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Das Wirtshaus zum Tod

Dies ist die erste von Marc Freund veröffentlichte Kurzgeschichte. Wir veröffentlichen sie mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Bastei Verlags.

Es war Nacht! Die Kutsche raste den Feldweg entlang und schien immer schneller zu werden. Dem Mann im Innern des Gefährts gefiel das gar nicht. Er hieß Henry Baker und befand sich auf einer Geschäftsreise. Er war der einzige Fahrgast zu der späten Stunde und konnte es kaum erwarten, den Gasthof zu erreichen, in dem er übernachten wollte, um dann am anderen Morgen mit der ersten Kutsche weiterzufahren. Dies war jedoch, so meinte er, für den Kutscher kein Grund, so schnell zu fahren, denn schließlich wollte er heil ankommen.

Henry Baker behielt seine Gedanken für sich, denn er wollte sich nicht mit dem Fahrer anlegen.

Seine Tasche auf dem Schoß umklammernd, starrte er zu Boden. Plötzlich ging ein heftiger Ruck durch die Kutsche. Sie stand still. Henry hörte das Schnaufen der Pferde und die Stimme des Kutschers.

„Machen Sie, daß Sie rauskommen, ich hab‘ es eilig.“

Der andere stieg aus, und kaum stand er im Freien, da brauste der Fahrer wieder davon. „Na sowas!“ murmelte der Geschäftsmann und trat in den Lichtschein der Laterne, die am Eingang des Wirtshauses angebracht war, und ging hinein. Drinnen war es düster. Der Gastraum wurde nur spärlich von Kerzen beleuchtet, deren Schein sich gespenstisch an den Wänden wiederspiegelte.

Er stand allein im großen Raum und sah sich um. Mit einem Mal packte ihn eine kalte Hand an der Schulter. Henry fuhr jäh herum und erkannte den Wirt.

„Sie sind sicher Mister Baker“, stellte dieser fest. „Ich habe schon auf Sie gewartet.“ Ein merkwürdiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel bei diesen Worten.

Dies entging Henry jedoch, da er sich gerade an einen Tisch setzte, um das Essen entgegenzunehmen, das der Wirt brachte.

„Es ist nichts Besonders“, betonte dieser, „aber ich hoffe, es schmeckt Ihnen trotzdem.“

Während seiner Mahlzeit hatte Henry Zeit gehabt, sich den Wirt näher zu betrachten. Es war ein klobiger Typ, hatte schwarze, fettige Haare und sah auch sonst so aus, als wenn er vor nichts zurückschreckte. Anscheinend war er ganz allein hier, denn Baker hatte niemanden sonst bemerkt. Er konnte sich kaum vorstellen, daß der Gasthof einen guten Gewinn brachte. Das Gebäude war ziemlich heruntergekommen, und Baker war froh, nur eine Nacht bleiben zu müssen.

Nach dem Essen zeigte ihm der Wirt sein Zimmer, verlor dabei nicht mehr Worte als nötig und verschwand schließlich wieder.

Henry Baker war jetzt allein. Er legte gähnend seine Kleidung ab und ließ sich ins Bett fallen. Es dauerte nicht lange, da war er auch schon eingeschlafen. Doch plötzlich, nach kurzer Zeit, wurde er durch ein merkwürdiges Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Baker war sich nicht bewußt, was es war, aber es klang wie das Heulen eines Wolfes.

Er trat ans Fenster. Sein Zimmer lag im ersten Stock, und so sah er auf den Hof des Gasthauses hinunter. Das, was er dort unten, vom fahlen Mondschein beleuchtet, erkannte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren …

Das Geräusch erklang abermals. Es drang aus dem Rachen eines Wolfes, der dort unten stand. Nur war es kein gewöhnlicher Wolf. Das Tier, das den Mond anheulte, war ein Werwolf!

Nein, das war kein Tier mehr, das war ein Monstrum! Und es brauchte Opfer! Dieser Gedanke schoß dem Mann durch den Kopf. Die Angst überkam ihn, und er begann heftig zu schwitzen. Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, was gar nicht so einfach war. Henry kam zu dem Entschluß, den Wirt zu wecken. Nachdem er sich angekleidet hatte, schlich er die Treppe hinunter und gab dabei acht, daß er keinen Lärm machte. Bald darauf fand er das Zimmer des Wirts.

Mit einer großen Kerze in den Hand trat er ein. Der Mond beleuchtete den Raum geisterhaft. Henry Baker suchte das Bett und fand es unberührt vor. Es war niemand da. Sein Blick fiel auf einige zerfetzte Kleidungsstücke. Es war kein Blut daran. Irgend etwas stimmte hier nicht!

Plötzlich kam ihm eine grausige Vermutung: Der Werwolf draußen war niemand anderes als der Wirt selbst! Nicht auszudenken, wenn ihn der Wolf hier entdeckte. Dann war er verloren.

Vorsichtig öffnete er die Zimmertür. Ein gelbes Augenpaar starrte ihn an. Henry fuhr zurück. Dort stand der Werwolf. Geifer tropfte aus seinem Maul. Der Wolf ließ ein wütendes Knurren vernehmen. Henry Baker schlug die Tür zu und verriegelte sie. Die Bestie warf sich dagegen. Immer wieder, bis das Holz anfing zu splittern.

Henry sah ein, daß er unter keinen Umständen in diesem engen Zimmer bleiben durfte. Das Fenster! Rasch öffnete er es und kletterte nach draußen.

In diesem Moment gab die Tür nach, und der Wolf sprang in den Raum. Dort stand die mordgierige Bestie. Sie witterte ihr Opfer und sah das offene Fenster. Der Wolf sprang mit einem Satz hindurch.

Henry Baker rannte um sein Leben. Er konnte sich erinnern, hinter dem Gasthaus einen Schuppen gesehen zu haben. Tatsächlich er hatte sich nicht getäuscht. Er brauchte eine Waffe, irgend etwas, mit dem er der Bestie entgegentreten konnte.

Das erste, was Baker sah, war ein Benzinkanister. Vielleicht war das eine Chance. Streichhölzer hatte er in der Tasche.

Er war gerade wieder draußen, als ihn die Bestie entdeckte. Der Wolf hetzte auf ihn zu. Henry öffnete den Verschluß des Kanisters.

Als ihn die Bestie erreicht hatte, kippte er ihr das Benzin entgegen und hechtete zur Seite. Gerade im richtigen Moment, denn der Wolf schlug bereits seine krallenbewehrte Pranke nach ihm. Jetzt nur noch ein Zündholz! dachte Henry, doch in seiner Hektik geschah das Malheur: es brach ab.

„Verdammt!“ zischte der Mann. Schon war der Wolf heran. Henry schnellte mit aller Kraft zur Seite und sah den Wolf zu Boden stürzen. Das war seine Chance!

Schnell näherte er sich dem Wolf und warf das jetzt brennende Zündholz nach ihm. Es folgte eine Art Explosion. Der Wolf stand in Flammen. Ein schauriges Heulen drang noch einmal aus dem Rachen der Bestie, dann war alles vorbei.

Vor Henrys Füßen lagen nurmehr die verkohlten Reste eines Dämons.

Henry atmete tief durch und konnte es kaum fassen. Er hatte den Werwolf besiegt.

Marc Freund
Über Marc Freund (1 Artikel)
Marc Freund wurde am 06. April 1972 in Flensburg geboren und lebt auch heute noch in der Nähe von Flensburg. "Das Wirtshaus zum Tod" (nachzulesen bei uns im Phantastikon oder als "Horrorstory der Woche" in John Sinclair, 3. Auflage, Bd. 118, Todeswalzer) war seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte im Bastei-Verlag. 2009 erreichte er den 1. Platz beim Edgar-Wallace-Kurzgeschichtenwettbewerb mit dem Kurz-Krimi "Über ihnen schwebte der Tod." Heute arbeitet Marc Freund hauptsächlich als Hörspielautor für die erfolgreiche Krimiserie "Lady Bedfort". Er schreibt aber auch für die Serie "John Sinclair" und "Dark Land". Im Phantastikon findet Ihr ein Interview mit Marc.
Kontakt: Facebook

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