David Mitchell / Die Knochenuhren

Vor ein paar Jahren hatte Mitchells Wolkenatlas für nicht gerade wenig Furore gesorgt. Dennoch. Seine Romane hinterließen stets ein Gefühl des Unvollständigen, von zu vielen Ecken und Kanten. Denn so einzigartig beispielsweise die Handlung von Die tausend Herbste des Jacon de Zoet auch ist, hat sie etwas Mühe, ihre verschiedenen Standpunkte zu einer Einheit zu verschmelzen. Der Wolkenatlas ist ein großartiger Mischmasch unterschiedlichster Genres, krankt aber daran, die Stimmen seiner Figuren kaum zu unterscheiden. Chaos ist ein exzellentes Debüt, hat aber das Problem, die überschwängliche Prosa mit seinen angestrebten Themen in Einklang zu bringen. Mit Die Knochenuhren von 2014 hat Mitchell jedoch alles auf den Punkt gebracht. Die Kanten wurden geglättet und ein polierter Edelstein ist das Ergebnis.

Strukturiert wie ein Windrad, bildet die Geschichte von Holly Sykes den Mittelpunkt in diesem Roman, während die Geschichten eines prinzipienlosen Cambridge-Schülers, der schließlich vor der schwierigsten Wahl seines Lebens steht, einem griesgrämigen britischer Schriftsteller, der sich mit sinkenden Umsätzen konfrontiert sieht, einem Kriegsreporter, der es schwer hat, sein Familienleben mit seiner Tätigkeit in Einklang zu bringen, und einer reinkarnierten Therapeutin, die ihre jahrhundertelange Weisheit nutzen muss, um einen bösen Feind zu bekämpfen, die Flügel bilden, die sich vom Zentrum des Windrades wegbewegen. Sykes‘ Geschichte (im Alter) bildet den letzten Teil des Romans und gehört zu einem Zyklus, in dem sich die Ereignisse und Charaktere im Kreis drehen. Mitchell, der diese Struktur sowohl in Bezug auf die Handlung als auch auf das Thema sehr wirkungsvoll einsetzt, ist in den Knochenuhren der Frage nach der Natur der zeitgenössischen Kultur nachgegangen und erzählt gleichzeitig die höchst fesselnde Geschichte des Alltagslebens einer Frau.

Eine, wenn nicht die Hauptattraktion von Mitchell, ist seine kauzige, saftige Prosa. Jeder Satz ist unglaublich dynamisch, alles fließt auf belebende Art ineinander, indem Mitchell die alltäglichsten Dinge in ein lebendiges, kluges Licht rückt. Viele seiner Wendungen sind nicht weniger als brilliant. Einer der Hauptkritikpunkte des Wolkenatlas‚ war, dass Mitchell seine überschwängliche Stimme nicht auf die jeweiligen Figuren und Szenen zugeschnitten hatte. In den Knochenuhren wird dieser Makel beseitigt. Crispin Hershey ist vielleicht das perfekte Ventil für Mitchells sprachlichen Überschwang, während Ed Brubeck, der Kriegsreporter, eine entsprechend abgeschwächte Stimme hat, die aber immer noch involviert ist und beweist, dass Mitchell tiefer gegraben hat, um einen anderen Mechanismus zu finden, einen Mechanismus, der seinem eigenen Stil entspricht, den er aber je nach Geschmack verfeinert. Schlicht und einfach: der Text knistert.

Während der Titel eine Metapher für die Sterblichkeit ist, liegt der Fokus des Romans eigentlich auf dem, was wir mit unserer Sterblichkeit anfangen, die die Existenz zukünftiger Generationen der Menschheit ermöglicht. Weit über die Fortpflanzung hinaus geht es um das menschliche Verhalten als Ganzes und wie es sich auf die Erde und die Gesellschaft von morgen auswirkt. Eine der wichtigsten Nebenhandlungen des Romans stellt eine Gruppe von Unsterblichen (die ihre Unsterblichkeit aufrechterhalten, indem sie die Seelen der Lebenden verspeisen) gegen eine Gruppe von Reinkarnaten – Menschen, die sterbliche menschliche Körper besetzen, aber nach dem Tod in anderen Körpern wiedergeboren werden. Während es einfach wäre, eine buddhistische Botschaft in einer solchen Anordnung zu lesen, ist es angesichts der anderen Elemente des Romans ratsamer, die Dichotomie als Metapher für die gegenwärtige geschäftliche, wirtschaftliche und politische Praxis (d.h. Super-Gier) im Westen zu betrachten, da sie mit nachhaltigeren Praktiken, Verhaltensweisen und Weltanschauungen verglichen wird, heute etwas zu sähen, was man morgen nicht mehr hat. Was tun wir, um zukünftigen Generationen ein gutes Leben zu ermöglichen? Der Krieg der Unsterblichen gegen die Wiedergeborenen, der nur eine Nebenhandlung bildet, die sich auf Holly Sykes‘ Leben konzentriert, zeigt den wahren Kern von Mitchells Agenda auf.

Die Knochenuhren enthält schließlich alle Elemente, die einen Mitchell-Roman auszeichnen – die gestaffelte Zeitleiste, die Vielfalt der Charakterperspektiven, die atypische Struktur und die großartige, lebendige Prosa. Aber Die Knochenuhren fügt all diese Teile zu einer Einheit zusammen, die Mitchell in seinem Werk so noch nicht erreicht hat.

(Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar aus dem Hause Rowohlt)

Nymphenbad

Nymphenbad

Kulturanthropologe, Übersetzer, Dichter philosophischer Phantastik. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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