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Der Groschenroman

In unseren Breitengraden hat die Phantastik eine weltweit einzigartige Szene hervorgebracht: den Groschenroman. Zugegeben ist die Bezeichnung Groschenroman nicht allein auf die Gruselheftchen anzuwenden, die in den 70er und 80er Jahren boomten, aber das ist bei den amerikanischen Pulps ja ebenfalls nicht der Fall.

Dämonenkiller. Gezeichnet von Karel Thole

Tatsache allerdings ist, dass die Subkultur des Groschenheftchens vorbei zu sein scheint, die ja über den Inhalt hinaus die Sammlerleidenschaft erforderte. Man konnte (und kann noch) auch jene Heftchen erwerben und abheften, deren Inhalt augenblicklich gar nicht interessierte, ähnlich wie man nach einer Briefmarke sucht, die man ja ebenfalls nicht auf einen Brief kleben will. Das Groschenheft ist ein Gesamtkunstwerk, für das hervorragende Künstler arbeiteten. Beim (herausragenden) Vampir-Horror-Roman war es zum Beispiel “Karel” Thole, bei Larry Brent RS Lonati, bei John Sinclair Vicente Ballestar, die dafür sorgten, dass die von bigotten Sittenwächtern so geschmähten “Schundhefte” Kultcharakter bekamen und mehr mit Kunst zu tun hatten als irgendein Erguss der selbstpropagierten Hochliteratur.

Wir sind noch heute weit davon entfernt, auf diese – wie gesagt – weltweit einzigartige Subkultur stolz zu sein, und das hängt natürlich sehr mit unserer Mentalität zusammen, über die ich an dieser Stelle jedoch keine großen Worte verlieren möchte. Noch immer schwebt das Damoklesschwert der Einteilung Hoch/Trivialliteratur über unseren Köpfen und hemmt unsere Einstellung zur Phantastik ganz allgemein. Zugegeben, es ist besser geworden, die Verlagslandschaft ist eigentlich nicht schlecht aufgestellt, das Fandom hat sich zu behaupten gewusst (und nicht einfach nur überlebt), aber das Heftchen, diese “Briefmarke” der Kenner, wird verschwinden, da sind sich wohl alle einig. Aber noch ist es eben nicht soweit. Vielleicht sollten wir endlich eine Lanze brechen und die Heftszene etwas genauer beleuchten. Wer sich dafür ernsthaft interessiert (und es sollten doch einige sein), der findet einen verdammt guten Einstieg bei groschenhefte.net.

Hingewiesen sei natürlich auch auf unseren eigenen Artikel.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

2 Kommentare zu Der Groschenroman

  1. Das oben gezeigte Dämonenkiller-Titelbild Nr. 84 ist nicht von Karel Thole, sondern von Salvador Faba (Quelle: DK-Exposé Nr. 84 – Hier der Link dahin: http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastisches/gedrucktes-mainmenu-147/22914-eine-legende-wird-vierzig-jahre-alt-die-daemonenkiller-chronik-58

  2. Stimmt natürlich. Das war so auch nicht geplant. Andererseits lasse ich das jetzt zusammen mit deiner Richtigstellung so stehen (hat ja dann eine gewisse Dynamik). Mag zwar blöd sein, aber andererseits stünde sonst dein Kommentar in der Luft.

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