Das Phantastische Hörbuch

Am Anfang war das Wort. Und das Wort gehörte dem Geschichtenerzähler, der die um das Feuer herum sitzenden in ihren Bann zog. Er hatte Unglaubliches zu berichten. „Nicht weit von hier“, sagte er, „schon hinter dem nächsten Baum, den ihr alle von hier aus sehen könnt – lauert das Unbekannte. Ihr kennt das Land hier sehr gut, ihr kennt jeden Grashalm, jede Hütte. Bei Tag! Aber in der Nacht gibt es nichts mehr, das dem gleicht, was ihr kennt.“
Die Tradition des Geschichtenerzählens ist der Ursprung der Literatur. Geschichten wurden einst mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, und niemand kann heute sagen, wann das angefangen hat. Wir können uns vielleicht vorstellen, welche zentrale Rolle der Geschichtenerzähler in grauer Vorzeit gespielt haben muss. Alle kauerten um ein Feuer oder saßen gemeinsam in einer Höhle, die Schatten flackerten an der Wand und der Klang der menschlichen Stimme wurde durch den Raum noch zusätzlich geisterhaft und unheimlich verzerrt.

Auch nachdem der Mensch das Schreiben erlernte, hielt sich das orale Erzählen von Geschichten über die Jahrhunderte aufrecht. Viele erinnern sich noch an die Großmutter, die ihnen als Kind Märchen erzählte, die noch heute einen wichtigen Grundstock der Phantastik bilden. Überhaupt kamen viele Kenner des Genres überhaupt erst durch die Märchen den Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen zur Lektüre.

Und dass das Hören von Geschichten in unserem medialen Zeitalter wieder boomt, hat sehr viel mit dieser Verknüpfung zu tun. Der Mensch, so heißt es, ist ein visuelles Wesen. Dem ist an sich nichts hinzuzufügen. Doch noch vielmehr ist der Mensch jemand, der sich seinen Phantasien und Träumen hingibt, die er sich selbst gestaltet. Der Film mag ein faszinierendes Medium sein, aber er gibt uns die Bilder bereits vor. Lesen wir hingegen ein Buch, sind wir in den günstigsten Fällen direkt beteiligt am Prozess der Visualisierung. Wir malen uns die Protagonisten aus und verbinden das Gelesene mit unserer eigenen Traumwelt, sind also immer auch kreativ zugange. Es ist also nicht wirklich verwunderlich, dass wir unsere technischen Fähigkeiten auch dazu nutzen, das älteste und somit vertrauteste mediale Ereignis – das Erzählen phantastischer und ungewöhnlicher Ereignisse –  in einen neuem Licht erstrahlen zu lassen: Hörbücher. Sie scheinen neben der eigenen Lektüre genau das zu haben, was uns tiefer und tiefer mit unserer urzeitlichen und eigentlichen Vergangenheit konfrontiert. Eine Geschichte erzählt oder vorgelesen zu bekommen ist gerade was den Bereich der Phantastischen Literatur betrifft das Vorzeigemodell einer Verbindung, die nicht zu verbessern ist.

audible bietet unter anderem die Hörbücher von H. P. Lovecraft an, die uns im Phantastikon gerade deshalb interessieren, weil Lovecrafts Geschichten noch besser funktionieren, wenn man sie hört. Das liegt vornehmlich am Stil des Meisters. Aber nicht nur die phantastischen Klassiker sind auf der genannten Plattform zu finden, sondern auch zeitgenössische Highlights wie Northern Gothic von Andreas Gruber. (Hier die Rezension auf Phantastik-News). Wer audible noch nicht kennt, sollte sich auf der Plattform etwas umsehen und sich die vielen Hörproben gönnen. Denn Lesen und Hören gehören zur Phantastik von jeher.

Ressource: audible.de

Staff

Staff

Das Beste im Kollektiv.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.