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Der Knappe

Die nachfolgende Kurzgeschichte ist ein Prequel (Nr. 1) zu den Geschehnissen in „Der Schrei des Feuervogels“. Es spielt ungefähr zur Zeit der Geburt des jüngsten Königssohnes – Lion – des Herrschaftsgeschlechts der Saherrez.

Solman stand mit nassen Stiefeln vor den Stadttoren von Rahn und blickte seit geraumer Zeit hinauf zu den Zinnen des Wehrganges. Er fühlte wie auf der anderen Seite der Stadt die Sonne sich langsam zum Horizont emporschob.
Wann bauen Sie, verdammt noch mal, eine Scheißbrücke über den Argus?, fluchte er innerlich vor sich hin. Seit bald 300 Jahren muss ich mit nassen Stiefeln Rahn betreten und das bisschen Furt hätten die Saherrez schon lange überbrücken können!
Solman sann noch eine Weile darüber nach , dass König Rodriguez wahrscheinlich absichtlich keine Brücke über den Fluss schlagen ließ, damit jeder Wanderer, Händler, oder auch Söldner, wie er, mit einer gewissen Demut die Stadt betreten musste. Zuzutrauen wäre es dem alten Fuchs jedenfalls, dass und noch … . Da hörte er wie auf der Innenseite der Mauern die Pfeilgitter von einem Ochsengespann hochgezogen wurden und bald schon ertönte das Klappern von Hufen aus dem Wehrtunnel hinter den Toren. Mit einem tiefen Knirschen wurden schwere eisenbewährte Balken verschoben und dann knirschten die mächtigen Tore der Stadt nach außen. Gleichzeitig ergoss sich ein Strom von Reisenden, Händlern und Halunken aus dem Tor über die Straße in Richtung Furt.
Ob Rodriguez auch daran gedacht hat, dass alle die seine Stadt verlassen ihre Reise mit genauso nassen Füßen beginnen?, dachte Solman und strich sich mit der Hand über sein ungewohnt glattes Kinn.
Endlich entstand eine Lücke in dem morgendlichen Menschenstrom und Solman setzte sich in Richtung Stadt in Bewegung. Er kam genau bis zwei Schritte hinter die Stadtmauer. Dort rief ihn einer der blau-silber gerüstete Stadtwachen an: „He, du da Bursche!“
Es dauerte noch zwei weitere Schritte, bis Solman begriff, dass er mit dem Burschen gemeint sein musste. An sein neues Äußeres hatte er sich noch nicht gewöhnt. Er verharrte und drehte sich dann langsam um. „Hm?“
„Ja, Dich meine ich. Bleib stehen!“
Solman sah den Stadtwächter aus seinen eisgrauen Augen an und wartete.
Der Wächter musterte ihn eingehend, betrachtete ausführlich sein grob gegerbtes Ledergewand und bekam ganz offensichtlich die Uneinheitlichkeit von jugendlichem Gesicht, großer Gestalt und dem breiten Schwert, dass an Solmans Rücken hing, nicht auf die Reihe. Schließlich fragte er misstrauisch „Wie ist dein Name?“
„Solman.“
„Aha, Solman – und wie weiter?“
„Nichts weiter. Einfach nur Solman.“
„Keinen Stammnamen, Familiennamen, oder…?“
„Kriegswaisenhaus in Nostradum. Meine Eltern wurden nach meiner Geburt getötet. Thalanische Grenzwachen.“
Der Wachmann nickte, die endlosen Scharmützel an den westlichen Grenzstädten sorgten auf beiden Seiten für mehr Waisenkinder als man zählen konnte. Die Geschichte war mehr als plausibel.
„Was willst du hier?“ fragte er etwas milder gestimmt.
„Knappe werden. Wenn ich nicht genommen werde – Soldat. Mal sehen.“
Der Wachmann schüttelte den Kopf. „Für einen Knappen bist du schon weit zu alt, die fangen als Kinder im Pagenstand an. Aber als Soldat? Warum nicht. Groß bist du ja. Gehe immer bergauf, bis du das innere Burgtor findest. Am Übungsplatz fragst du nach Baron Kelim –er hat gerade die Heeresführung übernommen. Sag ihm Rosender habe dich geschickt.“
Wortlos nickte Solman, machte kehrt und schritt die mit groben Pflastersteinen ausgelegte Straße entlang. Sie führte ihn an unzähligen Händlern vorbei, die lauthals dem vermeintlichen Landburschen ihre Waren anboten. Von Südwein und Früchten angefangen, über den duftenden Gewürztee aus dem Inselreich Harwen, bis hin zu aller Art von frischen Brot, dass es irgendwie schaffte sogar knackig zu riechen. Allerhand Probierstücke wurden ihm geradezu aufgedrängt. Wenn Solman nicht Wichtigeres vorgehabt hätte – er hätte frühstücken können ohne einen einzigen Dim auszugeben. Doch er wusste dass er die Übungsstunde nicht verpassen durfte, um Baron Kelim zu sprechen. Zu alt oder nicht – für ihn gab es nur eine einzige Möglichkeit: er musste Knappe werden – egal wie!
Der Weg war nicht schwer zu finden. Die Straße lief immer sanft ansteigend, den Burgberg hinan, bis sie ihn nach einigen Serpentinen durch das Tor von Burg Rahn-nun führte.
Solman ging diesmal direkt auf den jüngsten Torwächter zu. „Rosender schickt mich, Nachricht für Baron Kelim. Wo ist er?“
Nur einen Moment lang stutzte der Mann, dann deutete er über den Torplatz auf eine der Gassen. „Da entlang! Er wird gleich auf dem Übungsplatz sein. Du musst dich beeilen wenn du ihn vorher noch sprechen willst.“
„Hm.“ , brummte Solman und folgte der angezeigten Gasse, vorbei an Vorratsspeichern, Gesindehäusern und Stallungen. Pferde wieherten, Stallburschen rieben sich den Schlaf aus den Augen und Mägde eilten mit leeren Körben hinab in Richtung Stadt.
Wenige Minuten später stand Solman am Rande eines großen Platzes hinter dem einige Stufen hoch zu den Toren des Thronsaals emporführten. Sie standen weit offen und eine Wache behielt den Raum davor aufmerksam in den Augen. 30 oder 40 weitere Mann standen auf dem Platz und nahmen Haltung an, als ein kräftiger, aber nicht sehr großer Mann mit kurzgeschorenem Haar gerade aus den offen stehenden Türen trat. Er rief etwas, das Solman nicht verstand, zurück in den Saal und kam dann lachend die Stufen herab. Sein Harnisch und Schild zeigten einen Keilerkopf auf grünem Grund.
Du also bist Kelim, dachte sich Solman und lehnte sich wartend an einen Pfosten, der am Rande des Platzes in den Boden getrieben war. Das Breitschwert, schräg über den Rücken gebunden, war unbequem aber störte ihn wenig. Mal sehen was du kannst!
Es roch nach Pferden, Leder und geöltem Metall. Die Sonne schien warm auf Solmans Schultern und er ließ die einführenden Worte des Barons an sich vorbeigleiten. Es war gut wieder in der Nähe von richtigen Soldaten zu sein. Das raue Leben in der Wildnis machte einen über die Jahre doch etwas ungeschliffen im Umgang mit … Menschen.
Kelim trat vor und deutete auf den ersten Soldaten in der Reihe vor ihm. Ein großer Kerl mit dunklem Haar, mindestens einen Kopf größer als der gedrungene Baron.
„Du! Greif mich an. Mit allem was du kannst!“
Der Dunkle zögerte und Kelim hatte plötzlich sein Schwert in der Hand und hieb es ihm in die Seite auf sein Kettenhemd. Der Soldat stieß keuchend die Luft aus und ging zu Boden. Der Mann neben ihm brachte vor Schreck nicht mal sein Schwert aus der Scheide, da lag er schon zu Kelims Füßen. Der Dritte riss immerhin sein Schild nach oben und parierte Kelims Schlag, wurde aber mit einem gezielten Tritt mit dem Fuß zu Fall gebracht und fiel dabei in den vierten. Erst der fünfte und letzte Mann in der Reihe schaffte es sich mit einem Schritt nach hinten genug Raum zu verschaffen um die Schläge des Barons abwechselnd mit Schwert und Schild parieren zu können. Bis er einen Fehler machte und ihm sein Schwert aus der Hand geschlagen wurde.
Solman brummte anerkennend vor sich hin. Hmm.
Der Baron trat zurück und schob sein Schwert zurück in die Scheide. „Was habt ihr falsch gemacht?“ fragte Kelim als er wieder zu Atem kam.
„Alles!“ brummte Solman vor sich hin. Nur leider war es einer dieser Momente absoluter Stille, die nur dann entstanden, wenn etwas dadurch gründlich schief laufen konnte. Bei Solman führte es dazu, dass sich im nächsten Moment drei Duzend Männer nach ihm umdrehten und ihn feindselig anstarrten. Dann teilte sich die Gruppe und ein sichtlich amüsierter Baron schritt auf ihn zu. Einige Schritte vor Solman blieb Kelim stehen und blickte ihn von unten her an. „Na, wenn es die Jugend vom Land schon sehen kann, dann muss es ja ein kolossaler Fehler gewesen sein. Also was meinst du, Bursche?“
Solman kratze sich am Hinterkopf. Doch nicht aus Verlegenheit. Denn als Kelim mit einer fließenden Bewegung wieder sein Schwert zog, hatte dieser sein Schwertgriff schon in der Hand und zog es blitzartig nach unten. Klirrend wehrte er die Klinge des Barons ab und presste sie mit nur einer Hand nach unten.
„Sie waren nicht vorbereite.“ knurrte er.
Da zog sein Gegenüber mit der Linken blitzschnell einen Dolch von der Hüfte und stieß ihn in Richtung von Solmans Herz. Dieser riss ebenso schnell seinen Unterarm vor die Brust und blockierte den Weg des Dolchs. Er durchdrang das grobe Wams und fuhr Solman in den Arm. Dieser zog eine Grimasse. „Hmpf!“
Kelim zog den Dolch sofort zurück. „Verzeih, dass wollte ich nicht, du warst… .“
„… zu schnell, ich weiß. Hm.“ Er schob den Bihänder in seine Scheide und sein nun löchriges Wams nach oben. Kritisch betrachtete er das hervorquellende Blut und presste dann seinen Daumen darauf. Die Blutung stoppte. Kelim sah ihm mit zusammengezogenen Augenbrauen zu. Dann sagte er:
„Das ist nicht deine erste Wunde und ganz offensichtlich kannst du – jung wie du bist – kämpfen. Was willst du hier?“
Solman presste die Lippen zusammen, als er erkannte, dass ihm vielleicht ein Fehler unterlaufen sein mochte: wie sollte er jetzt noch als Knappe genommen werden? Also dann eben anders!
„Ich möchte mir den Ritterstand verdienen. Für einen Knappen bin ich zu alt, das weiß ich, selbst. Auch bin ich nicht von Adelsstand. Im Gegenteil, aus dem Kriegswaisenhaus in Nostradum. Aber trotzdem möchte ich mich verdingen um all das zu lernen, was ein Ritter im Dienste des Königs wissen muss. Was ich mitbringe ist ein schnelles Schwert und das Versprechen, dass ich sofort gehen werde, wenn ich mich als unwürdig erweise.“ Und leiser, so dass es nur der kurzstoppelige Baron vor ihm es hören konnte „Oder wenn ich auch nur in einem einzigen Kampf besiegt werde. Sei er nun zur Übung oder gegen einen Feind.“ Solman holte tief Luft. So viel hatte er seit Jahren nicht mehr gesprochen. Und das auch noch an einem Stück!
Nun, da er seinen Zug getan hatte, hing alles von seinem Gegenüber ab. Es war, als hätte er eine Hand voll Runenknochen geworfen. Noch waren sie im Fluge, doch das Ergebnis stand fest ohne dass er noch etwas daran ändern konnte. Trotzdem ließ er den Baron nicht aus den Augen.
Dieser blickte ihn lange an und Solman konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Dann blickte Kelim auf den Arm von Solman und sagte:
„Du setzt eine Menge ein um dein Ziel zu erreichen, das gefällt mir. Du weißt selbst, dass es eigentlich unmöglich ist und versuchst es trotzdem. Auch ein guter Zug. Doch es gibt viele junge Männer, die hohe Ziele haben. Warum sollte ich es gerade dir ermöglichen?“
Nun war es an Solman in einem Moment von eingefrorener Zeit zu entscheiden, was er darauf sagen sollte. Weil es für dich das Beste ist? Weil du gar keine andere Wahl hast? Weil es für das Geschlecht der Saherrez das Beste ist? Weil ich es geschworen habe, vor bald 300 Jahren? Einen Blutschwur vor einem fremden Gott, um all das Blut abzuwaschen, dass ich über euer Volk gebracht habe! Weil ich geschworen habe ein Leben zu geben, für das königliche Leben, das ich so unbedacht genommen habe?
„Weil die Magierkriege noch nicht vorbei sind!“, antwortete er schließlich.
Kelim zuckte zurück. Mit dieser Antwort hatte der junge Baron natürlich nicht gerechnet. Hinter ihm entstand Unruhe. `Was haben die beiden da zu flüstern?`, mochten sie denken. Kelim holte Luft und brüllte
„In zweier Gruppen aufstellen, Dolch und Schwert. Das Unterlaufen gegen ein Schwert üben. Nach 5 erfolgreichen Angriffen, wechseln. Ich habe mit dem Burschen zu reden.“
Damit legte er Solman einen Arm über die Schulter und leitete ihn zu den Eingangstoren des Thronsaales. Einer Wache dort befahl er „Hohl eine Heilerin. Sie soll das Verbandszeug gleich mitbringen!“
„Jawohl, Baron!“ salutierte die Wache und verschwand im Inneren der Burg um den Befehl auszuführen.
Solman bemerkte durchaus, dass sie dadurch in Hörweite allein waren.
„Nun sprecht und sagt mir woher ein junger Bursche wie Du, ein Kriegswaise aus Nostradum gar, etwas über die Kriege des Schwarzmagiers Xyr wissen will!?“
Solman – beinahe wäre er zusammengezuckt – ließ Kelim noch immer nicht aus den Augen. Nun brauchte er eine wirklich gute Antwort. Er konnte ja kaum sagen, dass er vor so vielen Jahren an der Seite Xyrs gegen das Königshaus der Saherrez gekämpft hatte!

Dave Morgan
Über Dave Morgan (1 Artikel)
Dave T. Morgan lebt mit Frau, Kind und Hund am Bodensee. Er begeistert sich für klassischen, epischen Fantasy, wagt aber auch Ausflüge in angrenzende Genres, wie die düstere Phantastik. Sein erster Roman trägt den Titel „Der Schrei des Feuervogels – Die Magierkriege“. Außerdem hat er einige Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.
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