Das Ende

Constantin Dupien - Das Ende
© Julia Takagi

Diese Geschichte beruht zu Teilen auf einer wahren Begebenheit. Ein tragisches Ereignis, das sich etwa um 1980 in Leipzig abspielte.

11:37 Uhr – Zustand: klar und ruhig – keine Schmerzen – Stimmung: ein leichtes Kribbeln vor Aufregung

Nur mehr wenige Minuten bleiben mir, vielleicht eine Stunde, und dann ich werde ich tot sein. Noch geht es mir gut. Nie war ich bei so klarem Bewusstsein wie jetzt.
Der Gedanke reifte nicht etwa über einen längeren Zeitraum in mir. Es überkam mich urplötzlich. So als wären zwei Synapsen aneinandergeprallt und hätten Funken geschlagen. Das Feuer, das sich dadurch entwickelte, loderte binnen eines Wimpernschlages in jeder einzelnen Gehirnzelle. Breitete sich über meinen ganzen Körper aus und hüllte mich in eine wohlige Wärme. Als ich die Augen vollends wieder aufgeschlagen hatte, assoziierte mein Gehirn den vor mir stehenden Gasherd nicht mehr mit dem veralteten Schrotthaufen, der er aus materieller Sicht war und für den ich ihn ursprünglich auch gehalten hatte. Das Gerät verwandelte sich in meiner Wahrnehmung zu einem Instrument der Erlösung. Zu meinem Instrument der Erlösung.
Inzwischen steht es einsatzbereit in der Küche meiner Wohnung, vielleicht zwei Meter von mir entfernt. Doch die Distanz scheint viel geringer, als genügte es, beide Arme auszustrecken, um den kalten Stahl fest umschlingen zu können. Lieber würde ich meine geliebte Anna-Maria umarmen. Ich lege Stift und Papier beiseite. Es kann beginnen.

*

„Was verlangst du für dieses Stück?“, fragte ich den alten Mann, dessen ölverschmierte Latzhose sich nahtlos in die metallene Melange verrosteter Autos, Motorräder und unzähliger Haushaltsgeräte aus der vergangenen Welt einreihte. Der Alte bedachte mich mit einem abschätzenden Blick.
„Für das Schrottteil? Pah!“ Mit einer eindeutigen Handbewegung gab er mir zu verstehen, dass kein Tauschgut vonnöten wäre. Wahrscheinlich erregte meine hagere Gestalt sein Mitleid. Vielleicht wollte er sich aber auch nur darüber amüsieren, wie ich Hänfling das Gerät abtransportieren würde. Es war mir egal, was er dachte.
„Hast du auch eine Gaskartusche dafür?“, fragte ich.
Hämisches Lachen.
„Machste Witze? Würd’ dir das Ding doch sonst nich’ einfach so überlassen, pah!“
Ich nickte. Dann fiel mein Blick auf eine alte englischsprachige Ausgabe von John Steinbecks Of Mice and Men. Das Funkeln in meinen Augen versuchte ich zu unterdrücken. Der Alte sollte nicht wissen, dass so ein vergilbtes Buch einen großen Wert haben konnte in den Händen eines Literaturliebhabers. Steinbecks Geschichten waren es, durch die ich seit meiner Jugend den Wunsch hegte, selbst ein Autor zu werden. Ein Laib Brot bescherte mir das Buch und ein zahnloses Grinsen. Beide Seiten glaubten, einen guten Deal gemacht zu haben.

Ich steckte den Steinbeck in die Hosentasche, hievte das Gerät auf einen klapprigen Rollwagen, befestigte es mit einem ausgefransten Seil und verließ den Schrottplatz, ohne mich von dem Mann zu verabschieden. Angestrengt trottete ich durch die nahezu verlassenen Straßen Leipzigs, den Wagen hinter mir herziehend und hoffend, dass er nicht auseinanderbrechen würde. Die Prager Straße entlang (zumindest hieß sie einmal so, als Namenszuweisungen noch eine Bedeutung hatten), wo seit fast einhundertfünfzig Jahren das Völkerschlachtdenkmal wie ein drohender Riese über alles wachte. Als das Chaos ausgebrochen war, konnten jedoch auch die Abermillionen Tonnen Gesteinsbrocken nichts daran ändern: Die Mauern unserer gewohnten Verhältnisse, aus der Zeit vor meinem Gefängnisaufenthalt, wurden gnadenlos niedergerissen. Nie wieder wird es so werden wie früher.
Die Zeit im Gefängnis … Zwölf Jahre lang vegetierte ich in einer einsamen Zelle dahin. Erst als Gefangener des Staates, dann als vergessenes Kind der vergangenen Welt, mit dem niemand etwas anzufangen wusste, und das deshalb eingesperrt blieb. Wahrscheinlich erging es mir dort besser als den Menschen da draußen, die den Niedergang miterlebten.

Der aufgerissene Asphalt erschwerte es mir, den Wagen unfallfrei durch die Straßen zu steuern. Buschwerk wuchs aus den tiefen Ritzen, die sich wie ein weitverzweigtes Astwerk über den Boden zogen. Links und rechts des Weges lagen ganze Häuserblöcke in Trümmern. Hie und da erblickte ich die Rauchschwaden eines Lagerfeuers, an dem sich heruntergekommene Gestalten wärmten. Sie würdigten mich keines Blickes – zu viel Angst hatten sie vor den schwarzen Flugmaschinen, die beständig über uns kreisten und alles überwachten … und notfalls eingriffen, sollten sie etwas (scheinbar) Verdächtiges entdecken.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreichte ich den Rundling. Der innerste Zirkel der in drei konzentrischen Ringen angeordneten Wohnblöcke hatte die Zerstörungswellen wie durch ein Wunder nahezu unbeschadet überstanden. Auch wenn es seit Jahren kein fließendes Wasser und keinen Strom mehr gab, so bot mir dieser Unterschlupf immerhin ein festes Dach über dem Kopf. Von meinen Nachbarn hörte ich wenig, jeder war damit beschäftigt, sich selbst am Leben zu erhalten. Eine gemeinschaftliche Ader existierte nicht mehr.
Unter Einsatz meiner ganzen Kraft zerrte ich den Herd Stufe um Stufe höher, bis in den zweiten Stock, bis hinein in meine Wohnung, bis in die Küche, wo ich ihn abstellte. Stark schwitzend stützte ich mich darauf ab und rang nach Luft. Nahrungsmittel waren ein extrem knappes Gut, und oft fehlte mir bei körperlicher Anstrengung die Kraft.
Wo und wie ich eine funktionierende Gasflasche auftreiben könnte, waren Fragen, denen ich mich später widmen würde. Um mich erst einmal zu erholen, schlug ich das in dunkles Leder eingebundene Buch auf, in dem sich meine handschriftlichen Aufzeichnungen befanden. Nicht ohne Stolz blätterte ich durch die Seiten. Einzig die letzten zehn waren bisher weiß geblieben – jedoch gab ein Bild von mir und Anna-Maria, meiner Freundin, der Tristesse einen Farbtupfer.
Anna-Maria.
Ich vermisste sie so sehr. Doch noch konnte ich nicht aufgeben, das letzte Kapitel fehlte zur Vollendung meines ersten und einzigen Werkes.
Mein Atem ging schwer, die ausgemergelten Hände zitterten. Ich schlug das Buch ziemlich weit vorne auf und begann zu lesen …

Für die Nachwelt!
Die Menschheit, so waren sich die Wissenschaftler im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert einig, würde bis zum Jahr 2050 auf nicht mehr als neun Milliarden Menschen anwachsen. Gleichzeitig werde sich die Getreideproduktion durch technischen Fortschritt jedoch so verbessern, dass diese Wachstumsrate ohne Lebensmittelknappheit zu stemmen sei.
2044, im achten Jahr meiner Haft, überschritt die Weltbevölkerung die Zwölf-Milliarden-Marke. Vor allem in den ärmsten Nationen, aber auch in den Schwellenländern gebaren die Mütter immer mehr Babys. Und dieser Nachwuchs wiederum zeugte bald seinerseits neue Kinder – die Weltbevölkerung wuchs superexponentiell, während die Nahrungsmittelproduktion mit dieser Geschwindigkeit nicht mithalten konnte. Wie waren so viele Mäuler zu stopfen? Wer hatte ein Anrecht auf eigentlich freie Güter wie Wasser und die Fischbestände der Weltmeere?
Mit der Zeit klärte sich diese Frage von selbst: Ganze Artbestände landeten in den gierig schlemmenden Mündern. Der Hunger der Menschheit war unersättlich. Luxusliner wurden in gigantische Fischerboote umfunktioniert, Fabrikhallen verwandelten sich in automatisierte Schlachthäuser. Doch noch immer verlangten die Hungernden nach mehr. Bald schon gab es keine Fische mehr zu fangen und kein Vieh mehr zu schlachten. Als Erste lehnten sich die Chinesen auf. Über drei Milliarden Menschen mussten ihre leeren Mägen füllen, um nicht elendiglich zu krepieren. Sie kämpften gegen ihre Regierung und stürzten diese, lebten fortan in Anarchie.
Die Biologen und Chemiker der westlichen Hemisphäre versuchten in der Zwischenzeit, dieser tragischen und gefährlichen Entwicklung entgegenzusteuern. Sie manipulierten immer mehr Gene, um Weizen, Roggen und Soja schneller und wetterbeständiger wachsen und gedeihen zu lassen. Tierembryonen injizierten sie spezielle Wachstumshormone, sodass Schweine, Rinder und dergleichen nach wenigen Wochen ausgewachsen und bereit für den Schlachthof waren.
Es hätte funktionieren können. Doch die Wissenschaftler hatten ihre Rechnung ohne Mutter Natur gemacht. Die mochte diese ganze Idee mit veränderten Genpools nicht. Durch das zigfache Kreuzen des Erbgutes entstand eine fatale Disharmonie in der Pflanzen- und Tierwelt. Unerklärliche Krankheiten und Seuchen brachen aus, der Verzehr von Fleisch verursachte tödliche Darminfekte, Bäume verloren ihre Blätter und Früchte, Kartoffeln verdarben im Boden und auf den Feldern standen kornlose Halme. Immer mehr Menschen bevölkerten die Erde und mussten aus immer weiter schwindenden, teilweise vergifteten Nahrungsvorräten versorgt werden. Eine Eskalation war vorprogrammiert.

*

11:43 Uhr – Zustand: immer noch klar und sehr gefasst – keine Schmerzen – Stimmung: Die Aufregung weicht einem beruhigenden Gefühl der Gewissheit

Sorgfältig verschließe ich die Haustür und lasse den Schlüssel stecken. Langsam schreite ich den Flur entlang. Vorbei an all den Fotos von Anna-Maria und mir, die an der Wand hängen. Bilder aus einer Zeit, in der die Dinge schon genauso schlecht standen, wir uns aber gegenseitig Hoffnung geben konnten.
Nachdem auch die Tür zur Küche ins Schloss gefallen ist, wird mir bewusst, dass es kein Zurück mehr gibt. Mit Klebeband verschließe ich die Ritzen rings um die Fenster, in den Abluftschacht stopfe ich einen alten Lappen. Dann presse ich ranzige Geschirr- und Handtücher, die ich in den vergangenen Stunden aus Mülltonnen zusammengesucht habe, in die Türschlitze und eliminiere auch den letzten Sauerstoffzugang. Der Raum ist jetzt hermetisch abgeriegelt.
Mit wenigen Handgriffen besiegele ich mein Schicksal: den Hahn der Gaskartusche aufdrehen, den Zündknopf betätigen, alle vier Flämmchen entfachen und … abwarten.
Geduldig setze ich mich an den Esstisch, nehme Bleistift und Papier zur Hand und führe meine kurz zuvor begonnenen Schreibarbeiten fort.

*

Als die Nacht hereinbrach, begab ich mich auf die Suche nach einer gefüllten Gaskartusche. Ich hoffte, dass vor dem Zusammenbruch noch irgendwo in den alten Mehrfamilienhäusern in Lößnig, die man vor dem Zweiten Weltkrieg erbaut hatte, mit Gas geheizt wurde. Die meisten Gebäude standen seit Jahren leer. Niemand benötigte mehr so viel Wohnplatz, der im Winter mit Wärme versorgte werden musste.
Behutsam bewegte ich mich durch die Finsternis. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich war, dass sich jemand an mich heranwagte, sollte doch niemand die Möglichkeit bekommen, mir meinen ersehnten Fund, so ich ihn erst in den Händen hielt, wieder abzunehmen.
Vor den geheimnisvollen Flugmaschinen am Himmel konnte ich mich nicht verstecken, ihre Sensoren durchdrangen problemlos die Dunkelheit, und selbst Stahl und meterdicke Betonwände stellten kein Hindernis für ihre mechanischen Augen dar. Ich musste auf mein Glück hoffen und mich so unauffällig benehmen, wie es bei einem nächtlichen Streifzug eben möglich war. Niemand wusste, wo diese verdammten Dinger herkamen und wer sie steuerte. Nach dem Ende der Konflikte waren sie einfach aufgetaucht und schwebten seitdem über den Städten Europas. Sie kontrollierten uns, ahndeten Verbrechen und bestraften das Zusammentreffen von Menschen, erstickten jedwedes Aufkommen von Gemeinschaftsaktivitäten und Gruppendynamik im Keim. Dabei kannten sie nur eine Strafe: einen Laserstrahl, der die Körper ins Nichts verschwinden ließ. Niemand wusste, was mit den Verlorengegangenen, wie sie genannt wurden, passierte. Keiner wollte es herausfinden. Auch auffälliges Verhalten einzelner Personen weckte zuweilen das Interesse der Überwacher. Dabei konnte man sich nie sicher sein, ob man nicht selbst gerade beobachtet wurde. Europa wurde zu einem gigantischen Panopticon. Die verbliebene Menschheit verkam zu einem riesigen Heer unmündiger Gefangener in Einzelzellen.
Es war eine kalte und sternenlose Nacht. Auf meinem Weg begegnete ich keiner Menschenseele. Ich schlich durch einen schmalen Pfad und erreichte wenige Schritte später mein Ziel.
Die ersten drei Häuser brachten mir wenig Glück. Zwar waren sie, wie erwartet, unbewohnt, jedoch ließ sich kaum etwas Nützliches finden – und erst recht nicht das, wonach ich begehrte. Meine einzige Beute war eine Armbanduhr, deren Glas gesprungen war, die aber erstaunlicherweise funktionierte. Die Zeitangabe konnte durchaus stimmen, denn vor drei Stunden war die Sonne untergegangen, was in etwa mit der Stellung der Zeiger übereinstimmte. Auch wenn Stunden und Minuten eigentlich keine Rolle mehr spielten, legte ich die Uhr an. Sie konnte mir bei meinem geplanten Vorhaben nützlich sein.
Das nächste Gebäude betrat ich durch ein weit aufklaffendes Loch in der Fassade. Ich suchte nach der Küche und fand … die Überreste eines Elektroherdes. Gerade als ich das Grundstück enttäuscht wieder verlassen wollte, vernahm ich ein leises Röcheln, das aus dem Nebenzimmer zu kommen schien. Leise schlich ich in die Richtung des Geräusches. ‚Vielleicht hat der Fremde mich gar nicht gehört‘, dachte ich und trat im selben Moment auf zersplitterte Glasscheiben. Das Knirschen durchbrach die Stille der Nacht. Gebannt blieb ich stehen und lauschte in die Dunkelheit hinein, als ein Schuss sich löste …

*

11:54 Uhr –Zustand: relativ klar – keine Schmerzen, jedoch ein einsetzender leichter Schwindel – Stimmung: schwermütig

Das Rekapitulieren vergangener Ereignisse in meinem Leben, selbst das Besinnen auf die Geschehnisse der letzten Tage, fällt mir zunehmend schwerer. Noch sind es keine wirren Illusionen und Fantasien, die mein Denken leiten, doch es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis das entweichende Kohlenmonoxid erst gierig meinen Verstand und schließlich die Luft zum Atmen verzehren wird.
Erste Anzeichen deuten bereits auf einsetzenden Verfall hin. Meine Konzentration reicht für kaum mehr als ein oder zwei Gedanken (oder geschriebene Sätze). Müdigkeit setzt ein, und meine Augen scheinen den Raum, in dem ich mich befinde, nur noch als ein verschwommenes Abbild der Realität zu projizieren. Es fühlt sich so an, als würde ich nicht hierher gehören, wäre niemals ein Teil dieser Welt gewesen. Anna-Maria, wo bist du?

*

Das Projektil schlug unweit neben mir in die Wand ein. Mit einem Hechtsprung versuchte ich, mich in Sicherheit zu bringen. So sollte es nicht enden. Weitere Schüsse lösten sich aus der Schwärze des Nachbarraumes. Vorsichtig lugte ich hinter meiner Deckung, einem ausgebeulten und zerfledderten Stoffsofa, hervor. Das hell aufflackernde Mündungsfeuer zeigte die Position des Angreifers an. Das Knacken zerberstenden Holzes verriet mir, dass zwei Kugeln wahrscheinlich den Türrahmen getroffen hatten. Die nächsten Geschosse blieben dicht neben mir in der Wand stecken. Ich hörte, wie ein Teil des Putzes abbröckelte und auf den Fußboden niederrieselte. Da die Schüsse in unmittelbarer Nähe eingeschlagen hatten, duckte ich mich wieder – eine weise Entscheidung, denn die letzte Kugel durchfetzte die Couch und streifte mit verminderter Geschwindigkeit meinen Oberarm. Dann machte es klick, klick. Das Magazin war leer geschossen. Ich nutzte diesen kurzen Augenblick, um aus meiner Schutzposition herauszustürmen, hinein ins Ungewisse.
Schemenhaft erkannte ich einen Mann, der, mit dem Kopf an die Wand gelehnt, auf dem Boden lag. Ich stürzte mich auf ihn, holte zum Schlag aus … und hielt inne. Der Unbekannte zeigte keine Gegenwehr. Anscheinend war er zu verletzt oder zu geschwächt, um sich gegen mich aufzubäumen. Ich ließ von ihm ab.
„Bitte schlag mich nicht. Ich hatte doch nur Angst.“
Unversehens setzte mein Herzschlag für einige Sekunden aus. Ich keuchte schwer, dieses Mal jedoch nicht vor Anstrengung, sondern auch, weil ich um Fassung rang. In meinem Kopf drehte sich alles.
‚Diese Stimme‘, durchfuhr es mich. ‚Nein, das kann doch nicht sein, das ist doch …‘
„Peter, bist du es?“ Während ich sprach, entfachte ich eines der Streichhölzer, die ich immer bei mir trug. Zwei verdutzt dreinblickende Augenpaare trafen sich im winzigen Lichtkegel der Flamme. Dennoch reichte die Helligkeit aus, um Gewissheit zu erlangen.
Peters Gesicht wirkte kraftlos und war eingefallen. Vermutlich dachte er das Gleiche über mich.
„Was zur Hölle …?“, fragte er. „Das gibt es nicht. D-du lebst?“
„Mehr oder weniger“, antwortete ich knapp.
Peter war während unserer Jugendzeit mein bester Freund gewesen. Gemeinsam gingen wir durch dick und dünn, standen immer füreinander ein. Vor allem ich für ihn, wenn er mal wieder etwas angestellt hatte. Für Peter ging ich in das Gefängnis. Für ein Verbrechen, das er begangen hatte.
Er brachte mit brüchiger Stimme hervor: „Wie ist es dir ergangen, was treibst du hier?“ Das Sprechen bereitete ihm sichtlich Schmerzen, aber er bemühte sich anscheinend, diese Schwäche vor mir zu verbergen.
„Du hast mich nicht ein einziges Mal besucht während der zwölf Jahre. Verdammt, ich habe dich davor bewahrt, in den Knast zu wandern, und du lässt mich einsam in einer Zelle verrotten. Dann finde ich dich eine halbe Ewigkeit später zufällig wieder, wie du im Dreck liegst und dahinsiechst.“
„Es tut mir so leid. Ich … Hilf mir!“
Mit einer abwehrenden Handbewegung bedeutete ich ihm, den Mund zu halten. Dann ging die Flamme aus und die Dunkelheit kehrte zurück.
„Tut mir leid, ich kann nicht länger hier bleiben, sonst entdecken uns diese verdammten Dinger da oben. Dann sind wir beide dran“, erklärte ich. Dennoch entzündete ich ein weiteres Streichholz, um meinem alten Freund ein letztes Mal ins Gesicht zu blicken.
Er spürte, dass von mir keine Hilfe zu erwarten war. Seine Augen drückten Scham aus, aber auch die Neugier Hunderter unbeantworteter Fragen. Die Schuldgefühle, die ihn quälten, gaben mir keine Genugtuung. Auch nicht, dass er sich bei einem Hustenanfall vor Schmerzen krümmte. Der entkräftete Körper wand sich am Boden. Peters Atem ging schwer. Als auch das zweite Zündholz verglüht war, erlosch ebenso jeder Hass in mir, den ich jemals gefühlt hatte. In meinem Herzen gab es keinen Platz mehr für solch starke Empfindungen. Ein Mensch lag im Sterben, und ich verspürte nichts. Gleichwohl, aus einem unergründlichen Anflug von Sentimentalität heraus, ließ ich mich neben dem Sterbenden nieder, um ihn bis zu seinem Tod zu begleiten.

*

12:43 Uhr –Zustand: labil, Schwindelanfälle und Müdigkeit – heftige Kopfschmerzen und kurze Aussetzer – Stimmung: zweifelnd

Weiterhin entfleucht das tödliche Kohlenmonoxid unaufhaltsam aus der Gasflasche. Ich lasse es geschehen. Meine Anna-Maria wird nie mehr zu mir zurückkehren, wahrscheinlich ist sie schon lange zu Staub zerfallen. Sie war mein Halt in einer Welt, die nichts zu bieten hat als Tod, Verderben und Einsamkeit.
Die Symptome sind genauso, wie es zu erwarten war. Eine schnell einsetzende Müdigkeit, begründet durch den Sauerstoffmangel im Gehirn, gepaart mit einem stark pochenden Kopfschmerz – ich gebe mir noch eine halbe Stunde, maximal fünfundvierzig Minuten. Unversehens setzen Erinnerungen an meine Kindheit ein. Das unbeschwerte Aufwachsen mit Mama und Papa. Die einzelnen Szenen werden immer wieder unterbrochen von kurzen Momenten völliger Schwärze. Wenn ich die Uhr kontrolliere, bemerke ich, dass die Aussetzer bis zu einer Minute dauern.
Meine Erinnerungen verblassen mehr und mehr. Der Schmerz in meinem Schädel übermannt alle Sinne, offenbart seine übermächtige Kraft. Tränen wollen über meine Wangen rinnen, doch weder gelingt es mir, meinen Körper zu kontrollieren, noch, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Hoffentlich wird man später meine Handschrift entziffern können.

*

Am Horizont funkelten die ersten Sonnenstrahlen und kündigten einen neuen Tag an. Keiner von uns beiden hatte während der letzten Stunden auch nur ein einziges Wort gesprochen. Stillschweigend saß ich neben Peter und beobachtete, wie das Leben langsam aus ihm wich. Den Kopf zu mir gewandt, wie ich im einsetzenden Morgengrauen undeutlich erkennen konnte, blickte er mich an. Hoffte er auf Absolution?
Wieder aus einem mir unerklärlichem Gefühl heraus schloss ich die Augen und begann zu erzählen:
„Als ich aus dem Knast kam, habe ich eine Frau kennengelernt, Anna-Maria. Du hättest sie sicher gemocht. Sie war mutig und fürchtete diese verdammten Flugmaschinen ebenso wenig wie ich. Wir lebten zusammen in einer Wohnung, kannst du das glauben? Sie haben uns in Ruhe gelassen. Und wenn, dachten wir, holen sie uns beide. Dann wäre es auch egal. Mit einer einfachen Analogkamera haben wir uns fotografiert, wie ein gewöhnliches Paar in der alten Zeit. Nachts liebten wir uns. Ich habe ihr gesagt, dass ich immer bei ihr sein will, und dann … dann war sie weg. Diese Dinger haben sie einfach geholt und mich verschont. So war das nicht geplant. Nein, alleine kriegen die meine Seele nicht, lieber sterbe ich vorher.“
Tief sog ich die frische Morgenluft in meine Lungen ein und öffnete die Lider. Peters Atem wurde indes immer flacher, das beständige Röcheln war kaum mehr zu vernehmen. Ich erzählte ihm von meinem Plan. Erklärte, weshalb ich des Nachts durch das Haus geschlichen kam.
Jetzt, bei Tageslicht, konnte ich meine Streifwunde besehen. „Mann, da hab ich ganz schön Glück gehabt, dass du so ein schlechter Schütze bist. Ich … Peter?“
Eine Hand ergriff meinen Arm. Zwei schreckgeweitete Augen starrten mich an. Durch Peters Körper ging ein Ruck, der wie ein Messer meinen Panzer zerschnitt. Weinen konnte ich nicht, doch ich verspürte eine ähnliche Pein, wie sie mir die Erinnerungen an Anna-Maria bereiteten. Mit seinem letzten Atemzug hauchte Peter nur ein Wort: „Keller!“ Dann war er tot.
„Ich verzeihe dir“, sagte ich nach einer Weile in die Stille hinein.

Auf dem Weg zurück nach Hause begegnete ich wieder vereinzelt am Straßenrand herumlungernden Personen, die scheinbar völlig emotionslos dastanden und sich an kleinen Lagerfeuern wärmten. In Wahrheit hatten sie Angst. Ja, es blieb friedlich nach dem Ende der vergangenen Welt, aber die Menschen vegetierten seitdem vor sich hin, gefühllos und ohne echtes Bewusstsein. Figuren aus Fleisch und Knochen, durch deren Adern jedoch kein Blut mehr floss und deren Haut sich eiskalt anfühlte, wenn man sie berührte, weil in ihren Herzen kein Platz mehr war für Wärme und Menschlichkeit.
Als ich die Stufen zu meiner Wohnung emporstieg, fühlte ich mich entschlossen wie nie zuvor. In beiden Händen hielt ich die schwere Gasflasche, die Peter im Kellergewölbe versteckt gehalten hatte. Wenig später saß ich wieder auf einem Stuhl in der Küche und griff nach meinem Buch.

Nationen stritten sich erst friedlich in den Kabinetten und verhandelten bei konspirativen Treffen. Sie verbündeten sich miteinander, schlossen Rückversicherungsverträge, die sogleich über andere Rück-Rückversicherungsverträge wieder gebrochen wurden. Während das politische Karussell unzählige Runden drehte, einzig mit dem Ergebnis eines stetig steigenden Misstrauens untereinander, verhungerten die Menschen. Der Point of no Return war nach nicht einmal einem Jahr überschritten. Regierungen, so sie noch nicht gestürzt worden waren, schickten ihre müden Soldaten in Kriege, um sich die letzten verbliebenen Ressourcen auf der Erde zu sichern, ehe diese für immer versiegten.
Dann krachte es in Russland und den Vereinigten Staaten. Dort, wo die Regierungen am stabilsten waren, wurden die ersten Befehle zum Angriff gegeben. Amerika und das riesige Russland, die Atombomben reichten für beide. Der radioaktive Staub wanderte in die Atmosphäre und prasselte als todbringender Niederschlag auf die Südamerikaner und Australier nieder.
In Afrika hatte sich die Lage gänzlich anders entwickelt. Nachdem die Christen alle Muslime vom Kontinent verbannt oder in den dreijährigen Glaubenskriegen getötet hatten, verbreitete die katholische Kirche ungehindert ihr Dogma, Kondome seien ein Werkzeug des Teufels. Das multiplizierte die ohnehin schon hohe Todesrate um ein Vielfaches. Aids überrollte binnen weniger Jahre wie eine hochansteckende Seuche ganz Afrika, wütete ohne Gnade und verwandelte den gesamten Kontinent in eine leblose Landschaft.
Europa blieb indes von der kompletten Ausmerzung verschont. Der Fallout erreichte die Britischen Inseln und stoppte vor dem Festland. Dort kam es kaum zu Kriegen zwischen Nationen, denn die Menschen waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Fahnen niederzureißen und für Chaos zu sorgen. Wer nicht in den blutigen Waffengefechten starb, verhungerte oder erlag einer der Krankheiten, die von der genmanipulierten Nahrung ausgelöst wurden. In Deutschland, das als Vorreiter in der Gentechnik bereits lange vor der Krise auf veränderten Mais gesetzt hatte, sank die Population sehr bald auf den Stand von vor über tausend Jahren.
Erst als es keine Kampfeswilligen und keine Munition mehr gab, besann man sich wieder darauf, dass es eigentlich gar keinen Grund mehr gab, Kriege auszufechten. Die Welt stand ohnehin am Abgrund.
Als die Menschen gerade wieder anfingen, daran zu glauben, es könnte – auch wenn noch lange keine Lösung in Sicht war – irgendwie und irgendwann wieder bergauf gehen, kamen die rätselhaften Flugroboter und erstickten mit ihren Laserwaffen jede Hoffnung im Keim. Nach dem Zusammenbruch hatte sich keine Kraft herauskristallisiert, die nach der Macht strebte. Die Anarchie bestand weiterhin, wurde jedoch von den Flugmaschinen mit Argusaugen beobachtet und kontrolliert. Eine groteske Situation. Wenn jemand nicht den unausgesprochenen Gesetzen folgte, wurde er einfach geholt und verschwand für immer. Welche Motivation hinter dem Einsatz dieser Maschinen (oder waren es uns weit überlegene Lebewesen?) steckte, konnte bis heute nicht geklärt werden.
Nur eines ist sicher: Ohne die Chance, Menschlichkeit zu zeigen, sind wir nicht mehr als leere Hüllen. Und ohne die Chance, sich fortzupflanzen und Nachwuchs zu gebären, wird der Mensch spätestens bis zum Ende dieses Jahrhunderts ausgestorben sein.

Schließlich blätterte ich auf die leeren Seiten. Zwei Kapitel standen bereits schwarz auf weiß geschrieben, der Großteil der Arbeit war getan. Für einen klassischen Dreiakter fehlte nur mehr der letzte Abschnitt: der erlösende Untergang des Einzelnen als Sinnbild für den Fall einer ganzen Spezies. Ich schaute auf die Anzeige meiner Armbanduhr und nahm den Füller ein letztes Mal in die Hand.

*

13:72 Uhr –Zustand: verwirrt – von Halluzinationen geplagt – Stimmung: egal …

Das Lesen meiner eigenen Aufzeichnungen fällt mir immer schwerer. Das Schreiben – ich habe Hunger – erst recht. Nicht aufgeben, ich muss es zu Ende führen. Immer wieder radiere ich mir sinnlos erscheinende Wortfetzen weg. Die Sonne scheint. Es ist schon komisch. In meiner Jugend – der Regen prasselt an die Scheibe – wollte ich immer ein Schriftsteller werden, doch fehlten mir dazu die Geduld und das Können. Während meiner Jahre im … Himmel … gab es nur eine Sache im Übermaß: Zeit. Die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, lernte ich wie andere ihr Handwerk. Ich studierte Tausende Bücher – was sind das für Schatten, die um mich herumschleichen? –, beschrieb unzählige Papierfetzen und Seitenbänder. Aber was sollte ich groß erzählen, als Gefangener in einer isolierten Anstalt, der jeden Tag das Gleiche erlebte – Herr Doktor, muss ich mich wirklich ausziehen?
Das erste Kapitel meines Weltuntergangskompendiums – kommt herein, meine Täubchen – konnte ich erst schreiben, als ich mich wieder einen freien Mann wähnte. Frei? Nun ja, die Zelle ist immerhin größer geworden.
Doch ein Schriftsteller – wer bist du? Hilf mir! – bin ich nicht geworden. Meine Zeilen sind vielmehr das Verdächtnis eines Chronisten, der – ja Mutti, ich komme! – feinsäuberlich den Niedergang der Menschheit aufgeschrieben hat, ohne selbst den letzten Vorklang nach Ende des letzten Aktes herabsinken zu sehen. Ein innerer Monolog soll mein Leben beschließen. Das letzte Kapitän meiner Erzählung.
Wer würde mir nicht einen solchen Abgang gönnen? Peter. Ich habe sie geliebt. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Diese Halluzisinationen. Ich vernehme Klopfgeräusche und sehe Stimmen. Sie sagen: ‚Ich bin es, Anna-Maria. Mach die Tür auf, ich bin’s!‘
Ein alter Taschenspielertrick des Gehirns, auf den ich nicht hineinfällt. Mein Kopf wird Spelunke um Sekunde schwerer, ich kann den Stift kaum mehr ha…

Schrieb er, und sein Kopf sank auf die letzte, vollständig beschriebene Seite seines Buches nieder.

C. Dupien

C. Dupien

Der Sportjunkie Constantin Dupien wird 1987 in Leipzig geboren. Sein schriftstellerisches Repertoire reicht von Poe-inspirierten Schauergeschichten und Detektivrätseln über romantische Lovestories oder Horror-Western bis hin zu trashiger Science-Fiction sowie humoresken Texten.
Eine Sammlung seiner besten Geschichten erscheint 2013 unter dem Titel In Blut und Liebe im Amrûn Verlag.

Seit 2013 betreut Constantin Dupien als Herausgeber und Autor die Mängelexemplare-Reihe. Darüber hinaus ist er in verschiedenen Anthologien vertreten. Aktuell arbeitet er an seinem ersten Roman.

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