Die Geistergeschichten von Charles Dickens, der für seinen charismatischen Witz, seine Ironie und seine Satire berühmt ist, waren oft typisch für die viktorianische Ästhetik des Übernatürlichen – schaurig, aber charmant -, doch seine berühmteste kurze Geistergeschichte widersetzte sich den Konventionen, schockierte die Leser und verstört sie bis heute. Der Grund dafür mag in der persönlichen Komponente liegen: Dickens‘ „The Signal-Man“, zu deutsch: Der Bahnwärter, basiert auf der einflussreichsten Tragödie seines späteren Lebens, einer Tragödie, die ihn bis ins Grab belastete.
Am 9. Juni 1865 um 3:13 Uhr nachmittags war Charles Dickens mit seiner Geliebten Ellen Ternan und Ternans Mutter im Südosten Englands unterwegs, als der Zug von Folkestone nach London in der Nähe von Staplehurst aufgrund der Fahrlässigkeit eines Weichenstellers entgleiste. Das Zugunglück von Staplehurst kostete zehn Menschen das Leben und hinterließ vierzig Verletzte, von denen einige in Dickens‘ Armen starben. Der Autor war traumatisiert. Er verlor danach zwei Wochen lang seine Stimme und versuchte von da an, jeglichen Kontakt mit Zügen zu vermeiden.
Dickens starb auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Unglück von Staplehurst (9. Juni 1870) und erholte sich, wie sein Sohn erklärte, „nie ganz“ von dem Schock.
In dieser kathartischen Geistergeschichte, die ein Jahr nach der Katastrophe geschrieben wurde, geht es um einen verantwortungsbewussten Stellwerker, der auf emotional erschöpfende Weise von Dickens‘ eigenem Phantom heimgesucht wird: der Hilflosigkeit, trotz aller Bemühungen kein Leben retten zu können. Die Angst des titelgebenden Eisenbahners spiegelt die von Dickens auf unheimliche Weise wider.
Die Geschichte beginnt mit einer düsteren, höllischen Landschaft, die an Dante erinnert. An einem Eisenbahneinschnitt – flankiert von zwei hoch aufragenden Wänden aus grimmigem Stein – überwacht der Bahnwärter, der eine Reihe von optischen und telegrafischen Signalen zu bedienen hat, um entgegenkommende Züge vor den schwierigen Bedingungen des Streckenabschnitts zu warnen, einen großen, abgrundtiefen Tunnel, der nur von einer roten Eisenbahnlaterne beleuchtet wird. Braxton, der Erzähler, begegnet dem Mann, indem er „Hallo! Sie da unten!“ ruft, während er von oben auf das Stellwerk hinunterblickt. Der Bahnwärter reagiert zunächst nicht auf das Rufen und blickt wie gebannt in den Eisenbahntunnel. Braxton ruft noch einmal und bittet um die Erlaubnis, nach unten kommen zu dürfen. Der Bahnwärter fürchtet sich vor ihm und glaubt, den Erzähler schon einmal gesehen zu haben, aber Braxton gelingt es, den nervösen Mann zu beruhigen. Sie sprechen über die monotone Arbeit im Stellwerk und als der Erzähler aufbricht, um am nächsten Tag wiederzukommen, muss er dem Bahnwärter versprechen, nicht nach unten zu rufen. Am nächsten Tag erzählt er Braxton, was ihn umtreibt.
Bei zwei Gelegenheiten hat er eine Gestalt am Eingang des schwarzen Tunnels gesehen. Auf jede Erscheinung folgte eine Tragödie: Der ersten Erscheinung folgte ein Zugunglück in den dunklen Eingeweiden des Tunnels (ein Portmanteau aus Dickens Erfahrung und dem Clayton-Tunnel-Unglück von 1861, das 199 Todesopfer forderte), und auf die zweite Erscheinung folgte der Tod einer schönen jungen Frau in einem durchfahrenden Zug. Beim ersten Mal bedeckte die Gestalt ihr Gesicht mit dem linken Arm und rief „Hallo! Sie da unten!“ Widerwillig gibt der Mann zu, das Gespenst in den letzten Wochen mehrmals gesehen zu haben und von läutenden Alarmglocken heimgesucht zu werden, obwohl sie doch offensichtlich stillstehen.
Der Mann ist frustriert und erschöpft. Er ist sich sicher, dass die Vision vor einer dritten Tragödie warnt, die er unbedingt verhindern will, aber er ist nicht in der Lage zu erraten, worum es sich handeln könnte. Als unbedeutender Bahnangestellter hat er weder die Fähigkeit noch die Befugnis oder die Mittel, die Katastrophe zu verhindern, von der er nicht einmal weiß, wie sie aussehen könnte.
Braxton, der nicht an das Übernatürliche glaubt, ist skeptisch und ermutigt den Bahnwärter, stark zu sein. Er verspricht, auch am nächsten Tag wiederzukommen. Als er den Spalt hinunterklettert, sieht er eine mysteriöse Gestalt am Tunneleingang stehen, die eine seltsame Handbewegung macht. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Geist, sondern um einen Mann aus einer Gruppe erschütterter Bahnangestellter. Neben ihnen liegt die mit einem Laken bedeckte Leiche des Bahnwärters, der von einem entgegenkommenden Zug erfasst wurde. Als Braxton den Mann am Tunnelausgang befragt, erfährt er, dass es sich um den Lokführer handelt. Der Mann erklärt nervös, dass er den Stellwerker – der nach Meinung aller Eisenbahner ein gewissenhafter Angestellter war – wie in Trance am Tunneleingang stehen sah, den Blick fest auf irgendetwas gerichtet. Verzweifelt rief er ihm zu: „Hallo! Da unten! Achtung! Um Gottes Willen, aus dem Weg!“ Gleichzeitig winkte er mit den Armen und bedeckte dann sein Gesicht, um nicht mitansehen zu müssen, wie der Zug den Bahnwärter erfasste.
Hilflosigkeit ist die Aura, die über der höllenähnlichen Tätigkeit des Stellwerkers schwebt.
Dickens‘ Stellwerker ist nicht in der Lage, eine Tragödie zu verhindern – einschließlich seines eigenen sinnlosen Todes – und der Erzähler ist nicht in der Lage, seinem neu gewonnenen Freund am Fuße des fegefeuerartigen Abgrunds der Eisenbahn zu helfen. Der Tod des Bahnwärters ist einzigartig unter Dickens‘ oft sentimentalen, satirischen oder moralistischen Geistergeschichten. In seinem oft anthologisierten „To Be Taken With a Grain of Salt“ (auf deutsch „Der Mordprozess“) erscheint ein Geist einem Mann, der später als Geschworener für den Prozess gegen den Mörder des jetzigen Geistes ausgewählt wird. Nach dem Eisenbahnunglück von Staplehurst vollzog sich bei Dickens ein Wandel, der vielleicht am besten in seinem düsteren, unvollendeten Mord- und Intrigenroman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ zum Ausdruck kommt. Der Tod des Bahnwärters hat nichts Moralisches an sich; er ist in seiner sinnlosen Aufopferung fast kafkaesk. Von dem Geist erfährt man nichts – er wird nicht einmal enthüllt.
Dickens pessimistische Episode vermittelt ein Gefühl von ungeschützter Verletzlichkeit und kosmischer Entfremdung, ohne die Moralismen von Eine Weihnachtsgeschichte. Während diese Klassiker ihre Berechtigung und ihren Platz in Anthologien verdienen, unterscheidet sich „Der Bahnwärter“ von Dickens anderen Geistergeschichten auf eine Weise, die sich mit den radikalen Erneuerern des Horrorgenres messen kann. Wer war der Geist? Wollte er überhaupt helfen? Wir erfahren es nicht. Es spielt auch keine Rolle. Der Bahnwärter ist tot, und das Geheimnis stirbt mit ihm.
Dickens schrieb:
„Ich habe plötzliche vage Schreckensgefühle, selbst wenn ich in einer Droschke fahre, die völlig unvernünftig, aber unüberwindbar sind.“
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