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Der Greis und der Tod

1
Seit wir hergezogen sind, sitzt er da, Tag für Tag, etwas weiter unten vor der Bar an der Straßenecke. Wenn die Sonne aufgeht, sitzt er bereits da, mit gekreuzten Beinen, den Kopf auf die linke Hand gestützt, während die Rechte sich an den Stock klammert. Er bleibt, bis die Bar gegen Abend öffnet.

2
Als ich von den Nachbarn etwas über ihn in Erfahrung zu bringen suchte, sagte man mir nur seinen Namen – und dass seine Frau vor einigen Monaten gestorben war.
Vielleicht hält er es zu Hause nicht aus, wo ihn alles an die Abwesenheit seiner Frau erinnert.

3
Ich beobachtete ihn weiter. Wann immer ich an der Bar vorbeifuhr, sah ich ihn vor der Bar sitzen, mit gekreuzten Beinen, den Kopf auf die linke Hand gestützt, während die Rechte sich an den Stock klammerte. Er sah alt aus, müde und elend. Endlich beschloss ich, ihn anzusprechen und ihm Hilfe anzubieten. Irgendetwas, um sein Leiden zu lindern. Ich setzte mich neben ihn auf den Bürgersteig.

4
„Greis Jacobá“, sagte ich, „was tun Sie hier? Die Tage kommen und gehen, und Sie lassen sie einer nach dem andern verstreichen. Was, um Himmels willen, tun Sie hier?“

Ohne den Kopf zu heben, schaute er mich aus den Augenwinkeln heraus an und antwortete: „Ich warte auf den Tod.“

Es war die Antwort, die ich erwartet und befürchtet hatte. „Ihrer Frau wegen? Vermissen Sie sie?“

Der Greis kicherte: „Nein, Tote vermisse ich nicht. Menschen kommen und gehen.“

„Weshalb wollen Sie dann sterben?“

„Will ich nicht!“ antwortete er mit resoluter Stimme.

„Ich verstehe nicht. Weshalb warten Sie dann auf den Tod?“

„Ich muss den Tod davon überzeugen, dass es an der Zeit ist, in Pension zu gehen.“

„Aha“, machte ich.

5
„Du bist noch sehr jung“, sagte er. „Ich vergebe dir dein Unwissen. Lass mich dir meine Geschichte erzählen. Als ich ein kleiner Junge war, spielte ich genau hier mit einigen Freunden. Damals waren noch keine Häuser da, nur Bäume. Wir pflückten Früchte von den Ästen, als der Tod, ein stolzer und starker Mann, auf seinem Pferd daher geritten kam. Ein Mann von wohlerzogener und gewinnender Art, und ich verstand, weshalb die Frauen erröteten, wenn sie von ihm sprachen. Er zog die Zügel an, schaute uns ungeduldig an und, während er sein sehr nervöses Ross zu bändigen versuchte, fragte er uns nach dem Weg. ‚Wo finde ich das Haus der Dona Beneditina? I weiß, sie lebt hier irgendwo, also lügt mich nicht an.‘ Dona Beneditina war meine Großmutter, und ich wusste ja nicht, dass dieser Herr der Tod höchstpersönlich war. Ich zeigte mit dem Finger in die Richtung, in der er auf unser Haus stoßen würde. Später, als ich nach Hause kam, hörte ich schon von Weitem, wie meine Familie laut klagend den Tod der Großmutter beweinte. Da begriff ich, dass mir der Tod auf seinem Ross begegnet war. Ich blickte auf die Leiche meiner Großmutter und sah ein Lächeln um ihren Mund. Vor einigen Monaten, begegnete ich dem Tod wieder.“

6
„Meine Frau und ich waren bereits im Bett und hatten die Augen bereits zum Schlaf geschlossen, als er in unserem Schlafzimmer erschien. ‚Ich bin gekommen, um dich zu holen‘, sprach er zu mir, sein großes Buschmesser zum Schlag erhoben. Er sah nicht mehr schön und stark aus wie früher. Wie ich war er alt geworden. Das ist nun mal der Lauf des Lebens und des Todes, dachte ich und sagte: „Ich bin bereit.“ Ich sah, wie sein großes Messer herabgeschossen kam, um meiner Seele den tödlichen Stoß zu verpassen, doch da geschah das Undenkbare: Er verfehlte mich! Anstatt mir den Tod zu geben, nahm er meiner schönen Frau das Leben!“

7
Greis Jacobá schüttelte den Kopf. „Das Alter hat seine Augen geschwächt. Der Tod nimmt das Leben der falschen Menschen. Es ist an der Zeit, dass er in Pension geht und seinen Job einem seiner Söhne übergibt.“

„Ihnen geht es also gut?“ fragte ich. „Gibt es nichts, was ich für Sie tun kann?“

„Mir geht’s gut“, antwortete er. „Aber falls du zufällig dem Tod begegnest, sag‘ ihm, ich warte auf ihn.“

 

Bild: Markus A. Hediger

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