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Das blaue Kleid

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Bild: Lario Tus

Seit langem schon wollten wir das verfallene Haus in der Mühlgasse aufsuchen, und obwohl uns der Mut der Gruppe schon an manche unheimliche Orte gelenkt hatte, fehlte uns dazu bisher die Unerschrockenheit. Von der Straße aus konnten wir es im Herbst oder Winter durch die laubfreien Äste betrachten, immer aber schien es uns kein richtiges Haus zu sein, sondern eine Karkasse, an der noch Fleisch und Hautreste hingen.

„Ich habe noch nie jemand diesen Pfad entlang gehen sehen“, sagte Burk. Das fand niemand besonders nützlich, weil es hier viele Orte gab, an denen sich keiner je aufhielt. „Hätte man das Haus nicht abreißen müssen, nachdem Almie darin umkam?“

Zunächst standen wir in Reih und Glied am Straßenrand und spähten durch das wild wuchernde Geäst, der Gedanke an Almie ließ uns jedoch zum ersten Male schaudern.

„Almie ist abgehauen,“ sagte Steff und gab damit die akkurate öffentliche Meinung wieder.

„Aber sie war im Haus,“ bohrte Burk weiter.

Almie sollte angeblich öfter mit Bobby dort gewesen sein. Und Bobby war auch derjenige, der sie zuletzt lebend gesehen hatte, nur nützte er uns als Informationsquelle nicht mehr viel, weil er nach Almies mysteriösem Verschwinden das Haus nicht mehr verlassen durfte, man sah ihn auch nicht mehr in der Schule. Ein paar Wochen lang ging die Polizei bei der Familie ein und aus, und irgendwann war auch Bobby verschwunden. Man munkelte, seine Eltern haben ihn in ein Internat gesteckt. So mancher von uns mochte sich vorgenommen haben, der Sache auf den Grund zu gehen, sobald er erwachsen war, aber die Wahrheit ist, dass keiner je wieder einen Gedanken an Almie oder Bobby verschwendete. Aber die Träume blieben. Wolf hatte mir erzählt, dass er sie hier und da gesehen zu haben glaubte, sie war mit ihrem fransigen Topfschnitt ja auch leicht zu erkennen, aber das war natürlich unmöglich.

„Was hat sie gemacht, als du sie gesehen hast?“ fragte ich ihn.

„Ich habe gar nichts gemacht,“ sagte er. „Ich bin einfach weggegangen.“

Wohin wir unsere Schritte auch lenkten, uns ließ die Ahnung nicht los, beobachtet zu werden, aber es hatte nie einen direkten Auslöser hierfür gegeben. Wir waren uns lediglich darin einig, dass es mit der Geschichte dieser Siedlung zu tun haben musste, die man Schwarzenhammer nannte. Und wir hatten recht, nur wussten wir es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Heute bin ich der einzige, der davon Zeugnis ablegen kann, denn all meine Gefährten sind entweder tot oder verschollen, und ich selbst habe gelernt, mich zu verstecken. Wie lange mir das noch gelingen wird, weiß ich nicht. Ich werde unachtsamer, je älter ich werde. Was ist ein Menschenleben im Angesicht der Ewigkeit? Nur der Hauch einer schattenhaften Bewegung. Ja, ich denke an dieses Haus zurück, und wie wir es schließlich wagten, in sein ausgestülptes Inneres vorzudringen. Doch war dies keineswegs der Anfang. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass ich weder meiner Erinnerung noch den Erzählungen anderer trauen durfte. Und doch fügte sich alles zu einem schrecklichen Geheimnis. Ich höre die Vergangenheit singen, ich höre die verlorenen Gefährten flüstern, und das nicht einmal nur im Traum. Es scheint, als wäre wahr geworden, was wir damals nur voller Furcht weitertrugen, verwundert darüber, dass man uns nicht glaubte, wenn wir versuchten, andere einzuweihen, um Erleichterung zu erfahren, ein Wort des Trostes zu empfangen – oder die Korrektur unserer Wahrnehmung.

Oft schwankte der Nebel über die torfige Erde und hinderte so die Sonne daran, ihre leuchtenden Arme auszustrecken. An so einem frühen Morgen konnten wir das geisterhafte Geckern der Stimmen gar nicht existenter Kinder hören. Es drang von der groben Steinbrücke und brach sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße, kehrte lallend zu uns zurück. Und wir nahmen es unabhängig voneinander wahr, denn zu dieser Zeit grübelte noch jeder für sich allein zuhause. Der Libocky gurgelte in seinem dunklen Flussbett, und im Nebel schwankten Gliedmaßen. Auf der Wiese standen Schatten. Es waren die Schafe, die schüchtern vor der hölzernen Wand Gras rupften, hinter der sie ihr Nachtlager wussten. Die Geisterstunde nahmen sie ohne Nervosität hin, aber das Morgengrauen … Denn auch sie witterten etwas. Wollköpfe schnellten in die Höhe, ihre schwarzen Münder blökten. Die Kinderschar lachte und löste sich auf, nicht mehr als eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke war wieder leer. Als der Nebel sich verzogen hatte, stand das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und lauernd an seinem Platz. Für die anderen ist es heute ohne Bedeutung, ich aber glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten. Vielleicht war einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, an den Anfang zu setzen, denn einmal mussten wir einen Abdruck hinterlassen haben, der sich zu einem Spuk manifestierte. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir den seltsamen Ort betreten wollten. Bevor ich mich dazu aufraffen konnte, mich zu den anderen zu gesellen, stand ich in der Kälte des Kellers, über dem ich mein Zimmer hatte. Hier unten war der Fluss kaum hörbar, das Sonnenlicht verstarb an der Mauer und drang höchstens in den Verputz, gesellte sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Mastdarm übergehen. Ich vertrug die Hitze des Sommers nicht, aber mich zog noch etwas anderes hierher. In diesem Keller waren vom Leben nur Spuren aufzufinden, in den Ecken aufgehäuft, in Kartons verpackt, die nach Moder rochen, so lange standen sie schon hier. Dies war damals meine unterbewusste Heimat, ein Traum von Vergänglichkeit und Wahnsinn, ein Traum, den Tote träumen. Die verstaute Kindheit meiner Mutter, der kindliche Schweiß meines Onkels, eine fortgeräumte Vergangenheit. Die aufgestaute Hitze lungerte wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum. Ich weiß nicht, was in mir vorging, als ich dort stand und stundenlang die Wand anstarrte.

Neues Leben entsteht im Schleim der Verwesung, in der Dunkelheit und den Niederungen stinkender Höhlen. Der Schattentraum legte sich über das Dorf, über jedes Haus. Er ließ sich nur von jenen erkennen, die träumten, ohne die Augen zu schließen. Vielleicht war er unser verderben, mich aber führte er zu der Erkenntnis, still zu bleiben, nichts Spektakuläres zu unternehmen, um damit die Sinnlosigkeit, die wie das Licht in den Kosmos hinein schreit, aufzuhalten. Diese Sinnlosigkeit, die angefüllt ist mit grotesken Verzerrungen und Bildern, die bei Tageslicht wohlmeinend gedeutet werden, die aber bei Nacht betrachtet ihre grausame Wahrheit offenbaren. Wir Menschen sind der Staub, der durch die Gezeiten rast und nicht versteht, dass alles Sein nur das Spiel eines einfältigen Gottes ist, der darauf hofft, von irgendwo möge ein Wesen kommen, um ihn endlich aus seiner Qual zu erlösen.

Wir trafen uns vor dem alten Jagdschloss. Trübe blickte es auf uns hinab und ließ uns gewähren.

„Was glaubst du ist mit ihr los?“, fragte Wolf. Ich bemerkte, dass er es mit einem Beben in der Stimme tat. „Sie sieht so alt aus.“ Sein Blick löste sich nicht eine Sekunde von der schwarz gekleideten Gestalt, die mit kräftigen, wenn auch krummen Beinen, die in Gummistiefel steckten, ausholte und bei jedem Schritt den schmucklosen Rock auf eine sehr seltsame Weise nach vorne und gleichzeitig zur Seite boxte. Sie schob eine Schubkarre unnachgiebig über den üppig grünen Anger, kurvte an Maulwurfhügeln vorbei und hielt nicht eine Sekunde inne. Überhaupt nahm sie von nichts Notiz, was um sie herum geschah. Trotzdem dachten alle, die ihr zumindest aus der Ferne begegneten, dass sie genau wusste, was in diesem Dorf vor sich ging, einfach deshalb, weil sie kein Mensch zu sein schien.

„Sie ist alt“, sagte ich. „Sie ist mindestens genauso alt wie jedes einzelne Haus hier, das Schloss inbegriffen.“

Esrabella Gräf war aus der Zeit gefallen und für immer in ihren Erinnerungen gefangen, die sich nicht mit ihren täglichen Beobachtungen in Einklang bringen ließen. Fast möchte ich auflachen, weil es mir heute nicht anders ergeht. Ihre Welt floss nicht dahin wie ein ruhiger, steter, manchmal durch Schnellen unterbrochener Strom, ihre Welt war eingraviert in einen jener Steine, die sie unten im Granitwerk herstellten, um sie auf der ganzen Welt auf Gräber zu stellen. Tag und Nacht kreischten die Steinsägen, Tag und Nacht kreischte die ablaufende Zeit.

„Hast du sie je etwas sagen hören?“ Wolf war an diesem Tag sehr daran gelegen, das Schreckgespenst, das er sich ausgemalt hatte, dadurch zu bannen, möglichst viel darüber in Erfahrung zu bringen. Dabei wusste vielleicht niemand etwas, oder besser ausgedrückt, nicht viel, da Esrabella außer mit ihren Hühnern ja tatsächlich mit niemandem sprach, so weit das zu beurteilen stand.

„Nein, nie. Sie geht auch nicht einkaufen.“

Esrabella verschwand aus unserem Blickfeld. Sie war mit ihrem Karren, übervoll mit nassem Gras, in der Senke auf der anderen Seite verschwunden. Augenblicklich fiel der Bann von Wolf und mir ab. Wir waren wieder imstande uns zu bewegen, kehrten aus einer jenseitigen Welt zurück, die uns in Hypnose versetzt hatte.

„Was isst sie denn dann?“

„Eier. Sie isst die Eier ihrer Hühner.“

„Sonst nichts?“

Im Schlosshof waren Burk und Steff bereits damit zugange, Batterien in ein Radiogerät zu schieben, um es startklar für die Schlager der Woche zu machen, die wie jeden Freitag aus dem obersten Eckfenster lärmen sollten. Das Zimmer hatte einst zu Adulf und Johannas Wohnung gehört. Nachdem meine Urgroßeltern gestorben waren, stand der ganze Schlossflügel bis auf den EDEKA-Laden im Erdgeschoss leer und war auch nicht verschlossen. Tagsüber werkten Handwerker dort herum. Steff stellte fest, dass er die Batterien, von denen sie sowieso zu wenige hatten, gar nicht benötigte, weil überall Kabeltrommeln herumstanden, die er anzapfen konnte.

„Sie würde gern von uns ein Stück ab haben“, sagte ich und Wolf verzog angewidert das Gesicht.

Steff deutete nach oben, als Burk bereits die Fensterflügel öffnete. „Platz 1: Mull of Kintyre“, rief er hinauf.

„Nie!“, behauptete Wolf, aber tatsächlich war es in den letzten zehn Wochen so gewesen.

„Paul McCartney ist hier und er ist die Nummer 1!“, beteuerte Steff. Von der Höhe schwebten die letzten Reste der Neunzehnuhr-Nachrichten bereits über unsere Köpfe hinweg. Wolf sah sich noch einmal unruhig nach der Hügelkuppe zwischen Kirch- und Schulweg um, darauf gefasst, die Witwe Gräf zu erblicken, wie sie mit einem Knochen in der Hand ihren Hänsel lockte, aber seine Furcht blieb vergeblich. Stattdessen schwankte ein Drahtesel vom Schulweg herunter, die auf die Schlossstrasse mündete. Rost stob in kleinen Wölkchen um die Pedalen, die von braunen Stiefeln in der Absicht getreten wurden, das Gleichgewicht zu halten. Zu den Stiefeln gehörte eine dünne Gestalt mit lohenden, viel zu groß geratenen Kleidungsstücken, die den nach oben gewölbten Lenker hin und her wackeln ließ, als hätte sie einen monumentalen Schüttelfrost. Im letzten Augenblick sprang das Fahrrad nach links und schrammte an der Schlossmauer entlang anstatt frontal in sie hineinzurasen. Der Lenker nahm etwas von dem gelben Putz mit sich, wanderte dann samt Ross und Reiter wieder Straßenmitte zur Straßenmitte. Während Wolf und Adam große Augen machten, nahm Steff seine berüchtigte Trompetenstimme auf, legte seine Hände wie eine Röhre vor seine Lippen, und plärrte die Melodie seines momentanen Lieblingsliedes heraus, indem er einen Dudelsack imitierte. Unbeeindruckt schlängelte sich das Faktotum mit der Pudelmütze auf dem Kopf die Straße zu Lydias Laden hinunter, um dort leere Flaschen gegen volle zu tauschen.

Amada mia, amore mio von El Pasador schwülte aus dem Radio, der Platz 10 in dieser Woche.

„Irgendwann wird’s ihn erwischen“, sagte Wolf. Steff grinste und sagte, dass Peter Krüger schon längst einer der Erwischten sei. „Denn entweder ist er einer der übriggebliebenen Holzfäller oder er ist einer der Werwölfe.“

„Dass Werwölfe Bier saufen, habe ich noch nicht gehört!“ sagte Wolf.

„Er ist ein Oberfränkischer Werwolf, was sollte er denn sonst saufen?“ sagte ich und blickte dem schlingernden Fahrrad hinterher. Peter Krüger lebte oben am Waldrand in einer von Esrabellas Hütten und erledigte hin und wieder Botengänge für sie, und obwohl man die beiden nie zusammen sah, war uns allen klar, dass sie unter einer Decke steckten. Nur über die Beschaffenheit der Decke wussten wir nichts.

Es muss ein außergewöhnlicher Augenblick gewesen sein, der uns alle dazu veranlasste, zuzustimmen, hinter Steff her zu tanzen und er wie der Rattenfänger von Hameln vorneweg stiefelte, noch immer trompetend. Natürlich war Paul McCartney auf Platz 1 gewesen, und weil wir uns alle schon daran gewöhnt hatten, vergaßen wir unsere natürliche Blockade in Bezug auf unsere Vorsicht.

Der weiche Boden hatte das Haus absinken lassen und von den Scherben, die hier überall herum lagen, ging eine Stille aus, die es schneller als vermutet verstand, uns zu ängstigen und auf den Boden der Tatsachen ankommen zu lassen.

„Okay, hier sind wir“, sagte Steff.

Als erstes fanden wir die zerschmetterte Puppe auf dem Boden liegen. Heute denke ich, dass sich meine Erinnerung daran kaum von der Art meiner Träume unterscheidet. Aber ich sagte ja bereits, dass ich mir nicht trauen kann. Ein seltsamer Geruch lag über dem Grundstück. Obwohl das Gebäude nicht weit von jener Straße entfernt lag, die sich auf der einen Seite zur Wendenschuch-Mühle bewegte, und in die andere Richtung tiefer in den Forst hineinführte, erschien es uns, als hätten wir die Zeit gewechselt. So muss es ausgesehen haben, als die Holzfäller noch hier gehaust hatten, um der waldreichen Dunkelheit einen Flecken Licht abzugewinnen, bevor sie in einer einzigen Nacht einem Blutrausch zum Opfer fielen, über den ich erst sehr viel später etwas in Erfahrung bringen sollte. Die Scherben fingen das Licht und wir schlugen uns einen Weg durch Brennesseln, Disteln und Dornen; betraten das verfallene Haus durch die offen aus dem Mörtel klaffende Tür. Die Puppe lag einsam im Dreck in der Diele, ein Symbol unserer rätselhaft erscheinenden Welt. Steff starrte sie sehr lange an und ich musste ihn leicht am Arm berühren, damit er von ihr abließ. Gefahr stand in der Luft und dünstete aus den Mauern um uns herum.

Als wir durch die beklemmende Diele zur Küche kamen, sahen wir die vom Tisch fortgerückten Stühle. Die Küchenschränke standen auf, genauso wie alle Schubladen, in denen sich allerdings nichts außer Staub befand.

In einer plötzlichen Vision sah ich, wie seltsame kleine, behaarte Wesen, die zudem noch durchscheinend waren, aus den Betten sprangen, wenn jemand durch die Türe kam, wie sie sich in den Schränken versteckten, sich zu den Motten legten, von denen sie sich ernähren. Ich vermeinte zu hören, wie sich die verrosteten Bettfedern in einem Nebenzimmer aufrichteten, und vom oberen Stock drang das schnelle Knarzen der Angeln zu uns herunter. Ich hatte nie gefragt, was die anderen gehört hatten, so viel ich wusste, hatten sie später nur unwillig zugegeben, überhaupt da gewesen zu sein, und wenn sie es mir doch erzählt haben sollten, weiß ich nichts mehr davon.

Es war nur natürlich, dass sich hier Staub sammelte und wie Gespensternebel in den Ecken kreiselte. Durch die offenen, teilweise eingeschlagenen Fenster schwirrten Pollen herein, die im Licht der Dämmerung schwebten. Die Natur sah nach, ob sie sich ein Stück Zivilisation zurückerobern konnte. Gräser wuchsen aus den Fugen, Unkraut fingerte zwischen den Dielen hervor und die Lebendigkeit des ganzen Hauses übermannte unsere Sinne. Wir sprachen nicht, bis Steff bemerkte: „Sie hat sich bewegt!“ Er deutete auf die verrenkt daliegende Kewpie-Puppe.

In Wirklichkeit lag sie schon die ganze Zeit so seltsam da. Ich wusste, dass er eigentlich etwas anderes meinte. Denn auch ihm musste aufgefallen sein, dass wir zwar aufgrund unserer Angst eine erhöhte Aufmerksamkeit besaßen, dass aber dennoch etwas ganz und gar nicht stimmte. Es war wie ein Summen, bevor es das Gehör erreicht, ein Schall, der nur in seiner Intention besteht, aber noch nicht zu einer Ursache geworden ist. Das Fürchterliche fanden wir im angrenzenden Zimmer. Dort hing ein halb verfaultes blaues Kleid auf einem Bügel an der Tür eines leeren Schrankes. Es war das einzige Kleidungsstück weit und breit. Der Schrank klaffte wie alles andere weit auf. Im Innern war er mit einer Tapete verziert, auf der in wiederkehrender Reihenfolge verblassende Ameisen zu erkennen waren, die Maden davontrugen. Tote Fliegen und Falter lagen überall auf dem Rücken, manche waren unter einer dicken Staubschicht begraben, aber andere schienen erst neu hinzugekommen zu sein. Zunächst dachte ich, alle seien schwarz, was bei Stubenfliegen nichts außergewöhnliches darstellte, bis ich bemerkte, dass sie sich dunkelblau verfärbt hatten, Falter und Motten inbegriffen.

Für einen kurzen Augenblick hielten alle den Atem an, weil Steff das Kleid mit seinen Fingern berühren wollte. Dabei war es doch offensichtlich, dass diesem lackmusblauen Kleid das Haus gehörte. Wir alle konnten uns vorstellen, dass sich dieses Kleid, vermutlich zur Geisterstunde, mit Leben füllte. Steff zog die Hand damals rechtzeitig zurück, ohne dass jemand ihn dazu aufforderte. Vielleicht hatte auch er die unnatürliche Färbung der Insekten bemerkt.

Dachten wir alle wirklich dasselbe? Dass der Witwe Gräf das Kleid gehörte? Es war unwahrscheinlich, aber das Gefühl, das wir hatten, wenn wir ihr im Dorf begegneten, kam dem nahe, was wir in diesem Moment empfanden. Ein einziger Organismus, verloren in einer surrealen Welt, weil wir keine Eckpfeiler der Vernunft zur Verfügung hatten, mit denen wir unsere Vorstellung von Raum hätten abstützen können.

„Wir sollten lieber von hier verschwinden“, sagte Wolf. Er durchschnitt mit diesem Satz diese merkwürdige Stille, die nur aus Bildern des Verfalls bestand, die uns daran hinderte, unsere Worte zu verstehen, denn wir hörten, was der andere sagte, konnten es jedoch nicht begreifen. Und dann war ich plötzlich alleine. Ich hatte mich zu einer Wand gedreht, die meine Aufmerksamkeit erregte, weil sie pulsierte wie ein gut durchblutetes Organ. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mich aufzulösen, aber in Wirklichkeit löste sich alles andere vor mir auf. In dieser Wand erkannte ich zwei Menschen auf ein Haus zu rennen, dann wurde ich auf die Wand zu und durch sie hindurch gestoßen, war der Fliehende geworden, von dem ich nie erfahren sollte, wer er war. Ich floh in dieses Haus mit dir,  aber … wer bist du? Ich nehme deine Hand, aber … wer bin ich?

Jetzt hämmern sie gegen die Tür. Sie wissen uns in diesem Augenblick erschrocken auf dem Bett kauern, auch wenn sie uns nicht sehen können. Dein Atem geht hektisch, überaus hörbar, deine Hände gleiten von meinem Körper ab. Wie haben sie uns gefunden? Vielleicht sind sie uns gefolgt.

Dort, wo die Wand in sich zusammengefallen ist – wann mag das gewesen sein? –, klafft eine Wunde. Das Gestein liegt unter Tapetenfetzen, Holz und Staub begraben, und wir können über das Schilf des kleinen Weihers hinweg sehen. Aber das Loch bliebt, unentdeckt von den Wesen, die an die Tür hämmern.

Wir sehen das Blut Schlieren ziehen, ein wässriges Rot sammelt sich vor dem Tisch. Natürlich war hier jemand ermordet worden. Und noch immer hämmern sie gegen die Tür. Du schlotterst so sehr, sagst: „Mach, dass es aufhört!“ Aber ich kann nicht. Ich bin nicht befugt, etwas zu ändern. Schließlich habe ich sie gerufen.

Carl Nymphenbad
Über Carl Nymphenbad (3 Artikel)
Carl Nymphenbad stammt aus der Nähe von Bayreuth und fühlte sich zeitlebens einer philosophischen Phantastik zugehörig. Auch er hält - wie Borges - die kurze Erzählung für den Höhepunkt der literarischen Gattungen und die "unheimliche, phantastische oder groteske Erzählung" für das Hauptbetätigungsfeld anständiger Schriftsteller. Seine Stories gehören hauptsächlich zum "Schwarzenhammer-Zyklus", und wenn sie das einmal nicht tun, bleiben sie im Ton diesem doch verwandt. Dabei geht es ihm vor allem um einen "Perspektivwechsel". Seine Erzählungen folgen keinem klassischen Muster, so dass im Leser blinde Flecken entstehen, die er selbst mit seinen Ahnungen füllen darf.

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5 Kommentare auf "Das blaue Kleid"

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Albera Anders
Webmaster

Es gibt viele verdammt gute Erzählungen, die die Phantastik zum Gegenstand haben aber diese hier ist für mich ein Beispiel der angewandten Phantastik. Und ich weiß auch, warum: weil mir der Grashalm flirrt beim Lesen … Selbst der.

Erik R. Andara
Redakteur

Eine Lackmusblaue Erzählung über Dinge, die in den Steinen und den zuckenden Füßchen toter Fliegen geschrieben steht; Ich mag an der Geschichte, dass ich nicht weiß, aber erahnen kann, wann es passiert ist oder was vielleicht noch passieren wird; ich mag daran den Reiz der versteckten Monströsitäten, von denen man nur noch die Spuren im Staub sehen kann;

Michael Perkampus
Webmaster

Ihr seid zu gütig 🙂

Albera Anders
Webmaster

Nö. Wir sind frontal.

Tobias Reckermann
Webmaster

Dieses Kleid geht auf wie eine arge Blüte.
Deine Tür steht hier weit offen und lässt dieses seltsame Haus atmen.
Die Stille ist so tief, dass ich mich selbst darin spiegeln kann.
Natürlich ist das Horror, Michael.
Chapeau

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