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Der Bienenstock

Gelesen von Michael Perkampus

[… und ich sause hinab in den tiefen Schlaf, mein Blut, mein Regenbogen-Streben; ich erkenne all die bunten Horte dort – und bin doch nicht weniger als finst’re Nacht, aus Nacht geboren, gezeugt von Finsternis …]

1 Der Bienenstock

 

Früher hatte man die Gegend, in der nun der Bienenstock stand, den Venusberg genannt. Dorthin flüchtete sich nämlich die Göttin einst vor dem Christentum, wurde von Hulda versteckt und hielt dort gemeinsam mit Nymphen und Nixen ihren legendären Hof, von dem lange nichts mehr bekannt geworden ist. Die Menschenzeit hat alle Schönheit aus der Welt hinfort getupft, und so tauchte über die Jahre das Volk der Ratten in die unterirdischen Verbindungsgänge und fand sich wohl im Unterbewusstsein der Erde. Und in dieser chtonischen Welt gediehen sie manniglich und unbeeindruckt von den Geschehnissen des Tages, die nicht anders als Verheerend genannt werden dürfen. (Sollte sich je ein Schreiber finden, der davon noch Erinnerungen hat, so möge er die Götter überraschen und die Schrift neu ersinnen, denn die wenigen Menschen, die ihre eigene Katastrophe überlebt hatten, kamen – aus anderen Gründen als dazumal die Kelten – gänzlich ohne sie aus.)

Mellonia, die Göttin, die einst Zeus vor seinem Vater Cronos rettete und ihn mit der Milch der Ziegengöttin nährte, mag hier niemals erinnert gewesen sein unter den Frauen, die im Bienenstock lebten und dort all ihre weiblichen Fertigkeiten anwandten, von der Fütterung der Säuglinge angefangen, die sie als Gemeingut betrachteten, über die Säuberung der Waben, dem Nähren der Drohnen bis hin zu der Empfängnis, die man auch hier wie in alter Zeit die Hochzeit nannte.

Die Ratten gaben sich dem Kellergewölbe hin und profitierten von den Frauen, die nichts von ihrer Vergangenheit wussten, durch eine Merkwürdigkeit, die dem überlebenden Matriarchat zu Buche stand. Deren Säuglinge nämlich sonderten eine Flüssigkeit ab, eine erste Milch, die aus dem Überschuss der Ammentätigkeit bestand. So wurde in die Menschenkinder so viel Lebensflüssigkeit hinein gespendet, dass diese die – nun so genannte – Rattenmilch aus jener Öffnung, die auf der linken Seite ihres Abdomens zu finden war, wieder ausschieden. Im Laufe der rättischen Evolution: Schlitzrüssler, Spitzmäuse, die vom Rattenvolk in einer Endschlacht auf den Karibischen Inseln besiegt wurden, näherten sie sich dem Menschen durch ihren gemeinsamen Vorfahren, Juramaia sinensis, wieder an, denn während die Krone der Schöpfung weiter und weiter degenerierte, gelang es dem Rattenvolk, den umgekehrten Weg zu gehen, so dass sie den wenigen Überlebenden dieser verwandten Spezies in nichts mehr nachstehen mussten.

Es gab in diesem geordneten Gefüge einen Betrieb, der sich in allen Punkten den Belangen des Bienenstocks unterwarf, wie es der Instinkt der Melipona vorsah, der eigentlich nicht auf den Menschen übertragen werden konnte, denn ein Instinkt wurde sich noch niemals abgeschaut. So mag es sein, dass von einem Matriarchat dieser Ausprägung auf ein anderes geschlossen werden kann – aber das hieße, die Logik zu bemühen, die schon bei den überkommenen Menschen ein hilfloses Unterfangen darstellte, von dem aus sie vielleicht begannen, sich aufzulösen, denn die Ratio ist dem Traume eine Schande – und die Natur neigte schon immer dazu, ihre eigene Schande in Fossilien zu verwandeln.

Die Arbeiterinnen des Baus bildeten fast regelmäßige wächserne Zellenkuchen mit zylindrischen Zellen aneinander, worin die Jungen gepflegt wurden. In eine dieser Zellen entschwand alsbald, nach getaner Arbeit im Hauptsaal, die Kollegin unserer jetzt erst zur Sprache kommenden Protagonistin. Es wird nur ein schwaches Licht benötigt, ihre Form aus dem Schlaf zu schälen, der allgegenwärtig ist (ich selbst habe die Hoheit meiner Schwingen nie als Last empfunden). Die Drohnen, männliche Säuglinge, benötigen eine andere Pflege als die fleißigen Arbeiterinnen; sie werden gefüttert und gehegt, denn außer zur Zeugung sind sie in dieser neuen Welt von keinerlei Nutzen, außer: die Ratten mit zu ernähren, wozu besagtes Loch im Körper dient. Und nun bemerkt die Amme, die sich zu einer dieser Drohnen legt, das nahe Versiegen des Nährflusses, der gewöhnlich über das Bett hinunter zu Boden läuft, um in einer eingelassenen Schale zu entschwinden, die durch zeitgetaktete Rohrmünder gestaut und regelmäßig in den Keller hinab geführt wird. Wohl ist sie erschöpft, wohl nicht Willens, der Jüngeren ihren Dienst zu übergeben, ohne sie genötigt zu haben, das Büblein zu bemilchen. Doch, hören wir recht? Diese lehnt es ab.

So ist es unter Bienen nie üblich gewesen, zu streiten, denn das Chaos wäre die Folge, wenn nicht jede Arbeiterin ganz genau wüsste, was in jeder Situation zu tun ist. Doch vergessen wir nicht, dass es sich bei unserer Betrachtung um Menschenreste handelt, die wohl auch nach der finalen Katastrophe nur eine kleine Abschwächung erfuhren. So blieb es bei Forderung und Zurückweisung – wir werden nie erfahren (nein, auch wir Götter nicht) – warum sich manche Pflichten derangieren lassen; denn zum einen lag das Hin und Her in der konstanten Waage wie unsere geliebte Straße von Kertsch, zum anderen öffnete sich die Wabentüre und eine andere Arbeiterin trat hinzu, ging an den Pflicht-Ringenden vorbei und steuerte auf das eingelassene Fenster zu, das sie sperrangelweit öffnete, bevor sie sich umdrehte, um dem bereits ins Stocken geratenen Gespräch eine gänzlich neue Wendung zu geben. Sie nämlich führte ein junges Rattenkind in ihren Armen, hievte es allein mit der Gewalt in ihren Fingern über den Sims und ließ es über dem nun für das Geschöpf zu tage tretenden Abgrund baumeln. Dabei sprach sie die einzigen Worte, die wir in dieser Abhandlung hören werden: „Wenn ich das Tier jetzt einfach fallen ließe, dann würde sich kein Mensch darum scheren.“

 

2 Die geheimnisvollen Blütenstühle

 

Uns wurde Kunde von der Fähigkeit bestimmter Pflanzen, zu träumen, wie der Mensch es tut. Wir bezeugen dies für den Alant, der aus den Tränen der Helena entstanden ist und für das Gewitterkraut. Noch einmal müssen wir uns in den Bienenstock begeben, denn es dürfte klar erscheinen, dass wir noch einige Kammern ausgelassen haben, die ebenfalls beherbergt und gepflegt wurden, wie man es noch nirgendwo gehört. Die rätselhaften Dinge sind es, die uns auf Pfade führen, die das Leben als das große Mysterium des Schlafs offenbaren, umgeben von Wänden, bestehend aus einer nachgiebigen Substanz, wie Titanwurz in die Höhe reckend, aber von Fäulnisgeruch umgeben.

Die Wabengemächer im Bienenstock boten dem Betrachter einen Saal, dessen Wachswände wie feuchte, zusammengenähte Gesichter eine Kathedrale bildeten, die sich über Blütenstühle wölbte, deren Vorbild nirgends zu entdecken wäre, würde man es suchen. Auch hier gab es, wie wir es von den Brutzimmern des Stock bereits berichteten, eingelassene Wannen im Boden, in denen die Nachtflüssigkeit der dort lagernden Frauen gesammelt wurde. Diese Ströme des ruhenden Körpers jedoch wurden, anders wie die Nährflüssigkeit der Drohnen, für ein Elixier gebraucht, das den Ehemännern der Arbeiterinnen zur Verfügung stand. Zu ihrer Aufgabe der Zeugung gehörte nämlich das Kompostieren der klamm gewordenen Erde in den Talniederungen des Umlands. Die Gefahr für die schweigsamen Samenlasser war außerhalb des Bienenstocks gewaltig zu nennen, denn dort wurden sie weder von den Ratten noch von ihren Ehefrauen beschützt, sollte sich das sogenannte „unheimliche Zögern“ nähern, das man nur durch sein Flirren erkennen konnte, wenn die Sonne einen niederen Puls schlug und gleichzeitig der Nebel günstig über den Äckern stand.

Im Folgenden eine Anmerkung: Das „unheimliche Zögern“ wollen wir in unserem nächsten Bericht erst erwähnen, denn es enthält eine animalische und vegetative Besonderheit, die unserer jetzigen Absicht, die Blütensäle in Augenschein zu nehmen, zu sehr in eine visuelle Bedrängnis brächte.

Das Elixier wurde verabreicht, um den Drohnen eine stille Genugtuung zu gewährleisten, die in alter Zeit dem Alkohol vorbehalten war. Das Nachtsaftelixier gab es in verschiedenen Dosierungen, die auch „Geschwindigkeiten“ genannt wurden; diese waren wichtig, um den Zeitausgleich der zerstörten linearen Funktion derselben zu gewährleisten. Die Arbeiterinnen hatten zu diesem Zweck ihre Blütenstühle; umflankt von Staub- und Kronblättern bildeten sie das Pistill, in dem sie lagen und unser Reich aufsuchten, so dass wir überhaupt auf sie aufmerksam wurden.

Jedoch können wir jetzt davon sprechen, dass es sich bei unserer Protagonistin, die den Saal betrat, um das gleiche lilienweiße Mädchen handelte (die wir Pasithea nennen wollen, weil sie in ihrer grazilen Gestalt meiner halluzinatorischen Gefährtin gleicht), das bereits in unserem ersten Bericht erschienen ist.

Es war bekannt, dass die Blütenstühle an Empfindlichkeit kaum zu überbieten waren. Nie durfte auch nur ein Ohm zu wenig oder zu viel des Wassers in die Töpfe sickern, nie durfte auch nur eine Kotule zu viel oder zu wenig Erde die satten Wurzeln bedecken.

Aber Pasithea sah mit Schrecken ein Häufchen Erde neben einem der Auffangbecken liegen und sprach die halbdämmernde Arbeiterin an: „Du hast die Erde verwühlt, du Unglückselige! Denkst du denn kein bisschen an deinen Mann?“

Projekt Hypnos
Über Projekt Hypnos (1 Artikel)
Wurde als Sohn des Erebus und der Nacht geboren. Lebt in Cimmerien in einer großen Höhle eines Berges, wohin niemals ein Sonnenstrahl kommt, wohl aber alles nebelig ist. Arbeitet für dieses Projekt intensiv mit seinen Söhnen Morpheus, Phobetor Icelus und Phantasus sowie mit seiner Schwester Elpides zusammen.

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