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Der surreale Jahrmarkt

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Dies sind fünf Auszüge der bei edition taberna kritika 2015 erschienenen Hörstücke, die unter dem Titel „Guckkasten“ zusammengefasst wurden. Diese kurzen Texte sind Repräsentanten meiner „surrealen Phase“, die aber deshalb nicht weniger phantastisch sind. Nur ihr Schwerpunkt ist der Groteske entnommen. Es empfiehlt sich, die Hörstücke zu den Texten laufen zu lassen, denn auch wenn man beides sicherlich getrennt voneinander betrachten kann, sind diese Stücke als Hörspiele konzipiert und eigens dafür geschrieben worden. In den hier veröffentlichten Passagen sind neben mir die Stimmen von Christian Fiedler und Leolina Tulpenschläger zu hören.

Die wütende Stimme

 

Der Mann am Nebentisch fiel ihm auf. Er passte überhaupt nicht in das Bild, das er von diesem Restaurant hatte. Verrückte sollten hier keinen Zutritt bekommen. Aber Verrückte bekamen Zutritt. Der Beweis saß an diesem Tisch, eine große Schüssel Austern vor sich, die er so laut schlürfte, dass sich auch andere Blicke auf ihn setzten. Ein austernschlürfendes Schwein. Was soll’s. Was geht es dich überhaupt an?

Die Stimme in seinem Inneren wurde lauter, rabiater: Was geht es dich eigentlich an! Seit wann sind wir unter sie Spießer gegangen?! Ein feiner Mensch mit einem noch feineren Urteil bist du, was?! Etwas Besseres! Etwas ganz Besonderes!

Laut sagte er: »Moment mal!«

Und auch ihn taxierten jetzt die Blicke der Gäste, denn: Mit wem redet der da eigentlich? Das Schwein mit den Austern? Okay. Man gewöhnt sich an das Geräusch. Ein ordinärer Mensch, zugegeben – aber vielleicht hat er ja ein Problem mit seinem Rachen. Da sollte man nicht zu schnell mit einem Urteil sein. Aber der da … der hört Stimmen. Sieht man ihm an, unabhängig von seinem kleinen Ausrutscher eben.

Die Stimme in Jarolin jedoch steigerte sich bis zum nackten Zorn. Sie beschimpfte ihn jetzt in einer Lautstärke, dass er die Austern nicht mehr schlotzend in dieser tintenfischartigen Höhle verschwinden hörte. Sie brüllte ihn an, dass er ein Versager sei, schon immer gewesen; ein armseliger Wicht, ein Gnomus, ein Einzeller, ein Wirbeltier! Aber damit begnügte sich die Stimme nicht, war jetzt in Rage, zerriss sein Hemd und schlug auf ihn ein, erwischte ihn hart am Unterkiefer. Jarolin glaubte für einen Augenblick, ohnmächtig zu werden, bevor der nächste Schlag ihm die Nase zertrümmerte. Das Blut spritzte in Zeitlupe, dicke Rotzklumpen klatschten auf den Boden.

Erst nachdem Jarolin mit eingeschlagenem Schädel dalag, stand der Austernschlürfer auf, beugte sich mit einem Taschenmesser zu ihm hinunter und schnitt ihm die Leber heraus. Wäre die Kamera geblieben, würden wir Zeuge eines weiteren Festmahls.

Das Haus der letzten Dinge

 

Dorn und ich – wir entdeckten das Kerzenlicht nach Mitternacht im oberen Eckfenster, und in einem kurzen Moment die flüchtige Gestalt hinter der schmierigen Scheibe. Das unheimliche Ambiente gemahnte uns zur Vorsicht, denn uns war klar, dass wir zum ersten Mal in unserem Leben einer Geistererscheinung gewahr wurden. Das ruppige und wildwuchernde Gelände durch eine der morschen Zaunlatten zu betreten, wagten wir nicht, denn auch wenn das Gespenst da oben nicht am Fenster schwebte, wäre das Gebäude immer noch als baufällig zu bezeichnen.
Als wir da standen und sannen, was zu tun sei, geschah es, dass sich das Fenster öffnete und das im trüben Weiß illuminierte Wesen einen Nachttopf ausleerte. Die Geisterscheiße schwebte nahezu wie eine Feder zu Boden, hob also die Naturgesetze nicht auf, sondern bestätigte, dass auch die Bewohner einer Zwischenwelt sich an gewisse Regeln unseres Planeten zu halten haben.

Die Strümpfe bei Hofe

 

Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute Abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war.

Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüsste ja nicht, dass du Wasser bist.

Infernalisches Prasseln. Das Prasseln von Geisterfingern auf den armseligen Behausungen und … auf dem etwas weniger armseligen Dachstuhl des Schloßes. Was die wohl den ganzen Tag dort treiben? Aufhübschen, abhübschen, hinaus zur Jagd, zurück zur Tafel!

›Lustschloß‹ – dieses Wort gefiel Nick außerordentlich, aber: ob die jetzt auch im Regen hockten? Zeitlos schienen die Herrschaften nie zu sein, alles wirkte geplant und gewichtig, selbst wenn eine der Damen den Strumpf verlor. Das geschah auf merkwürdige Weise. Das Textil löste sich noch im Schuh bereits vom Fuß, krabbelte aus den geschnürten Stiefeln ins Freie, und ließ sich einfach fallen. Meistens verendete der Strumpf im Gehuf der galoppierenden Pferde, so manches Mal aber stürzte sich ein Jüngling gleich hintendrein und brachte das Kunststück fertig, vor dem freiheitlich denkenden Strumpf im Matsch zu landen. Das nützte weder Fuß noch Reiter, aber es gefiel dem Strumpf, denn jetzt durfte er sicher sein, dass er mit Stroh ausgestopft dort aufgehangen wurde, wo die wirklich wichtigen Strümpfe hingen. Das war eine etwas seltsame Galanterie, die womöglich gar nicht so oft vorkam. Aber wenn man, wie Nick, überall Geheimnis und Rätselraunen erblickt, und sei es in einer lächerlichen Pfütze, dann wird die Frage, warum so ein gut umsorgter Strumpf sich selbst entleiben sollte, zur Nebensache; die Hauptfrage blieb: Was ist hier eigentlich los? Hier ist die Welt, und da bin ich – ständig ist alles in Bewegung!

Antic Soccer

 

Erst klirrte es im Untergeschoss bei den Wilferds, aber der Ball muss dabei am Fensterkreuz abgeprallt und zurück ins Getümmel gesprungen sein, denn wenn die da draußen nicht zwei Bälle in ihrer Mangel hatten – was vorkam – hätte es nicht kurz darauf auch bei uns einschlagen können.

Ich betrachtete den speckigen Lederbatzen, der gespickt mit Kristallsplittern auf unserem besten Teppich saß. Ich schnappte ihn mir, bevor die Tür aufgehen, und mich meine Frau zur Verantwortung ziehen konnte, so als hätte ich selbst den Ball durch die Scheibe geschossen.

»Deine ›Zufälle‹ gibt es nicht! Du ziehst das Unglück an wie der Unrat die Fliegen! Also frage ich dich: Wer hat Schuld, wenn du da bist, wo etwas Unschönes geschieht?! DU! Das sage ich dir: DU! Also komm‘ mir nicht mit Zufällen!«

Sie fand dann, durch das Klirren motiviert, doch den Weg zu mir, und verschönte das Läuten und Klopfen und Grölen, das anschließende Hämmern mit der Faust, weiteres Klirren, als die Meute von der Straße versuchte, ins Haus zu gelangen. Erstens, um uns zu töten, zweitens, um sich den Ball wieder zu holen.

Cocktail

 

»Es tut mir leid, es Ihnen auf diesem Wege mitteilen zu müssen …«, sagte der Butler, und stand da, wie ein Stock eben dasteht, »… aber Ihre Frau lässt ausrichten, ich solle Ihnen eine in die Fresse hauen und sie ließe sich scheiden. Da ich zu ersterem nicht erzogen bin, muss ich leider Fehl gehen, und kann Ihnen nur die zweite Botschaft sachgetreu übermitteln.«

Da standen sie, gaben an, und tranken Cocktails, die sie noch nie in ihrem Leben getrunken hatten. Eine Gesellschaft voller Pärchen, die sich scheiden ließen. Wenn man es treiben wollte, ging man nach oben; dort war alles mit blödem Plüsch ausgarniert, aber die Betten quietschten nicht. Handschellen gab es für zwanzig Mäuse zum ausleihen.

»Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm einen Geldschein in die hohle Hand. »Das haben Sie gut gemacht!«

Ohne das Geschehen mit den eigenen Augen zu begleiten, verschwand der Schein in einer der unzähligen Taschen, die alle beschriftet waren. Ich konnte nicht lesen, was darauf stand, und hätte mich vorbeugen müssen, um es dennoch zu tun.

»Sir! Außerdem wartet jemand auf Sie, ebenfalls eine Miss. Diese aber will nun, dass ich Sie zu ihr führe. Sie lässt ausrichten, sie sei nackt, und darüber hinaus überglücklich, dass Sie das mit Ihrer Scheidung nun endlich regeln wollen. Sie sagt, Sie sollen sich beeilen, sie friere entsetzlich.«

»Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm den nächsten Geldschein in die hohle Hand. Das mechanische Getriebe begann erneut leise zu schnurren, und das Geld verschwand, jedoch in einer anderen Tasche.

»Was steht da eigentlich auf Ihren Taschen?« Ich hatte lange genug gewartet, und wollte mich noch immer nicht vorbeugen.

Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (124 Artikel)
Michael Perkampus Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" im Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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3 Kommentare auf "Der surreale Jahrmarkt"

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Erik R. Andara
Redakteur

Ja, da merkt man den Könner, sehr schön…

Tobias Reckermann
Webmaster

schallend, mein Lieber, schallend

Karin Reddemann
Webmaster

Ausgesprochen besonders. Packt.

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