Der Exorzist (William Peter Blatty)

exorzistJeder kennt den Film, für den Blatty seinen berühmten Roman in ein Drehbuch umwandelte, so dass beides – literarische Vorlage und Screenplay – nicht mehr eindeutig voneinander zu trennen ist, vor allem, weil in diesem Fall der Film genauso gut ist wie das Buch. Eine absolute Seltenheit. Hier wird sie Manifest. Die Story ist im Grunde einfach: Die Schauspielerin Chris MacNeil lebt in Washington D.C. (wo sie gerade an einem Film arbeitet), nahe bei der Georgetown University. Einige Geheimnisse umgeben die nicht diagnostizierte Krankheit ihrer Tochter Regan. Deren Zustand verschlimmert sich zusehends und ihre Manifestationen werden immer bizarrer. Die Anzeichen deuten auf eine gespaltene Persönlichkeit hin, und eine davon scheint nicht ganz menschlich zu sein.

Wie bei jeder großen Horrorstory sind es nicht die physischen Schrecken, die imposant sind, sondern die Psychologie, die diesen Vorgang begleitet. Das eigentliche Thema, das um Regan McNeils Besessenheit kreist, ist das des Glaubens. Die Handlung wird getragen von Pater Damien Karras, Jesuit und ausgebildeter Psychologe, der an der Georgetown University lehrt. Blatty beleuchtet Karras‘ Hintergrundgeschichte langsam wie eine köstliche Vorspeise vor dem Hauptgang. Pater Karras sucht die Wahrheit hinter Regans Zustand – offensichtlich deutet alles auf eine dämonische Besessenheit hin – doch Karras‘ Glaube, der in seiner Jugend noch unerschütterlich war, hat einige Kratzer durch die düstere Realität des Lebens abbekommen. Er fühlt die Wirklichkeit von Regans Besessenheit, aber er kann seiner weltlichen Ausbildung und Erfahrung nicht entkommen. Blatty arbeitet diesen Zweifel meisterlich heraus und garniert ihn mit durchdachten psychologischen Ansichten.

Der Exorzist ist voller turbolenter Vorahnungen. Die Elemente des Horrors sind subtil und die Beschreibungen der Atmosphäre prägnant. Auch wer den Film gesehen hat, sollte zum Buch greifen, denn auch hier gilt: Literatur kann Dinge, die ein Film niemals zu Wege bringt. Im Grunde sind beides Meilensteine ihres jeweiligen Genres.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.