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Das Verbotene

Das Geräusch des Motors schreckte sie auf. Panisch stoben sie auseinander und verkrochen sich in den schützenden Bergen aus Abfall. Neugierig lugten sie aus ihren Verstecken hervor und beobachteten das Geschehen. Die Scheinwerfer des Lieferwagens durchschnitten die Dunkelheit. Zügig raste er heran und hielt schließlich in einiger Entfernung an. Im fahlen Schein des Mondlichts erkannten sie die Schatten einer Gestalt, die aus dem Wagen stieg. Hastig öffnete der Mann die Schiebetür seitlich des Transporters und zog den nackten, leblosen Körper einer Frau hervor. Er warf sich den Leichnam grob über eine seiner breiten Schultern und trug ihn etwas weiter abseits des Weges, wo er ihn schließlich lieblos fallen ließ. Das Brummen des Motors verebbte in der Dunkelheit und es wurde wieder still.

Vorsichtig verließen sie, einer nach dem anderen, ihre schützenden Zufluchtsstätten und näherten sich der Leiche. Die Umrisse ihrer deformierten Körper zeigten sich in dem kargen Licht des Mondes, gleich Karikaturen des Menschen eines wahnsinnigen Zeichners. Humpelnd, teilweise kriechend bewegten sie sich fort, erstarrten jedoch plötzlich, als ein gutturales Knurren hinter ihnen ertönte.
Lange hatte er dieses Ereignis gefürchtet, doch nun war es tatsächlich zur bitteren Wirklichkeit geworden. Seit Ewigkeiten bot der Unrat der Menschen ausreichend Nahrung, um das Bestehen ihrer Rasse zu sichern. Eine längst totgeglaubte Gattung, zu dessen Führer er auserkoren war. Instinktiv hielt er seine Kinder zurück, das Verbotene zu kosten. Er wusste, was passieren würde, wenn seine Brut das Verbotene schmecken sollte. Die Folgen wären verheerend, denn er selbst hatte es einst geschmeckt. Allein der Gedanke daran ließ ihn innerlich erbeben. Zu gern würde er selbst seine Zähne in das herrliche Fleisch schlagen, doch die Zeit war noch nicht reif. So trieb er seine Saat fort und hielt sie ruhig. Doch wie lang konnte er sie dem Leichnam fernhalten? Die Zahl seiner Abkömmlinge war in den Jahren rasch angestiegen. Nur die Stärksten ihrer Art überlebten. Die Schwachen und Kranken wurden stets selektiert und ihr Fleisch verzehrt. Widerwillig zog sich die Elite in ihre Schlupfwinkel zurück. Noch konnte er ihren Willen kontrollieren.
So wachte er den Rest der Nacht, aus sicherer Entfernung, über den Kadaver, um nicht selbst der Versuchung zu erliegen. Der Blick auf die zarte Haut dieses makellosen Körpers raubte ihm fast die Sinne, doch er widerstand der Verlockung. Die Seitenlage der Leiche bot die Sicht auf die perfekte Form der Rundungen ihres Hinterns und der Beine, dieser einst schönen Frau. Der grotesk verdrehte Kopf zerstörte dieses erotische Bild gänzlich. Die weit geöffneten, trüben Augen reflektierten das Mondlicht. Der Mund verharrte in einem endlosen, stummen Schrei.
Seine Gefolgschaft im Zaum zu halten war das eine, jedoch lebten sie nicht allein an diesem Ort. Die Anderen hatten ebenfalls die Witterung aufgenommen und würden den Versuch, den Leichnam zu bewachen, zu einer unmöglichen Aufgabe werden lassen. Seit Ewigkeiten befanden sie sich mit den Ratten im Kampf um Nahrung, und wieder stand er nun diesen listigen Jägern hilflos gegenüber.
Sollte er nun zusehen, wie die Ratten dieses Festmahl vertilgten? Der Gedanke daran brachte ihn zur Raserei. Dieser lang gefürchtete Augenblick würde nun doch noch zur bitteren Wahrheit werden. Das Verbotene hatte den Weg zu ihnen gefunden. Er musste handeln. Wild schlug er seine Zähne in das Muskelfleisch eines Oberschenkels und riss ein grobes Stück heraus. Das bereits kalte Blut rann seine Kehle hinab und erweckte das unersättliche, vertraute Verlangen in ihm erneut. Sein wollüstiger Schrei alarmierte die Brut, und gierig hasteten sie herbei, um sich ihren verdienten Anteil zu holen. Nie vorher hatten sie menschliches Fleisch gekostet. Nie geahnte Freuden durchzuckten ihre entstellten Leiber bei dem Verzehr dieser bisher unbekannten Nahrung. Unersättlich bissen sie zu und zerrten an der Leiche, die sich bei dieser Attacke zuckend bewegte.
Eine kindliche Vorfreude überkam ihn, bei dem Gedanke an das nun Folgende. Der Bann war endgültig gebrochen. Er würde seine Schar nun nicht mehr bändigen können. Das Verlangen nach dem Verbotenen war entfacht und nicht mehr zu stoppen.
Sie blickten auf das hell erleuchtete Tal zu ihren Füßen. Ein reges Nachtleben herrschte in der Stadt. Die Silhouetten ihrer entstellten Körper zeigten sich bedrohlich im Mondlicht, auf ihrem Weg, das Verbotene zu schmecken.

erschienen 

Marc Hartkamp
Über Marc Hartkamp (1 Artikel)
Marc Hartkamp erblickte am 17. Januar 1973 das Licht der Welt. Er ist verheiratet und zweifacher Vater. Die Lust am Lesen weckte seine Oma, die ihm ein spezielles Buch schenkte: „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Doch allein die düsteren Gestalten dieser Erzählung schafften es ihn zu begeistern. Später begann er Kurzgeschichten zu schreiben, um so vielleicht ein kleiner Teil der dunklen und faszinierenden Welt des Horrors sein zu dürfen. Seine Geschichten wurden bereits in einigen Anthologien veröffentlicht.

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