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Das Haus am Ende der Zeit, Kapitel 1

Nach dem Erscheinen des 4. Bandes im Gespenster-Krimi stand fest, dass man Der Hexer in eigener Serie weiterlaufen lassen wollte. Der immense Erfolg war überraschend und setzte den Fandom für kurze Zeit in Flammen. Jeder wollte wissen, wer der Autor ist (denn auf den Heftchen stand kein Name). Dass man eine Serie nach so kurzer Zeit auskoppelte, ist ein einmaliger Vorgang in der großen weiten Welt der Heftromane. Es mag sehr viel verlegerisches Unvermögen eine Rolle gespielt haben, dass man diesen außergewöhnlichen Erfolg nicht dauerhaft für sich nutzen konnte. Nicht ungewöhnlich für Bastei.

Zum Heft selbst, das als GK 579 erschien, muss gesagt werden, dass dieses erste Kapitel des 3. Buches der Weltbild-Ausgabe die Versprechen der ersten drei Bände nicht ganz halten kann. Hohlbein unterlaufen hier ein paar Dinge, die zwar typisch für den Groschenroman sind, die er aber bisher vermeiden konnte. Das betrifft allerdings nicht die erste Hälfte des vorliegenden Abenteuers, die sich atmosphärisch den Vorgängern nahtlos anschließt.

Robert Craven, Howard Phillips Lovecraft und Rowlf befinden sich auf dem Weg, um die Bücher Roderick Andaras, die mit der LADY OF THE MIST untergegangen sind, zu bergen. Im Zug, mit dem sie den ersten Teil der Strecke zurücklegen, ist ein bisschen Spannung aufgekommen, weil Robert stets das Gefühl hat, Howard verschweige ihm etwas. Auf dem Weg nach Durness, wo sie Taucher anheuern wollen, um nach der wertvollen Kiste zu tauchen, lahmt plötzlich eins ihrer beiden Pferde in einer unwirtlichen Gegend. Wie aus dem Nichts taucht ein gewisser Mr. Boldwinn auf und lädt sie für die Nacht in sein Haus ein.

Bereits in einem Nebenkapitel werden wir davon unterrichtet, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt, hier beginnen aber auch schon die Ungereimtheiten. Jenny Boldwinn und Charles Carradine flüchten sich nämlich vor ihren Vätern in dieses (seit langem) leerstehende Haus. Sie wollen heimlich heiraten, die Väter aber wollen das verhindern und sind ihnen auf den Fersen. Mit diesem Haus stimmt aber etwas ganz und gar nicht, es übernimmt die beiden jungen Leute kurzerhand, und als Mr. Boldwinn und Mr. Carradine dort ankommen, widerfährt ihnen etwas, das uns Leser zunächst vermuten lässt, die beiden Herren seien hier zu Tode gekommen. Und auch als Robert, Howard und Rowlf das Haus (das Boldwinn als seines ausgibt) betreten, denkt man zunächst, Boldwinn sei ein Widergänger. Und das erweist sich sogar als richtig. Boldwinn stellt den (vom Sturz über die Brüstung in dem zu dieser Zeit noch leerstehenden Haus) verkrüppelten Carradine als seinen schwachsinnigen Diener vor. Natürlich halten wir diesen ebenfalls für tot. Und diesmal stimmt unsere Vermutung nicht. Komisch.

Tot oder nicht tot – das ist hier die Frage

Warum ist das so wichtig? Nun, Hohlbein hätte das ganze lösen können, indem er beide Männer zu Tode kommen gelassen hätte oder eben keinen. Das Haus hält Carradine nur unter einem hypnotischen Bann. Warum hat es das nicht auch mit Boldwinn gemacht? Es gibt nämlich keine Erklärung dafür. Ganz im Gegenteil führt uns das sogar in die nächste Ungereimtheit hinein, wie wir am Ende sehen werden, wenn es um den sich im Haus befindlichen Grossen Alten geht, der das Tor in unsere Welt öffnen will.

Robert wird diesen töten und mit einer Verletzung auf der Stirn gezeichnet werden, die sich in seinem Haar fortsetzt. Dort nämlich bekommt Robert – wie bereits sein Vater Roderick, der ebenfalls einen Grossen Alten getötet hatte – eine 5 Zentimeter breite, blitzförmige weiße Strähne, die sich bis zum Scheitel hin zieht. Und das bedeutet vor allem eins: Robert wird ebenfalls bis in alle Ewigkeit gejagt werden. Er tritt hier und heute nun sein Erbe vollständig an.

Auch bei Jenny und Charles verhält es sich zunächst so, dass wir Leser annehmen müssen, die beiden seien tot. Dann kommt ein Augenblick, wo wir annehmen, nur Charles sei tot. Zum Schluss stellt sich heraus, dass beide nicht tot sind, Charles aber unter dem gleichen hypnotischen Bann steht wie Carradine. Jetzt könnten wir uns natürlich ebenso die Frage stellen, warum nicht Jenny ebenfalls unter diesen Bann geraten ist. Brauchen wir aber nicht, denn der Grosse Alte braucht Jenny als Opfer, das sich bereitwillig in ihren Tod fügt, um das Tor in unserer Welt aufzustoßen.

Das kleine Verwirrspiel ist zwar nur nebensächlich und nicht einmal als Fehler an sich zu betrachten, es ist allerdings etwas unsauber. Im Heftroman kann das mit zu wenig Platz argumentiert werden, in der Ausgabe letzter Hand ist es schlichtweg störend.

Nachdem Robert, Howard und Rowlf von (dem untoten) Boldwinn eingeladen wurden, offenbart er den drei Männern, dass er den Auftrag hat, sie im Haus festzuhalten, bis die anderen Mächte die wertvolle Fracht der LADY OF THE MIST geborgen haben. Bei dem anschließenden Handgemenge, zerfällt Boldwinn zu Staub. Und nun zeigt das Haus, was in ihm steckt. Es entpuppt sich als eine mächtige Zeitfalle und reist mit den Freunden in eine Vergangenheit, die 2 Milliarden Jahre zurückliegt, in eine Zeit also, die allein den Grossen Alten gehört. Im Grunde fungiert das Haus wie ein Pflock, der von unserer Gegenwart aus ein Loch in die Zeit schlägt, um den Grossen Alten eine Brücke zu bauen. Warum der Dämon bei solch immensen Kräften ausgerechnet ein Menschenopfer benötigt, bleibt unklar. Denn bereits durch das Ritual der Hexer von Salem, die Yog-Sothoth auf Roderick Andara hetzten, machten sie diesen Tunnel überhaupt möglich.

Menschenopfer also. Zurück zu unserem Verwirrspiel. Jenny ist eines davon. Boldwinn wohl auch. Was aber ist mit Charles und Carradine? Warum hat sich der Grosse Alte diese nicht auch als Opfer auserkoren und sie nur mit einem Bann belegt? Fragen, die wir nicht auflösen können. Trotz dieser holprigen Passagen baut die Serie ihr Schmuckkästchen weiter aus, und unterhaltsam ist das allemal. Nur ab und zu hat man das Gefühl, Hohlbein sei nicht mit seinem limitierten Platz zufrieden.

In Lovecrafts Werken spielen Häuser und Bibliotheken immer wieder eine gewichtige Rolle. Das ist dem okkulten Background gewidmet und der besonderen Rolle des Hauses als natürliche und intime Umgebung. Den ältesten überlieferten Hinweis auf ein Spukhaus findet sich in einem Brief, den Plinius der Jüngere (61 – 112) hinterlassen hat. In diesem Brief wird eine Villa in Athen erwähnt, in der es spuken soll. Lovecraft hat einige erwähnenswerte Spukhaus-Geschichten geschrieben. „Er“, sowie die etwas bekanntere „Das gemiedene Haus“, und nicht zuletzt „Träume im Hexenhaus“ gehören dazu. Die Erwähnung seltsamer Bücher oder Bibliotheken findet sich mindestens genauso häufig in seinem Werk.
Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (129 Artikel)
Michael E. Perkampus ist Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" bei Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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