Das Gefängnis

1
Von weitem sieht es wie Schrift an der Wand aus. Doch wenn man sich dem Gebäude nähert, bemerkt man rasch, dass das, was ein Gedicht oder eine Geschichte zu sein versprach, nichts weiter als eine Häufung scheinbar sinnloser Zeichen ist. Die meisten gleichen der “8” alter digitaler Taschenrechner: ein in der Mitte durchgestrichenes Rechteck. Andere sehen wie ein auf den Kopf gestelltes “W” aus. Da sind auch Dreiecke mit darübergelegtem “X”. Keine Geschichte, nur tief in den Verputz geritzter Unsinn.

2
Es ist jedoch fast unmöglich, sich ihrer hypnotisierenden Wirkung zu entziehen. “Es sieht wie eine umgestülpte Gefängniszelle aus”, meinte meine Tochter.

Ich beschloss, der Sache nachzugehen und einige Nachbarn zu befragen. Und das ist die Geschichte, die ich fand:

3
In den Siebzigern wurde eine schwangere Frau eines abscheulichen Verbrechens angeklagt, verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Als sie ihren Sohn gebar, wurde ihr erlaubt, das Kind zu behalten, und so wuchs der Knabe in ihrer Zelle auf, während sie die Tage und Wochen ihrer elenden Existenz zählte, indem sie kleine Striche in die Wände ihrer Zelle ritzte: jeweils sieben Striche, die so angeordnet waren, dass sie eine “8” bildeten. Eine “8” für jede Woche.

4
Irgendwann in den Achtzigern, wurde das Amt für Kinderschutz auf die gesetzwidrige Inhaftierung des Jugendlichen aufmerksam und ordnete dessen Entlassung an. Er wollte die Zelle seiner Mutter nicht verlassen, doch man liess ihm keine Wahl. Was sollte er hier draussen? Er verstand die chaotische Welt nicht, in der man ihn zu leben zwang. Eine gute Seele bot ihm einen Job und ein altes Lagerhaus an, in dem er sein verwirrtes Haupt betten konnte. Er begann, die Tage seiner elenden Existenz zu zählen, indem er kleine Striche tief in den Verputz der Aussenwand seines Lagers ritzte: Die Welt war sein Gefängnis. Er wollte zurück in die sichere Freiheit der Zelle seiner Mutter, wo sein Geist frei sein konnte und nicht von den Freveln dieser Welt abgelenkt wurde.

5
“Wenn du ins Gefängnis willst”, sagten die Leute, “musst du ein Verbrechen begehen. Etwas stehlen, jemanden verletzen, was immer dir am Meisten zusagt.”

6
Verbrechen sagten ihm nicht zu. Er war ein guter und unschuldiger Mensch, der einfach nur in Frieden leben wollte. Die Wochen verstrichen, und jede einzelne hinterliess ihre Spur an der Wand. Irgendwann wurde der junge Mann krank: Er begann, wirre Symbole in die Wand zu ritzen. Die Nachbarn waren in Sorge.

7
Die Gemeinschaft steckte die Köpfe zusammen: Wie könnte man dem Jungen helfen? Mit vereinten Kräften begingen sie schliessich ein ernstes Verbrechen. Die Indizien deuteten alle auf den jungen Mann. Während der Gerichtsverhandlung beharrte dieser auf seiner Unschuld, doch dem Richter waren die Hände gebunden: “Willst du mir etwa weismachen, dass all diese Menschen, die dich lieben und gegen dich aussagen, Lügner sind?”

8
Er wurde ins Gefängnis geschickt. Er war sich nicht sicher, ob das eine gute Sache war. Er war wieder an dem Ort, den er liebte, doch war er da aus falschem Grund. Sein guter und unschuldiger Geist sagte ihm, dass er dessen unwürdig war. Schließlich hatte er nichts getan, um solch ein Schicksal zu verdienen.

Bild: Markus A. Hediger
Markus A. Hediger

Markus A. Hediger

Wurde 1969 in Schaffhausen geboren, aufgewachsen ist er in Brasilien. Nach dem Abitur in São Paulo studierte er Germanistik und Theologie an der Universität Zürich. Danach verbrachte er einige lehrreiche Jahre in der Bank- und Versicherungsindustrie. Seit Ende 2007 lebt er in Rio de Janeiro, wo er als Übersetzer und Deutschlehrer tätig ist.

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