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Das Besondere an Spiderman

Für einen Außenseiter macht sich Spiderman nach über vierzig Jahren auch heute noch recht gut. Man versucht immer mal wieder, ihn zu verfilmen und er hat es irgendwie geschafft, nach wie vor bei den Kids anzukommen und für seine altgedienten Fans authentisch zu bleiben. Spidermans andauernder Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, die Wände hoch zu krabbeln, seinen übermenschlichen Kräften, oder gar seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spiderman, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule, und mit Mädchen klappte es auch nicht immer. Comicleser – oder „die wahren Gläubigen“, wie Spiderman-Miterfinder Stan Lee sie gerne nennt – folgten dem Netzschwinger so lange wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

„Er ist ein völlig gewöhnlicher Typ,“ sagte einst der Produktionsdirektor und Comic-Kenner Ken Feliu. „Batman hat seine geheime Identität, aber Bruce Wayne ist ein Milliardär. Superman hat sein Alter Ego Clark Kent, aber er ist immer noch Superman. Und Spiderman lebt bei seiner nörgelnden Tante, er muss zur Schule gehen, er muss mit seinem Leben klar kommen, er muss seinen Job behalten. Er wirkt wie ein völlig normaler Mensch. Hier ist also ein Typ, der sich, während er durch die Straßenschluchten schwingt, um Dr. Octopus zu bekämpfen, fragt, wie er morgen seine Rechnungen bezahlen soll.“

Bevor Spderman 1962 debütierte, waren die beiden populärsten Comichelden Batman und Superman. Diese beiden – und viele andere in ihrem Dunstkreis – wurden als gottgleich gezeichnet – sie schienen omnipräsent zu sein und hatten die körperlichen Eigenschaften eines Adonis. Da gab es eine ganz klare Linie zwischen den Helden und den Leuten, die sie beschützten. Lee und Spiderman-Mitgestalter Steve Ditko verwischten diese Linie, als ihr Wandkrabbler in Marvel Comics‘ Amazing Fantasy Nr. 15 seinen ersten Auftritt hatte.

Lee, der im Jahre 1961 mit der Einführung der Fantastischen Vier einen Erfolg verbuchte, wollte einen unvergleichlichen Helden erschaffen, der nicht in die Superman/Batman-Ecke des Comic-Universums passte, der aber in der jungen Amazing-Fantasy-Serie funktionieren könnte. Trotzdem war sein Verleger Martin Goodman sehr skeptisch.

„Martin sagte mir drei Dinge, die ich niemals vergessen sollte“, sagt Lee. „Er sagte, die Leute hassen Spinnen, man kann einen Helden also nicht „Spiderman“ nennen. Und als ich ihm sagte, dass der Held am Anfang ein Jugendlicher sein sollte, sagte Martin, dass ein Jugendlicher unmöglich ein Held sein könne, höchstens ein Gefährte. Und als ich ihm dann noch sagte, dass ich ihn nicht gerade erfolgreich bei den Mädchen sein lassen wollte, nicht gutaussehend, sondern eher an einen pickligen Schüler dachte, fragte mich Martin, ob ich überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ein Held überhaupt sei?“

Stan Lee und sein Spiderman

Den Lesern wird Peter Parker vorgestellt als ein schüchterner, hochintelligenter Außenseiter, der bei seiner Tante May und seinen Onkel Ben lebt. Er ist das Opfer vieler Späße, die sich die angesagten Jungs mit ihm machen, und ein Objekt der Verachtung unter den Mädchen. Peter, ein einsames Waisenkind, hat nur zwei Freunde: seine Tante und seinen Onkel.

Sein Leben ändert sich, als er auf einer Schulfahrt in ein Labor von einer radioaktiven Spinne gebissen wird. Plötzlich verfügt er über außergewöhnliche körperliche Kräfte und über die Sinne einer Spinne. Heimlich führt er zunächst eine Nebenbeschäftigung als „The Spider-Man“ aus, bei der er nach der Schule in zirkusähnlichen Shows auftritt.

Bei einem dieser Shows weigert sich „The Spider-Man“, einen Räuber aufzuhalten, der vor einem Polizisten flieht. Dieser Dieb wird später Peters Onkel Ben bei einem Einbruch töten und so den gequälten Teenager dazu bringen, sein Leben und seine Kraft dem Kampf für Gerechtigkeit zu widmen. Spiderman hat die Lektion gelernt, die ihm sein Onkel kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: Aus großer Macht folgt große Verantwortung.

Von Anfang an bekamen die Leser Spidermans Menschlichkeit und Schwächen vorgeführt. Selbst mit seinen Fähigkeiten konnte er seine Lieben nicht vor Schaden schützen und war den täglichen Härten des Lebens ausgeliefert. Das sind die zwei grundlegenden Themen, die in den Comics wieder und wieder auftauchen. Damit konnten sich die Leser identifizieren.

„Batman und Superman haben sich bewusst dazu entschlossen, ihre Kräfte für das Gute einzusetzen“, sagt Thomas Inge, Professor für Englische Literatur und Geisteswissenschaften des Randolph-Macon College in Virginia. „Superman kam mit dieser Gabe auf die Welt und Batman widmete sein Leben der Rache, weil seine Eltern ermordet wurden. Peter Parker aber wurde zufällig zum Superhelden. Er ist 16 Jahre alt, unbeliebt in der High School, er hat Akne, er hat einen Haufen Probleme. Gewissermaßen hat er keine andere Wahl, weil seine Kräfte eine Gabe sind, die ihm auferlegt wurde. Wir könnten alle Peter Parker sein.“ Inge fügt hinzu: „Es gehört zu unseren typischen Fantasien, uns selbst zu entkommen. Manchmal wollen wir einfach jemand anders sein.“

Nach Spiderman eroberten immer mehr Helden, die sich mit alltäglichen Problemen herumzuschlagen hatten, die Comics. Während „Die Unsichtbare“ der Fantastischen Vier sich über Dr. Doom (und wie die Welt zu retten ist) Gedanken macht, plagt sich ihre Susan-Richards-Seite damit, vielleicht für ihren Ehemann Reed Richards (Mr. Fantastic), dem Workaholic der Gruppe, wirklich unsichtbar zu sein.

Iron Mans Alter Ego, Tony Stark, kämpfte in den 70ern mit seiner Alkoholsucht. Bruce Banner war nicht ausschließlich das Opfer einer Gammastrahlenexplosion, die sich immer dann wiederholt, wenn seine Feinde ihn verärgern und er sich in den Hulk verwandelt. In den Geschichten der 90er Jahre wurde aufgedeckt, dass er auch als Kind missbraucht wurde, was eine Menge Wut in ihm zum gären bringt.

„Marvel Comics ist die Brutstätte der Helden, die persönliche Probleme zu bewältigen haben“, sagt Inge. „Das wurde geradezu Marvels Markenzeichen – Die Fantastischen Vier, der Hulk … alle hatten sie ihr Päckchen zu tragen.“

Dadurch wurden sogar langjährige Charaktere menschlicher. In den DC-Comics kamen immer mehr Geschichten auf, in denen Clark Kent sich fragt, ob Lois Lane den sanften Reporter des Daily Planet oder seine geheime Identität liebt.

„Nach Spiderman hatte jeder die Formel verstanden, die Stan Lee ausgebrütet hatte, um die kostümierten Helden griffiger zu machen. Man muss die private Seite zeigen, um sie interessant zu machen“, sagt Joe Quesada, der Chefredakteur bei Marvel Comics. „Wenn die Helden stets nur den Sieg davontragen, ist das Thema nach einiger Zeit ausgelutscht.“

Spiderman hat gezeigt, dass Comicleser ihre Helden übermenschlich, aber mit ein paar Schwächen wollen. Leser nutzen die Helden für ihren Eskapismus, aber sie wünschen sich auch einen Schuss Realität. Und Spiderman spiegelt die jahrzehntelange Anziehungskraft fehlerbehafteter Helden wider. Samsons Haar war seine Stärke – und ein leichtes Ziel für Delilah. Achilles hatte seine Ferse.

„All unsere Helden haben eine schwache Stelle in ihrer Rüstung, und das macht sie liebenswert“, sagt Inge. Sie haben eine ambivalente Moral. Huck Finn war kein idealer Charakter, er machte einige fragwürdige Dinge, um das zu bekommen, was er wollte, und stand vor einem moralischen Dilemma bei Jim, dem Sklaven, bevor er das Richtige tat.“

Ein Großteil des Realismus bei Spiderman gründet sich auf seine Umgebung. Superman und Batman beschützen die fiktiven Städte Metropolis und Gotham. Peter Parker ist in New York zuhause, als Jugendlicher in Queens. Später zieht er nach Hell’s Kitchen, um dort als freischaffender Fotograf zu arbeiten.

Das ist auch der Grund, warum Spiderman der erste Charakter war, der auf den Terror des 11. September innerhalb einer Storyline reagierte. Diese Ausgabe, Amazing Spider-Man Nr. 36 war eine der meistverkauften Comics überhaupt.

Ground Zero

Es ist unklar, ob die Superhelden-Filme den Comics mehr Leser beschert haben, oder ob jüngere Leute dadurch wieder zu Comics greifen. Tatsächlich sind in den Comicläden weltweit hauptsächlich Geschäftsleute mit Aktentaschen, aufstrebende Künstler oder Schriftsteller zu sehen, und keine Kinder oder Jugendliche.

„In Zeiten der Videospiele und Computer glaube ich nicht daran“, sagt Inge. „Comics werden in der Regel auch nicht für Kinder geschrieben, sondern von Erwachsenen verfasst, die eine gute Geschichte erzählen wollen, ohne sich dabei von irgendwelchen Vorgaben stören zu lassen. Ich hoffe dennoch, dass sich die Leute bei Spiderman daran erinnern, dass es in erster Linie ein Comic ist. Weder bei den X-Men, noch bei Blade glaube ich, dass die Leute überhaupt von den Comics wussten.“