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Der dritte Film

(Titelbild: Jaws, copyright: Zanuck/Brown Productions, Universal Pictures, 1975)

Quint ist ein rauer Kerl. Seebär. Jäger. Marine-Kriegsveteran, der seine Kameraden im Meer hat sterben sehen. Zerrissen, gefressen. Todesangst. Todeskampf. Sinnlos. Aus. Scheußliche Bilder spuken in seinem Kopf. Er will den Killer töten. Er sagt: „Es war nicht die Schiffschraube. Es war nicht Jack the Ripper. Es war ein Hai.“ Und er sieht Dich scharf an und spricht heiser:

Da ist etwas Eigenartiges an ihm: Er hat leblose Augen, böse dunkle Totenaugen. Wenn du ihm in die Augen siehst, dann denkst du, er lebt nicht, bis er dich beißt. Diese bösen, dunklen Augen rollen herum, bis sie ganz weiß sind, und dann hörst du dieses furchtbar schrille Gebrüll. Und die See färbt sich rot.

So war das… Gut? Aber sowas von gut. Großes Kino. Echter Horror. Mächtig Angst. Der weiße Hai ist 1970er Trauma pur plus phantastisch par excellence. Ein dritter Film. Einer von den absoluten. Es gab auch dritte, die waren weniger magisch. Das gehörte dazu. Wir suchten nach Propaganda aus bitterböse begeistertem Munde, manchmal aus nicht so finster bewanderter Quelle, da wurde dann dreimal über die linke Schulter gespuckt: Bitte jetzt bloß nicht blödester Billig-Horor!

Kino-Kritiken studierten wir nachlässiger, Cover-Texte wurden mit fester Stimme vorgelesen. Und achselzuckend nahmen wir denn auch schon mal, was übriggeblieben war. Wo in der Horror-Ecke noch die „Hundemarken“ hingen, die uns sagten, dass Die fliegende Guillotine und Die weiße Göttin der Kannibalen noch ausgeliehen werden können. Gab, gibt Schlimmeres, ist immer eine(r) in der Runde dabei, der panisch gellt und mitzucken lässt. Kläfft ein wildgemachter Pinscher, werden alle Riesenschnauzer und bellen. Oder winseln zitternd in der Ecke. So läuft, lief das. Show-Time für die Truppe. Der dritte Film: Immer gegen Mitternacht. Wenn die Party am schönsten und die Studentenbude vollgequalmt ist, schlägt die Turmuhr, rauscht der Wind, färbt sich die Pupille, blitzt das Messer.

Die Mega-Schocker bestellten wir vor. Der solarienegebräunte Ex-Schalker hinter’m Ladentresen bunkerte für die Stammkundschaft. Da gehörten wir zu, auch als Nur-Wochenend-Gucker. Denn wir wussten, dass Jason ihr Sohn war, der heute Geburtstag hat und sich wünscht:

„Töte sie, Mami, töte sie!“

Ungut…Foto: Der Exorzist, copyright: Warner Brothers, 1973

Auch das. Auch er. Natürlich. Freitag, der 13. Ein dritter Film der Oberliga. Fetter letzter Akt. Drei Filme für den Video-Abend hatten wir, dazu Flips, Cola, Bier, Rotwein im Tetrapack, Schokolade. Duplos, Hanutas, Mars und Milka. Wolldecken auf dem Boden verteilt, wir wollten nicht wie die Hühner auf der Stange sitzen, wir wollten gemütlich im Schaurigen flegeln. Und diese drei Filme gucken: Komödie. Action. Böses, blutiges Zeug. Immer in dieser Reihenfolge. Zuletzt kamen die Schauer-Highlights als Ehrensache. Nervensache. Wir wollten Horror. Richtigen. Bekamen ihn, wenn Körper gefressen wurden und Matthew Bennell doch noch schrie.

Wenn Regan MacNeil fluchte und schwebte, sich verrenkte und bekannte:

„Wir sind viele.“

Wenn Jack Torrance diabolisch grinste und zum Beil griff. Und Dr. Loomis sagte:

„ Ich traf auf ein 6-jähriges Kind, mit einem blassen, farblosen, emotionslosen Blick und den schwärzesten Augen. Teuflischen Augen. (…) Ich wusste zu gut, was sich hinter diesen Augen verbirgt… das absolut Böse.“

Gut war/ist das. Böses. Absolut. Kein Wühlen in Innereien. Kein Rädern im Penthouse. Kein Zersäbeln, Zersägen, Zerschneiden. Durchbohren. Durchbeissen. Romero war da außen vor. Ansonsten liebten wir herumirrende Leichen auf Schiffen, Spinnen,Monsterechsen und Durchgeknallte ohne Drang zum extrem Abartigen. Grusel vom Feineren. Irgendwie.

Den Schlitzer wollte Psychologiestudent Bosse auf keinen Fall sehen. Allein der Titel…“Wird widerlich sein“, sagte er und schüttelte sich. „Ganz furchtbar.“ Er guckte dann gequält, aber kooperationsbereit doch mit, es war Videoabend, da waren Chips, gut Tequila, die besten Freunde und jede Menge Kissen, die man sich vor die Augen, am besten vor das ganze Gesicht drücken konnte. Im Original klingt Der Schlitzer zwar geheimnisvoller, aber müder – House on the Edge of the Park – , und den Titel hätte man zwar getrost für die Sensiblen lassen können, aber das Blutversprechen nannten wir gern beim Namen.

Aus einfach nur Bees wurde Operation Todesstachel, das schrie sofort natürlich nach bissig bester Panik. Die sollte sein. Wir warfen den Film rein und zogen ihn durch, er war unantastbar einer von ihnen. Es war nach Mitternacht. Die Käuzchen schrien, die Wölfe heulten, die Kellertreppe wartete. Es roch nach Moder, Blut und Schweiß und sehr viel Spaß dabei.

Horror stand immer an dritter Stelle. An der letzten. Ungekrönt, aber unverrückbar. Highlight eines jeden Videoabends, den nur den seufzen lässt, der sowas mitgemacht hat. Die 1990er komplett verpasst? Einwandfrei zu spät geboren. Manchmal ist sowas bedauerlich. Tröstend aber, wenn trotzdem auch zukünftig noch stirnrunzelnd sinniert wird:

„Ist alles, was wir sehen oder scheinen, nichts als ein Traum im Traum?“ (Poe, The Fog, 1980)

Wir Oldies kennen die Antwort. Lange schon.

Unwohl…Foto: Nightmare on Elmstreet, copyright: New Line Cinema, 1984

Aus Bosse, der nicht Psychologe, sondern Musikmanager wurde und Jaws als aktuellen Handy-Klingelton hat, machte der geisteskranke Max aus dem Schlitzer einen harten Kerl. Er besorgte uns Cannibal Holocaust, Muttertag, den Boogieman, Man-Eater, das Death Ship, Ein Zombie hing am Glockenseil, den Bohrmaschinenkiller und, ganz großes Kino, Tanz der Teufel mit Griff in die verbotene Zone und Nightmare on Elmstreet.

„Sein Name ist Freddy Krueger. Er liebt Kinder und besonders kleine Mädchen. Freddy kommt wieder. Er wird schon bald stark genug dafür sein. Du darfst ruhig Angst haben. Wir hatten alle Angst. Warn‘ deine Freunde! Warn‘ alle Menschen!“ (Mark :Brendan Fletcher)

War’n gute Zeiten. War’n gute dritte Filme. Einprägsames Zeug. Wird heute noch von gezehrt, trotz einer phantastischen Meile American Horror-Story, die drei lange Nächte für sich allein braucht.

Und ohne Reue traumatisiert flüstern, reimen, rufen wir das hier aus einem unserer sensationellen, unvergessenen dritten Filme immer noch und weiterhin, bis wir nichts mehr wissen wollen:

„Eins, zwei – Freddy kommt vorbei.
Drei, vier – schließ ab deine Tür.
Fünf, sechs – nimm dein Kruzifix.
Sieben, acht – schlaf nicht ein bei Nacht.
Neun, zehn – du sollst nicht schlafen gehn!“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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