Das Kriegspferd

In den ersten Jahren lebte ich mit einem Kriegspferd in der weiten Ödnis, das sich von fauligen Äpfeln ernährte, die aus allen Richtungen gekullert kamen, so die Zeit es für gut befand, von Insekten auf ihren Tanzbällen belagert und dem Conqueror Worm befallen. Außerdem verstand sich das Pferd ausgezeichnet auf Leichenfledderei, biss die Knöpfe der strengen Uniformen ab und gestattete mir so den Zugriff auf gelbstichige Fotografien und Briefe mit bereits verblassenden Handschriften. Ich verzeichnete alle Örtlichkeiten, aus denen die Briefe stammten und steckte auch die Bilder in meinen Ranzen. Es konnte durchaus sein, dass sich überhaupt kein Muster ergab, wenn aber doch, wollte ich vorbereitet sein und über die Schwelle treten. Die Randbezirke waren voller Geröll und so saßen wir noch ein wenig im Löss, natürlich stand das Pferd, senkte jedoch seinen Kopf in eine für mich angenehme Position, bis die Steinflut vorbeigezogen war. Die Steine wanderten wie Kröten, verharrten aber meist dann, wenn man es eilig hatte. Deshalb hatten wir es nicht eilig, das Pferd und ich, wir verharrten schottergleich und ab und zu kam ein weiterer Apfel angerollt, so dass wir zufrieden waren.
Als die Steine weiter gewandert waren, kamen wir zu einer Anhöhe. Die Steppe breitete sich in die Unendlichkeit, aber wir erkannten bereis von hier aus, dass hinter jedem Heidekrautgewächs eine Leiche lag, unser Katalog würde weitere Nahrung bekommen, aber die eigentliche Arbeit sollte noch vor uns liegen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, das Pferd, das den Rang eines Sergeanten inne hatte, zu reiten, das sagte ich ihm, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, denn meist las ich ihm nur die vielen Briefe vor, damit auch das Pferd, der Sergeant, wusste, was davon ich notiert hatte. Es ging um unser beider Zukunft, auch wenn ich mit den vielen Äpfeln nichts anfangen konnte – meine eigene Nahrung bestand aus sehr harten Keksen und Bohnengerichten, die von den Soldaten mitgeführt worden waren. Doch wusste ich, dass durch jeden Wurm, der mit einem Apfel im Magen des Pferdes verschwand, der Horizont etwas näher an uns heran rücken, die Steppe enden, und sich eines Tages eine Hütte für sichtbar erklären würde, wo ein Atlas auf uns wartete, mit dessen Hilfe wir endlich die Muster deuten könnten.

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Der Bouquinist

Der Bouquinist

Dichter, Übersetzer, Herausgeber