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Der Shoggothbecher

Mit dem Bademantel um ihren Leib geschlungen und einem Handtuchturban auf dem Kopf trippelte Susanne vom Bad in die Küche und holte sich einen Teelöffel aus der Schublade. Ihre Hand zog die Kühlschranktür auf und griff sich den nächstbesten Joghurtbecher, den sie in die Finger bekam, ehe sie die Tür mit einem eleganten Schwung ihres Hinterns schloss und sich dagegen lehnte. Der Becher war Teil ihres allmorgendlichen Gute-Laune-Gesundheits-Rituals: Joggen-Duschen-Joghurt. Auf diese Weise würde sie sich ihre Geschmeidigkeit und jugendliche Attraktivität bis weit über die Dreißig bewahren können. Das hatte sie jedenfalls in ihrer Lieblingsillustrierten gelesen und natürlich zweifelte sie nicht daran. Man musste ja auch wirklich kein Genie sein, um die Vorzüge einer gesunden Lebensweise zu erkennen, wenn sie einem praktisch ins Gesicht sprang. Susanne war zwar erst Anfang zwanzig, aber man musste ja schließlich damit anfangen seine Gesundheit und Schönheit zu bewahren solange man sie noch hatte. Alles andere ergab doch keinen Sinn.

Allerdings musste sie, auch wenn sie vorgab alle Bestandteile ihres Gesundheitsprogramms zu genießen, zugeben, dass sie sich am meisten auf den Joghurt freute. Die Jahreszeiten und das Wetter nahmen leider keine Rücksicht auf eine junge Frau, die jeden Morgen ihre Runden laufen musste, und sie hatte sich schon dreimal erkältet, weil sie mit nassen Haaren zur Arbeit gegangen war. Aber der Joghurt, der Joghurt mit seiner fruchtigen Süße, machte alles wieder wett. Ihr war natürlich klar, dass das nur dem Zusatz künstlicher Aromen und Geschmacksverstärker zu verdanken war, auch wenn die Werbung und die Hersteller etwas anderes behaupteten. Es gab ja schließlich nicht genug frisches Obst für alle auf der Welt, wie ihr das Fernsehen verraten hatte. Aber trotzdem wurde Susanne von gelegentlichen Gewissensbissen geplagt, wenn sie eine dieser glänzend rosa-violetten Pampen in sich hinein schaufelte. Deshalb hatte sie es auch einmal mit naturbelassenem Joghurt von der Biofarm versucht, aber der Geschmack war ihr dann doch schlichtweg zu sauer.

Bild: Ulf Ragnar Berlin

Da vertraute sie lieber auf die Markenprodukte aus dem Supermarkt und da sie sehr viel von Gleichberechtigung, Abwechslung und anderem Harmoniekram hielt, hatte Susanne es sich in den Kopf gesetzt jede einzelne Marke und Sorte wenigstens einmal auszuprobieren. Der Becher in ihrer Hand war auch so ein Einmalversuch. Sie hatte die Sorte erst gestern zum ersten Mal gesehen und gleich miteingekauft. Langsam drehte sie den Joghurtbecher und las das Etikett. „Quallmighurt mit schwarzer Johannisbeere“ stand dort mit großen, schwungvoll gezeichneten Buchstaben. Darunter waren in etwas kleinerer und schlichter Schrift die Worte: „Ein neues feines Geschmackserlebnis aus dem Hause Kraken-Foods. Mit Algenextrakten und 20% echter Johannisbeere, extra für Sie!“ zu lesen. Algen, dachte Susanne verwundert. Sie hatte schon Joghurts mit Nüssen, Schokocream, Anis und sogar welche mit Karotten und Haferflocken vor der Nase gehabt, aber Algen? Nun, das war auf jeden Fall etwas neues und mit ziemlicher Sicherheit sogar sehr gesund. Grüne Sachen waren ja immer gesund, das war praktisch ein Gesetz. Trotzdem konnte sie sich gewisser Zweifel nicht erwehren. Aber wenigstens einen Versuch musste sie wohl wagen. Das war sie dem Hersteller zumindest schuldig und wenn nicht ihm, so doch wohl sich selbst und vor allem ihrem Portemonnaie.

Entschlossen friemelte Susanne die Abreißlasche unter dem Becherrand hervor und zog den Aludeckel ab. Der Gestank traf Susannes Nase wie ein Hammer. Ruckartig riss sie den Becher von ihrem Gesicht weg, doch egal wie weit sie ihn von sich streckte, der Geruch blieb überall gleich penetrant und breitete sich wie eine Welle des Ekels im ganzen Raum aus. Angewidert ließ sie den Joghurtbecher ins Spülbecken fallen und wandte sich ab; die Hand vor dem Mund, falls sie brechen musste. Da war dem Hersteller wohl mehr als nur ein Fehler unterlaufen. Sie hatte den Inhalt nur kurz gesehen, aber was sie gesehen hatte, schien mehr einem Teerklumpen zu ähneln als irgendeiner Milchspeise. Es war verdammt noch mal schwarz gewesen! Mit einem Küchentuch vor Mund und Nase suchte Susanne nach dem Deckel. Das Haltbarkeitsdatum war mit Sicherheit abgelaufen. Sie fand ihn schließlich auf dem Boden, hob ihn auf und drehte ihn um, damit sie den Aufdruck lesen konnte. Das Datum bereitete ihr den nächsten Schock, angeblich war der Joghurt noch drei Jahre haltbar!

Was habe ich mir da nur andrehen lassen?, fragte sie sich. Neugierig geworden ging Susanne zur Spüle zurück. Sie würde sich das Zeug noch einmal anschauen, ehe sie es ganz wegschmiss und dann würde sie jemanden verklagen, egal wen! Der Becher lag auf der Seite im Spülbecken. Nicht ein Klecks der schwarzen Masse war zu sehen. Zögernd streckte Susanne die Hand aus und stellte den Becher wieder aufrecht hin.

Der Joghurt hatte sich überhaupt nicht gerührt, hatte keine Anstalten gemacht aus seinem Plastikgehäuse zu fließen, so als sei er darin festgefroren. Konnte man das Zeug am Ende noch nicht mal löffeln? Susanne schnappte sich den Löffel, den sie eben noch in der Hand gehalten hatte und machte die Probe aufs Exempel. Zu ihrer Überraschung durchdrang das Metall die Haut des Joghurts ohne Probleme. Sie ließ den Löffel stecken und er blieb stehen, wo er war, sackte weder nach links noch nach rechts. Unschlüssig darüber, was das zu bedeuten hatte, begann sie in der Masse zu rühren, erst nach links, dann nach rechts. Seltsam, auch hier war kein Widerstand zu spüren. Doch dann, als sie zu rühren aufhörte und den Löffel wieder hinauszog, bemerkte sie, dass der Joghurt in Bewegung blieb, er rührte sich ganz von selbst, so als habe er ein Eigenleben. Und dann tauchten plötzlich Blasen auf.

Sie brachen aus der dunklen Oberfläche, drehten sich für einen Moment darauf und versanken dann wieder in der Tiefe. Als die nächste Blase nach oben kam, stieß Susanne sie mit dem Löffel an. Die Blase verharrte kurz, drehte sich noch einmal, so als würde sie etwas suchen und dann platzte sie auf. Susanne schrie. Die Blase hatte sich zu einem großen, ölig glänzenden Auge geöffnet. Das Auge schwamm auf der Oberfläche hin und her und blinzelte Susanne zu, die so weit zurückwich bis sie den Joghurt und das Auge nicht mehr sehen konnte. Sie konnte es einfach nicht fassen. Da schwamm tatsächlich ein Auge in ihrem Joghurt!

Es hatte zwar keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Auge, das Susanne, ob bei Mensch oder Tier, je gesehen hatte, aber es war unverkennbar ein Auge und es hatte verdammt lebendig ausgesehen! Aber das konnte doch nicht sein! Reiß dich zusammen Susanne!, dachte sie. Du musst noch einmal einen Blick in den Becher werfen und dich vergewissern, dass du dich geirrt hast, dass da überhaupt kein Auge drin ist oder dass es nur aus Gelatine besteht, wie diese ekelhaften Dinger, die man zu Halloween kaufen und essen kann. Ja genau, ein Scherzartikel, das war die Erklärung, es musste ein Scherzartikel sein, der ganze Becher, vom Haltbarkeitsdatum bis zum Inhalt! Ein ganz normaler, beschissener Scherzartikel, etwas beruhigend Normales.

Susanne schlich ganz langsam zurück zum Spülbecken, so als ob sie befürchtete, dass das Auge sie hören könnte. Erst als sie ganz nahe herangekommen war, wagte sie es sich über das Becken zu beugen und den alles klärenden Blick auf das Ding in der Spüle zu werfen. Susanne starrte auf den Joghurt und der Joghurt starrte einfach zurück. Er konnte besonders gut starren, denn er hatte jetzt fünf Augen, jedes in einer anderen Größe und sie alle bewegten sich unabhängig voneinander. Susanne wimmerte leise und presste das Küchentuch fester gegen ihre Lippen. Der Brechreiz war kaum mehr zu unterdrücken. Der Joghurt zwinkerte ihr zu. Susanne begann zu würgen, doch ehe sie erbrechen konnte zerplatzte der Joghurt zu einem Gespinst aus schleimigen Fäden. Sie schossen aus dem Spülbecken hervor, wickelten sich wie Fangarme um ihren Hals, und landeten in ihrem Gesicht. Mit einem lauten flatschendem Geräusch entlud sich Susannes Mageninhalt in das Becken.

Bild: Ulf Ragnar Berlin

Doch der Joghurt war nicht mehr im Becken, er saß in ihrem Gesicht und breitete sich dort aus. Durch die Küche gellten zwei Schreie, Susannes unartikuliertes Entsetzen und der hoch pfeifende Ruf des Joghurts: Tekeli-li! Tekeli-li!
Susanne rannte in wilder Panik durch den Raum. Sie musste das Bad erreichen, sich die stinkende, klebrige Masse aus dem Gesicht waschen. Dabei rannte sie gegen Schränke und Wände, stieß schmerzhaft gegen den Küchentisch, während sich der Joghurt weiter und weiter auf ihrer Haut ausbreitete. Er schien zu wachsen, jeden Quadratzentimeter ihres Leibes bedecken zu wollen. Susanne fiel auf Hände und Knie. Sie riss sich das Handtuch vom Kopf und versuchte damit den Schleim von ihrem Gesicht zu reiben. Ihre Schreie wurden immer höher und immer schriller, als sie merkte, wie der Joghurt durch ihre Körperöffnungen in sie eindrang. Er kam durch die Ohren, kroch in ihren Mund, die Nase, sogar durch die Augen, ja er machte selbst vor ihrer Vagina und dem Anus nicht halt. Sie drehte sich, wälzte sich am Boden wie ein verwundetes Tier im Todeskampf und immer wieder schrie der Schleim: Tekeli-li! Tekeli-li! Im Innern kroch der Joghurt weiter, erreichte ihren Magen, gelangte über ihre Lungen in den Blutkreislauf und erreichte schließlich das Gehirn.

Der Shoggoth blinzelte mit Augen, die nicht zu ihm gehörten. Er hatte ein Bewusstsein erlangt, wie … wunderbar! Was war das für ein plumpes Wesen? Ein Mehrzeller? Für einen Moment blieb der Shoggoth liegen, bis er sich sicher war, dass er die Kontrolle über das Geschöpf erlangte hatte. Dann erst richtete er sich auf. Wie seltsam, dachte er. Der Kontakt mit dem Bewusstsein hatte sein eigenes Wesen beeinflusst, verändert, erweitert. Er hatte vollen Zugang zum Wissen und den Erinnerungen seines Wirtes und dadurch hatte er auch Zugang zu seinen eigenen Erinnerungen erlangt. Der Shoggoth wusste jetzt, dass er in einer Fabrik gearbeitet hatte, ausgeglitten und versehentlich in die Milchmasse geraten war, die er und seinesgleichen dort herstellten. Schließlich hatte man ihn in viele kleine Becher abgefüllt und eingeschlossen. Zu denken war eine seltsame Erfahrung, aber so ungemein praktisch.

Ihm wurde klar, dass er nicht vollständig war, dass ihm Teile fehlten. Aber das war ein Problem, das sich lösen ließ. Er wusste ja, woraus ihn sein Wirtsleib befreit hatte und wo und wie er mehr davon finden konnte, um wieder ganz er selbst zu werden. Ohne einen weiteren Gedanken abzuwarten schnappte er sich Susannes Autoschlüssel und die Bankkarte und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Während der Shoggoth seinen Wirt von innen verzerrte schrie Susanne stumm, gefangen in einem Körper, den sie nicht mehr unter Kontrolle hatte.

© 2012

Ulf Ragnar Berlin
Über Ulf Ragnar Berlin (1 Artikel)
Ulf Ragnar Berlin aka Ulrabi ist ein frei schaffender Kunstmaler, Illustrator, Autor und Hobbykabarettist, der sich hauptsächlich den Sujets des Makabren und Absurden widmet. Er wurde 1982 in Duisburg geboren und wuchs im Westerwald auf. Nach dem Abschluss seiner Lehre zum Glas- und Porzellanmaler zog er 2006 nach Darmstadt, um ein Studium des Fachs Kommunikationsdesign zu beginnen, das er 2013 mit Erlangen des Diploms abschloss. Noch während des Studiums schloss er sich dem White Train an, für den er seit 2010 als Autor, Illustrator, Co-Redakteur, Layouter und Mitherausgeber tätig ist. Einmal alle zwei Monate tritt er in der Rolle des verrückten Wissenschaftlers "Der Unglaubliche Ulf" in der Early Late Night Show im Darmstädter Schlosskeller auf. Bei szenischen Lesungen verkörpert er mit Vorliebe Figuren aus seinen eigenen Geschichten oder denkt sich passend zum Thema der Lesung einen neuen Erzähler-Charakter aus. Seine Gemälde und Zeichnungen sind im Netz am leichtesten unter seinem bürgerlichen Namen, sowie dem Pseudonym Ulrabi bzw. Ulrabiart zu finden.
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2 Kommentare auf "Der Shoggothbecher"

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Tobias Reckermann
Webmaster

heute meinen Joghurt gegessen, trotzdem 😉

Michael Egino
Webmaster

Ich mag solche hanebüchenen Sachen recht gerne!

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