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Der dunkle Turm – 1 – The Gunslinger

Aufgrund der Beliebtheit unter Lesern und seines unglaublichen Erfolges, wurde er wahrscheinlich mehr kritisiert als jeder andere Autor. Meist war er heftigen Attacken von jenen ausgesetzt, die noch nicht mal eines seiner Bücher gelesen hatten. Mittlerweile ist es jedoch so, dass man King als absoluten Meister des Geschichtenerzählens anerkennt, und was die Figurenzeichnung betrifft, gibt es ohnehin niemanden, der ihm auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. Auch das obligatorische Horror-Etikett trägt er nicht mehr länger. In den Vereinigten Staaten gilt er als der größte Chronist des amerikanischen Alltags seiner Zeit. Etwas dümmliche Zeitgenossen werden natürlich trotzdem nicht müde, in seinen großen Werken „Füller“ und „Aufblähungen“ erkennen zu wollen, wobei sie übersehen, dass King nicht nur richtig fette Wälzer schreiben kann, sondern auch ein ausgewiesener Meister der Kurzgeschichte ist. In The Dark Tower zeigt King seine Meisterschaft in beiden Bereichen. The Gunslinger ist ein relativ kurzes Buch mit etwa 200 Seiten, absolut perfekt für all jene, die sich fragen, ob die Serie etwas für sie sein könnte. Man kann es leicht an einem Tag lesen und man wird nicht mit einem Überfluss an Weltbildung und Charakterisierung überschwemmt, wie es zu Beginn vieler epischen Fantasy-Reihen so üblich ist. Diese lebenswichtigen Zutaten kommen natürlich noch, aber sie entblättern sich allmählich und gehen nicht auf Kosten der Lesedynamik.

Es gibt nur wenige Bücher, die einen so schnell und vollständig hineinziehen wie The Gunslinger (ich lasse hier die für den Heyne-Verlag typische Idioten-Übersetzung „Schwarz“ weg), und das vom ersten Satz an.

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.
In vielen Diskussionen über die beste Eröffnungssequenz der phantastischen Literatur nimmt dieser Satz – wenn nicht den ersten – einen oberen Platz ein, und das liegt vor allem daran, weil er in einer einzigen Zeile das zusammenfasst, worum es in Kings opus magnum geht. Sie bringt die Besessenheit des Revolvermanns auf den Punkt und hebt seine zielstrebige Entschlossenheit hervor.

An dieser Stelle fragt man sich: “Wer ist der Revolvermann?” und “Wer ist der Mann in Schwarz?” Es sind diese Fragen, zu denen sich bald unzählige andere gesellen, sie bilden die treibende Kraft der Serie. King enthüllt in seinem ganz eigenen, unnachahmlichen Stil langsam und behutsam die verschiedenen Welten und die darin verwickelten Figuren, während er den Leser auf eine Reise mitnimmt, die nur wenige je vergessen werden.

Roland von Gilead ist ein rätselhafter Held und er ist der letzte Revolvermann, eine eindringliche Gestalt, ein Einzelgänger auf einer Reise durch Gut und Böse, unterwegs in einer trostlosen Welt, die unsere eigene widerspiegelt. Auf seinem Weg in Richtung des mächtigen und mysteriösen dunklen Turms begegnet er zunächst der verlockenden Alice, beginnt eine Freundschaft mit Jake, einem liebenswürdigen und doch weltmüden Jungen aus New York, und steht vor einer qualvollen Wahl zwischen Erlösung und Verdammnis, während er den Mann in Schwarz verfolgt. Der dunkle Turm bietet einige der besten Charaktere der ganzen Fantasy, wobei die Verbindung zwischen dem Revolvermann und Jake für alles, was folgt, ausschlaggebend ist. Von den Anfängen in der Wüste durch Ereignisse und Rückblenden geführt, besuchen wir (in einer makaberen Sequenz) die zum Untergang verurteilte Stadt Tull, kommen nach Gilead (wo Roland seine Volljährigkeit erlangt und eine spektakuläre Mannbarkeitsprüfung besteht), sehen das New York aus Jakes Zeit und reisen schließlich durch die Berge, bis wir dort angelangen, wo Roland vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens steht.

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich hier von einem einzigartigen Leseerlebnis spreche, das einen großen und komplexen Hauptprotagonisten in einer reichen und großartigen Welt einführt, die sich im Laufe der Serie um mindestens das Tausendfache vergrößern wird. Wie bei allen großen Werken unserer Zeitalters gilt: Wer es nicht kennt, der hat etwas Wesentliches verpasst.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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