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Der Horror der Science Fiction

Sieht man sich einige ausgewählte Klassiker des Horror an, so fällt auf: Sie sind gleichermaßen Klassiker der Science Fiction. Noch einmal andersherum: Die Ur-Gesteine der Science Fiction sind Klassiker des Horror.

Mary Shelleys Frankenstein or The Modern Prometheus, E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Robert Louis Stevensons Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde decken gemeinsam bereits ein Feld ab, das sich im späteren Verlauf der Genreentwicklung als eines der Science Fiction herausstellt. Bestellt wird hier die Thematik des Menschen, der sich mittels moderner Technologie an der Schwelle hin zum Nichtmenschen befindet, zu einem posthumanen Wesen. Frankensteins Absicht ist es, den Tod zu besiegen, Unsterblichkeit ist sein Ziel. Dazu belebt er bereits Totes neu, stückelt aus Teilen verschiedener Leben ein neues zusammen und erschafft damit mittels Technologie etwas, das in uns Furcht auslöst. Nicht allein, weil es tot sein sollte, sondern weil es von Menschenhand geschaffen, aber doch unkontrollierbar ist. Es ist monströs, damit wird der Mensch selbst es ebenfalls.

Dr. Jekyll gelingt es mit Mitteln der Chemie, nicht nur sein Bewusstsein aufzuspalten, sondern dem Trieb seines Es eigene Wesenheit zu verschaffen. Hier geht es nicht um Unsterblichkeit und weniger um den Leib, als vielmehr um die Psyche, sprich die Seele, die durch solches Handeln in Gefahr gerät, doch wieder ist es etwas von Menschenhand Geschaffenes, das sich nicht kontrollieren lässt, wie schon bei Frankenstein.

Der Sandmann schließlich bedient sich weniger des wissenschaftlichen, als vielmehr des künstlerischen Genius. Von Menschenhand erschaffen wird hier ein scheinlebendiges Wesen aus nichts als Mechanik. Es ruft denselben Schrecken hervor, ist zwar nicht aus Körper und nicht aus Geist oder Seele des Menschen geschaffen, gleicht ihm aber zu sehr und ist, wiederum, unkontrollierbar.

Noch bevor sich die Science Fiction als eigenes Genre hervorhebt und mit ihren Möglichkeiten den Kosmos bereist, ist es die menschliche Schaffenskraft selbst, die den literarischen Grundstein der Science Fiction legt. Es sind klassische Themen. Gilgameshs Unsterblichkeitswunsch, das Gut und Böse klassischer Dichotomie und die Schöpfung künstlichen Lebens durch einen Prometheus.

Sie alle sind schrecklich, denn sie stoßen den Menschen in die Wildnis der Zukunft, deren Schrecken die seiner mythischen Vergangenheit sind. Schließlich ist die Vorstellung von Göttern, deren Willkür man ausgesetzt ist, doch etwas Furchtbares. Das Ärgste daran ist wohl, dass sie – anders als der große Kosmos, der sich für uns nicht interessiert, uns vielleicht gar nicht wahrnimmt – ihre Aufmerksamkeit eben auf uns lenken, dass sie mit uns spielen, als wären wir Puppen. Das Beste, was man von ihnen erhoffen könnte, wäre, dass sie einen nicht behelligen. Wenn im nächsten Schritt aber der Mensch selbst Schöpfer wird, muss er sich wohl oder übel mit seinen Schöpfungen auseinandersetzen und mit seiner eigenen Schöpfungskraft.

Mit H.G. Wells kommt erst die Bedrohung von Außen, von anderen Planeten hinzu und in seinem The Timemachine ist es jene schon bezeichnete Zukunft selbst, die ihre Grausamkeit enthüllt. Wells Romane wird nun niemand als Horror bezeichnen wollen, jedoch ist etwa War of the Worlds voll davon und in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte gerade dieser Zweig der Science Fiction, der die Invasion durch Außerirdische behandelt, einen Höhenflug im B-Movie, dessen Vertreter stilistisch mehr dem Horror als der Science Fiction zuzuordnen sind. The Thing beispielsweise, ein literarischer Stoff, der es sowohl in den Fünfzigern, als auch noch einmal in den Achtzigern und dem neuen Jahrtausend auf die Leinwand geschafft hat, ist ein Klassiker des Horror, thematisch aber ganz klar Science Fiction. Gleiches lässt sich über Invasion of the Body Snatchers sagen und Alien ist vielleicht das schlagendste Beispiel dieser Melange überhaupt. Den Schrecken angesichts des Kosmischen, wie wir ihn bei Lovecraft und in gewissem Sinn auch bei Alien erleben, ist einer, der unsere Welt erobert, doch: Lovecrafts Erzählungen lassen letztlich einen Verantwortlichen dafür ganz klar hervortreten, den Forscher nämlich, der diesem kosmischen Schrecken die Pforte öffnet. So ist es in From Beyond eben der Forscher und Erfinder einer Maschine, die ultraviolettes Licht sichtbar macht. Die Schrecken, die in diesem Licht auftauchen, waren schon immer da, doch, so lange unsichtbar, nicht wirklich schrecklich. In War of the Worlds beginnt das Grauen mit einer Beobachtung: Durch Teleskope sehen Astronomen mit an, wie sich Feuerschweife vom Mars aus in Richtung Erde aufmachen. Wissenschaft verkündet das Unbekannte und damit das Heraufziehen des Horror. Und das Alien ist, wie seine neueste Inkarnation Alien – The Covenant offenbart, ein Grauen, das durch die Hand eines von Menschenhand erschaffenen und durch Menschen nicht mehr zu kontrollierenden Wesens, eines Androiden, erschaffen wurde. Hier potenziert sich die Schöpfungskraft. Schon die Erschaffer der Menschen taten Böses, die Menschen sind zum Bösen fähig und erschaffen wiederum Wesen, die des Bösen fähig sind und deren letztliche Schöpfung das geradezu Absolute Böse zu sein scheint.

In einem anderen Zweig des Horror-B-Movie, dem der Monstererschaffung, ist es wieder der Forscher, die Wissenschaft, die den Schrecken hervorbringt. Donovan‘s Brain – ein vom Körper getrenntes Gehirn erlangt die Macht, Gedanken zu kontrollieren –, Tarantula und Formicula – postatomare Riesen – und The Fly – ein Hybrid aus Mensch und Insekt; die Schrecken, die uns plagen, sind von uns selbst geschaffen worden, teils bewusst, teils unbewusst, teils auch durch einen Zufall, den unser Handeln anstößt.
Selbst unsere Albträume sind ja Werke unseres Unbewussten, so fürchten wir uns von Kindheit an bereits vor uns selbst – und später im Leben: Wir schauen Gewaltverbrechen auch deshalb mit Grauen an, weil sie unsere Fähigkeit zum Bösen offenbaren, und die altmodische Furcht vor Gott und dem Teufel ist wiederum eine Angst vor uns selbst, nicht nur, weil wir selbst uns diese beiden ausgedacht haben, sondern weil wir auch der Schlechtigkeit dieser beiden durchaus selbst fähig sind.

Zwischen dem inneren Schrecken und dem kosmischen Horror liegt ein nur kurzer Weg. Zum einen sind wir selbst nichts anderes als Kosmos, zum andern bedurfte es nur eines einfachen gedanklichen Tötungsakts, dem an Gott nämlich, um uns all dessen bewusst zu werden: der eigenen Schöpfungskraft und der kosmischen Weite – und Tiefe – jenseits unseres irdischen Kindergartens.

Viele Jahrzehnte nach dem Gelingen dieses größten Mordes der Geschichte haben wir eine Schwelle erreicht, die zu künstlichem Bewusstsein, zur Automation aller Arbeit, zu Intelligentwerdung der unbelebten Materie, zur Realisierung all dieser Möglichkeiten aus der Science Fiction führen mag, allerdings auch zu einem zweiten und einem dritten Tötungsakt, die jenen ersten noch überträfen, dem nämlich an uns selbst und dem an unserem Planeten. Beides sind Topoi der Science Fiction und des Horror, die ihre Steigerung in der Kulmination hin zu einem über alles hinaus ragenden Schrecken finden: der kaum noch abzuwendenden Tatsache, dass wir trotz aller eigener Schöpfungskraft und allen Wissens und begründeter Annahmen um die Wunder des Kosmos es nicht schaffen werden, die Erde zu verlassen, bevor wir uns selbst das Leben auf ihr unmöglich gemacht haben.

(Abb. (c) Yuri Shwedoff)

Der Spiegel dieses Gesichts unseres Horror ist der, in dem wir uns in der Weite des Alls nach wie vor ganz allein sehen. Kein Erstkontakt bis jetzt und vor unserem Untergang – die Menschheit wird wohl zu jenen Spezies gezählt werden müssen, die es nie aus dem heimischen Schwerkraftschacht herausschafften und von denen darum auch niemand sonst – wenn es dort überhaupt jemanden gibt – jemals Notiz genommen hat.

Der erste und der letzte Grund des Horror ist die Leere. Wir suchen die Leere mit Wissen zu füllen, mit Vorstellung und mit Fiktion. Am Ende dieser Suche steht bislang jedoch noch immer nur die Erkenntnis um neue Tiefen der Leere, die zu füllen unsere kognitiven Möglichkeiten übersteigt. Anstatt eines kleinen Lochs, sozusagen, haben wir jetzt ein großes. Anstatt allein des persönlichen Todes nämlich, steht uns nun der Tod des Universums bevor.

Tobias Reckermann
Über Tobias Reckermann (16 Artikel)
Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.
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