Der Dichter, Galan und Serienmörder: Eine Wiener G’schichte

Hat der galante Knastpoet nun tatsächlich oder hat er nicht? Simple Frage nach einer furchtbaren Angelegenheit, keine Antwort. Zumindest keine, die einzig und allein der Wahrheit dienlich wäre. Jack Unterweger, ehemals Liebling der Wiener Intellektuellen-Schickeria, verurteilt wegen neunfachen Mordes, entschied sich für den Freitod, erhängte sich in seiner Zelle mit der Kordel seiner Jogginghose und hätte sich selbst vermutlich einen stilvolleren, gleichwohl eleganteren Abgang gewünscht. Wäre ihm denn die Möglichkeit gegeben gewesen, seine bemerkenswerte Phantasie bemühen zu dürfen.

So blieb ihm dort, in seiner ersten denkwürdigen Nacht hinter Gittern mit der ultimativ gültigen Aussicht, das Gefängnis nach vielen endlos langen Jahren ohne Hoffnung auf die zweite große Inspiration erst als Leiche wieder zu verlassen, nur der eigene Abgesang auf ein Leben, aus dem auch ein drittklassiger Schriftsteller vielleicht einen recht gelungenen Roman hätte machen können. Freilich brauchte hier niemand zu erfinden, das Gerüst für eine mörderische Geschichte stand.

Dieser besondere “Strizzi”…

Jack Unterweger, 1990, Foto copyright: Archiv, Club 2,

Unterweger wurde hoffiert. Deutlich zuviel Ehre für diesen einen, diesen besonderen”Strizzi”, wie seine Freunde und Fans aus der Künstlerszene ihn liebevoll augenzwinkernd nannten. Wie die Wiener eben gern all ihre Lausbuben, Schlitzohren und Tunichtgute Strizzis nennen. Ursprünglich hießen nur die Zuhälter so, dann auch die kleinen Ganoven, denen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit stets diese spezielle Extraportion Wiener Charme und Gentlemen-Gezieme angedichtet wird.

Stimmt wohl so manches Mal. Jack Unterweger war so einer. Vom gewitzten und schmucken Kleinstkriminellen allerdings unterschied ihn ganz und gar Wesentliches: Er war ein bereits zu lebenlanger Haftstrafe verurteilter Mörder, als sein Stern am Literatenhimmel aufging und man einig beschloss, per Petition das bedauernswert vom Schicksal fehlgeleitete, doch so große Talent aus dem Käfig zu holen.

Man, das waren Dichter und Denker aus der Literaten-Welt, darunter Elfriede Jelinek, Ernest Bormann, Erich Fried und Barbara Frischmuth, die in Jack Unterweger, diesem emsig schreibenden, gleichwohl attraktiven, publikumswirksamen Mann einen von ihnen erkannten. Von einer Muse geküsst, in der das Herz eines Killers schlug. Und nicht zu schlagen aufhörte. Womit natürlich niemand so wirklich hatte rechnen wollen. Es hätte alles so schön sein können ohne diesen einen speziellen Schmäh an der ganzen Sache, der sich wirklich böser, dabei ohne feine Ironie, dafür aber mit makabrem Witz nicht hätte präsentieren können.

Jack Unterweger, Jahrgang 1950, unehelicher Sohn eines US-Soldaten und einer Wiener Prostituierten, aufgewachsen in einem von Außenseitertum und zweifelhaftem Überlebenstraining geprägtem Milieu, jobbte hier und da als Kellner und beging immer wieder Einbrüche, wurde erwischt, verurteilt, wieder freigelassen, schickte ein blutjunges Mädchen auf den Strich und landete wieder im Gefängnis.

1976 ermordete er Margaret Schäfer, die er mit dem Draht ihres BH-Bügels strangulierte. Die 18jährige Deutsche hatte ihn angeblich an seine Mutter und damit verbunden an ihre jahrelange Vernachlässigung und Gleichgültigkeit ihm gegenüber erinnert hatte. Mord aus Enttäuschung, Verzweiflung und Zorn? Unterweger wollte es so interpretiert sehen. Gleichwohl, er wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und schrieb hinter den Gefängnismauern seine Autobiografie “Fegefeuer oder Die Reise ins Zuchthaus”, eine Art Abrechnung mit seinen verkorksten Wurzeln und seiner vorprogrammierten Verbrecherlaufbahn.

Betthupferl des Häfnliteraten

Kritiker waren des Lobes voll für den hinter dicken Mauern “verborgenen” Künstler, der auch für die “Gutenachgeschichten” des ORF, bekannt als Betthupferl, Episoden verfasste. Auch damit machte er immens auf sich aufmerksam. Man sprach verständnisvoll, bewundernd, teilnahmvoll über den Häfnliteraten, den Knastpoeten, sammelte Unterschriften und Argumente in durchaus elitären Kreisen und schaffte es, ihn 1990 aus dem Gefängnis zu holen. Die Hoffnung, sich völlig zu Recht für einen einsichtigen, geläuterten Mörder mit Reue und Erkenntnis, zudem begabten Autor in eben einer spektakulär interessanten Person, eingesetzt zu haben, schien anfangs auch aufzugehen.

Unterweger wurde mit offenen Armen empfangen, man lud ihn zu Szene-Parties und Talkshows ein, und er genoss das Rampenlicht der Aufmerksamkeit und diese unvergleichliche Boheme-Nostalgie in den Kaffeehäusern, wo man sich trifft und zuhört und philosophiert, debattiert und tratscht. Wenn man dazu gehört. Unterweger gehörte dazu. Und die Damenwelt war ihm mehr als zugetan. Über seine Affären mit Hausfrauen, Studentinnen, Künstlerinnen, einer österrreicherischen Politiker-Gattin, sogar einer Nonne führte er akribisch Tagebuch.

Film Jack Unterweger, 2015. copyright: Lighthouse Home Entertainment

Sechs Monate nach Unterwegs Entlassung aus dem Gefängnis verschwand die Wiener Prostituierte Brunhilde Masser spurlos. Ihre Leiche fanden Spaziergänger drei Monate später im Wald; sie war mit ihrem BH erwürgt worden, wie auch die Prostituierte Heide Hammerer im Januar 1991. Fünf weitere ermordete Frauen, alle mit Teilen aus ihrer Unterwäsche erdrosselt, wurden in Waldgebieten entdeckt. Jack Unterweger, mittlerweile derart prominent und zudem ein EX vom Fach (dachte man), dass der Rundfunk ihn als Reporter einsetzte, fungierte als Berichterstatter, kritisierte dabei auch die Polizei für ihre noch so blamabel erfolglose Mördersuche. Unterweger , der stets in unmittelbarer Nähe der Tatorte für Lesungen gebucht worden war, hatte allerdings längst schon das Misstrauen der Ermittler geweckt.

Im Sommer 1991 wurden in Los Angeles die Leichen von drei Prostituierten gefunden. Todesursache in allen Fällen: Strangulation. Tatwerkzeuge: Teile der Unterwäsche. Exakt zu diesem Zeitpunkt weilte Unterweger für eine Prostituierten-Story im Auftrag einer Wiener Zeitschrift in L.A.

Unterweger kehrte nach Europa zurück, soll in Tschechien eine weitere Prostituierte auf gleiche Weise umgebracht haben und floh letztendlich, nachdem für ihn alles brannte, weil wirklich sämtliche Indizien gegen ihn sprachen, gemeinsam mit seiner 18jährigen Freundin nach Miami, wo ihn das FBI am 27. Dezember 1992 verhaftete und im Anschluß nach Österreich auslieferte.

Den Klaus Kinski geben

Der Prozess, Foto copyright: Georges Schneider/APA-Archiv

Im April 1994 begann vor dem Grazer Landgericht der Prozess gegen Jack Unterweger, der die Morde bis zum Schluß leugnete und das Plädoyer eines bekennenden Gefallenen lieferte. Er habe den Klaus Kinski geben wollen, hungrig nach Leben, mit dem Triumph im Blick, wenn Promis seine Nähe suchten, sei verdient vom Podest gestürzt und wolle jetzt nur noch schreiben. Theater spielen. Und ermattet zum Schluß: “Ich bin unschuldig. Danke.”

Unterweger, über eine durchaus lange (Alb-)Traumsequenz hinweg Everybody’s Darling für Östereichs Intellektuellen-Schickeria mit Wiener Hochsitz, knüpfte in der ersten Nacht nach seiner Verurteilung, – lebenslänglich wegen 9fachen Mordes – , für sich den Henkersknoten. Eben jenen Knoten, der auch für die Wäschestücke verwandt worden war, mit denen die Frauen erdrosselt wurden.

Da das Urteil nie rechtskräftig wurde, gilt Unterweger offiziell nur als mutmaßlicher Serienkiller. Dessen Leben (natürlich) auch Drehstoff bot: Jack (Jack Unterweger – Poet. Verführer. Serienkiller.), ein österreichischer Spielfilm aus dem Jahr 2015, Regie: Elisabeth Scharang, Unterweger: Johannes Krisch, erzählt die Geschichte eines Mörders, lässt aber die entscheidende Schuldfrage offen. Womit wir fast wieder am Anfang stehen: Hat er oder hat er nicht? Man glaubt’s kaum, irgendwie weiß man es ja.

Über Unterwegers Freitod in seiner Zelle soll ein österreichischer Politiker druckreif gesagt haben: “Sein bester Mord.”

Wiener Schmäh?!  Aber jetzt nicht von der feineren Sorte.

Jack Unterwegers Werke:

1982: Tobendes Ich (Lyrik)
1983: Worte als Brücke (Lyrik, Prosa) – mit Grete Wassertheurer
1983: Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus (autobiografischer Roman, verfilmt 1988)
1984: Bagno (Prosa)
1985: Endstation Zuchthaus (Drama)
1985: Kerkerzeit (Lyrik)
1985: Wenn Kinder Liebe leben (Gutenachtgeschichten)
1986: Va Banque (Roman)
1987: Reflexionen (Lyrik)
1990: Schrei der Angst (Drama)
1990: Mare Adriatico (Erzählung)
1990: Kerker (Prosa)
1992: Dangerous Criminal (Lyrik, Prosa)
1994: 99 Stunden (dokumentarische Erzählung)

 

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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