Der Mann mit der Maske: Band 1 – Anomalien

Der Mann mit der Maske; Band 1: Anomalien; Bunte Dimensionen Verlag

In einer nahen Zukunft befindet sich die Metropole Paris im Wandel. An der Spitze steht der Präfekt Beauregard. Durch seinen Einfluss auf Architektur, Kultur und Mentalität sowie seinem Größenkult und seiner Vorliebe für Retro-Futurismus, hat er die Seele der Stadt verändert. Übernatürliche Phänomene, Anomalien genannt, die niemand erklären kann, entstehen aus dem Nichts. Zunächst nur leblose und harmlose Gebilde, doch mit der Zeit tauchen immer komplexere Formen auf. Hierher kehrt Sergeant Frank Braffort, der bei einem Einsatz verwundet wurde, nach sechs Jahren Dienst zurück und erkennt die Stadt nicht wieder. Die Stadt, die bald von ihm Besitz ergreifen und ihre Schicksale für immer miteinander verknüpfen wird. (Verlagstext: Bunte Dimensionen)

Sobald man die ersten Seiten liest, bewegt man sich erst einmal in einem militärischen Kontext, der nicht gleich zu verstehen ist. Als “Vorfall 41” betitelt ist dieses Geschehen jedoch von erheblicher Wichtigkeit: Wir erfahren, dass ein Teil der Französischen Stabilisierungstruppe seine übliche Patrouille durchführt, bevor sie von einer mächtigen Kampfdrohne angegriffen wird. Es gibt nur zwei Überlebende, Taleb und Braffort, dank der Intervention einer unbekannten und geheimnisvollen Kraft.

“Vorfall 41” – Rettung durch eine geheimnisvolle Kraft; Bunte Dimensionen

Selbst wenn man nicht gleich in die Geschichte eintauchen kann, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Sicher, das erste Kapitel ist hier etwas unglücklich gewählt und hätte vielleicht besser in einer Rückschau installiert werden sollen. Das nur am Rande. Blättern wir weiter, kommen wir zum Kern der Sache: eine ganze Seite mit Blick auf das von futuristischer Technologie dominierte neue Paris. Die Stärke der folgenden Geschichte ist ihre Atmosphäre und ihr Kontext, der uns automatisch an einige der besten Science Fiction-Geschichten erinnert. Allein in diesem ganzseitigen Bild steckt etwas von Orwells „1984“, und die Big Brother-Referenzen ziehen sich dann auch durch den ganzen ersten Band. Doch sie bleiben nicht die einzigen. In einem Panel entdecken wir den französischen Autor Michel Houellebecq, wie er gerade ein Interview gibt, wir begegnen einem „Vidocq Sicherheitsdienst“ (Vidocq gilt als Vater der modernen Kriminalistik und erster Detektiv der Welt) und selbstverständlich Fantômas, dessen klassisches Bild von einem Piratensender in den Pariser Nachthimmel projiziert wird.

Zunächst sind wir in diesem Neoparis etwas verloren, das haben wir allerdings mit der Hauptfigur gemein. Lehmann trifft die weise narrative Entscheidung, uns diese „neue Welt“ gemeinsam mit Frank Braffort zu erschließen. Es ist stets effektiv und angenehm, durch die Charaktere zu erfahren, was sie erwartet und was sich verändert hat, auch wenn Braffort selbst in diesem ersten Band noch etwas blass bleibt.

Braffort kehrt nach dem mysteriösen Angriff nach Paris zurück und beschließt, von nun an ein einfacheres Leben zu führen und die Vergangenheit zu vergessen. Jedoch ist das, was er bei dem Angriff erlebte, von wesentlicher Bedeutung für die Sicherheit des Landes. Seine ehemaligen Kollegen informieren ihn, dass die Stadt in Schwierigkeiten steckt und dass „Anomalien“, mechanische Elemente oder Objekte, die Leben nachahmen, zunehmend gefährlichere Entwickungsstufen annehmen. Neuerdings können sie sogar in menschlicher Gestalt erscheinen. Die Sicherheit muss erhöht werden, und Braffort wird seinen Teil dazu beitragen müssen.

Wirkungsvoll und makellos

Der Mann mit der Maske mischt zwei sehr unterschiedliche Comic-Schulen und erscheint dennoch als eigenständiges Werk. In einem typisch frankobelgischen Format und einem Zeichenstil, der nicht verheimlicht, vom amerikanischen Comics beeinflusst zu sein, gaben die Autoren zu, auch deren Methoden übernommen zu haben. Die Geschichte dieses Pilotbandes fängt den Mythos des Superhelden dann auch großartig ein und gerät nie ins Fahrwasser der bloßen Kopie amerikanischer Werke.

Serge Lehman mischt Genres (Steampunk, Abenteuer) und multipliziert die oben bereits genannten Referenzen. Dabei beweist Lehmann genug Talent, um sie homogen und verständlich zu machen. Diesem Band gelingt es, so viele Fragen aufzuwerfen, die man unbedingt in Erfahrung bringen will, dass man der auf vier Bände angelegten Serie treu bleiben sollte.

Was die Zeichnungen von Stéphane Créty betrifft, so fängt sein realistisches Design die Atmosphäre, die weitgehend auf futuristischen Sets basiert, sehr glaubwürdig ein und erleichtert das Eintauchen erheblich. Es gibt eine paar wirklich beeindruckende Seiten, die ihre Liebe zum Detail bekunden. Wirkungsvoll und makellos koloriert wurden sie von Gaétan Georges. Von den eher kalten Grau- Blautönen vor Paris und den weiten Aufnahmen der Stadt, über die braunfarbenen und wärmeren Töne der Innenräume oder der Altstadt bis hin zum vermeintlichen Rosa der Gefängnisszene. Das funktioniert alles sehr gut bis hinein in die Schattenebene. Die Farben sind geschickt ausbalanciert und der Rhythmus ist forsch, reicht vom klassischen Framing bis hin zum visuellen Bruch.

Ich werde gleich dazu übergehen, in den nächsten Tagen Band 2 hier vorzustellen. Bis dahin solltet IHR Band 1 bereits gelesen haben …

ISBN: 978-3-944446-57-8
Preis: 15 €
48 Seiten, HARDCOVER
Erschienen im November 2017

Hier gehts zu Band 2

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon.

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