Der Mann, der sich selbst frisst

Der Überlebenstyp könnte dem Geist eines absolut Wahnsinnigen zugeordnet werden. Die Geschichte von dem Mann, der sich selbst frisst, hat sich vor gefühlten Urzeiten in meinem Kopf festgebissen, und auf ihre besonders abartige, ganz und gar grauenvolle Art hat sie es geschafft, ihren speziellen Platz in meiner Vorstellungskraft einzunehmen. Da kann sie nichts und niemand vertreiben, mag die Konkurrenz noch so begnadet von Wort und Idee her sein, dieser Platz gehört ihr. Er ist der kompromisslos ungemütliche Stuhl, der grundsätzlich dem schwarzen Mann vorbehalten ist.

Hier weicht das Privileg des Ur-Alptraums dem des absoluten Ur-Irrsinns. Des Ur-Ekels. Mag sein, auch der Ur-Angst vor dem nahenden Tod. Denn die zentrale Frage steht: Wie weit würden wir gehen, um überleben zu können?

Von Leuten, die sich aus brisanten Situationen nur retten können, indem sie sich eine Hand oder einen Fuß abtrennen, hat man schon gehört. Mein Respekt vor soviel Mut und Zähigkeit sei ihrer, mein Schauder gilt der Aktion an sich. Würde, könnte ich das auch? Bei einem Fremden, der meine Hilfe braucht? Bei meinem Bruder? Bei mir selbst, wäre ich denn ganz allein auf mich gestellt, in der Hosentasche nur mein altes Bowiemesser, in der Kehle die Furcht, weder kalt noch warm, einfach nur gnadenlos, im Kopf dieser unmenschliche Schmerz, im Herzen die Sehnsucht, noch weitere Sonnenaufgänge erleben zu dürfen?

Keine Ahnung. Wie auch? Wie soll ich wissen, ob ich tollkühn, gänzlich neben meiner eigentlichen Spur stehend, amputieren würde, wäre da kein anderer Ausweg mehr? Das Bild davon könnte ich mir malen, die Farben hätte ich, aber was nützt das, wenn die Hand mit dem Pinsel derart zittert, dass kein Strich vernünftig wird. Was macht die Hand, wenn sie eine zum Skalpell umfunktionierte Klinge führen soll?

Wie sieht’s mit der Angst aus? Irgendwie noch kontrollierbar? Und was macht der Verstand? Apropos: Wie völlig durchgeknallt muss man denn sein, dass man sich vorstellt, wie sich jemand Stück für Stück zerlegt, um die Teile zu essen?

Gut, reine Zerstümmelung ist ein altbewährtes Horror-Film-Szenario. Im Regelfall basiert sie auf Unfreiwilligkeit und enormem Druck, der ausgeübt wird. In Saw (2004, Regie: James Whan) ist es der sadistische Serienkiller, der seine Gefangenen zwingt, sich selbst oder zweiten Personen etwas auf- oder abzuschneiden. Die Hand. Den Bauch eines anderen. In Sin City knabbert der intellektuelle Psychopath einer Frau die Finger weg. Normal ist anders.

Kannibalismus nach Flugzeugabstürzen auf von der Zivilisation völlig unberührtem Terrain ist natürlich auch schrecklich, aber grundsätzlich nachvollziehbar. Die Hungernden, die nicht umgekommen sind, ernähren sich vom Fleisch der Leichen. Sie müssen nichts anderes tun als sich zu überwinden. Niemand wird von ihnen verletzt oder umgebracht. Sie müssen sich nur für diese Momente schemenhafter Ewigkeit freimachen von allem, was wir gelernt haben über Fleisch und Seele, Gott und Teufel. Der Himmel bleibt weiterhin da oben, die Hölle ignorieren wir, weil nichts anderes in Frage kam. Oder doch? Wäre es besser, sich dem Schicksal passiv zu fügen als mit allen Mitteln gegen das Ende zu kämpfen? Menschlicher? Sei es d’rum…

Der Überlebenstyp in der Geschichte dieses wahnsinnigen Denkers will partout nicht verrecken. Tiere fressen ihre Artgenossen, wenn nichts anderes mehr bleibt, um den tödlichen Hunger stillen zu können. Das ist Natur. Der Überlebenstyp ist absolut allein. Da ist niemand sonst. Da ist partout nichts Essbares. Da ist nur er. Ein Tier würde jetzt krepieren. Es würde nicht seine eigenen Pfoten fressen. Ich kenne da kein Gegenbeispiel. Nur diesen Kerl, der mir seit Mitte der 1980er eine irre Übelkeit verschafft. Den Überlebenstyp. Survivor Type im Original. Genial? Mit Sicherheit.

Tatsächlich hat Stephen King die Geschichte geschrieben. Das wundert nun nicht. Es ist eine kleine Story, erstmalig erschienen 1982 in den USA in dem Buch Terrors (Hrsg. Charles L. Grant), drei Jahre später dann in Skeleton Crew, der zweiten großen Kurzgeschichtensammlung des Meisters, die unter dem Titel Blut 1996 auf den deutschsprachigen Markt kam. In Der Fornit, einer  Teilveröffentlichung von Skeleton Crew (neben Im Morgengrauen und Gesang der Toten), wurde die Erzählung bereits zehn Jahre zuvor veröffentlicht. Eine kurze, knallharte, krasse Erzählung, die selbst Hartgesottenste schüttelt.

King verwies 1981 in seinem Sachbuch Danse Macabre auf ihre, – bis zu dem Zeitpunkt -, wohl offensichtliche Unverkäuflichkeit, zurückzuführen auf den Abscheu vieler Leser bezüglich der schaurig-widerlichen Thematik. In einer Fußnote schreibt er:

„Hier haben wir die Möglichkeit, die Leute wirklich am Würgereflex zu packen und zu schütteln. Ich habe vor vier Jahren eine Geschichte mit dem Titel „Survivor Type“ geschrieben, die ich immer noch nicht verkaufen konnte. […] Nicht einmal die Herrenzeitschriften nahmen die Geschichte, und sie liegt bis zum heutigen Tage in meiner Schublade und wartet auf ein schönes Zuhause.“

survivorDas hat sie kurz darauf erhalten. In meiner eigenen Phantasie treibt sie sich seitdem als mögliche Unmöglichkeit herum. Oder umgekehrt. Egal. Ich sage das betont realistisch, weil es scheußlich denkbar ist, so denkbar wie jede menschliche Verhaltensweise, die auch nur ansatzweise irgendwie umgesetzt werden kann. Immerhin ist der Protagonist in Survivor Type Arzt, er hat sein Skalpell, Fachwissen, Drogen für die Leichtigkeit. Einer wie er könnte…vielleicht…

Bei aller Schaurigkeit: Die Geschichte wäre verfilmbar. Es gibt immer (noch) schlimmeren Stoff. Und es geht schließlich nicht darum, einfach nur zu zeigen, wie jemand sich nach und nach vor lauter Hunger und mit verständlicherweise sehr viel wirrem Psycho-Müll hinter der Stirn selbst verzehrt. Richard Pine, der Protagonist, schreibt Tagebuch, er erzählt aus seinem Leben, verfällt immer mehr einer völlig abgedrehten Kaltschnäuzigkeit sich selbst gegenüber, handelt aber immer noch halbwegs überlegend:

„Ich war sehr vorsichtig. Ich habe ihn (den Fuß) gründlich gewaschen, bevor ich ihn aß.“

Bis zum Schluß glaubt Pine, der nach einem Schiffsunglück auf einer winzigen Insel gestrandet ist, noch gerettet zu werden. Er amputiert sich die Füße, Unter-, Oberschenkel, zuletzt die Ohrläppchen, grillt alles und beruhigt sich mit dem Gedanken an Prothesen, wenn er zurück in den Staaten sein würde, um seine verrückte Geschichte erzählen zu können.
Die Tagebucheinträge sind (natürlich) großartig, man hört zu, schluckt, atmet schwer, keucht und würgt, teilt aschfahl diesen Wahnwitz und will schlicht nur erfahren, wie es ausgeht. Nicht gut. Wussten wir. Wissen wir. Wie man es richtig macht: Starker Horror braucht kein schwaches Happy-End.

 

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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