Holden Caulfield (Der Fänger im Roggen)

Wie Holden Caulfield die Welt sieht, so will er sie auch sehen. Eine Welt, die man absolut unpassend finden sollte. Grundsätzlich schon ziemlich hassen müsste. Scheint, als habe er sich fest vorgenommen, alles nervtötend und verkehrt zu finden. Scheint, als wäre das auch berechtigt. Uns würde er höchstwahrscheinlich auch hassen. Zumindest frustriert betrachten und den Kopf schütteln. Könnte gleichfalls sein, wir wären ihm egal. Sollte uns das kränken? Wo wir ihn doch vergöttern, diesen kleinen Mistkerl, der lächerliche drei Tage verreiste und glatt eine Weltreise daraus machte. Einmal um den Globus. Ein Jahrhundert-Trip. Ein Weg, gepflastert mit Skepsis, Erwartung, Ratlosigkeit. Mit Wollen, Meinen, Fluchen, Sinnieren, Suchen. Fündig werden?

„Ich glaube, irgendwann musst du herausfinden müssen, wo du hin willst. Und dann musst du auch da hingehen. Aber sofort. Du kannst es dir nicht leisten, auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du nicht.“

Dieser selige Fluch

„Der Fänger im Roggen“, im Original: The Catcher in the Rye, hat uns mitgenommen, und wir hängen immer noch in der Zeitschleife. Das Buch ist wie eine wohlwollend verdammte Bibel. Ein seliger Fluch. Den wird man nicht los, einmal gebrandmarkt.

Ich habe eine uralte, zerfledderte Ausgabe, noch eine verkritzelte auf englisch, eine hübsch rote aus Spanien und eine, die richtig schön neu ist und die ich irgendwie kaufen musste. Als Geschenk für irgendwen. Egal für wen. Sie stand da so ungelesen herum irgendwo in imaginär erleuchteter Ecke im Buchladen und wollte mitgenommen werden. Ich hab’ sie dann behalten. Eigentlich klar. Jetzt besitze ich vier.

Das ist für manche sogar noch wenig. Es gibt Leute, die tapezieren sich die Wand im Arbeitszimmer mit den unterschiedlichen Titelblättern vom „Fänger im Roggen“ aus aller Herren Länder. Oder würden das zumindest in Erwägung ziehen, wenn es nicht so verrückt wäre. Die sind natürlich etwas verwirrt, fluchen und beten zu oft und hätten gern diese gewisse Inspiration, die ihnen nun mal nicht und niemals zugedacht ist. Auch so was hinkriegen zu können wie Salinger, – ein kleines Buch, ein großer Schriftsteller, eine phantastische Legende – , ist ziemlich und sehrsehr unwahrscheinlich.

„Was mich wirklich umhaut, sind Bücher, bei denen man sich nach dem Lesen wünscht, mit dem Autor, der sie geschrieben hat, irrsinnig gut befreundet zu sein, und dass
man ihn anrufen könnte, wann immer man Lust dazu hat. Das passiert aber nicht oft.“

Jedermann und doch nicht

J. D. Salinger

Jerome David Salinger selbst (kurz: J. D., 1919 – 2010), dessen junger Protagonist Holden Caulfield erstmals 1946 in der Kurzgeschichte „Slight Rebellion OFF Madison“ auftaucht, bevor er fünf Jahre später zum Ich-Erzähler im „Fänger im Roggen“ wird, hat wohl kaum mit derart immensem, bis heute anhaltendem Publikumserfolg gerechnet. Seine Geschichte über die Gedankenwelt eines prinzipiell (noch) unbedeutenden Pubertierenden, der Jedermann und eben doch nicht jeder sein könnte, total identifizierbar und gleichwohl absolut individuell, gehört zu den bekanntesten US-amerikanischen Büchern des 20. Jahrhunderts.

Anfangs umstritten, als respektlos, unmoralisch und vulgär, mehr noch, literarisch nicht wirklich wertvoll gehandelt, – man ging hart ins Gericht mit der für damalige Verhältnisse sehr unkonventionellen „Frei-nach-Schnauze“-Sprache – , wich die noch ungnädige Kritik alsbald der Bewunderung für das Besondere.

In leichten Worten zu definieren, was so speziell, so einmalig an der Begegnung mit Holden Caulfield ist, würde der Sache nicht gerecht. Man hat ihn sich als möglichen Freund vorstellen können, damals, selbst noch jung, als man ihn erstmalig gelesen hat. Aber als echten Freund hätte man ihn gar nicht gewollt. Zu konfus. Zu anstrengend. Auch belastend. Er trug ja diesen Spiegel für uns bei sich. Und zuckte mit unserer Schultern. Das konnte er. Das durfte er. Als Freund. Eben doch.

„Ich kann nicht erklären, was ich meine. Und selbst wenn ich es könnte, bin ich mir nicht sicher, ob mir danach wäre.“

Salinger erschuf Holden in einer Zeit, die vor unserer lag. Seine Auseinandersetzung mit der Pubertät als keineswegs selbstverständliche, allgemein gültige Übergangsphase, sondern als Kampf gegen die Geister und Schatten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gilt als einmalig in gegebener Form. So oft kopiert, nie erreicht. Und noch viel öfter als authentisch befunden, gleichgültig, in welcher Moderne. Zu welcher Musik. Für die heutige Jugend scheinen Lichtjahre seit der Entstehung vergangen zu sein, so vieles hat sich geändert…und doch. Und trotzdem. Es gibt sie noch. Diejenigen, die ihren „Fänger im Roggen“ aufbewahren werden, bis sie grau und auch etwas weise geworden sind.

„Machst du dir über deine Zukunft denn gar keine Gedanken, mein Junge?“ – „Ach, ich mache mir schon Gedanken über meine Zukunft. Sicher. Doch, ja.“ Ich dachte eine Weile darüber nach. „Aber nicht viele, glaube ich. Nicht sehr viele, glaube ich.“ – „Das kommt noch“, sagte der gute Spencer. „Das kommt noch. Aber dann ist es zu spät.“
So etwas hörte ich nicht gern von ihm. Das klang, als wäre ich tot oder so was. Es war sehr deprimierend.“

Wir haben ihn in den 1970ern, in den -80ern und -90ern entdeckt. Seziert. Für echt befunden. Wir haben diese Unzufriedenheit, die Quengelei über das Leben, den Trotz, das Revoluzzertum, die eigentliche Frage nach Sinn und Zweck, Lüge, Scheinheiligkeit und Wahrheit auf dem Papier und in unserem Kopf gehabt.

Sinn und Lüge

Da waren die eigenen Schwächen und Unruhen, dieses Ausprobieren-müssen, dieses Sammeln von Erfahrungen, und da war dieser von der Schule geworfene Junge, dem alles am Hintern vorbei geht und der seine Einstellung klar macht, weil es eh ohne ein „Piss die Wand an“ nicht geht:

„Irgendwie ist das aussichtslos. Selbst wenn man Millionen Jahre dafür hätte, könnte man nicht mal die Hälfte aller „Fuck You’s“ auf dieser Welt wegwischen. Es ist unmöglich.“

So ohne Perspektive steht das alles aber nun nicht. Holden als “Fänger im Roggen” wird nicht in die Leere fallen, in den Abgrund stürzen, wenn die Realität ihn fängt, hält und vorbereitet, indem sie seine Kindheit begräbt. Der Weg bis dahin ist nicht mehr lang. Er ist qualvoll und macht zornig. Holden wird ihn auch für alle anderen gehen. Für seinen toten Bruder, dessen rote Kappe er trägt. Für uns. Wütend darüber, dass er existiert. Aber gleichwohl bereit, ihn zu akzeptieren. Weil es so ist.

Als „Der Fänger im Roggen“ erschien, lief im Kino „Endstation Sehnsucht“ mit dem jungen Marlon Brando. Ein Kerl, der sich nichts sagen lässt und ratlos bleibt. Vier Jahre später rebellierte ein Halbstarker und wurde für seine Aufmüpfigkeit geliebt. James Dean zeigte in „Jenseits von Eden“ und „…denn sie wissen nicht, was sie tun“, wie es aussieht, abläuft, gar nicht oder ungewünscht und doch eben einfach weiter gehen kann. Obwohl es tief drinnen tobt. Und schmerzt.

„Ich würde keinem „Viel Glück!“ hinterher schreien. Es klingt furchtbar, wenn man es sich recht überlegt.“

Holden Caulfield setzt sich aus den Nachnamen der Schauspieler William Holden und Joan Caulfield zusammen. Salinger mochte wohl die Kombination. Möglicherweise auch Holden und Caulfield selbst. Zumindest im Film. William Holden dürfte ihm als toter Erzähler in Boulevard der Dämmerung gefallen haben, Joan Caulfield, schön, charmant und längst vergessen, als Revuegirl in Blau ist der Himmel von 1946, der John Irvings Puttin’ on the Ritz, Blue Sky und White Christmas weltweit Gehör verschaffte.

Das mag jetzt nicht die relevanteste Information über eine der berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts sein, für den Schriftsteller selbst wäre sie vielleicht als persönliche Randnotiz nennenswert. Vermutlich aber auch nicht. Salinger war ein Eigenbrötler, der wenig von sich preisgab. Bei unerwünschten Fragen auch schon mal recht gereizt reagieren konnte. Warum er überhaupt irgendwann gesagt haben soll, dass der Name seines Ich-Erzählers im „Fänger im Roggen“ eine private cineastische Laune war, ist sowieso nicht bekannt.

Dass es aber so war, wusste mein damaliger Englisch-LK-Lehrer Desmond S. sehr genau. Er wusste so einiges über Salinger. Dass er buddhistische Nähe pflegte, aber „trotzdem“ bissige Hunde auf lästige Paparazzi gehetzt haben soll. Dass Oona O’Neill, die spätere Frau von Charlie Chaplin, die große Liebe seines Lebens war, über deren Ehe er unanständig abfällig sprach. Und dass die Jahre 1948 bis 1959 von Kritikern im höchsten Maß auszeichnend die „Salinger Ära“ genannt wurden, obgleich der bis auf einige (gute!) Kurzgeschichten einzig dieses eine Buch geschrieben hatte, das zudem nie verfilmt wurde und dadurch eine noch höhere Popularität hätte erzielen können. Der „Fänger im Roggen“ blieb und bleibt ein beispielloses Intermezzo ohne Fortsetzung.

„Manche Sachen, die sollten bleiben wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten
stecken können und sie einfach so lassen.“

Dieses Buch mit diesem einen absolut unkopierbaren Protagonisten, dessen Name, – Holden Caulfield – , für eine Unschuld steht, die die Last des leidigen Seins und lustvollen Nichtseins auf dem Buckel mit sich herum schleppt, trug der Mörder von John Lennon am 8. Dezember 1980 in der Hosentasche bei sich. David Chapman, ein fanatischer Fan des weltberühmten Musikers, der Lennon vor dem Dakota Building in New York City erschoss, hatte zuvor in das Buch die Worte „Mein Geständnis“ geschrieben. Und offenbar alles falsch verstanden.

„Die Leute klatschen immer bloß bei den falschen Sachen.“

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