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Der Tag, an dem Mama zurückkehrt, wird ein glücklicher Tag sein

(Diese kurze Geschichte, die uns der Schriftsteller Guido Rohm zur Verfügung stellte, erschien im letzten Jahr an der Seite von Thomas Ligottis „The Old Shelters“ in der Zeitschrift „Die Novelle“.  Wir können sie durchaus als kleine Conte Cruel durchgehen lassen.)

Nachdem Mama gestorben war, brachte Vater sie zum Totenschreiner.
„Ich will, dass du sie zu einem Sofa verarbeitest“, sagte Papa.
Er sah sich ruhig um, zufrieden. Seine Augen glänzten, als ob er geweint hätte. Aber das hatte er nicht. Vielleicht, weil er wusste, dass er sie bald zurückbekommen würde. Wir lebten, so wie die meisten anderen, mit unseren Toten, die wir zu Schaukelstühlen, Tischen und Lampen verarbeiten ließen. Manche ließen ihre Köpfe präparieren, um sie sich nachher an die Wände zu hängen. Wie sie dort hingen und glotzten. Ich fand das irgendwie unanständig, aber auch mit diesem Gedanken hatte Papa gespielt.
„Sie hat gerne ferngesehen. Wenn wir ihren Kopf hier hinter dem Sofa, neben diesem Bild, anbringen, kann sie bei uns sein. Sie kann sich ihre Lieblingsserien ansehen.“

Wir Kinder hatten das nicht gewollt. Wir litten unter ihrem Verlust, viel lieber wäre es uns, wenn sie zu einem Sofa gemacht werden würde.
„Ein Sofa“, sagte ich. „So können wir ihr nah sein. Wir sitzen auf ihr, und sie sitzt bei uns, irgendwie zumindest.“
Papa hatte überlegte. Die Knochen würden nicht reichen, nicht für ein ganzes Sofa.
„Und wenn wir uns Knochen besorgen“, hatte Ralph, mein Bruder, gesagt.
„Knochen besorgen?“, hatte ihn Vater besorgt angesehen. „Wie meinst du das, wir könnten Knochen besorgen.“
„Wir könnten bei der Knochenspende anrufen. Die geben die Knochen von Toten, die keine Familie hatten.“
Am nächsten Morgen brachten wir Mama zum Totenschreiner und Papa bat um ein Sofa. Er erklärte dem verdutzt dreinblickenden Mann, dass er noch weitere Knochen bekäme. Man wisse, dass die von Mama nicht ausreichen würden, um daraus ein Sofa für eine ganze Familie zu zimmern.
Papa fuhr mit uns zur Knochenspende. Man half dort einsamen Menschen beim Sterben. Man zeigte ihnen, wie man die Augen schloss. Wie man das Jenseits ansteuerte. Sterben will gelernt sein. Das hatte uns schon Mutter beigebracht. Sie hatte es gekonnt, sie war äußerst professionell gestorben. Es war, als wäre sie in einem Cabrio ganz sanft über eine Landstraße geglitten. Sie war nahezu behutsam entschwunden.
Papa erkundigte sich nach der Knochensammelstelle. Wir gingen durch hohe Gänge, die Decken und Wände weiß, damit man nicht mehr unterscheiden konnte, wo oben und unten war. Unten war dort, wo man lief.
Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, aber schließlich kamen wir in der Knochensammelstelle an. Hinter einem Tresen stand ein nervöser Mann, der kaum noch Haare hatte. Seine Nase war ganz rot, und er juckte sie sich ständig. Seine Augen tränten. „Das kommt von den beißenden Dämpfen“, erklärte er uns.
Wir nickten. Vater erkundigte sich nach Knochen. Der Mann lachte auf. Von denen hätten sie genug, aber man müsse bei dem geplanten Möbelstück Namen sowie Geburts- und Todesdatum einbrennen. Das sei Vorschrift.
Gerade heute sei eine junge Frau reingekommen, sämtliche ihrer Knochen. Sie sei von ihrem Mann erschlagen worden. Tragische Geschichte, die wir gerne im STERBEBUCH nachlesen könnten. Das STERBEBUCH war die Tageszeitung unserer Stadt. Man fand alle wichtigen Informationen darin. Bei uns drehte sich fast alles ums Sterben, und darum, was man mit den Toten anstellen konnte, um ihren Körpern gerecht zu werden. Etwas blieb von uns allen, und es sollte geehrt werden, indem man es in seinen Alltag einbindet. So lebten wir alle mit den Toten, die zu Möbeln für uns wurden. Der Tod war zu einem Teil unseres Lebens geworden.
Papa ließ sich die junge Dame beziehungsweise ihre Knochen aushändigen und wir gingen zu unseren Wagen zurück, einem weißen Sportwagen, auch wenn die schwarzen Limousinen noch in Mode waren. Aber Papa war da anders. „Alles muss man nicht mitmachen“, sagte er.
Wir verstauten ihre Knochen im Kofferraum und fuhren sie zum Totenschreiner. Er hatte gerade einen Stuhl fertiggestellt. Man lehnte sich gegen das Rückgrat, die Lehnen waren aus den Unterarmknochen gefertigt.
„Das war ein Schriftsteller“, erklärte er uns. „Seine Frau wollte, dass ich ihn so herrichte, wie er sein Leben lang gelebt hat. Und nun kann sie auf ihm sitzen und an seiner Biografie arbeiten.“
Vater gab ihm die Knochen, die in einem Leinenbeutel steckten. Die müssten reichen, sagte der Schreiner. Ein Sofa sei eine gute Idee. Aus Kindern ließ man sich oft kleine Hocker oder Nachtschränkchen machen. Die würden von den Geschwistern benutzt, die meist nicht so damit umgingen, wie es sein müsste. Besser man würde zu einem Möbel, auf das geachtet würde.
Wir nickten fleißig und fuhren nach Hause, um das alte Sofa, das aus Großmutter und Großvater bestanden hatte, in die Garage zu räumen. Es müsste ja niemand erfahren, was wir damit gemacht hatten.
„Irgendwann stellt man sich die Wohnung mit all den Toten voll“, sagte Papa. „Ihr müsst das lernen: Man muss auch mal loslassen können.“
Er lächelte uns an, und wir fühlten uns gut, fast glücklich, weil wir wussten, dass es nicht mehr lange dauern würde und Mama wäre zurück.

Guido Rohm
Über Guido Rohm (1 Artikel)
Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren. Er veröffentlicht regelmäßig in diversen Onlinemagazinen. Werke aus seiner Feder sind u.a.: "Keine Spuren", "Blut ist ein Fluss", "Eine kurze Geschichte der Brandstifterei", "Die Sorgen der Killer", "Blutschneise", "Safe Heaven", "Fleischwölfe" sowie "Untat". Rohm bezeichnet sich selbst als "Genreterrorist, der es sich in keinem literarischen Raum auf Dauer gemütlich machen will."
Kontakt: Webseite

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1 Kommentar auf "Der Tag, an dem Mama zurückkehrt, wird ein glücklicher Tag sein"

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Iris Nebel
Autor

der absolute wahnsinn, haha. aber ich finde, wir sind nach der plastination des Gunther von Hagens so weit nun auch nicht mehr davon entfernt… er müsste seine scheibletten- kunststoff-kombis nur einfach mal in sofa- oder tischform giessen. der Mehrwert wäre immens.

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