Der Hohepriester und die Prinzessin

Es gab kein Entkommen. Helene hatte jede Hoffnung aufgegeben.
Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen. Das Geschäft mit der Liebe lief gut, besonders im amerikanischen Sektor. Die GIs mochten blonde Wiener Madln und bezahlten für ihre erotischen Dienste mit Lebensmitteln, Zigaretten und hin und wieder auch Alkohol. Der Hunger und das Elend der Nachkriegszeit hatten Helene ins älteste Gewerbe der Welt getrieben. Sie lebte recht gut davon und konnte sogar ihre kranke Mutter und die beiden jüngeren Schwestern mitversorgen. An diesem Nachmittag jedoch verließ sie das Glück. Sie wurde von einem Wiener angesprochen, was selten vorkam. Der Freier war schmächtig und ging Richtung Pensionsalter. Er bot ihr einen Hundert-Schilling-Schein, und sie glaubte, einen guten Fang gemacht zu haben. Was für ein Irrtum!
Sie führte ihn in eine finstere, menschenleere Gasse in der Josefstadt, nahm ihn an der Hand und zog ihn in eine Toreinfahrt. Als sie gerade ihren Rock hob, um zum Geschäft zu kommen, drückte ihr der Freier plötzlich ein feuchtes Tuch aufs Gesicht. Die betäubenden Chlorformdämpfe ließen ihre Welt ganz schnell in Dunkelheit versinken.
Als sie aus der Ohnmacht erwachte, war sie allein. Gefesselt und nackt lag sie auf einem hölzernen Tisch, als Opferlamm für einen Perversen. Sie zerrte und riss an den Arm- und Beinfesseln, die unter der Tischplatte verknotet waren, doch es war sinnlos. Die Stricke gruben sich nur noch tiefer in ihre blasse Haut. An den Knöcheln war sie längst wundgerieben. Helene flehte, schrie und schimpfte, aber es nützte nichts. Niemand kam. Es war ein Alptraum ohne Entrinnen.
Sie vermutete, dass sie sich in einem Keller befand. In den Ecken brannten alte Petroleumlampen. Schachteln standen herum, daneben ein paar größere Gegenstände, die mit weißen Leintüchern verhüllt waren.
Als sich nach Stunden der angsterfüllten Einsamkeit mit einem unheilvollen Knarren die Eingangstür öffnete, erwachte Helene aus ihrer Resignation. Grelles Licht flutete in den unterirdischen Raum. Ein Mann kam durch die Tür. „Du Scheißkerl, bind mich los, du kranke Sau!“ schrie sie ihm wütend entgegen. Sie hatte den Besucher erkannt: es war ihr Freier. Er trug eine schlichte Robe, auf der ägyptische Symbole aufgemalt waren.
„Es tut mir leid“, murmelte der Mann mit leiser Stimme. „Ich werde versuchen, es möglichst schmerzfrei zu machen.“ Dabei zückte er einen langen Ritualdolch. Das siebzehnjährige Mädchen schrie jetzt wie am Spieß und flehte um Gnade. Der Vorsatz des Mannes, ihr möglichst wenig Leid zu bescheren, scheiterte leider an seinem Unvermögen. Es wurde ein blutiger und wahrhaft grausamer Abgang – aber zumindest erfüllte er seinen Zweck.

*

Es war die trübe Zeit nach dem Frühjahr 1945. Zweieinhalb Jahre nach Kriegsende. Hermann Junker starrte nachdenklich aus dem Fenster. Der Winter war nahe, und im Gartenhaus des Santa-Christiana-Klosters gab es keine Heizung. Trotzdem war er froh, hier wohnen zu dürfen. Er war sowieso an bescheidene Verhältnisse gewöhnt. Ohne Einkommen blieb ihm auch keine andere Wahl. Dabei war er einst ein gefeierter Ägyptologe gewesen. Die Grabungen auf dem Felsplateau von Gizeh hatten ihn weltweit bekannt gemacht. Doch jeder Ruhm war vergänglich. Nun lebte er einsam und zurückgezogen zwischen Klostermauern in Rodaun, am südwestlichen Stadtrand von Wien. Er arbeitete an den Aufzeichnungen über die Ausgrabungen und Forschungen, die er geleitet hatte. Sie waren sein ganzer Lebensinhalt. Im Augenblick war er jedoch abgelenkt. Ludwig Knief, ein Teilnehmer seiner Ägypten-Expeditionen, hatte sich nach Jahren wieder bei ihm gemeldet. Ihm verdankte er nicht nur seine früheren Erfolge, sondern auch sein Leben.
Junker hatte Knief im Sommer 1925 kennengelernt. Damals war er schon ziemlich verzweifelt gewesen, da seine Rückkehr nach Ägypten an der Finanzierung zu scheitern drohte. Der Erste Weltkrieg hatte die Grabungsarbeiten unterbrochen; die freigelegten Mastabas – Lehmziegelbauten, unter denen sich die Gräber von Königen, Würdenträgern und deren Familien befanden – wurden bereits wieder vom Sand zugedeckt. Ludwig hatte der Expedition dank seiner Kontakte zum österreichischen Unterrichtsministerium zu einer Unterstützung von zweitausend Schilling verholfen. Junker war überglücklich gewesen und hatte Kniefs Wunsch erfüllt, ihn zu den Grabungen begleiten zu dürfen. In den darauffolgenden Jahren waren sie gute Freunde geworden.
Nachdem Knief mehr als ein Jahrzehnt aus seinem Leben verschwunden gewesen war, kam die Nachricht, die ein Bote Junker um die Mittagszeit überbracht hatte, mehr als überraschend. Der Freund kündigte an, seinen Neffen – einen gewissen Walter Riegl – vorbeischicken zu wollen. Es handle sich um eine wichtige Angelegenheit. Aus dem Kunsthistorischen Museum war etwas verschwunden. Etwas, das sie nie nach Wien hätten schicken sollen.
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Als Junker dem Besucher öffnete, verschlug es ihm die Sprache. Walter Riegl glich seinem Onkel, als wären sie eineiige Zwillinge. Die dürre, großgewachsene Gestalt des Gastes, die blaugrauen Augen, die hinter einer Brille verborgen waren, und das freundliche Lächeln, in das ein Anflug von Traurigkeit eingewoben schien, waren eine exakte Kopie von Ludwig, wie er ihn in Erinnerung hatte.
„Professor Junker, ich möchte mich bedanken, dass Sie mich so kurzfristig empfangen. Mein Onkel hätte Sie liebend gerne selber besucht, aber seine Gesundheit lässt es leider nicht zu.“
Junker bat den jungen Mann herein. Schon bald saßen sie bei einer Tasse Tee und plauderten über die Vergangenheit. Eigentlich kam Walter nicht viel zu Wort. Nachdem er erzählt hatte, dass sich sein Onkel gerade von einer schweren Lungenentzündung erholte und deswegen das Bett hüten musste, übernahm Junker das Ruder und berichtete von den Expeditionen. Der rundgesichtige Mann zeigte Walter alte Reisebücher und Photographien, auf denen Ludwig Knief beim Aufbau der Feldbahn, bei der Hebung eines Sarkophags und vor den Pyramiden abgebildet war.
Walter Riegl genoss das Gespräch. Wie gern hätte er dem wohlwollenden Professor doch die Wahrheit gesagt. Den kranken Onkel gab es gar nicht. Ludwig Knief und er waren ein und derselbe. Walter hatte nur seinen Namen geändert, damit niemandem auffiel, dass er nicht alterte. Er war ein von Gott Verfluchter. Hundert Jahre Jugend hatten einen Preis, den er lieber nicht gezahlt hätte …
„Es freut mich wirklich, Herr Riegl, dass Sie so ein geduldiger Zuhörer sind. Ich hoffe nur, ich habe Sie mit meinen alten Geschichten nicht gelangweilt. Aber nun erzählen Sie – was braucht Ludwig nach all den Jahren denn von mir?“
Walter Riegl händigte ihm einen Brief aus, der von seinem angeblichen Onkel stammte. „Dazu muss ich ein bisschen weiter ausholen. Eine gemeinsame Freundin hat mich um Hilfe gebeten.“ Er legte eine rhetorische Pause ein. „Charlotte Dunkelstein.“
„Sie kennen Charlotte?“ Dieser Wirbelwind von Frau – hinreißend und verwirrend zugleich – hatte deutliche Spuren in Junkers Erinnerungen hinterlassen. Er hatte sie in der Zeit kennengelernt, als er Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo gewesen war. Eine Deutsche mit österreichischer Abstammung, eine hochintelligente Person. Mit einem deutlichen Hang, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
„Wie klein die Welt doch ist“, stellte der Professor fest. „In was ist die Lady nun wieder hineingeraten?“

*

„Werte Charlotte … ich darf doch Charlotte zu Ihnen sagen?“
Der glatzköpfige Hohepriester blickte die kleine, zierliche Frau mit der Pagenfrisur gütig an. Auf die Stirn hatte er sich Udjat, das Auge des Horus, gemalt. Er trug eine goldfarbene Leinentunika, in die ägyptische Zeichen und Hieroglyphen eingenäht waren. Deutlich war ein Ankh, das Symbol des ewigen Lebens, zu erkennen, aber auch eine Amenta, die das Land der Toten repräsentierte. An seinem Finger glitzerte ein goldener Skarabäus-Ring. Charlotte fand zwar, dass sein Ritualgewand und der ganze Auftritt lächerlich wirkten, aber sie musste mitspielen, um nicht aufzufallen. Sie lächelte ihn freundlich an. „Natürlich.“
Der Hohepriester nickte, verbeugte sich leicht und deutete auf seinen grobschlächtigen Assistenten. Der trug eine Blechschüssel, in der sich alle Anwesenden die Hände waschen mussten. Nur wer sich reinigte, durfte an der Kleopatra-Séance teilnehmen. Charlotte tauchte ihre Finger ins kalte Wasser. Sie hörte, wie der Hohepriester dabei leise Osiris, Isis und Seth anrief und die Götter um ihren Segen bat. Charlotte verkniff sich eine zynische Bemerkung. Es war eine Schande, dass sich so ein Scharlatan ungehindert an den Verzweifelten – vorwiegend Frauen – bereichern durfte. Aber schwere Zeiten haben eben ihre eigenen Regeln. Der Geist von Kleopatra, den der Glatzkopf angeblich beschwor, sollte in der trostlosen Nachkriegsära Hoffnung schenken. Der Gauner ging sogar noch weiter und behauptete, dass Kleopatra das Schicksal der Männer kenne, die noch nicht aus dem schrecklichen Krieg zurückgekehrt waren. Befanden sie sich in Kriegsgefangenschaft, waren sie schon auf dem Weg zur Liebsten oder verwesten sie in einem Graben? Nur sie konnte es sagen.
Charlotte hatte durchaus Verständnis für die drei Damen, die neben ihr auf Holzstühlen saßen. Sie brauchte nur in ihre von Tränen geschwollenen Augen zu blicken und wusste um ihr Leid Bescheid. Die drei Frauen konnten unterschiedlicher nicht sein: Adelheid stammte aus einem alten Adelsgeschlecht, war stark übergewichtig und vermögend. Barbara war die älteste und hatte bereits weiße Haarsträhnen. Sie hatte den halben Haushalt verkauft, um an der Séance teilnehmen zu können. Und Nicole war eine dunkelhaarige Endzwanzigerin, die nicht viel redete.
Die den Raum durchdringende Stimmung aus Verzweiflung, Angst und Hoffnung machte Charlotte Dunkelstein zu schaffen. Inzwischen verfluchte sich die schwarzhaarige Schönheit dafür, nicht auf die Unterstützung von ihren Freunden aus der Wiener Geheimorganisation BASILISK gewartet zu haben. Diese Gruppe war so etwas wie die gute Seele der Stadt, eine Ansammlung von Wagemutigen – vielleicht auch Geisteskranken, da wollte sie sich selbst nicht ausschließen –, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Wien vor den Mächten der Finsternis, Invasionen aus anderen Dimensionen und blutdurstigen Monstern zu schützen.
Leider befanden sich derzeit aber die meisten Mitglieder von BASILISK auf der Krankenstation. Die Aufräumaktion am Zentralfriedhof war nicht nach Plan gelaufen. Verfluchte Ghule! In der Zeit des Krieges waren sie fett geworden. All die Bomben, die Verschütteten, das große Elend – ein Festmahl für den dämonischen Leichenfresser-Abschaum. Walter Riegl hatte den Kampf zwar unbeschadet überstanden, so wie sie, aber auch er war heute abend als Begleiter ausgeschieden. Schließlich war er von Anfang an dagegen gewesen, dass sie an der Séance teilnahm.
Charlotte mochte den mürrischen Bibliothekar. Doch Walter war ein Mensch, der lieber zuerst über ein Problem lesen und forschen wollte, während sie sich vorzugsweise gleich ins Geschehen stürzte. Daher hatte sie ihn auch nicht rechtzeitig in ihre Pläne eingeweiht und ihm erst eine Nachricht im BASILISK-Hauptquartier hinterlassen, als sie bereits auf dem Weg war.
„In Anubis Namen! Ich rufe dich, Kleopatra, unsere Beschützerin!“ Die raunzende Stimme des Hohepriesters riss Charlotte aus ihren Gedankengängen. Nun ging es also los. Der Glatzkopf kniete zwischen blauen und roten Vorhängen, auf denen Hieroglyphen aufgemalt waren. Ein intensiver Duft nach Weihrauch kitzelte Charlottes Nase. Da ließ ein Windhauch die hinteren Kerzen erlöschen. Eine der Frauen stöhnte erschrocken auf.
Charlotte konnte aus dem Augenwinkel den Assistenten sehen, wie er – von den anderen unbemerkt – mit einem Blasebalg in der Hand den Raum verließ. Im Stil eines Boris-Karloff-Films ging es dann auch weiter. Ein Vorhang wurde wie von Geisterhand zur Seite gezogen. Dahinter lehnte eine Mumie an einem Rednerpult. Sie war kaum größer als einen Meter fünfzig, völlig in Leinenbinden eingewickelt und viele Tausende von Jahren alt. Ein Körper ohne Inhalt, dem alle Organe entnommen worden waren; selbst die Brüste der weiblichen Mumie waren nur ausgestopft. Ein aromatischer Geruch lag in der Luft, der Charlotte durchaus bekannt war; sie hatte ja genug Zeit unter Archäologen verbracht. So roch ein einbalsamierter Körper. Daneben stand eine Osiris-Statue auf einem steinernen Podest, in das seltsame Schriftzeichen eingemeißelt waren. Der Gott war als Herrscher des Totenreichs – mit Atef-Krone auf dem Kopf, Krummstab und Geißel in beiden Händen – dargestellt.
Charlotte wusste, woher die mumifizierte Frau stammte: aus Senebs Mastabagrab in der Nekropole von Gizeh. Sie war 1927 von Hermann Junker und seinem Grabungsteam entdeckt worden. Es handelte sich bei ihr um die Prinzessin Senetites, Priesterin der Göttin Hathor, Gemahlin des zwergenhaften Seneb, eines Hofbeamten des Alten Reiches. Sie stammte vermutlich aus der Linie der Könige der vierten Dynastie.
Eine Mischung aus gehauchtem Erschrecken und fanatischer Bewunderung ging durch den Kreis der Frauen, als sich Senetites leicht bewegte. Charlotte versuchte den Trick zu durchschauen, konnte aber keine verborgenen Schnüre entdecken.
„Kleopatra, Herrin des Nils, deine Anhänger bitten dich um Rat.“
Dieses Mal nickte die Mumie zur Antwort.
Der Hohepriester stand auf und wandte sich der fettleibigen Adelheid zu, die im eleganten Abendkleid gekommen war.
„Werte Adelheid, Ihr könnt nun eure Frage stellen.“
Adelheid erhob sich ebenfalls und verneigte sich so weit, wie es ihre Körperfülle zuließ. „Werte Herrin Kleopatra. Bitte sagt mir, was aus meinem geliebten Franz Josef geworden ist? Sein Weg verliert sich in Stalingrad.“
Kaum hatte die Frau gesprochen, ging ein erneuter Ruck durch die Mumie. Ihr rechter Arm hob sich ein wenig. Niemand wagte zu atmen. Weitere Kerzen erloschen. Die Dunkelheit rückte näher und umgab die Gruppe wie eine Mauer. „Danke, Herrin“, sprach der Hohepriester, schloss die Augen und murmelte Zaubersprüche aus dem ägyptischen Totenbuch. Charlotte war verwundert: War der Mann doch gebildeter, als sie gedacht hatte? Als er seine Lider wieder öffnete, ging ein Aufschrei durch die vier anwesenden Frauen. Seine Augen waren tiefschwarz, als hätte man sie mit Tinte eingefärbt. Der Hohepriester sprach wieder, wobei sich etwas Schnarrendes in seine Worte mischte, als kämen sie aus einer verätzten Kehle. „Der Kopf von Franz Josef ist durch eine Kugel explodiert. Sein Gehirn hat sich über eine Hauswand ergossen, und die Vögel fanden ein Mahl. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Er hätte ja sonst wieder in Euren Armen liegen müssen, und das war etwas, vor dem es ihn mehr ekelte als vor den Behelfslatrinen.“
Das Gesicht von Adelheid war mit jedem Wort bleicher geworden. Sie rang um Luft, als wollte jede Sekunde ihr Herz aussetzen. „Das … das …“ stammelte sie. Alles drehte sich. Sie fühlte sich der Ohnmacht nahe.
Der Hohepriester trat einen Schritt auf sie zu. In Charlottes Kopf läuteten sämtliche Alarmglocken. Doch bevor sie dazwischenspringen konnte, holte der alte Mann einen Ritualdolch aus dem Ärmel und zog der Frau die Klinge quer über die Kehle. Eine Blutfontäne spritzte auf sein Gewand. Er hatte die Halsschlagader erwischt. „Herrin, nicht schon wieder“, stammelte er, stach aber weiter auf die Frau ein. Er war nicht länger Herr über seinen Körper. Schaum bildete sich vor seinem Mund.
Charlotte sprang auf. Sie zog die Walther PPK, die sie in den Ritualraum geschmuggelt hatte. Im selben Augenblick, als Adelheid umkippte, schoss sie. Das Knie des Hohepriesters wurde durch die Kugel zertrümmert.
Die beiden anderen Frauen standen unter Schock. Die BASILISK-Agentin schmetterte ihnen ein lautes „Lauft!“ entgegen, doch sie rührten sich nicht, sondern blieben stocksteif stehen, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt.
„Jedes Opfer bringt der Herrin neue Kraft“, deklamierte der Hohepriester und blickte Charlotte an. Sie wollte noch die Augen abwenden, aber es war zu spät. Etwas Finsteres, Mächtiges griff nach ihr. Gedanken wurden schwer und verloren an Sinn. Doch Charlotte war nicht umsonst als stur verschrien. So schnell gab sie ihren Geist und Körper nicht auf. Als sich der Hohepriester mit einem irren Grinsen näherte, riss sie instinktiv die Waffe hoch und feuerte erneut. Eine Kugel zerfetzte seine linke Gesichtshälfte und verteilte Gehirn, Blut und Schädelknochen über den Altar. Dennoch wollte der Scharlatan nicht umfallen.
Da sprangen Nicole und Barbara auf. Doch nicht, um zu flüchten, ganz im Gegenteil: sie warfen sich auf Charlotte. Mit diesem Angriff hatte die Abenteurerin nicht gerechnet. Bevor sie sich noch wehren konnte, lag sie schon am Boden und wurde von den Furien festgehalten. Die Realität fing sich zu verändern an. Die Osiris-Statue begann in einem Grün zu gleißen, das verwesendem Fleisch glich. Adelheids Blut floss auf die Mumie zu. Die Prinzessin Senetites saugte es in sich hinein, das Leinen färbte sich dunkelrot. Sie erwachte …
Charlotte fluchte, als der Hohepriester mit einem weiteren alten Zauberspruch auf den Lippen auf sie zukam. War das nun ihr letzter Fall?

*

Walter Riegl fluchte ebenfalls. Er hätte Charlotte am liebsten den Kopf abgerissen. Nach seinem Besuch bei Professor Junker hatte er mit ihr in Ruhe die nächsten Schritte besprechen wollen, im BASILISK-Hauptquartier aber nur mehr eine Nachricht von ihr vorgefunden. Dabei hatte er sie doch mehrmals gebeten, keine unüberlegten Aktionen zu starten. Aber nein, sie ging doch wahrhaftig zu einer dieser Séancen. So eine Dummheit! Die junge Frau hatte keine Ahnung, worauf sie sich da eingelassen hatte.
Walters Gedanken kehrten zu dem Tag zurück, als Hermann die Sargkammer von Senetites entdeckt hatte. Der Fund der Mastaba des zwergwüchsigen Seneb am Ende des Friedhofs-Westabschnitts war eine Sensation gewesen. Das Grab warf viele Rätsel auf. Es enthielt ungewöhnliche Stilelemente, darunter eine Kuppelüberwölbung und einen nachträglich eingebauten Kultraum. In diesem wurde ein seltsamer weißer Block gefunden, der eine hervorragend erhaltene Statuengruppe enthielt. Sie stellte Seneb, seine Frau und die beiden Kinder des Paars dar. Im Hauptbau konnten zwei Grabschächte freigelegt werden, einer für Seneb und der andere für seine Gattin Senetites. Senebs Schacht enthielt die Trümmer eines fein gearbeiteten Sarkophags aus bestem glattpolierten Tura-Kalkstein.
Walter erinnerte sich gut daran, wie er sich in den zweiten, zehn Meter tiefen Schacht abgeseilt hatte, in dem man Senetites Sarkophag vermutete. Es war bei weitem nicht sein erster Abstieg gewesen, und er wusste auch, dass die Arbeit in der Tiefe gefährlich war, doch er war auf eine merkwürdige Art nervös gewesen wie kaum zuvor. Etwas Unheilvolles lag in der Luft. Es kam ihm so vor, als wolle ihn der Schacht verschlingen, als stecke er bereits in einer monströsen steineren Speiseröhre, und ein See aus Säure und Verderben erwarte ihn an deren Ende. Als er in der Grabkammer ankam, war die Angst rasch verschwunden und wurde von Neugierde und Begeisterung abgelöst. Senetites Grab war von Grabräubern verschont geblieben. Der glatte Kalksteinsarkophag war komplett erhalten und unberührt. Im Schein der Lampe erkannte er Lochungen im Deckel, durch die man einst Lederbänder gesteckt hatte, um den schweren Stein heben zu können.
Walter war überwältigt. Das war der sensationellste Fund, dem er je beiwohnen hatte dürfen. Er musste den Sarkophag einfach berühren. Seine Finger glitten über den kalten Stein, und bevor er sich dessen bewusst war, begann er Hieroglyphen in die darauf liegende Sandschicht zu zeichnen. In den finstersten der dunklen Ecken krabbelten plötzlich Wesen, die schon ewig in den Schatten hausten. Geschöpfe aus dem Totenreich. Geflügelte Kreaturen, teils Mensch, teils Tier, umkreisten ihn. Er konnte sie zwar nicht sehen, aber er fühlte ihre Präsenz. In einem Meer aus Blut segelte eine Barke, auf der eine mumifizierte Gestalt thronte. Erst als ihn Junker an der Schulter berührt und gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei, war Walter aus dem Fiebertraum erwacht. Der Archäologe und einige der Arbeiter waren inzwischen ebenfalls in der Grabkammer angekommen. Walter hatte ihre Ankunft gar nicht bemerkt. Die ägyptischen Arbeiter tuschelten nervös. Man konnte ihnen die Angst von den Augen ablesen. Junker blickte auf die im Sand gezeichneten Schriftzeichen. „Was schreibst du da?“
„Hab nur geübt“, murmelte Walter und verwischte die Hieroglyphen. Er spürte, dass es besser so war. Die Schriftzeichen stammten nicht von ihm. Irgendetwas Fremdartiges hatte seine Hand geführt. In diesem Augenblick war ihm klar gewesen: Dieses Grab war verflucht und brachte Unglück. Er sollte recht damit behalten …
Walter ließ die Erinnerungen los und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Im geteilten Wien sollte man besser nicht zu auffällig sein. Eine unliebsame Begegnung mit der Militärpolizei wollte er auf jeden Fall vermeiden. Der Heumarkt lag zum Glück in der englischen Zone, da fühlte er sich etwas sicherer. Die mehrstöckigen Gebäude dieses Viertels waren ein gutes Jahrhundert alt und hatten die Bombenangriffe halbwegs gut überstanden. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Umso mehr fiel der Mann auf, der im Eingang eines Mietshauses aus der Gründerzeit herumlungerte. Er rauchte eine Zigarette und wirkte gelangweilt. Sein eleganter Anzug konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Raufbold und Gauner war. Walter wusste, dass er hier richtig war, nur musste er zuerst an dem Türsteher vorbei. Einen offenen Kampf wollte er nicht riskieren, daher versuchte er es mit einer List. „Entschuldigen Sie. Ich bin hier mit Herrn Moretti verabredet.“
Der Mann schaute auf. Sein Brötchengeber Moretti hatte keinen Besuch erwähnt. „Wenns zur Sitzung wollen, dann kommens zu spät“, brummte er. Es sollte freundlich wirken. „Die dauert schon ewig.“
„Nein, darum geht es nicht“, beruhigte Walter. „Es geht um ein antikes Fundstück, das ihn interessiert. Ägypten, Altes Reich, vermutlich vierte Dynastie.“ Bei diesen Worten öffnete er seine Ledertasche, in der ein gut eingewickeltes Päckchen lag.
„Darf ich einmal?“ fragte der Aufpasser und wollte mit seinen klobigen Händen in die Tasche greifen. Walter zog sie ihm weg. Er würde diesem Grobian doch nicht die Statue übergeben, wegen der er bei Hermann Junker gewesen war! „Verzeihen Sie, aber die ist für Herrn Moretti. Falls er bereit ist, den geforderten Preis zu zahlen. Könnten Sie mich bitte zu ihm bringen?“
Morettis Assistent musterte Walter von Kopf bis Fuß. „Na gut. Ich bring Sie zum Hohepriester!“
Ein Hohepriester also, dachte Walter. Hoffentlich kein so blutrünstiger wie damals. Als Senetites Sarkophag gehoben worden war, hatten die Arbeiter, die aus der Umgebung kamen, mit Furcht reagiert. Nur einer war fasziniert gewesen – und der hatte dann begonnen, seine Landsleute zu opfern. Im Namen der schlafenden Prinzessin …
Der Keller des Gebäudes war sehr geräumig. Über eine Treppe ging es in einen Vorraum, wo ein paar kostspielige Damenmäntel an einem Kleiderständer hingen. Eine halbleere Flasche Weißwein und ein paar gebrauchte Gläser standen auf einer Anrichte. Der Assistent öffnete vorsichtig eine Tür und blickte hinein. „Ich glaub, die sind schon fertig.“ Er betrat den Thronsaal, der mit Vorhängen, ein paar Statuen und einer Unmenge von Kerzen ausgestattet war. Walter folgte ihm. Er sah Charlotte, die in ein Gespräch mit dem Hohepriester Moretti vertieft war. Eine ältere Frau scheuerte gerade den Boden sauber. Sie trug ein abgetragenes Abendkleid. Eine andere, ebenfalls vornehm gekleidete Dame kam reichlich verschwitzt und abgekämpft hinter den Vorhängen hervor. Dann entdeckte er die Mumie. Sie lag auf dem Boden, leblos, wie sich das gehörte. Aber warum war ihre Leinenbinde so dunkel gefärbt? Walters Sinne gaben Alarm. Auch wenn alles harmlos wirkte, roch er in der Mischung aus Weihrauch und Kellermief noch eine dritte Note: Blut. Was wischte die Frau da wohl auf?
„Wir haben Besuch.“ Charlotte hatte ihn entdeckt. Sie wirkte fröhlich und, was noch wichtiger war, unverletzt. „Komm näher.“ Der Hohepriester erstarrte leicht, nickte ihr dann zu und zog sich in die Dunkelheit zurück. Etwas stimmte nicht mit dem Gesicht des Mannes. Walter sah im Halbdunkel leider viel zu wenig, um es genauer sagen zu können.
„Du kommst spät.“ Charlotte eilte ihm entgegen. Sie strahlte so viel Lebensfreude aus – mehr als sonst sogar. Walter mochte die junge Frau schon seit längerem, aber nun wurde ihm bewusst, wie wunderschön und charismatisch sie war. Sie fiel ihm regelrecht um den Hals, und dann geschah etwas, mit dem er nie gerechnet hätte. Er spürte ihre weichen Lippen auf den seinen. Der Kuss berauschte ihn und vernebelte seine Sinne. Ein Gefühl von Ewigkeit machte sich in seinem Herzen breit. Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, schwebte er im Glück.
„Warum nicht gleich so?“ sagte Charlotte. „Du wirst mein neuer Priester, Ludwig!“ Dabei schnippte sie mit den Fingern, und der Hohepriester Moretti kippte um wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Er war ja auch schon eine Zeitlang tot, aber das war ihm bisher eben nicht bewusst gewesen. Barbara und Nicole kamen nun ebenfalls näher. Walter sah ihre Augen: sie waren kohlrabenschwarz. Ein Zeichen von Besessenheit.
Bei dem Ägypter, der in den zwanziger Jahren Hermann Junker hatte töten wollen, waren die Augen auch verfärbt gewesen. Nachdem der Sarkophag von Senetites geöffnet worden war und die Untersuchungen begonnen hatten, verschwanden Leute aus dem Umland. Das war der Grabungsleitung aber erst nach einem nächtlichen Zwischenfall bewusst geworden. Walter hatte nicht schlafen können, da sein Verstand noch immer mit den Bildern beschäftigt war, die er in der Grabkammer gesehen hatte. Da hörte er ein Knarren, das ihn sofort beunruhigte. Er kam gerade noch rechtzeitig, um Professor Junker und dessen Schwester Maria zu retten. Der als Hohepriester gekleidete Eindringling war bereits über die Schlafenden gebeugt gestanden und hatte den Ritualdolch zum Stoße erhoben. Seinen blutrünstigen Blick aus den pechschwarzen Augen hatte Walter nie vergessen können. Und nun sah er ihn wieder, hier in Wien.

*

Charlotte kämpfte um ihre Existenz. Der Zauber des Hohepriesters hatte sie eiskalt erwischt. Die Schmerzen, die er ausgelöst hatte, waren höllisch gewesen. Ihr Blut kochte, als wäre es Lava. Krämpfe schüttelten ihren Leib, und die Haut brannte, als steckten Tausende von Nadeln in ihr. Nadeln, die in Ameisensäure getaucht waren. Charlotte wollte schreien, aber kein Laut kam über ihre bebenden Lippen. Die Marter wollte kein Ende nehmen. Eine erneute Schmerzensexplosion durchraste sie, und sie fühlte sich, als würde sie aus ihrem Körper gerissen. Und dann war plötzlich alles vorbei. Von einem Augenblick auf den anderen hatte sie gar nichts mehr empfunden. Charlotte versuchte die Finger zu bewegen, aber vergeblich. Sie war gelähmt. Ihre Augen waren blind, ihre Ohren taub geworden. Nur der Verstand arbeitete noch, doch auch der begann sich langsam abzuschalten. Sie kämpfte dagegen an. Eine echte Dunkelstein gab nicht so schnell auf. So langsam begriff sie, was der Zauber bewirkt hatte. Ihre Seele und die von Senetites waren miteinander vertauscht worden. Charlotte war nun in dem Mumienkörper gefangen.

*

Walter deutete eine Verneigung an. Darauf wäre es also damals hinausgelaufen, dachte er: Senetites wollte einen neuen Körper. Nur sie wusste, dass er sich einmal Ludwig Knief genannt hatte. Er brauchte einen Plan. „Ganz zu Euren Diensten, Herrin!“ sprach er, um Zeit zu gewinnen.
Mit der Anmut einer Katze schlich sie um ihn herum. „So gefällst du mir besser. Eigentlich sollte ich dich bestrafen. Es war ganz und gar nicht nett, dass du meinen Diener davon abgehalten hast, diesen Junker zu töten. Er wäre das letzte Opfer geworden. Und seine Schwester mein neues Gefäß. Du aber musstest einschreiten. Und dann noch dieser Bannzauber, den du auf mich gelegt hast. Du hast geglaubt, ich sei besiegt, nicht wahr? Aber ich kann warten, mein Lieber. Ich habe lange gewartet, bis dieser Kriecher kam und dein Siegel zerbrach. Und nun bin ich frei. Schon damals habe ich das Potential in dir gesehen. Du trägst einen Funken Unsterblichkeit in dir, wie ich. Wir sind uns ähnlich. Zusammen können wir viel erreichen.“
„Ist das ekelhaft!“ Senetites und Walter blickten auf. Den Assistenten hatten sie beide ganz vergessen. Der Mann hatte sich eine Zeitlang im Hintergrund gehalten und war dann unauffällig zum gestürzten Moretti geschlichen. Jetzt versuchte er ihn gerade umzudrehen, konnte aber nur noch seinen Tod feststellen. Überall klebte Blut, und das linke Auge baumelte hypnotisch an seinem Nervenstrang. Dem Assistenten grauste: „Dem fehlt ja das halbe Gsicht.“
„Töte ihn!“ Senetites übergab Walter die Walter PPK. „Er hat keinen Nutzen für mich.“
Walter sah seine Chance. Er nickte ergeben, nahm die Waffe an sich, zielte und drückte ab. Die Kugel traf. Die Osiris-Statue zersplitterte in tausend Einzelteile. Ein winziger Lichtfunken, einem Glühwürmchen gleich, erhob sich aus der Mumie und raste, schneller als das menschliche Auge folgen konnte, auf Charlottes Körper zu. Senetites versuchte noch auszuweichen, doch der Funken schlug in sie ein. „Du Verräter!“ schrie die Prinzessin erzürnt. Sie wollte sich auf Walter stürzen, erstarrte aber mitten in der Bewegung. Der gestohlene Leib gehorchte ihr nicht länger.
Walters Schuss hatte Charlottes Geist befreit. Die Osiris-Statue war der Schlüssel zu ihrem magischen Gefängnis gewesen. Charlotte befand sich nun zwar wieder in ihrem eigenen Körper, doch sie war nicht alleine. Die dämonische Senetites wollte ihr Opfer nicht verlassen …
Walter war inzwischen auf die Mumie zugestürmt und richtete die Waffe auf sie. Da schlug Barbara mit dem blutigen Putzfetzen auf ihn ein und erwischte ihn im Gesicht. Der Angriff traf den Bibliothekar völlig unvorbereitet. Seine Brille flog in hohem Bogen davon, Blut und Putzmittel brannten in seinen Augen. Er taumelte einen Schritt zur Seite, als Barbaras nächster Schlag ihm die Waffe aus der Hand riss. Nicole nützte die Gelegenheit und boxte auf den Wehrlosen ein. Zum Glück war sie genauso stark, wie sie gesprächig war. Der Assistent sah, dass der Mann, der ihn gerade verschont hatte, ins Straucheln geriet, und griff ebenfalls ein. Er packte Nicole am rechten Arm und schleuderte sie zur Seite. Die Frau krachte gegen die Mauer, wo sie benommen liegenblieb. Ihre Nase und die Oberlippe bluteten stark. Barbara versuchte inzwischen erneut auf Walter einzuschlagen, aber der rechnete nun damit. Er wich dem Schlag elegant aus und packte ihr Handgelenk, ehe sie erneut ausholen konnte. Einen Augenblick später lag Barbara auf dem Boden. Walter war zwar kein Meister der fernöstlichen Kampftechniken, hatte im Lauf seines Lebens jedoch das eine oder andere gelernt.
Im selben Augenblick schrie Charlotte schmerzerfüllt auf – und kippte um. Doch das war kein Zeichen von Schwäche. Sie hatte es geschafft, Senetites die Hölle heiß zu machen. In ihrem Körper war sie die Chefin, und sie war mächtig sauer. Senetites blieb nur die Flucht. Aus Charlottes geöffnetem Mund entwich schwarzer Rauch. Das Schlagen gewaltiger Flügel hallte von den Wänden wider. Ein Geruch nach Fäulnis und Blut lag in der Luft. Dann erhob sich die Mumie, von Hass und Zorn angetrieben. Sie wollte den Verräter mit scharfen Krallen zerreißen, doch sie kam nicht weit. Der Assistent, der gerade auf Gegnersuche war, stürzte sich auf sie und riss sie zu Boden. „Das hast davon, wennst mich auf die Abschussliste setzt.“ Er verstand zwar nicht, was hier gerade passierte, aber er liebte Schlägereien. Da war er ganz in seinem Element.
Walter hatte inzwischen eine antike Frauenstatue aus seiner Tasche geholt. Sie bestand aus Kalkstein und hatte einen weiß bemalten Körper, schwarze Augen und schwarzes Haar. Ein amerikanischer Ägyptologe namens Roy Neary hatte sie Anfang der dreißiger Jahre in einer Mastaba gefunden, in der ebenfalls ein Zwerg begraben lag. Er war Senebs Nachfolger gewesen. Kleinwüchsige hatten eine besondere Stellung am Königshof und in der öffentlichen Gesellschaft gehabt. In dem Grab waren einige Statuen gefunden worden, die Persönlichkeiten des Hofes darstellten. Eine der Grabinschriften berichtete außerdem von Wesen aus dem Totenreich, die den Körper von Mumifizierten übernahmen und sich vom Blut und Fleisch der Lebenden nährten. Diese unglaubliche Entdeckung hatte man jedoch nie veröffentlicht, und Roy Neary war eines Tages mitsamt seinen Unterlagen verschwunden. Zeugen behaupten, zu diesem Zeitpunkt seltsame Lichter am Himmel gesehen zu haben. Ein leichtes Erdbeben hatte gleichzeitig die Ausgrabungsstätte zerstört. Ein paar Tage später hatte Junker ein Paket ohne Absender erhalten, das eine der Statuen enthielt. Der Name Senetites war auf ihr eingraviert. Walter war vom Professor zwar brieflich über die Geschehnisse informiert worden, aber der hereinbrechende Zweite Weltkrieg hatte verhindert, dass die beiden einander treffen konnten.
Walter stellte die Senetites-Statue auf das Podest des zerstörten Osiris. Sie symbolisierte Ka, den Teil der Seele, der über Verstorbene wacht. Doch ihre Bedeutung war vor langer Zeit verändert worden. Die Statue begann matt zu leuchten. Wind fauchte durch den Keller. Die Luft schmeckte nach Sand. Leise Stimmen flüsterten Worte in einer fremden Sprache. In diesem Augenblick schrie die Kreatur, die sich Senetites nannte, panisch auf. Eine Präsenz huschte durch den Raum. Sie trug den Schädel eines Krokodils, den Oberkörper einer Löwin und den Unterleib eines Nilpferds. Ammit, die Totenfresserin, war gekommen, um die verurteilte Seele zu verschlingen. Die Finsternis wich dem Licht. Das Schwarz verschwand aus den Augen der Frauen. Die Besessenen waren wieder frei.
Charlotte stöhnte schmerzerfüllt. Sie öffnete die Augen, hustete und spuckte Blut. Barbara blinzelte verwirrt und starrte auf das dreckige Putztuch in ihrer Hand. Nicole begann zu jammern, als sich die gebrochene Nase und die aufgeplatzte Lippe schmerzhaft bemerkbar machten. Walter wollte die Statue aufheben, doch sie war zerbröckelt. An ihrer Stelle fand er nur mehr ein Häufchen Sand, daneben lag die nun leblose Mumie. „Danke!“ sprach Walter den arbeitslos gewordenen Assistenten an, der nachdenklich neben dem Relikt hockte. Doch der blickte nicht auf. „Ich hab meine Bezahlung gekriegt, damit ich die Frauen abhole und Moretti beim Ritual ein bissl unterstütze. Mehr nicht. Wenn ich jetzt da rausgehe, will ich von dem ganzen Krempel nichts mehr hören und wissen. Und am liebsten keinen von euch mehr sehen.“
Walter verstand ihn. Da hörte er Charlottes Stimme und wandte sich ihr zu. Der Bibliothekar hoffte von ganzem Herzen, dass sie die Besessenheit durch die tote Prinzessin gut überstanden hatte. Die Art, wie Charlotte mit Barbara und Nicole redete, zeigte ihm, dass tatsächlich das Original wieder Herrin des Körpers war. Er war erleichtert und musste schmunzeln, als Charlotte den ahnungslosen Frauen erklärte, dass sie gerade eine Gasexplosion überlebt hätten. Die Gasflasche, die der Hohepriester für seinen Auftritt verwendet hatte, sei defekt gewesen. Daher müssten sie das Gebäude so rasch wie möglich verlassen und ärztlich versorgt werden.
Während er Charlotte ansah, wurde Walter allerdings etwas bewusst, das ihn traurig stimmte: dass nicht sie es gewesen war, die ihn geküsst hatte – sondern die Prinzessin Senetites.

 

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Charly Blood

Charly Blood

Geboren in Graz und aufgewachsen in der dunklen und geheimnisvollen Weststeiermark, kam Charly Blood schon früh mit den dunklen Seiten des Daseins in Kontakt. Schon als Kind entdeckte er seine Liebe zu Comics – besonders zu den Gespenster Geschichten. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis er wahre literarischen Klassiker wie Larry Brent, Dämonenkiller, Damona King und Der Hexer zu verschlingen begann. Schließlich verfasste er dann auch eigene Werke, um der Welt das Grauen zu lehren.

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3 Kommentare auf "Der Hohepriester und die Prinzessin"

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Karin Reddemann
Webmaster

Der Stil ist schon gut, die meist kurzen Sätze passen zur Erzählung (vor allem die ersten Absätze gefallen mir inhaltlich), aber…: Das liest sich streckenweise wie “dann passierte das, dann das und das, dann war es so und dann so…”
Irgendwie einem (natürlich ordentlich gemachten) Aufsatz ähnlich. Hm.
Würde mich ja eines Besseren belehren lassen, vielleicht kratze ich unfair an Großem.

Karin Reddemann
Webmaster

Ach was…”Bittere Früchte” ist eine stark geschriebene Story, die echt Atmosphäre schlucken lässt.
Das “Schulaufsatz”-Ähneln (einem guten, wohlgesagt) bezieht sich nicht auf die gesamte Story, nur halt einige Passagen lesen sich eben so. Von mir. Kann ja auch stilistisch gewollt sein.

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