Das Geheimnis von Windsor Castle / Oscar de Muriel

Oscar de Muriels sechster Band der Frey-&-McGray-Reihe markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der wohl besten viktorianischen Serie, die bisher meisterhaft die Grenze zwischen rationaler Kriminalistik und übernatürlichen Phänomenen ausbalanciert hatte. „Das Geheimnis von Windsor Castle“ führt die beiden ungleichen Ermittler in ihre bisher persönlichste und gefährlichste Konfrontation, während gleichzeitig die narrative Architektur der Serie fundamentale Veränderungen durchläuft, die sich allerdings schon die ganze Zeit über angekündigt hatte.

Um diesen Band vollständig zu verstehen, muss man zu den Ereignissen von „Der Fluch von Pendle Hill“ zurückkehren, dem zweiten Band der Serie. Dort jagten Frey und McGray einen entwichenen Irrenhauspatienten, Lord Joel Ardglass, durch einen mörderischen Schneesturm bis zum Pendle Hill – jenem legendären Ort in Lancashire, wo 1612 die berüchtigten Hexenprozesse stattfanden. Der Fall führte die Ermittler in Kontakt mit einer geheimen Gesellschaft von Hexen, die behaupteten, Nachfahren der ursprünglichen Pendle-Hexen zu sein und deren Macht durch die Jahrhunderte bewahrt zu haben.

Die Verbindung zwischen beiden Bänden ist nicht nur handlungstechnisch, sondern thematisch fundamental. In „Pendle Hill“ etabliert de Muriel die Hexen als ambivalente Figuren – sind sie tatsächlich mächtige Hexen oder geschickte Betrügerinnen, die Aberglauben und psychologische Manipulation nutzen? Die Ermittler töten am Ende mehrere Mitglieder dieses Zirkels, darunter jene Hexe, die Königin Victoria regelmäßige Séancen mit ihrem verstorbenen Ehemann Prinz Albert ermöglichte.

Hier liegt dann auch der Kern des Konflikts: Victoria ist nicht primär wütend über den Mord an Untertanen, sondern über den Verlust ihrer spirituellen Verbindung zu Albert. Die persönliche Trauer der Königin wird zur existenziellen Bedrohung für die Protagonisten. Diese Prämisse ist historisch nicht unplausibel – Victoria war nach Alberts Tod 1861 tatsächlich zutiefst in Trauer versunken und interessierte sich intensiv für Spiritismus. De Muriel extrapoliert diese historische Tatsache und macht sie zum Motor seiner Handlung.

Die überlebenden Hexen des Pendle-Zirkels sind nun auf Rache aus, während Premierminister Salisbury Frey und McGray eine teuflische Wahl gibt: Findet und liefert die verbleibenden Oberhexen aus, oder Victoria wird eure Hinrichtung fordern. Die Ironie ist köstlich – die Ermittler müssen genau jene übernatürlichen Kräfte jagen, deren Existenz sie (zumindest Frey) zuvor bestritten hatten, und ihre einzige Hoffnung auf Überleben liegt darin, Victorias Verbindung zum Okkulten zu befriedigen, während sie gleichzeitig den Hexenzirkel zerstören sollen.

Diese narrative Struktur schafft einen hervorragenden Spannungsbogen: Der Fall ist keine gewöhnliche Ermittlung – das ist er ohnehin nie -, sondern ein verzweifelter Überlebenskampf. Gleichzeitig enthüllt sich ein Geheimnis, das bis zur Geburt Victorias selbst zurückreicht – Gerüchte über ihre möglicherweise illegitime Abstammung, die die gesamte Thronfolge in Frage stellen könnten. Die Hexen, so stellt sich heraus, hüten nicht nur okkulte Macht, sondern auch politisch explosives Wissen.

Was die einzelnen Bände der Reihe so faszinierend macht, ist ihre konstruktive Ambiguität. De Muriel etablierte ein literarisches Spannungsfeld, in dem McGrays abergläubische Weltanschauung und Freys rationaler Empirismus als gleichberechtigte Interpretationsrahmen existierten. Diese Dualität spiegelte sich nicht nur in den Charakteren, sondern in der Struktur der Mysterien selbst wider – jedes übernatürliche Phänomen könnte potenziell eine wissenschaftliche Erklärung haben, und umgekehrt.

Doch die Pendle-Hill-Geschichte verändert diese Balance auch für den Engländer Frey. Bereits im zweiten Band wurde die Grenze zwischen Realität und Aberglauben durchlässig – die Hexen zeigten Fähigkeiten, die nicht einfach nur rational zu erklären waren. Im „Geheimnis von Windsor Castle“ sind die Hexen nicht länger ambivalente Figuren zwischen Scharlatanerie und echter Macht – sie werden zu manifesten Bedrohungen mit unzweifelhaft ans Übernatürliche grenzenden Fähigkeiten, auch wenn diese Grenze nicht grundsätzlich überschritten wird. Dennoch ist diese Verschiebung narrativ bedeutsam, denn sie verändert die epistemologische Grundlage der Serie. McGrays Position, lange Zeit als charmante Exzentrik behandelt, wird zur objektiven Wahrheit, während Freys Rationalismus zunehmend wie hartnäckige Blindheit wirkt.

Trotz dieser strukturellen Verschiebungen bleibt die emotionale Entwicklung des Ermittlerduos das literarische Herzstück. De Muriel zeichnet die Vertiefung ihrer Beziehung mit bemerkenswerter Subtilität. Die beiden Männer, die in früheren Bänden durch gegenseitige Verachtung und Klassenkonflikte definiert waren, haben eine Verbundenheit entwickelt, die nie explizit artikuliert, aber in jeder Interaktion spürbar wird.

Diese Charakterentwicklung ist besonders bemerkenswert vor dem Hintergrund viktorianischer Männlichkeitsnormen, die emotionale Intimität zwischen Männern strukturell verhinderten. Frey und McGray bleiben ihrer Zeit verhaftet – sie streiten, sie beleidigen sich, sie würden niemals von Freundschaft sprechen – und doch ist die Tiefe ihrer Bindung unübersehbar.

Die Darstellung von Königin Victoria ist der vielleicht kontroverseste Aspekt des Romans. De Muriel präsentiert sie nicht als majestätische Herrscherin, sondern als zutiefst beschädigte, trauernde Frau, deren Macht sie nur noch gefährlicher macht. Die historische Victoria war tatsächlich besessen von Spiritualismus nach Alberts Tod, und de Muriel extrapoliert diese Obsession zu ihrem logischen Extrem.

Diese Charakterisierung wirft interessante Fragen über die Beziehung zwischen Macht und Verletzlichkeit auf. Victoria ist gleichzeitig allmächtige Monarchin und verzweifelte Witwe, Königin eines Imperiums und Gefangene ihrer Trauer. De Muriels Darstellung ihrer körperlichen Verfassung – extrem übergewichtig, von Schmerzen geplagt – macht sie menschlich, während ihre politische Macht sie monströs macht. Sie wird zur perfekten Gothic-Figur: mächtig und hilflos, furchterregend und bemitleidenswert.

Und so steht auch dieser Roman fest in der Tradition der viktorianischen Schauerliteratur, spielt aber gleichzeitig mit den Konventionen des Genres. Die klassischen Elemente sind alle vorhanden: düstere Gebäude, nebelverhangene Landschaften, übernatürliche Bedrohungen, alte Flüche. Doch de Muriel setzt diese Elemente in einen explizit kriminalistischen Rahmen, wodurch immer wieder eine erstaunenswerte hybride Form entsteht.

De Muriels Prosa zeichnet sich wie immer durch Eleganz und einen scharfen Sinn für Humor aus. Der Wortwechsel zwischen Frey und McGray ist oft brillant, voller Ironie und perfekt gesetzt. Der Autor beherrscht die Kunst, Spannung mit Humor zu durchbrechen, ohne die Atmosphäre zu zerstören.

Der siebte und letzte Band wird zeigen müssen, ob de Muriel die verschiedenen Fäden jetzt auch noch zu einem befriedigenden Abschluss verweben kann, oder ob die Serie unter dem Gewicht ihrer eigenen Mythologie zusammenbricht.


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MP

Übersetzer, Autor und Redakteur im Phantastikon. Host im Podcast.

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