Der Halbghul

Meine Geschichte ist seltsam. Mag sein, andere würden sie eher ganz furchtbar nennen. Ich selbst wundere mich mehr über das, was mir passiert ist, als dass ich überhaupt ein gewisses Entsetzen verspüren könnte, wie es unter den gegebenen Umständen normalerweise wohl angemessen wäre. In Sorge müsste ich sehr wohl sein. Tatsächlich wundere ich mich einfach nur. Ich könnte auch böse lachen. Stattdessen sitze ich hier, eingehüllt in meine dicke wollene Decke, die mir heute keine rechte Wärme schenken will, und bringe kopfschüttelnd meine Geschichte zu Papier. So sieht’s aus.

Ghoul, 2012, copyright: Chiller Films, Moderncine, ZP Studios

Irgendwie bin ich an einem Punkt angelangt, der so unvorhersehbar war, dass ich mich damit begnüge, das alles zu akzeptieren. Noch gelingt mir das. Robert ist winzig. Aber er wächst schnell. Er sieht mich an. Beobachtet mich. Jetzt schon. Zweifellos wird er stark sein. So oder so.

Mein alter Weggefährte Beckhamm könnte Roberts Vater sein. Ich sage das völlig nüchtern, meine Noch-Freundin Dunja ist dumm und viel zu oft allein. Sie hat es mir direkt gesagt, es war doch nur dieses einzige Mal, nichts von Bedeutung, heulte sie. Das eine Mal könnte gereicht haben, ich bin kein Idiot. Ein anderer Mann hätte mich nicht gejuckt. Weg mit allen, kurzer Prozess, Punkt. Aber Beckhamm? Man sollte wirklich keinem vertrauen, aus keinem aus der Familie. Ich war erst kurz mit Dunja zusammen, sie langweilte mich, und ich wollte sie eh von meiner Seite streichen. Aber diese Schwangerschaft änderte alles. Ich werde erfahren, ob es von mir ist. Und dann entscheiden. Das mit Beckhamm habe ich erledigt.

Es wird sich zeigen, was noch wird. Ich übe mich in Geduld. Vorstellen will ich es mir lieber nicht, zerlegt in alle widerwärtigen Einzelheiten, aber wenn ich Robert anstarre und meine Visionen habe, möchte ich meine Hände um seinen Hals legen und zudrücken. Oder ihn, – ich meine es ernst – , kratzen. Beißen. Ohne wirkliches Bedauern, einzig in dem Bewusstsein, dass ich es nicht ertragen könnte, wenn er nicht wirklich zu mir gehören würde. Mir graut sehr wohl vor mir selbst, ich weiß, dass man an sowas nicht denken darf, wenn man nicht komplett verrückt ist. Das bin ich freilich keineswegs.

Dunja ist ahnungslos. Fast schon bedauernswert in ihrer Ahnungslosigkeit, in diesem verblendeten Starrsinn, meine Züge, meine Lippen in Roberts Gesicht erkennen zu wollen. Er hat jetzt schon eindeutig zuviel von ihm. Seine Haut ist mir viel zu weiß, seine Augen sind auffällig klein, kreisrund und von einem Schwarz, das die Pupillen gänzlich verschluckt. Er bekommt schon Zähne. Gut, das dürfte vorkommen. Aber Dunja beunruhigt rein gar nichts. Sie greift entzückt nach seinen Fingern und küsst sie, registriert nicht, wie knöchern und kalt sie sind, zeigt sich auch nicht irritiert darüber, dass die Nägel grau sind. Meine sind ungefähr violett. Als Mutter wird sie bald nicht mehr gebraucht sein. Dann verschwindet sie.

Manchmal packt der Unsinn mich, dann trinke ich zu hastig und überlege mir, dass Roberts Geschichte eine ganz besonders skurille werden könnte. Derart originell, dass sie ihresgleichen suchen dürfte in all diesem Wahnsinn, der auch ohne mein Zutun existiert. Ich würde sie sozusagen als Vollendung meiner eigenen Geschichte erzählen, irgendwann mal, wenn Robert längst erwachsen und verschwunden wäre. Dorthin, wo er unbemerkt versuchen könnte, das zu sein, was er ist und immer war.

Ich war zwölf, als ich erkannt habe, was es gibt und grundsätzlich nicht geben sollte. Jetzt bin ich fünfunddreißig und frage mich, ob ich so etwas wie ein Auserwählter bin, der das alles durchmachen muss, weil irgendwer da oben oder da unten das so will. Um mich zu prüfen. Zu beobachten, ob ich das alles packe oder versage. Ich kämpfe gegen mein eigenes Monster, ein Wesen aus den undenkbarsten Abgründen dieses irrwitzigen Seins, und fühle mich momentan schlichtweg als Verlierer. Da ist Robert. Dein Sohn, behauptet Dunja trotzig und denkt in ihrer himmelhochschreienden Naivität, dass ich ihr glaube. Sie sieht es nicht.

Sie glotzt ihn so verklärt an, als sei dieser Junge, dem bereits schwarze Haare an den Hoden wachsen, – soweit ich informiert bin, ist das so früh nicht unbedingt üblich – , die Reinkarnation eines blondgelockten Engels. Ich aber habe diese böse Vermutung, dass mit Robert etwas nicht so simmt, wie es stimmen sollte.

Beckhamm habe ich umgebracht. Er war ein Halbghul. Nicht Fisch, nicht Fleisch, wie es im Volksmund heißt. Mein toter Freund Beckmann hielt seinen Penis zwischen den auf der Brust gefalteten Händen. Das habe ich so arrangiert, um es zu fotografieren, bevor ich ihn bearbeitet und auf der Halde entsorgt habe. Robert ist jetzt vier Monate alt. Es wird dauern. Ich bin auf alles vorbereitet. Sehr lange schon. Zweiundzwanzig Jahre ist es her.

Dieses Ding begegnete mir an einem völlig verregneten Abend Anfang März 1996 auf dem Steinböcker Friedhof. Das geschah einige Tage nach meinem zwölften Geburtstag und meinem ersten Samenerguss, und offen gestanden fühlte ich mich zu dieser Zeit relativ unbekümmert und war kein Stück bereit dazu, auf solch abartige Art mit einer Sache konfrontiert zu werden, die ich in meinem Kopf nicht haben wollte. Es ist immer noch eine extreme Sache, die man gern verdrängt, wie man Gedanken an schlimme Bilder einfach ausradiert. Gedanken an den eigenen Tod vielleicht. Daran, wie es passiert und was halt so geschieht, wenn man erstmal tot unter der Erde liegt. Ob man noch irgendwas träumt oder mitbekommt oder noch etwas sagen möchte. Oder brüllen. Oder einfach nur atmen will.

Zuerst glaubte ich, einen nackten alten Mann auf Pickmeiers Gruft sitzen zu sehen. Er hockte dort in Kauerstellung und schien nach etwas zu graben. Es war schon recht dunkel, und ich hätte längst zuhause sein müssen. Aber ich dachte nicht an meine Eltern oder an irgendwas grotesk Gruseliges, das mir unter die Augen kommen könnte, ich hatte meine eigene Wut. Hinter der Kapelle, wo wir nach dem Fußballtraining heimlich rauchten und auf die Mädchen aus der Sechsten warteten, die im Regelfall nicht auftauchten, war ich mit Gernot Stemmer aneinander geraten. Gernot stand im Tor, trank Büchsenbier und war ein richtiges Großmaul. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, vermutlich um Lena Meyerhoff, mit der ich vor ihm gegangen bin, und wahrscheinlich habe ich mir sein dummes Zeug über sie nicht mehr anhören können. Auf jeden Fall bin ich wütend abgehauen, lief eine Weile herum und ärgerte mich noch eine Spur mehr, weil mein Freunde mir nicht gefolgt waren. Thorsten und Kai hätten mit mir gehen müssen, befand ich, stattdessen klebten sie wohl weiter an Gernots Lippen, um vielleicht eine Büchse zum teilen abzustauben.

Ich landete schließlich auf dem alten Teil des Friedhofs, wo keine neuen Gräber mehr ausgehoben wurden. Gertrud Pickmeier war eine der seltenen Ausnahmen, die dort in den riesigen Familiengruften aus den vergangenen zwei Jahrhunderten noch beerdigt wurden. Das war zwei Tage her. Meine Mutter hatte darüber gesprochen, weil Gertrud Pickmeier ihre Grundschullehrerin gewesen war. „Jahrgang sechsundvierzig. Sowas aber auch“, meinte sie, „die kam mir damals schon wie eine Urgroßmutter vor. Dann war sie ja noch recht jung. Sechsundsiebzig. Das ist doch kein Alter.“ Und dann, zu meinem Vater: „Da werde ich wohl hingehen müssen. Die Pickmeiers liegen gleich hinter den Nonnen.“
Ich hatte mir das gemerkt, weil ich das mit den Nonnen recht witzig gefunden habe, ansonsten hatte meine Mutter meiner Ansicht nach Blödsinn erzählt. Sechsundsiebzig kein Alter. Für mich war das steinalt. Praktisch tot. Zudem fand ich das alles auch unwichtig. Ich kannte diese Frau ja gar nicht.

Und nun stand ich dort, ganz nah bei der Gruft, in der seit zwei Tagen Gertrud Pickmeier lag. Und auf der ein nackter Mann mit unglaublich weißer Haut saß, der mit seinen Händen Erde aufwarf und sie sich in den Mund steckte. So sah es für mich zumindest im ersten Moment aus. Wären Thorsten und Kai bei mir gewesen, hätten wir uns gegenseitig angestoßen und wahrscheinlich zuerst einmal einfach nur gelacht. Zwar gedämpft, denke ich, aber kichern hätten wir allemal müssen. Grundsätzlich war die merkwürdige Szene, die sich mir bot, natürlich nicht im geringsten komisch, aber das, glaube ich, wird einem Zwölfjährigen nur dann völlig ernsthaft bewusst, wenn er ganz allein mit ihr ist. Ich war allein. Mir war nicht nach Kichern. Mir war, als hätte ich meine Zunge verschluckt. Ich hätte gar nicht schreien können. Es wäre auch idiotisch gewesen, mit Panik auf mich aufmerksam zu machen. Zudem war Vollmond. Ein Blick von dem Mann in meine Richtung, und er hätte mich klar erkennen können. So, wie ich ihn. Das Bild wurde immer deutlicher. Immer hirnrissiger. Aber ich lief nicht weg. Ich ging hinter einem Busch am Wegrand in die Hocke und starrte weiter hin. Ich kann nicht mehr sagen, wie ich da gesessen habe, ob ich schlotterte oder schwitzte oder mir fast in die Hose pinkelte oder einfach nur beobachtete. Ich sah, was der Mann auf dem Grab tatsächlich tat. Er aß keine Erde. Er fraß Gerda Picksmeier.

Der aufgebrochene Sarg lag schräg auf der Seite vor dem Steinen mit den Inschriften, daneben häufte sich ausgehobene Erde. Rings um die Gruft lagen verstreut die zur Seite geworfenen Blumenkränze und Gestecke vom Tag der Beerdigung. Und neben dem geöffneten Sarg saß der Mann vor der toten Frau und schob sich immer wieder ein Stück von ihr in den Mund, das er zuvor mit seinen Händen aus ihr herausgezogen hatte. Ich war zu weit entfernt, um Genaues zu erkennen, ich hätte es auch nicht unbedingt deutlicher sehen wollen. Was sich da abspielte, kannte ich aus Comics und Filmen, von denen meine Mutter nicht wollte, dass ich sie kenne. Das da war nicht anders. Aber es war echt. Mir versagt die Erinnerung daran, was sich alles in meinem Innersten abgespielt hat an diesem Abend, aber ich denke, es war genau das, was dieses eine große, richtige, kompromisslose und rechtfertigte Gefühl ausmacht, mit der Schriftsteller Seiten füllen können, ohne es jemals selbst erlebt zu haben. Wahrscheinlich bin ich wohl auch davon überzeugt gewesen, solch eine Sache niemals heil überstehen, geschweige denn, jemals von ihr erzählen zu können. Der Mann würde mich erwischen, das schien mir klar zu sein. Mich bei lebendigem Leib zerreißen. Fressen wie Gerda Picksmeier. Und trotzdem blieb ich dort unter meinem Busch wie einzementiert hocken. Und starrte weiter. Und wartete. Auf was, hätte ich damals nicht sagen können. Aber es hatte mit mir zu tun.

Er grunzte und rüplste, während er fraß. Immer wieder stieß er diese dumpfen, grollenden Töne aus, und ich hörte ihn und dachte, mein Atmen sei noch lauter, da müsste er mich auch hören, und hielt die Luft an. Wegzulaufen fiel mir nicht ein. Ich sah mit vorgehaltener Hand vor dem Mund, wie er mit der Faust auf ihren Schädel hämmerte und einen grauen Klumpen herauszog, den er sich komplett in den Schlund schob. Er muss ihn augenblicklich hinuntergeschluckt haben, weil er sich sofort wieder über die Leiche beugte, an einen Arm zerrte, ihn einfach abbrach und seine Zähne in das Fleisch schlug. Dann grunzte er erneut, ließ den Knochen fallen und blickte sich um. Tatsächlich wirkte es auf mich so, als hätte er etwas gewittert. Mich vielleicht. Ich denke aber, das wohl eher nicht.

Er hatte mich nicht entdeckt. Vielleicht war er sich auch völlig sicher gewesen, dass niemand ihn beobachtet haben könnte. Er sprang auf, – er war sehr groß und schlank, mit langen Gliedmaßen und einem recht kleinen, ovalen, haarlosen Kopf – , reckte sich, bückte sich wieder und warf in Windeseile die Reste von Gerda Picksmeier in den Sarg. Er sprang auf, schob ihn mit beiden Händen zurück in das Erdloch, schaufelte ihn mit den Händen zu, stampfte mit den Füßen über den Mutterboden und legte die Kränze zurück.

Das ging alles so schnell und wirkte derart routiniert, dass es gut und gern ein kurzer grotesker Traum hätte sein können. Es war aber keiner. Da war dieser nackte weißhäutige Mann mit dichtem schwarzen Haarwuchs zwischen den Beinen. Ansonsten schien er komplett unbehaart zu sein, seine Haut schimmerte wie gewachst. Und er war stark, zudem ungeheuer schnell. Den Sarg hatte er so leicht bewegt und wieder in der Erde versenkt, als sei er aus Gummi und aufblasbar. Gleichsam kam es mir vor, als hätte er nur Sekunden, maximal zwei Minuten benötigt, um die Gruft wieder herzurichten.

Ebenso eilig zog er sich an. Auf dem Grabstein der Nachbarsgruft lagen Kleidungsstücke, ein dunkler Pullover, den er sich über den Kopf zog, eine dunkle Hose. Eine Schiebermütze, unter der seine Glatze verschwand. Zuletzt setzte er sich eine dunkle Brille auf. Sein Gesicht war vom Vollmond ausgeleuchtet, ich konnte zuvor einen Blick auf seine in Relation zum Kopf fast absurd winzigen, schwarzen Augen werfen. Sein Mund in diesem schneeweißen Gesicht war sehr breit und schmal, fast lippenlos, die Nase klein und spitz. Ansonsten sah er jetzt, in seiner Kleidung, beinahe normal aus. Keineswegs wie das Monster, das mit riesigen gelben Augen rollt und die spitzen Zähne fletscht.
Abrupt drehte er sich um und ging davon, zwar recht hastigen Schrittes, aber nicht so, als wäre es ihm sonderlich wichtig, sich möglichst rasch von der Gruft zu entfernen. Dort deutete nichts darauf hin, dass jemand sich daran zu schaffen gemacht hatte.

Ich blickte ihm nach. Und muss ihm dann direkt gefolgt sein.

Später habe ich in einem Buch über seine Art gelesen. Dieses Buch war auf eine für mich höchst faszinierende Art großzügig und dabei recht schaurig illustriert, da waren Bilder sonderlicher Kreaturen mit stark gewölbten, hängenden Bäuchen, langen Klauen mit messerscharfen Krallen, großen, raubtierhaften Zähnen, zottigen Fledermausohren und glühend roten Augen. Es waren Bilder von Ghulen, Nachtgeschöpfen, die aus der Erde kriechen, um Menschenfleisch zu fressen. Das kalte von Leichen und das noch lebendige, warme von denen, die sie töten.

Ein entsprechendes Bild von dem, der mir an diesem Abend begegnet war, habe ich nicht gefunden, aber ich stieß auf eine recht detaillierte Beschreibung: Es war zweifellos ein Ghul, freilich keiner der Ursprünglichen, die in abstoßender Gestalt unterirdisch hausen, sich an die Oberfläche graben und, nachdem sie gefressen haben, wieder in ihren Erdlöchern verschwinden.
Dieser Ghul war menschlich in Gestalt und Größe, er muss einer der Jungen gewesen sein, eine besondere Kreuzung mit ihren eigenen Merkmalen, die sich in all den vergangenen Jahrhunderten allmählich in verschiedene Richtungen entwickelt hatte. In dem Buch stand eine Bezeichnung für diesen Typus, der sich im Gegensatz zu seiner alten Sippe zumindest für eine gewisse Zeit im Hellen aufhalten kann, ohne zu verbrennen: ein ellenlanges kompliziertes Wort, das ich mir nicht gemerkt habe. Ich nenne ihn Halbghul, ein Beinahe-Mensch mit nur geringfügig anderen optischen Merkmalen und im Regelfall bemerkenswerten intellektuellen Fähigkeiten, der unerkannt unter uns ist, einer Arbeit nachgehen und eine Familie gründen kann. Der aber direkt nach seiner Geschlechtsreife den unwiderstehbaren Drang verspürt, zu tun, was seine Ur-genetischen Väter ausmacht: Sich von menschlichem Fleisch zu ernähren. Wird dieser Drang zu groß, muss er fressen. Eine Leiche ausgraben oder zuvor einen Menschen töten.
Alte Ghule nennen die jungen entartet. Beneidenswert einzig, weil sie die Sonne nicht scheuen müssen. Ansonsten prinzipiell ungeduldete Mutanten, die nur noch die Hälfte ihrer Kraft, ihrer Schnelligkeit und vor allem Einzigartigkeit besitzen. Und die unter den verhassten Menschen leben, angepasst und getarnt, im Regelfall unentdeckt und trotzdem genauso gierig und grausam wie sie.

Ich wusste bescheid. Klappte das Buch zu, ging ins Badezimmer und betrachtete mich prüfend im Spiegel. Meinen Eltern konnte ich nicht ähneln, ich war adoptiert. Wie die meisten von uns. Meine Augen sind klein, dunkel und wimpernlos aber nicht so kümmerlich winzig wie die meines Artgenossen auf dem Friedhof. Meine Zähne sind groß und kräftig, ich kann Knochen mit ihnen zerbeißen, aber auf die Idee, dass ich es könnte und auch mache, käme niemand mit gesundem Verstand. Meine Haut ist außergewöhnlich hell und lichtempfindlich, keineswegs leichenweiß, was mir schmeichelt, weil sie schön ist. Sie schimmert leicht rosig. Fast menschlich.

Ich sah mich lange an. Ich erinnerte mich wieder. An dem Abend auf dem Friedhof hatte ich diesen merkwürdigen Kerl verfolgt und ganz in der Nähe der Kapelle, wo wir Jungs uns manchmal trafen, von hinten angesprungen, zu Boden geworfen und getötet. Auf eine höchst kaltschnäuzige und konsequente Weise, die mir eindeutig zuwieder wäre, wenn ein anderer sie praktizieren würde. Ich
habe ihn zerrissen. Gefressen. Anschließend seine Reste zur Gruft gebracht und sie tief in die frische Erde auf Gerda Pickmeiers Grab gestopft. Die Kränze geordnet. War nach Hause gelaufen. Und hatte in der Nacht meinen zweiten Samenerguss.
So war es gewesen. Das heißt, diese eine Sache, die ich gern unerwähnt lassen würde, muss ich ergänzend noch hinzufügen. Ich lief nicht direkt nach Hause, sondern machte einen kleinen Umweg an der Kapelle vorbei. Großmaul Stemmer und Lena Meyerhoff lungerten dort immer noch verliebt herum. Mich packte die nackte Wut. Ich habe dann auch nur wenig von ihnen gefressen. Es war nicht der Hunger, der zumindest die besten, gleichwohl saftigsten und knackigsten Bisse von ihnen in mich hinein trieb. Eher wohl profane menschliche Eifersucht. Die beiden zerfetzten Leichen beschäftigten die Ermittler noch endlos lästige Monate lang. Fast hätten sie an einen Werwolf geglaubt. Lächerlich.

Ich fühle mich bei all diesem nicht wundersam. Eher eigenartig zufrieden. Es war beanstandungslos richtig so. Und es ist richtig gewesen, auch Beckhamm aus dem Weg zu räumen. Meinen treulosen Kameraden mit diesen lächerlich winzigen Augen und der totengleichen weißen Haut. Ich hätte mich nie mit ihm einlassen dürfen, hätte ihn sofort zerfleischen sollen, viel zu ähnlich war er diesem ersten Wichtigtuer damals auf dem Friedhof. Viel zu gierig, verschlagen, selbstherrlich  und zudem zu hässlich, um mich jetzt vielleicht auch noch mit seiner Brut herumärgern zu müssen.

Vampire töten ihresgleichen bekanntlich nicht. Tun sie es doch, werden sie grausam bestraft. Diesen Ehrenkodex haben Ghule nicht. Sie jagen, rauben, morden und fressen allein. Sie fressen auch andere Ghule. Sogar Freunde, diese seltenen Ebenbürtigen, wenn sie betrügen. Durchaus fressen sie auch Kinder.

Wenn sich herausstellt, dass Robert mein Sohn ist, fresse ich ihn nicht. Vielleicht fresse ich ihn so oder so nicht. Das wäre dann wohl das Gute an dieser seltsamen Geschichte.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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