Das Kartenmaterial der Fantasy

Karten sind dem Fantasy-Fan genauso wichtig wie die phantastischen Elemente einer Geschichte selbst. Auch das Artwork spielt eine entscheidende Rolle, so dass man durchaus behaupten kann, Fantasy-Leser tendieren zu einer nahezu ganzheitlichen Erfahrung. Viele folgen ihren Helden sozusagen parallel zu dem, was sie lesen, mit dem Finger auf der Landkarte oder werfen zumindest einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wo sie sich der nรคchste AuรŸenposten, die Taverne oder Stadt befindet. Auch wenn heute Karten immer mehr aus der Mode kommen, ist der Tenor doch weit verbreitet, dass Karten eine gute Sache sind. Es gibt sogar Umfragen, aus denen hervorgeht, dass manche ein Buch, in dem keine Karte enthalten ist, gar nicht kaufen wรผrden.

Das klingt ziemlich verrรผckt, oder nicht? Kein Mensch wรผrde auf die Idee kommen, vor dem Fernsehapparat zu sitzen, mit einer Karte in der Hand โ€“ oder sich den Film, gibt es keine Karte dazu, nicht anzusehen. Mittlerweile geht der Trend ohnehin dahin, keine Karten mehr ins Buch zu drucken, denn nur eine wirklich gute Karte bringt der Geschichte eine weitere Dimension ein, eine schlechte Karte hingegen kรถnnte vom Leser als Kurzsichtigkeit des Autors ausgelegt werden, die Schwรคchen eines fragilen Konzepts hervorheben und die Aufmerksamkeit auf den schlechten Stil lenken.

Neben der guten und angemessenen Covergestaltung ist eine professionell erstellte Karte also unerlรคsslich. Mit den Covern ist das vielleicht verstรคndlicher, und da geschehen gerade heutzutage grauenhafte Dinge, die einen wirklich davon abhalten, das Buch รผberhaupt auch nur anzusehen, mag es gut sein wie es will. Bearbeitete Fotographien oder computergenerierte Bilder geben zwar meistens schon das Signal, die Finger davon zu lassen, aber eben nicht immer.

Ein Grund, warum das Abbilden von Karten heute rรผcklรคufig ist, mag an der Flut der eBooks und eReader liegen . Es ist nicht leicht, aus dem Text zur Karte zu switchen und von da aus wieder zurรผck. Zumindest ist es nicht ganz so einfach, wie in einem Buch zu blรคttern. Aber das ist ein Problem, das die Technik durchaus lรถsen kann.

Sehen wir uns jetzt einfach einige der bekanntesten Karten an.

Thrors Karte

Jede Diskussion รผber relevante Karten in der Fantasy-Literatur sollte die berรผhmte schwarzrote Zeichnung berรผcksichtigen, die dem „kleinen Hobbit“ vorangeht. Die Karte wurde von Tolkien persรถnlich gezeichnet und zeigt den Lonley Mountain (Einsamer Berg) und die ihn umgebenden Gebiete, im Besonderen den Running River (Eiliger Fluss), wie auch die Desolation of Smaug (Smaugs Einรถde) im Sรผdwesten der Berge. Der Unterschied zur deutschen Nachstellung wird gleich offenbar, wenn man sich die beiden Karten nebeneinander betrachtet.

Was an dieser Karte sofort auffรคllt ist, dass sie authentisch wirkt, nicht รผberproduziert, damit sie gut und/oder kรผnstlich aussieht. Sie lรคdt den Leser auf eine Entdeckungsreise ein. Leider fehlen in der deutschen Version die Runen komplett. Wรคhrend englischsprachige Kinder damals wohl unter andere damit beschรคftigt waren, die Runen entziffern zu wollen, betrachtete man bei uns diese wohl nur als unsinnigen Ballast, wer weiรŸ das schon zu sagen, aber es liegt im Bereich des Mรถglichen. (Wobei ich nicht weiรŸ, welche Karte in den unzรคhligen Neuausgaben steckt, ich besitze nur eine sehr alte Ausgabe). Am Ende des Buches findet sich die wunderbare Karte von „Wilderland“ – und wer diese Karten mag, der mag alle, die von Mittelerde gezeichnet wurden. Sie gehรถren zum besten Artwork รผberhaupt.

Erdsee

Als der junge Duny, den sie alle Sperber nennen, auszieht, um ein Magier zu werden, setzt er Segel in einer Welt, die vor Inseln geradezu wimmelt, ob sie nun groรŸ oder klein sind. Zu sagen, die Karte von Ursula K. Le Guins „Der Magier der Erdsee“ sei komplex, wรคre eine Untertreibung.

Ganze Karte

Das sind jetzt nur zwei Beispiele einer faszinierenden Tatsache: dass Karten der Fantasy eine Dimension hinzufรผgen, auch wenn, wie gesagt, die Tendenz heute eher rรผcklรคufig ist (aber wo wรคre sie das nicht?). Man kรถnnte darรผber diskutieren, ob sie denn wirklich fรผr die Story notwendig sind – und es wird ja auch tatsรคchlich fleiรŸig diskutiert. Ob das hierzulande jemanden interessiert, vermag ich nicht zu sagen, mir scheint, wir sind im Wesentlichen leidenschaftsloser in solchen Dingen und ich verfolge persรถnlich auch kaum, was sich hier tut, weil ich da bisher sehr wenig gefunden habe.


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RED.

รœbersetzer, Autor und Redakteur im Phantastikon. Host im Podcast.

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