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Der dunkle Fleck

Der Auftritt war spektakulär. Einmalig und Aufsehen erregend. Quasi aus dem Nichts platzte der Fremde in die Ratsrunde. Unruhe breitete sich unter den Anwesenden fort, manche ängstlich, andere überrascht. Mit einer Ausnahme. Wütend schaute der Kanzler nach der Hofmagierin. Eigentlich durfte es solch ein Ereignis nicht geben. Gerade dafür hatte der König doch die beste Magierin im Lande eingestellt. Doch lag diese wimmernd am Boden, sie würde keine Hilfe sein. Und dass sie Hilfe brauchen würden, stand außer Zweifel. Dieser fremde Zauberer verströmte den Odem des Bösen. Der Kanzler zügelte seine Emotionen. Er musste Ruhe bewahren und versuchen, die Absicht des Eindringlings zu erfahren.
Der König kam ihm zuvor.
“Fremder, welches ist Euer Begehr? Kommt in Frieden oder bleibt fort. Ansonsten werdet Ihr die ganze Härte meiner Herrschaft spüren.”
So selbstbewusst die Worte auch klangen, so wenig war das Zittern in der Stimme des Herrschers zu überhören. Dies war kein Scharlatan, den man mit einer einfachen Geste und etwas harten Worten in die Schranken weisen konnte.
Ein meckerndes Lachen erklang. Die Gestalt in dem roten Kapuzenmantel hob die Arme und sprach ein unverständliches Wort. Mit wirbelnden Armbewegungen und murmelnden Lauten erhob sich die Hofmagierin, lief taumelnd zwischen den Ratsmitgliedern hindurch, als wäre sie von Sinnen, gejagt von den Kreaturen der Nacht. Ein grell leuchtender Blitz stoppte ihren Lauf. Dann war sie spurlos verschwunden. An ihrer Stelle erschien ein kleines Drachenjunge.
Erschrocken schrieen die Ratsmitglieder auf, je nach Temperament mit unterschiedlicher Lautstärke. Der König erbleichte. Der Kriegsminister, allseits bekannt für seinen aufbrausenden Charakter, stürzte sich ohne Nachzudenken auf den Eindringling. Und bekam umgehend die Konsequenzen zu spüren. An seiner Stelle hoppelte ein Kaninchen orientierungslos durch die Gegend.
Panik brach aus. Die Ratsmitglieder sprachen wahllos durcheinander. Des Königs Würde fiel von ihm ab. Nur der Kanzler blieb ruhig. Er hatte sein Geschäft von der Pike auf gelernt, so schnell erschütterte ihn nichts.
“Was willst du, Eindringling? Lass uns nicht wie unwissende Lehrburschen sterben, sondern eröffne uns dein Begehr.” Die Kapuze ruckte in seine Richtung.
“Sterben? Oh, ihr Unwissenden. Wer redet vom Sterben. Ich bin euch nicht feindlich gesonnen, ganz im Gegenteil. Wie mir zu Ohren gekommen ist, sucht ihr einen Hofmagier, und seht da, ihr seid fündig geworden. Es wird euch keine müde Goldmünze kosten, nur ein Mehr an Ruhm und Ehre einbringen. Werter König, seid Ihr einverstanden?”
Ratlosigkeit machte sich im Gesicht des Königs breit. Der Kanzler übernahm die Initiative. Wie immer. Schließlich führte in Wirklichkeit er die Staatsgeschäfte, der Blaublütige wahrte nur den äußeren Anschein.
“Welche Bedingungen stellt Ihr? Und erzählt nicht, Ihr wäret völlig selbstlos. Dem würde ich keinen Glauben schenken.”
“Ein Blutopfer für jeden vollen Mond, dies ist mein einzig Begehr. Und euer Lohn wird kein Geringer sein. Mit meinem Vorgänger soll der Bund besiegelt werden.”
Der Kanzler wog nur kurz ab, doch das Streben nach Macht und Reichtum war zu stark in ihm. Er schob die düsteren Vorahnungen zur Seite, die ihm ob der Forderungen kamen. Egal, was die Zukunft bringen würde, er würde Kanzler bleiben. So war seine Entscheidung klar.
“Ich bin einverstanden, doch erst, wenn mein Kriegsminister in seiner alten Gestalt zurück ist. Ich halte absolut nichts vom unnötigen Verschwenden wertvoller Mittel.”
“So soll es sein.”
In zerrissener Kleidung erschien der Kriegsminister, den Rücken wie von Peitschenhieben entstellt. Doch die Erleichterung über die Rückkehr überwog den Schmerz. Demütig warf er sich zu Boden. Er hatte seine Lektion gelernt.
Ein Pentagramm erschien unter der ehemaligen Hofmagierin. Das Drachenjunge versuchte zu fliehen, doch unsichtbare Wände hielten es im Bannkreis des Bösen gefangen. Nebel wallte auf, schwarzer, nach Schwefel und Phosphor riechender. Und verschwand schlagartig. Zurück blieben nur ein paar Blutflecken. Die alte Magierin war nur noch Geschichte, der Bund mit dem Bösen besiegelt. Dann war der Eindringling verschwunden. Aber der Kanzler war sich sicher, nicht für lange. Er sprach kurz ein paar gemurmelte Entschuldigungen, dann verschwand er durch die Hintertür. Es gab viel zu tun.

Mittlerweile war der fremde Eindringling fast den dritten Mond in seiner Position als Hofmagier und erfüllte seine Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit aller. Der Hof blieb von jeglicher magischen Attacke verschont.
Wäre da nur nicht der Pakt, der die Opferungen vorsah. Zwei Opfer waren dem Eindringling namens Gant bisher gebracht worden, das dritte stand kurz bevor. Aber der Kanzler hatte die erste Spur aufgebracht, um dem Unwesen des Eindringlings ein Ende zu bereiten. Jetzt befand er sich in einem abgelegenen Gehöft des Königreiches und sprach mit einem Bauern in der Hoffnung, eine Lösung für das Problem Gant zu finden.
„Wie ich gehört habe kennen sie diesen Gant?“
„Ja, Herr Kanzler. Gant ist ein alter, sagenumwobener Dämon. Einst soll er dem Geschlecht unseres Königs entsprungen sein. Eine unheilvolle Frucht aus einer unheilvollen Verbindung. Doch mehr weiß niemand, keiner kennt seine genaue Herkunft, geschweige denn, wie er entstanden ist. Einzig von seinem letzten Wirken in unserem Reich wird berichtet.“
Der alte Bauer sah den Kanzler erwartungsvoll an.
„Sprich weiter!“
„Vor vielen Generationen hatte König Georg, der Ahnherr des heutigen Herrschers, eine schwere Krankheit, die ihn mit dem Tode ringen ließ. König Georg rief darauf den Heiler, aber auch der wusste keinen Rat. Ihm kam nur eine Idee, als er die schwarzen Flecken in König Georgs Fleisch sah. Der Heiler hatte gehört, dass manche Dämonen das Fleisch des Besessenen schwarz werden lassen und fragte, ob der König vielleicht besessen sei, was dieser natürlich nachdrücklich bestritt.
Aber allen Zweifeln zum Trotz rief er einen Inquisitor herbei, um alle Möglichkeiten auszuprobieren. In einer Vollmondnacht beschwor der Inquisitor die übernatürlichen Kräfte und tatsächlich: Ein Dämon erschien und versprach, den König am Leben zu lassen, sollte er ihm jeden vollen Mond ein Opfer bringen.“
Der Kanzler nickte grimmig. Das entsprach genau dem Charakter Gants, wenn er auch dieses Mal ein ganz anderes, unkonventionelles Vorgehen gewählt hatte.
Der Kanzler erbebte in Vorfreude ob der nahe liegenden Lösung und hielt den Bauer an, weiter zu erzählen, damit er endlich die Möglichkeit finden konnte, diesen Blutegel namens Gant loszuwerden.
„Nun, Herr Kanzler, so einfach ist die Sache nicht. Natürlich wurde König Georg Gant los, aber es half weder ein Magier noch ein unerschrockener Prinz, erst Recht nicht der Inquisitor, der die Beschwörung nur wenige Minuten überlebte, bevor er in Gants Reich einging.
Nein, es war der Zufall, eigentlich ein Unfall. Gant nahm siebenundzwanzig Monde lang seinen Lohn, doch dann passierte es. Wie ihr wisst, nimmt Gant nur weibliche Opfer. Eines Tages nahm er sein Opfer und es stellte sich heraus, es war ein Mann, der Gemahl der Frau, die eigentlich geopfert werden sollte. Der Mann hatte sich aus völliger Verzweiflung, da seine Gemahlin schwanger war, für sie und sein ungeborenes Kind geopfert, sich entsprechend verkleidet und dem Dämon dargeboten.
Gant merkte es zu spät, nahm das Opfer an und war seitdem nicht mehr gesehen worden. Bis zur heutigen Zeit.“
„Das ist wohl der Grund, warum er den Opfern die Kleider vom Leibe reißt, bevor er sie tötet. Aber wie soll ich diese Information nutzen, wenn er jetzt immer vorher das Geschlecht prüft?“
Der Kanzler schaute den Bauern skeptisch an, doch hielt dieser dem Blick stand. Er musste der Geschichte wohl Glauben schenken und erkannte, dass ihm der Mann nicht mehr weiterhelfen konnte. Er bedankte sich und trat grübelnd die Heimreise an. Irgendwie musste er diese Information zu seinem Vorteil nutzen.

Zwei lange Nächte hatte der Kanzler gebrütet, dann meinte er, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, den Dämon loszuwerden und gleichzeitig seine eigene Position zu verbessern. Ein dunkler Fleck auf der weißen Weste König Georgs hatte ihm den entscheidenden Hinweis aufgezeigt. Er traf seine Vorbereitungen und hoffte, dass seine Vorhersehungen eintreffen würden.

Wie immer fand die Opferung auf dem öffentlichen Marktplatz statt. Gegen Mitternacht würde Gant sein Opfer, eine Frau mit einer Kapuze über dem Gesicht, in sein Reich aufnehmen. Doch im Gegensatz zu den ersten beiden Malen fand die Opferung vor Publikum statt, dafür hatte der Kanzler gesorgt und damit etwas ganz Bestimmtes bezweckt.
Der Hofstaat saß direkt vor dem Opfer, der König weilte am Nächsten, der Kanzler wiederum direkt neben ihm. Danach waren die einzelnen Minister aufgereiht.
Der Platz war mit zahlreichen Fackeln und einem großen Feuer erleuchtet, damit auch jeder Zuschauer alles sehen konnte.
Dann war es auch schon so weit. Die Gestalt mit dem roten Kapuzenmantel erschien und machte sich bereit, seine Zähne in das wehrlose Opfer zu schlagen. Gant zögerte aber, als er den Aufmarsch an Zuschauern registrierte und sah den Kanzler fragend an.
„Kanzler, was soll das? Was habt Ihr vor?“
„Hört, Gant, wir haben beschlossen, Ihrem widerlichen Vergnügen beizuwohnen, damit es immer ein Mahnmal sei, welches uns an die besondere Verpflichtung zu Ihrer Person erinnert.“
Gants hageres Gesicht verzog sich zu einem spöttischen Grinsen.
„Nun, so sei es. Wenn ihr unbedingt dabei zusehen wollt.“
„Wartet, Gant. Ich habe da eine Frage. Vielleicht bleibt noch soviel Zeit, meinen Wissensdurst zu stillen. Ich bitte Euch, mir diesen kleinen Gefallen zu gewähren.“
Leicht verärgert sah Gant den Kanzler aus seinen schwarzen Augen an. „Nun, sprecht, ich verspüre Hunger und bin in Eile.“
Der Kanzler brauchte eine ganz bestimmte Information, um die Plausibilität seiner Planung zu überprüfen. Er konnte zwar nichts mehr am Geschehen ändern, aber er wollte es trotzdem aus Gants Mund hören.
„Gant, soweit ich erfahren habe, ist es nicht Euer erster Aufenthalt in unserem Reich. Ihr wart schon zu Zeiten König Georgs hier. Stimmt das?“
Gants Lächeln wurde diabolisch.
„Ich weiß, worauf ihr hinauswollt. Ja, es war zu Zeiten König Georgs. Eure Vorfahren opferten mir einen Mann und ich wurde dadurch aus diesem Reich verbannt. Doch nochmals passiert mir das nicht. Ich bin auf der Hut und ihr werdet mich nicht erneut auf solch einfache Weise los.“
„Danke, lieber Gant. Aber das war nicht mein Begehr. Vielmehr brennt in mir die Frage, wie Ihr damals und heute in unser Reich gelangt seid. Jetzt könnt Ihr es doch ruhig verraten, habt Ihr doch nichts mehr zu befürchten.“
Gants Grinsen wurde abfällig.
„Ihr habt Recht. Niemand kann mir Einhalt gebieten. Und warum soll es nicht jeder wissen. Wenn euer König die Inzucht mit einer Jungfräulichen begeht, ist der Weg für Gant frei. Und so bin ich erschienen.“
Es dauerte ein Moment, bis die Information in das Bewusstsein der Anwesenden gedrungen war. Doch dann erhob sich ungläubiges Staunen. Der König selbst sank in seinen Thron und sah seltsam versteinert aus. Sein Blick war starr zu Boden gerichtet.
„Genug der Rede. Es ist Zeit für das Opfer.“
Gant drehte sich herum und zog zuerst die Maske vom Opfer, bevor er ihr unsanft die Kleider vom Leib riss. Zum Vorschein kam ein zartes blondes Mädchen,
„Nein!“
Der König hatte bei den Worten aufgeblickt und das Leben war mit einem Schlag in seinen Körper zurückgekehrt.
„Nicht Charlotte! Meine Geliebte“
Der König sprang vor, dem Dämon entgegen. Dieser wich zur Seite, doch zu spät. Der König packte ihn am Hals und würgte Gant mit einer Kraft, die man der hageren Gestalt nicht zugetraut hatte. Er hatte das Opfer erkannt. Es war seine junge Cousine, die er mehr liebte als sein Amt und sein Leben. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte er den Dämon zu bezwingen.
Gant stieß den König verächtlich von sich, ohne sich sonderlich anzustrengen. Doch hatte er zuviel Kraft eingesetzt und so flog dieser im hohen Bogen durch die Luft und landete unglücklich auf dem Boden. Jeder nahm das hörbare Knacken wahr, als das Genick des Königs brach.
Ein Unfall, doch mit fatalen Folgen. Mit dem Tod des Königs verlor der Dämon auch seine Daseinsberechtigung in diesem Reich.
Gants Gesicht nahm einen überraschten, ja erschreckten Ausdruck an. Plötzlich verlor er an Kontur und verblasste schließlich. Der Dämon war verschwunden.

Der ehemalige Kanzler saß zufrieden auf seinem Thron. Drei weitere volle Monde waren vorüber, seit Gant in sein ureigenstes Reich zurückgekehrt war. Seitdem hatten sie Ruhe vor ihm.
Mittlerweile war der Kanzler König. Er hatte schon vorher geherrscht, doch jetzt repräsentierte er auch und hatte sich zum Herrscher krönen lassen.
Er hatte es sich verdient. Der Sieg über Gant war eine knappe Sache gewesen, aber etwas in der Erzählung des Bauern hatte den Kanzler stutzig gemacht.
Wieso tauchte Gant erst jetzt auf beziehungsweise warum suchte er damals König Georg heim, aber keinen der anderen Könige?
Der ehemalige Kanzler hatte stundenlang in alten Dokumenten gesucht, bis er den Hinweis auf die Verbindung König Georgs zu seiner Königin fand. Die Königin war seine Cousine, die er schon liebte, als sie noch jungfräulich war. Die Hochzeit fand erst später statt, als Gant verschwunden war, aber seitdem gab es das Verbot der Ehe mit einer Minderjährigen. Von da war es nicht weit bis zur aktuellen Situation, schließlich wusste er genau, wer am Hof mit wem schlief.
Einzig die Vermutung, dass mit des Königs Tod auch Gant verschwinden würde, war spekulativ, doch im ungünstigsten Falle wäre er dann König unter Gant geworden und hätte weiter nach einer Lösung geforscht.
Aber er hatte Recht behalten und würde Zeit seines Lebens darauf achten, die sittlichen Regeln einzuhalten.

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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