ein unschöner und auch paradoxer Zustand. Jeder Schriftsteller wird irgendwann gemerkt haben, dass es bei der Frage nach dem Schreiben und dem Geld nicht zuerst darum geht, ob man reich wird, auch nicht einmal darum, ob man davon leben kann, sondern zuerst einmal, ob man überhaupt bezahlt wird, was im Anthologiegeschäft und für alle Kurzgeschichtenschreiber alles andere als selbstverständlich ist. Ein Romandeal bei einem “richtigen”, d.h. zahlenden Verlag ist dann die große Hoffnung und wenn man ihn einmal hat … nun, dann reiht man sich in eine mit viel Glück nie endende Abfolge von weiteren Deals ein, bei der die letztendliche Krux darin besteht, ob man sich selbst, seiner Kunst und seinem Anspruch gerecht werden und treu bleiben kann. Man kann das alles weniger puristisch sehen als ich es tue, aber ich habe mir selbst den Auftrag gegeben, literarisches und fantastisches Neuland zu entdecken. Wie viele Entdeckungen sind am Mangel an Geldgebern gescheitert? Wie viele Meisterwerke sind am Mangel an Verlegern gescheitert? Wenn ich nun, jetzt, hier behaupte, es sei möglich, hier und jetzt, sofort eine vollkommen andere Welt zu betreten, klingt das so unglaublich, als hätte Kolumbus dem spanischen König eine Entdeckungsfahrt zum Mond vorgeschlagen. Aber es ist möglich, wie Du und viele andere Schriftsteller und Leser wissen. Genau darin besteht schließlich unser “Geschäft”.

ERA: Jaja , ‘Zeit ist Geld’ bekommt in unserer Berufung eine ganz eigene Bedeutung. Man schreibt, um gelesen zu werden. Man schreibt nicht vorrangig, um bezahlt zu werden. Aber von irgendetwas muss man schließlich leben, während man Geschichten verfasst. Vor allem, weil dies eine sehr zeitfressende Angelegenheit ist. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Roman zu gebären, weiß, dass es mit dem Schreiben alleine nicht getan ist. So viele Dinge rundherum müssen passen, damit man eine ganze Welt aus der Taufe heben kann, die dann schlussendlich auch noch in der Lage ist, sich von selbst zu drehen. Es ist am ehesten als konkreter Geisteszustand zu beschreiben, der einem dies ermöglicht. Eine fragile Verfassung, die ernährt und erhalten, aber trotzdem vom schnöden Alltag nichts wissen will. Aber schließlich muss man essen und wo wohnen. (Zweites muss man natürlich nicht zwangsläufig, aber es ist schon eine sehr feine Sache, ein verlässliches Dach über dem Kopf zu wissen.) Hin und wieder braucht man einen Arzt. Und nicht zu vergessen, all die Bücher die man lesen muss. All das kostet Geld. Und wenn die Geschichten dieses nicht bringen, dann muss es woanders herkommen. Woanders bedeutet in diesem Fall aber gleichzeitig weniger Zeit für Geschichten. Weniger Möglichkeiten, gelesen zu werden. Es ist ein anstrengender Kreislauf, dem man am ehesten dadurch entkommt, dass man einen Bestseller schreibt. Besser noch zwei oder drei, weil mit einem allein ist die Kontinuität des angestrebten Geisteszustands nicht auf Dauer gewährleistet. Aber ein Bestseller – was ist das? Wer entscheidet das? Ein Verlag, der unerschütterlich an dich glaubt und daher deine Werke entsprechend vertreibt und bewirbt? Die Leserschaft, die man erst finden muss? Der Buchmarkt an und für sich? Die eigene Umtriebigkeit in der Vermarktung? (ich lehne mich einmal soweit aus dem Fenster zu behaupten, dass die Öffentlichkeitsarbeit so ziemlich genau das Gegenteil von dem darstellt, was ich vorhin als jenen fragilen Geisteszustand beschrieb, der das Bücherschreiben zulässt) Und wenn das alles nicht zutrifft, beharrt man dann auf seinen Standpunkt, seine eigenen Geschichten zu schreiben, oder geht man dem Publikum entgegen, nur um bessere Absätze zu erzielen? Zum letzten Punkt behaupte ich übrigens vehement: Nein! Das tut man nicht. (und um das klarzustellen – ich spreche hier nicht von der Qualität seines Werks, von der Arbeit an und für sich; da sollte man sehrwohl lernen, die Leser und Leserinnen ernstzunehmen – wie man das am besten tut, ist eine Fähigkeit, die mit den Berufungsjahren wachsen muss; etwas, das regelmäßig geschärft werden will und sich nicht immer ganz einfach gestaltet – aber man darf niemals aufhören, an sich selbst zu arbeiten.)

Man erkennt hier schnell, dass dies eine Zwickmühle darstellt, der zu entkommen eine große Bürde ist, die einen (zumindest glaube ich das heute) sein ganzes Leben als Schriftsteller begleiten wird.

Wenn man also mit gewisser Regelmäßigkeit davon liest, dass die Zahlen am Buchmarkt einbrechen, dass Absatzprognosen rotgemalt werden und sowieso und überhaupt immer weniger Leute lesen, dass manche Verlagshäuser davon sprechen, zukünftig überhaupt nur noch digital veröffentlichen zu wollen – beeinflusst Euch das irgendwie in Eurem Denken, Eurer Arbeit? Ich meine, wir stehen eigentlich noch ganz am Anfang. Behaupte ich von mir zumindest gerne. Lässt einen das als ,junger´ Autor und ´junge ´Autorin sorgenvoll in die Zukunft blicken?

TR: Mich hat es eher ermutigt, selbst zu verlegen. Damit beschränkt sich die Zeit für mein Schreiben zwar noch mehr, andererseits pflege ich so auch gleich viele Kontakte, die ich selbst zum Wachsen brauche. Zu anderen Autoren in erster Linie. Mein Gestaltungswille hört beim Schreiben nicht auf, andere Interessen wie Illustration und das Herstellen von Druckprojekten gehen hier mit auf. Unsere Zeit bringt da auch Möglichkeiten mit sich. Was ein Bestseller ist, fragst du – Glücksache, meine ich, in erster Linie, und ein Produkt von Werbung, die eine Menge kostet. Gespür für den Zeitgeist und Handwerk sind natürlich auch Voraussetzungen. Aber sag, Erik, welche sind Deine Hoffnungen und Ängste? Du hast ja auch bereits Höhen und Tiefen erlebt.

ERA: Das ist einfach beantwortet. Meine größte Angst ist, niemals gelesen zu werden. Ich glaube, nur die besten Geschichten überdauern uns. Daher findet sich mein Bestreben vor allem darin, gut genug zu werden, um das zu bewerkstelligen. Ich fürchte mich also vor allem davor, dass mir entweder vorher die Zeit ausgeht, oder irgendetwas das Lesen plötzlich in Vergessenheit geraten lässt. (so irrational diese Befürchtung auch scheinen mag; denn wie sollte das passieren?) Ja, genau, ich bin einer von denen! Ich bin einer, der sich selber in seinen Geschichten verewigen will. Der möchte, dass sie etwas beizutragen haben, zum großen Gefüge des Monomythos.

KE: Man darf ja nicht vergessen: “Twilight”, “Fifty Shades” und so – das sind auch Bestseller… Mir persönlich ist es wichtiger, dass ich noch in den Spiegel gucken kann, als einen Massengeschmack zu bedienen und mich damit ökonomisch abzusichern – was sowieso ein Traum ist, den sich nur wenige erfüllen können. Auch mal Jobs zu machen, die mit dem Schreiben nichts zu tun haben, kann inspirierend sein. Zum Beispiel habe ich bis vor Kurzem an einer Tankstelle gearbeitet, da sind mir die Geschichten quasi vor die Füße gefallen. Wobei ich diesem Job jetzt auch nicht unbedingt hinterherweine.

ERA: Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Ich behaupte oft, es gibt noch keinen Job, den ich nicht gemacht habe. (Stahlwerk, Videothek, „Go for“ in einem Tattoo-Studio, Rezeptionist in einem Punk-Store, Musikalienhändler, Spirituosenlieferant, Werbezettelausträger, Interviewer für Umfragen, PR-Artikel-Journalist, Video-Cutter, Call-Center-Agent, Sozialbetreuung, Illustrator…nur um einige wenige davon zu nennen und die nicht so legalen Nebenerwerbe meiner Vergangenheit nicht allzulaut in die Welt zu schreien; aber ja, die gab es auch.) Und natürlich sind das Erfahrungen, die einen reichhaltig mit Material für Geschichten versorgen. Das ist die andere Seite davon, aber irgendwann ist einfach genug. Für mich zumindest. Sag, Karin, du hast Twilight und Fifty Shades erwähnt. Das bringt mich direkt zur nächsten Frage. Wie siehst Du die derzeitige Lage am Buchmarkt? Was könnte besser laufen. Tobias, an Dich geht die Frage natürlich ebenso.

KE: Was den Markt angeht, bin ich etwas überfragt. Für Newcomer ist es nicht so einfach, Interesse zu wecken. Aber das war früher auch nicht anders. Ein grundsätzliches Problem, dass ich auch so als Texterin oft wahrnehme: Texte werden nicht so wertgeschätzt als Produkt. Es gibt ja Milliarden von Unterhaltungstexten kostenlos im Netz – warum sollte ich mir da ein Buch kaufen von einem unbekannten Autor? Diese Konsumentenhaltung ist zwar gerade für Autoren bedauerlich, aber angesichts der heutigen Überflutung mit Text auch irgendwie nachvollziehbar.

ERA: Hast Du eine Vermutung, wie es zu dieser Überflutung kommen konnte, und ob es prinzipiell als gut oder schlecht einzustufen ist, dass es solche Unmengen an Texte und Geschichten frei zugänglich im Netz existieren?

KE: Heute kann ja jeder Texte veröffentlichen, der das möchte, und es machen ja auch viele Gebrauch davon. Meine Meinung dazu ist etwas zwiegespalten. Einerseits ist es gut, dass auch Menschen, die sich keine Bücher kaufen können und aus irgendwelchen Gründen nicht in die Bibliothek gehen würden, durch das Netz Zugang zu (auch literarischen) Texten haben. Andererseits bringt es eben auch mangelnde Wertschätzung mit sich.

TR: Was besser laufen könnte … Den kleinen Verlegern, zu denen ich mich etwas hochtrabend einfach mitzähle, geht es wie unbekannten Autoren: wenig Geld und wenig Zeit, um Projekte professionell umzusetzen. Es gibt daher zu wenige kleine Verlage, die sich ihren Enthusiasmus erhalten können. Die großen sind rein marktorientiert – sonst wären sie nicht groß – und daraus entstammt alles Übel, haha! Ein Beispiel: mein Kleinstverlag kann es sich nicht leisten, Autoren, Illustratoren, Übersetzer, Mitarbeiter im Allgemeinen zu bezahlen oder die Rechte an Stories und anderen Beiträgen zu kaufen. Welchen Enthusiasmus ich auch besitze, es gibt Grenzen, die zu überschreiten auf jeden Fall wünschenswert wäre. Kultur als Produkt zur Unterhaltung funktioniert in der Markwirtschaft, Kultur der Kultur wegen kaum und Fantastik ist etwas, das sich fast nur im Fandom und im Unterhaltungsspektrum abspielt und vom sonstigen Kulturbetrieb zu wenig bis kaum ernst genommen wird. Kulturförderung geht an der Fantastik weitgehend vorbei, dabei ist Fantastik eine der wirklich herausragenden Tugenden unserer Spezies, wenn nicht gar die einzige überhaupt.

KE: Word!

ERA: Da bin ich ganz bei Dir, Tobias. Und das einzige Mittel, das ich dagegen sehe ist: Vernetzung. Ich denke, dass dies ein wirklich probates Mittel wäre, sich auch bei der Leserschaft mehr Gehör zu verschaffen. Also ich arbeite ja derzeit mit ein paar geschätzten Kollegen und Kolleginnen an einem Projekt, um der Phantastik wieder mehr Raum in Österreich zu verschaffen. Das Motto für diese Verbesserung lautet: Vergrößerung durch Gemeinschaft. Verlags- und AutorInnenübergreifende Zusammenarbeit und Auslagefläche. Das wäre mein Anliegen. Aber da wird ja ohnedies schon viel gemacht, wenn ich mir deinen aktuellen Bericht vom BuCon ansehe. Bei so einer familiären Szene wird mir ja ganz warm ums Herz.

Leider ist es aber hier und jetzt bereits soweit, dass wir in dem Rahmen, in dem wir dieses Gespräch veröffentlichen werden, schon wieder an die Grenzen stoßen. Darum würde ich den wenigen Raum, der uns noch zur Verfügung steht, gerne für eine letzte Frage nutzen: wo seht Ihr Euch selber mit Eurer Schreiberei in zehn Jahren? Was wollt Ihr bis erreicht haben?

TR: Ach, die Zukunft. Na ganz sicher mit ein paar Veröffentlichungen mehr auf dem Bücherregal des Universums. Ist doch klar.

KE: In einer  Kellerkammer, wo ich mir die Tuberkulose aus dem Leib huste und wie von Sinnen an meinem Opus Magnum fuhrwerke. Aber das ist nur Schriftsteller-Romantik.

ERA: Sehr klassisch!

KE: Ich weiß.

ERA: Und ich? Was werde ich wohl treiben in zehn Jahren? Keiner weiß. Wisst ihr was, wir treffen uns dann einfach hier wieder und ich erzähle es Euch. Ich bin schon sehr gespannt, wer bis dahin wie viele Bücher unter seine Hutschnur gebracht hat, und was Ihr Neues über Euer aufregendes Autorenleben zu erzählen wisst. Ich wünsche Euch und mir auf jeden Fall, dass es uns gegeben ist, bis dahin viele literarische Welten zu bereisen.

Und weil wir gerade dabei sind. Es ist an der Zeit weiterzufahren. Ich sehe auf der Verbindungstafel sind Eure Anschlüsse ganz nach oben gerutscht. Liebe Karin, lieber Tobias, ich wünsche Euch allen Erfolg der Welt mit und für Eure Geschichten. Ich wünsche Euch einen Bestseller um den anderen. Aber noch mehr, und noch wichtiger als das, wünsche ich Euch, dass Euch die Ideen und die Freude am Schreiben immer treu bleiben werden. Von Euch beiden weiß ich ja, dass wir uns unterwegs bald wiedertreffen sollen. Zu einem habe ich ja quasi ein gültiges Ticket, um mit dem WHITETRAIN mitfahren zu dürfen, was mir eine besondere Ehre ist. Zum anderen habe ich noch mein Roman-Debüt ausständig, das ich im September schmerzlicherweise absagen musste, weil mir der Verlag noch vor der Veröffentlichung vor der Nase geschlossen hat. Ich will nicht zuviel verraten, aber ich habe mittlerweile einen neuen Verleger in Aussicht gestellt bekommen. Und das ist es auch, liebe Karin, was uns beide zukünftig verbinden könnte. Aber ich verrate mehr davon, wenn alles verbrieft und verankert ist.

Meine Freunde der Schreibenden Zunft – auf ein baldiges Wiedersehen also! Und bis dahin: keep reading the good stuff!

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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1 Kommentar auf "Der Traum, phantastisch zu leben und darüber berichten zu dürfen"

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udo lehmann
Gast

Die meisten Fantasie Buecher haben ein tolles Cover, aber der Inhalt nur blablsbla, fuer mich muss solch ein Buch so geschrieben sein, dass ich es einfach bis zur letzten Seite in einem Rutsch lese und, was fuer mich sehr wichtig ist, dass alles waehrend dem Lesen in meinem Kopf wie ein Film ablaeuft, ist mir schon paar mal passiert, solche Schriftsteller gibt es leider sehr selten

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