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Das moderne Grauen

Dies ist der letzte Teil der Einführung von Jeff und Ann VanderMeer zu "The Weird - A Compendium of Strange and Dark Stories"

Übersetzt von Michael Perkampus

81z95s7pz5LDrei Ereignisse bilden eine Art Grenzpunkt zwischen den frühen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts und der Moderne: Lovecrafts Tod im Jahre 1937, der Zweite Weltkrieg, sowie die sehr erfolgreichen Übersetzungen Franz Kafkas ins Englische 1940 (dieser Einfluss hält bis heute an).

Die 40er und 50er stellten eine Periode der Ausweitung unheimlicher Literatur in Amerika und in England dar. Der ansteigende Erfolg von Horror und Fantasy in etablierten Magazinen, wie etwa dem Playboy, bereiteten den hochkarätigen Markt für all die Bradburys, Leibers, Beaumonts und Blochs – der, wie Michael Moorcock in einem Vorwort schrieb, ein breiteres Publikum gerade dadurch erreichte, weil hier zwischen den visionären Aspekten der surreal-unheimlichen Erzählung und der traditionellen Erzählhaltung eine bewusste Vereinigung stattfand, mit Themen modernen Inhalts und in einem weniger hochtrabenden Stil. Schriftstellerinnen, die ihre Möglichkeiten im Unheimlichen sahen, kamen auf – wie zB. Margarete St. Clair, die hauptsächlich für Magazine schrieb, und Shirley Jackson, die sich mehr als Literatin gab.

In den 1960ern schuf die neue britische Strömung (New Wave) eine entgegengesetzte und ebenso einflussreiche Erneuerung, etwa durch Bloch und Bradbury, indem sie das Beste aus SF, Fantasy, Mainstream und experimentellen Einflüssen miteinander verbanden, nicht ohne erhebliche Referenzen an die Surrealisten und die Dichter der Dekadenz zu leisten. Dieser Phase entsprangen Giganten wie Michael Moorcock (dessen Werk nur peripher die unheimliche Literatur berührt), M. John Harrison (in seinen Geschichten der bedeutendste Kritiker am zwanzigsten Jahrhundert,) und J.G. Ballard (dessen surreale SF sich oft wie unheimliche Erzählungen lesen lassen). Harlan Ellison kreierte ein intuitives, leidenschaftliches amerikanisches Gegenstück zu den in London ansässigen Briten mit seiner frühen Erzählung “Ich muss schreien und habe keinen Mund”, und dem späteren “Warum wir träumen” (im selben Band, zu Beziehen bei Heyne).

Außerhalb Amerikas und Englands begannen mehrere Neuerscheinungen dieser Zeit ebenfalls ihren Einfluss geltend zu machen. Das Phantastmagorische der Schauerliteratur wurde am Leben gehalten, sowohl durch die surreale Malerin Leonora Carrington, dem “Londoner Kafka” William Sansom, Merce Rodoreda, Amos Tutuola und Olympe Bhely-Quenum, dessen “A Child in the Bush of Ghosts” den Segen von keinem Geringeren als Andrè Breton bekam.

Der lateinamerikanische Boom, dessen Grundstein Jorge Luis Borges legte, versorgte die phantastische Literatur mit feinen Werken von Augusto Monterroso, Carlos Fuentes, Gabriel Garcia Marquez und Julio Cortàzar, und erweiterte somit ihre Grenzen durch den Magischen Realismus. Eine endgültige Anerkennung des Surrealismus war die Folge, das Politische wurde Bestandteil. In Frankreich arbeitete Claude Seignolle an der Wiederbelebung französischer Märchen durch seine eleganten und anspruchsvollen phantastischen Erzählungen.

Auch eine andere Tradition speiste die phantastische Literatur. Die im Wesentlichen überholte “Schauerliteratur” begann durch die Arbeit von Mervyn Peake in den 1940er und 1950er Jahren, gefolgt von den durch und durch modernen Erzählungen von Daphne du Maurier in den 1960er und 1970er, wiederverwendet zu werden. In Großbrittanien hat Du Maurier für die phantastische Literatur das geleistet, was Bradbury, Bloch, und Leiber in Amerika unter dem Einfluss von H.P. Lovecraft leisteten: Diese Art der Literatur populär zu machen, ohne jene Elemente zu verlieren, die ihre Vorgänger so überzeugend und fremdartig erscheinen ließen.

Auch ein regelmäßiger Mitarbeiter der Weird Tales, Tanith Lee sorgte in Genre-Kreisen für Furore durch eine gewisse Anzahl an Klassikern, die er um diese Zeit herum schrieb, und die alle eine Schauerliteratur-Vorgeschichte haben.

Während der 1960er und 1970er erblühten zwei wichtige und exzentrische Werke wie seltene Orchideen auf karger Erde. Der Franzose Michel Bernanos kam wie aus dem Nichts mit seinem Kurzroman “la montagne morte de la vie” (dt. Terra Infernalis), der vielleicht besten phantastischen Erzählung der gesamten 60er. Bernanos gelang es in diesem Kultklassiker, die Tradition von Jean Ray und Algernon Blackwood mit seiner eigenen Art der surrealen und existentialistischen Herangehensweise zu kombinieren. In den 1970 betrat der unvergleichliche Eric Basso die Bühne der Weird Fiction mit einer avantgardistischen Schauermär, kombiniert mit surrealen und modernistischen Einflüssen, und erschuf mit The Beak Doctor eine der originellsten aller zeitgenössischen unheimlichen Erzählungen. Sie wirkt wie eine dreidimensionale Version von Kubins Die andere Seite, indem Basso Joyce’sche Techniken mit klinischen Details vermischt, um eine traumähnliche Phantasmagorie zu erschaffen, deren Thema eine merkwürdige Schlafkrankheit ist.

Der Aufstieg von Schriftstellerinnen außerhalb solcher Genres wie der Gespenstergeschichte kann ebenfalls in den 70ern verorten werden. Sie beeinflussten die Unheimliche Erzählung durch die unterschiedlichsten Formen neuer phantastischer Elemente. Einige dieser Autorinnen schrieben Weird Fiction, auch wenn sie sich selbst nicht diesem Genre zugehörig fühlten. James Tiptree, Jr. (Alice Sheldon), Angela Carter, Jamaica Kincaid, Joanna Russ, Leena Krohn, Octavia Butler, Elizabeth Hand, und Joyce Carol Oates – sie alle veröffentlichten sigifikante unheimlich-phantastische Erzählungen innerhalb dieser Zeitspanne. Die Vielfalt ihrer Ansätze bereicherten die Nicht-Realistische Literatur über die kommenden Jahrzehnte hinweg.

In den 1970ern und 1980ern erschloss Stephen King durch seinen Erfolg einen neuen Markt für übernatürliche Themen im Roman durch einen naturalistischen Ansatz im amerikanischen Horror. T.E.D. Klein und Karl Edward Wagner trugen ebenfalls dazu bei, indem sie ihr breites Wissen über phantastische Literatur anwandten. In England bot Clive Barker durch die Veröffentlichung der Bücher des Blutes ein neues und anderes Modell an: grenzüberschreitende Erzählungen, die weit über Angst hinausgingen, um Ansichten über den Körper, Entfremdung, und die Natur von Monstern zu untersuchen. Barkers Einflüsse scheinen so vielfältig zu sein, dass eine Aufzählung sinnlos ist. In seinem monumentalen Meisterwerk In the Hills, The Cities (In den Hügeln, die Städte) sind die Visionen eines Bosch und der Surrealisten perfekt mit dem Detailreichtum moderner Erzähltechnik kombiniert. Thomas Ligotti begann in dieser Zeit Dutzende von Geschichten zu schreiben, die allesamt Klassiker des Genres genannt werden müssen. Er nimmt damit, als einer der begabtesten Autoren von Kurzgeschichten des 20. Jahrhunderts, einen Platz neben Kafka und Lovecraft ein.

Der städtische Horror oder “Urban Weird” , der in den 70ern und 80ern Formen annahm, wurde perfekt durch die klaustrophobischen Geschichten Ramsey Campbells transportiert, ein glasklarer Nachkomme Lovecrafts, der seinen Fokus hin zur düsteren englischen Arbeiterklasse verschob. Doch ein Nebenprodukt des neuen Schwerpunkts eines naturalistischen Horrors war die Entfremdung von der unheimlich-phantastischen Erzählung. Der Horror-Boom der frühen 90er, ausgelöst durch die nicht-übersinnlichen Erzählungen über Serienkiller, sowie die extreme Darstellung von Sex und Gewalt durch den Splatterpunk, hatte wenig zu tun mit der Unheimlichen Literatur. (Einflussreiche Schriftsteller wie Peter Straub tendierten dazu, die Weird Fiction für eher neuartige, längere Arbeiten zu nutzen.) Wie auch immer, sogar als sich die Horror-Community immer mehr von der Idee des surrealen oder visionären Horrors verabschiedete, schrieb eine Handvoll Autoren, wie Jeffrey Osier, Jeffrey Thomas, Kathe Koja, Poppy Z. Brite und Caitlin R. Kiernan trotzdem erkennbar in dieser Tradition weiter. Insbesondere Kiernan kann man als die vielleicht beste Schriftstellerin ihrer Generation bezeichnen.

Die letzte bedeutende Entwicklung für die Phantastik kam im frühen 21.Jahrhundert in Form der New Weird-Bewegung auf, die zunächst von M. John Harrison, Steph Swainston und China Mieville diskutiert wurde, und zu der auch Schriftsteller wie K.J. Bishop, Michael Cisco und – Verfasser dieses Beitrags – Jeff VanderMeer gehört. In gewissem Sinne war das New Weird eine Wiederaufnahme der Untersuchung von Themen und Ansätzen der 60er mitsamt den ihnen verbundenen Einflüssen. In diesem Fall jedoch in erster Linie mehr aus der Perspektive des Unheimlichen als der der Science Fiction oder Fantasy. Insbesondere Mievielle gelang es, das Unheimliche neu zu interpretieren, neu zu verknüpfen und besser in Romanform zu gießen, den Tentakel-Horror eines Lovecraft mit der intellektuellen Strenge der 60er zu verbinden. Ein gespenstisches Gegenstück, jedoch nie mit der gebührenden Anerkennung versehen, ist Michael Cisco, dessen erstaunliches Oevre an Romanen mehr von Kafka und der osteuropäischen Literatur beeinflusst ist. K.J. Bishops Beiträge haben eher eine dekadente Neigung, während Swainston die heroische Fantasy neu durchacht hat.

Seitdem hat sich die Phantastik wieder fragmentiert, um vielleicht in Zukunft wieder zusammenzuwachsen – oder auch nicht. Beispiele dieser letzten Periode von Stephen Graham Jones, Reza Negarestani, Micaela Morrissette, Brian Evanson und K.J. Bishop weisen auf eine intime Kenntnis der beiden Stränge Kafka – Lovecraft hin, die allerdings neu kombiniert werden und damit spannende, neue Wege beschreiten. Andere, wie die Arbeiten von Laird Barron, wirken eher traditionell, ihnen gelingt es jedoch durch ihren einzigartigen Stil und ihre Visionen nachwievor zu überraschen.

Was die Phantastik für ihre Leser in Zukunft bereit hält, ist unklar, aber angesichts ihrer letzten Auftritte können wir sicher sein, dass diese Literatur weiterhin anpassungsfähig und eigenwillig bleiben wird. Unsere besten Stilisten werden sich ihr annehmen. Natürlich wird die phantastische Literatur auch weiterhin diskreditiert, verunglimpft und missverstanden werden, weil sie Grenzen überschreitet, weil sie phantasievoll ist – und fremdartig. Dennoch wird sie überleben.

Jeff Vandermeer

Jeff Vandermeer wurde am 7. Juli 1968 in Pennsylvania geboren. Seine eigenen Werke bezeichnet er als Magischen Realismus. Im Jahr 2000 erhielt er den World Fantasy Award für die Novelle “The Transformation of Martin Lake”. Er ist außerdem als Herausgeber und Redakteur tätig.

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